{"id":366191,"date":"2025-08-23T05:02:48","date_gmt":"2025-08-23T05:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/366191\/"},"modified":"2025-08-23T05:02:48","modified_gmt":"2025-08-23T05:02:48","slug":"wieso-wir-auch-in-unserer-muttersprache-manchmal-ins-zweifeln-geraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/366191\/","title":{"rendered":"Wieso wir auch in unserer Muttersprache manchmal ins Zweifeln geraten"},"content":{"rendered":"<p> https:\/\/www.uni-leipzig.de\/newsdetail\/artikel\/wieso-wir-auch-in-unserer-muttersprache-manchmal-ins-zweifeln-geraten-2025-08-22 <\/p>\n<p>Hat die Kollegin die E-Mail abgesandt oder abgesendet? F\u00e4llt der Unterricht aus wegen dem oder wegen des Feiertages? Liegt der oder das Joghurt im Einkaufswagen? Wenn solche Unsicherheiten auftreten, sprechen Forscher:innen von sprachlichen Zweifelsf\u00e4llen. Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Renata Szczepaniak von der Universit\u00e4t Leipzig erkl\u00e4rt, wie es dazu kommt und wie Lehrende im Schulunterricht damit umgehen k\u00f6nnen. Vor Kurzem ist ihr Buch \u201eSprachliche Zweifelsf\u00e4lle: Definition, Betrachtungsdimensionen und Erforschung\u201c erschienen.<\/p>\n<p><strong>Frau Professorin Szczepaniak, Sie besch\u00e4ftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit sprachlichen Zweifelsf\u00e4llen. Was genau ist damit gemeint und k\u00f6nnen Sie Beispiele nennen?<\/strong><\/p>\n<p>Sprachliche Zweifelsf\u00e4lle sind in unserem Alltag pr\u00e4sent. Eigentlich liefert das Sprachsystem routinierte Verfahren in Form von Grammatik, die im Hintergrund ablaufen. Wer denkt schon dar\u00fcber nach, dass in Nimm heute lieber den Regenschirm mit! das Substantiv im Akkusativ keine Flexionsendung hat? Bei manchen Substantiven aber bietet das grammatische Wissen zwei Akkusativformen an, z.B. Spiel nicht den Held oder den Helden! Wird \u00fcber die grammatische Richtigkeit solcher Varianten nachgedacht und anschlie\u00dfend argumentiert und bewertet, dann haben wir mit einem sprachlichen Zweifelsfall zu tun. Weitere Beispiele sind wegen des Regens oder wegen dem Regen, gewinkt oder gewunken usw. Der Zweifelsf\u00e4lle-Duden bietet dazu einen guten \u00dcberblick: Es enth\u00e4lt knapp 6000 Eintr\u00e4ge zu sprachlichen Zweifelsf\u00e4llen aus den Bereichen Grammatik, Stil und Rechtschreibung.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit lassen sich solche Zweifelsf\u00e4lle sprachgeschichtlich erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Als Sprachhistorikerin interessiert mich nat\u00fcrlich die Entstehung von Varianten und der Wandel in ihrem Gebrauch. Wir beobachten auch, wie Bewertungen durch die Sprechenden den Wandel beeinflussen. Ein Beispiel: Die Pr\u00e4position dank zog bis ins 19. Jahrhundert den Dativ nach sich, man sagte dank dem Vertrag. Sp\u00e4ter trat die Verwendung des Genitivs hinzu, der als stilistisch h\u00f6herwertig angesehen wurde. Diese sogenannte Stigmatisierung der Dativrektion trug zum Wandel bei, so dass im 20. Jahrhundert \u2013 anders als popul\u00e4rwissenschaftlich kolportiert \u2013 der Gebrauch der Pr\u00e4position mit Genitiv anstieg: Man h\u00f6rte und las nun immer h\u00e4ufiger dank des Vertrags. Heute klingen f\u00fcr uns beide Varianten vertraut. Man kann also sagen, wer zweifelt, zeigt ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr Sprache und sprachliche Varianten.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Lehrer:innen im Schulunterricht dieses Wissen nutzen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Schulunterricht sind sprachliche Zweifelsf\u00e4lle eine wertvolle Ressource, da sie zum Nachdenken \u00fcber Sprache anregen. Wir haben unter anderem in \u201ePraxis-Deutsch\u201c, Heft 264, Unterrichtsmodelle entworfen, in denen sie zum Entdecken sprachlicher Strukturen eingesetzt werden. An ihnen wird das Bewusstsein daf\u00fcr geschult, dass Sprache sich wandelt und dass sie variantenreich ist. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen anhand von Sprachkorpora g\u00e4ngige Bewertungen von Varianten hinterfragen, wenn sie beispielsweise beobachten, dass die angeblich umgangssprachliche Variante dank dem auch in \u00fcberregionalen Zeitungen oder in der Belletristik vielfach belegt ist. In der Lehramtsausbildung f\u00f6rdern wir daher das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sich sprachliche Zweifelsf\u00e4lle von klaren grammatischen Fehlern unterscheiden.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zum Hintergrund:<\/p>\n<p>Prof. Dr. Renata Szczepaniak ist Professorin f\u00fcr Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Universit\u00e4t Leipzig. Im Juni erschien ihr Studienbuch <a href=\"https:\/\/katalog.ub.uni-leipzig.de\/Record\/0-1929781059\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\" class=\"textlink\">\u201eSprachliche Zweifelsf\u00e4lle: Definition, Betrachtungsdimensionen und Erforschung\u201c<\/a>. Sie ist eine von mehr als 250 Expert:innen der Universit\u00e4t Leipzig, auf deren Fachwissen Sie mithilfe unseres <a href=\"https:\/\/www.uni-leipzig.de\/universitaet\/service\/medien-und-kommunikation\/expertinnen-netzwerk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" class=\"textlink\">Expert:innen-Netzwerks<\/a> zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"https:\/\/www.uni-leipzig.de\/newsdetail\/artikel\/wieso-wir-auch-in-unserer-muttersprache-manchmal-ins-zweifeln-geraten-2025-08-22 Hat die Kollegin die E-Mail abgesandt oder abgesendet? 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