{"id":365784,"date":"2025-08-23T01:14:19","date_gmt":"2025-08-23T01:14:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/365784\/"},"modified":"2025-08-23T01:14:19","modified_gmt":"2025-08-23T01:14:19","slug":"leidenschaft-freiheit-kunst-camille-pissarro-im-museum-barberini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/365784\/","title":{"rendered":"Leidenschaft. Freiheit. Kunst: Camille Pissarro im Museum Barberini"},"content":{"rendered":"<p>Er war Kosmopolit. Ein Weltb\u00fcrger. Und nicht nur darin der j\u00fcdischen Tradition seines Elternhauses verhaftet. Camille Pissarros Denken, seine \u00dcberzeugungen, seine Weltsicht und vor allem seine Kunst waren gepr\u00e4gt von seinem Wunsch, Grenzen zu \u00fcberwinden und den Blick offenzuhalten. The Honest Eye, so hat das kooperierende Denver Art Museum (USA) seine Ausstellung betitelt. Das aufrichtige, das ehrliche Auge. Im Potsdamer Museum Barberini hei\u00dft diese umfassende Schau \u00fcber den Vater des Impressionismus Der offene Blick. Ein Blick auf Menschen und Landschaften ohne Vorurteile, voller Neugierde und Lust, die vorherrschende b\u00fcrgerliche Idylle in der Malerei zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Pissarro, geboren 1830 auf der Insel Saint Thomas im ehemaligen D\u00e4nisch-Westindien (1917 wurde sie von den USA gekauft), stammte aus einer j\u00fcdischen Kaufmannsfamilie. Die Familie seines Vaters waren Marranen aus Portugal. Franzosen, D\u00e4nen, Spanier und Engl\u00e4nder begleiteten Pissarro von klein auf. Beide Eltern waren j\u00fcdisch, doch der Sohn wurde in einer protestantischen Schule der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine erzogen. Weder Pissarro noch seine drei Br\u00fcder erhielten eine formelle j\u00fcdische Schulbildung, da die Ehe der Eltern wegen komplizierter Familienverh\u00e4ltnisse von der Synagoge in Saint Thomas zun\u00e4chst nicht anerkannt wurde.<\/p>\n<p>Sein Judentum hat Pissarro nicht praktiziert. Er sympathisierte viele Jahre mit anarchistischen Ideen<\/p>\n<p>Die enge Bindung zu seiner Familie, seine intellektuelle Unbestechlichkeit und tief empfundene Menschenfreundlichkeit wurde von Freunden und Kollegen immer wieder beschrieben. Sein Judentum hat Pissarro nicht praktiziert, er sympathisierte viele Jahre mit anarchistischen Ideen, behielt zeitlebens den d\u00e4nischen Pass und lebte ab dem Alter von 25 Jahren in Frankreich. Dort hat er nicht weniger als die Malerei revolutioniert.<\/p>\n<p>\u00dcber 100 Gem\u00e4lde im Museum Barberini zeigen, wie radikal modern Pissarro die Ver\u00e4nderungen seiner Zeit wahrgenommen hat: die Industrialisierung, den Siegeszug der Eisenbahn oder die Emanzipation der Frau. Der Fluss, die Seine, ist bei ihm keine romantische Idylle, sondern ein Ort der Arbeit, des Schiffsverkehrs, des Ein- und Ausladens von Waren. Pissarro hat das erste Bild \u00fcberhaupt mit einer Eisenbahn im Zentrum gemalt. Die kraftvollen Arme der W\u00e4scherinnen faszinierten ihn, die Anstrengungen der Bauern beim Heuwenden, die rauchenden Schlote \u00fcber der Stadt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfb\u00fcrgertum und Adel, in eigenen G\u00e4rten posierend und im Nichtstun dahinwandelnd, interessierten ihn hingegen \u00fcberhaupt nicht. \u00bbNirgends eine Augenweide\u00ab, bemerkte der franz\u00f6sische Schriftsteller \u00c9mile Zola, ein wohlwollender Kritiker und Bewunderer seiner Kunst, der 1866 einen Salon mit Pissarros kargem und melancholischem Gem\u00e4lde \u00bbDie Ufer der Marne im Winter\u00ab besuchte. Das Bild habe ihm eine halbe Stunde Erholung geschenkt. <\/p>\n<p>Keine Idylle, stattdessen fragt Zola: \u00bbWarum, zum Teufel, sind Sie aber auch so bemerkenswert ungeschickt, solide zu malen und die Natur unbefangen zu studieren? Eine n\u00fcchterne, ernsthafte Malerei, deren mit Strenge und Festigkeit angestrebtes letztes Anliegen Wahrheit und Genauigkeit ist.\u00ab<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Farben sollten sich nicht mehr auf der Palette, sondern im Auge des Betrachters mischen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Zola, der sp\u00e4ter w\u00e4hrend der Dreyfus-Aff\u00e4re Weltruhm erlangte mit seiner Schrift J\u02bcaccuse, hat Pissarros Stil als schlicht und unverf\u00e4lscht beschrieben: \u00bbDer gew\u00f6hnlichen Wirklichkeit hat das Temperament des Malers ein Gedicht voller Kraft und Leben abgewonnen, wie es selten gelingt.\u00ab<\/p>\n<p>Pissarro experimentierte immer wieder mit neuen Techniken. So hat er seine Sujets sp\u00e4ter in kleinen Tupfen auf die Leinwand aufgebracht. Die Farben sollten sich nicht mehr auf der Palette, sondern im Auge des Betrachters mischen und leuchten. Damit konnte er eine Harmonie der Gegens\u00e4tze schaffen.<\/p>\n<p>Die Potsdamer Ausstellung mit Leihgaben von 50 Museen und privaten Sammlern verbindet Pissarros fr\u00fche k\u00fcnstlerische Anf\u00e4nge in der Karibik und in S\u00fcdamerika mit seinen Landschaften, Familienportr\u00e4ts, Szenen des b\u00e4uerlichen Lebens und urbanen Motiven wie den H\u00e4fen der Normandie oder den belebten Stra\u00dfen von Paris.<\/p>\n<p>Ber\u00fchrend und ersch\u00fctternd wahrhaftig im Ausdruck sind die Portr\u00e4ts seiner Kinder<\/p>\n<p>Ber\u00fchrend und ersch\u00fctternd wahrhaftig im Ausdruck sind die Portr\u00e4ts seiner Kinder. Pissarro hatte gegen den Willen seiner Eltern Julie Vellay, eine katholische Winzertochter aus dem Burgund, geheiratet und war den gemeinsamen acht Kindern, von denen f\u00fcnf das Erwachsenenalter erreichten, ein hingebungsvoller Vater. Die Kraft und die konzentrierte Arbeitsfreude von Julie malte er mit pastosen, kr\u00e4ftigen Pinselstrichen, die Zartheit seiner Tochter Jeanne-Rachel mit gedeckten T\u00f6nen und transparenten Farben.<\/p>\n<p>Seine Frau war das R\u00fcckgrat der Familie, die zun\u00e4chst in einfachen Verh\u00e4ltnissen leben musste. Sie hielt H\u00fchner, Enten und gelegentlich eine Kuh, um die Lebenshaltungskosten zu beschr\u00e4nken. Und Julie besorgte 1892 bei Monet ein Darlehen f\u00fcr das Haus in \u00c9ragny-sur-Epte, das ihnen Heimat und Zufluchtsort wurde.<\/p>\n<p>Erst mit \u00fcber 60 Jahren ist es Pissarro gelungen, seine Kunst erfolgreich zu verkaufen. Als die Impressionisten die St\u00e4dte als Motiv aufgaben, ging Pissarro den entgegengesetzten Weg. Bis zu seinem Tod 1903 malte er fast 300 Stadtansichten, darunter 125 von Paris.<\/p>\n<p>Sein Verm\u00e4chtnis formulierte der 68-j\u00e4hrige Camille Pissarro in einem Brief an seinen Sohn Lucien mit drei Leitbegriffen: Leidenschaft, Freiheit, Kunst. Er blieb immer im Gespr\u00e4ch und im intellektuellen Austausch mit seinen Kindern. Lucien, Orovida, Georges Henri, F\u00e9lix und Jeanne Rachel sind sp\u00e4ter ebenfalls K\u00fcnstler geworden. Camille Pissarro starb 1903 in Paris im Kreise seiner gro\u00dfen Familie im Alter von 73 Jahren an einer Sepsis.<\/p>\n<p>Die Ausstellung im Museum Barberini dokumentiert die unerm\u00fcdliche Kraft eines leisen K\u00fcnstlers mit einem zutiefst humanistischen Menschenbild. In seinen Bildern finden wir den gro\u00dfen Menschheitstraum, die Utopie schlechthin: ein selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren in gemeinschaftlicher Arbeit und immer im Einklang mit der Natur.<\/p>\n<p>Bis 28. September im Museum Barberini in Potsdam<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Er war Kosmopolit. Ein Weltb\u00fcrger. Und nicht nur darin der j\u00fcdischen Tradition seines Elternhauses verhaftet. 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