{"id":366573,"date":"2025-08-23T09:02:17","date_gmt":"2025-08-23T09:02:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/366573\/"},"modified":"2025-08-23T09:02:17","modified_gmt":"2025-08-23T09:02:17","slug":"da-wo-keine-aprikosen-mehr-wachsen-faengt-russland-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/366573\/","title":{"rendered":"\u201eDa, wo keine Aprikosen mehr wachsen, f\u00e4ngt Russland an\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wladimir Putin will den westlichen Teil des Donbass am Verhandlungstisch erobern \u2013 Moskaus Propaganda behauptet, dass er ohnehin russisch sei. Viel schlimmer als diese L\u00fcge aber sind die M\u00f6glichkeiten, die sich Russlands Armee dort er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als ich zuletzt 2018 in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/mariupol\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/mariupol\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mariupol<\/a> war, roch die Stadt nach Meer und Eisenerz. Das Meer war br\u00e4unlich und sah nicht gerade einladend aus, die Einheimischen sagten, man fahre am besten zwanzig Kilometer weiter westlich, dort sei das Wasser klar und sauber. Ein feiner Dunst lag \u00fcber der Stadt, und ich habe sowohl diese rostigen Schwaden als auch den leicht bei\u00dfenden Geruch der mit Eisenerz vermischten Meeresluft sofort erkannt. Denn genauso hat die Stadt auch vor f\u00fcnfundzwanzig Jahren gerochen, als ich sie zum ersten Mal besuchte.<\/p>\n<p>Andere St\u00e4dte im Donbass riechen anders. Nach Kohle zum Beispiel. Nach Blut und Schwei\u00df. Nach Alkohol. Oder nach Aprikosen. Auf jeden Fall im Osten und im S\u00fcden der Region. Denn wie die 1985 in Perwomajsk im Oblast Luhansk 1geborene Dichterin Ljubow Jakymtschuk schreibt: \u201eDa, wo keine Aprikosen mehr wachsen, f\u00e4ngt Russland an.\u201c<\/p>\n<p>Ende Juli kontrollierte Russland zwar mit \u00fcber 95 Prozent des Verwaltungsgebietes fast den gesamten Oblast Luhansk, aber nur etwas mehr als zwei Drittel des Oblasts Donezk. Der Gro\u00dfteil der russischen Eroberungen geht einerseits auf die russische Aggression von 2014 zur\u00fcck, als die sogenannten \u201eVolksrepubliken\u201c Donezk und Luhansk ausgerufen worden sind, andererseits \u2013 damals zusammen mit einem Teil des ukrainischen S\u00fcdens \u2013 auf die ersten Wochen und Monaten nach dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine im Februar 2022, wobei die Blockade und die Bombardierungen von Mariupol besonders brutal waren und zehntausende zivile Opfer zur Folge hatten.<\/p>\n<p>Seit tausend Tagen umk\u00e4mpft<\/p>\n<p>Nachdem es den ukrainischen Streitkr\u00e4ften im September 2022 durch eine Reihe von \u00fcberraschenden Gegenoffensiven gelungen ist, die Gebiete um Charkiw sowie die Regionalhauptstadt Cherson mit anliegenden Gegenden am westlichen Ufer des Dnipro zu befreien, hat sich am Verlauf der Frontlinie nicht mehr viel ge\u00e4ndert. Zwar konnte Russland einige St\u00e4dte wie Bachmut oder Tschasiw Jar im Donbass mit enormen Verlusten an Soldaten und Technik erobern, aber insgesamt sahen die Fortschritte der russischen Armee ziemlich bescheiden aus. Wie das ukrainische OSINT-Projekt Deep State UA ausrechnete, beliefen sich die Gebietsgewinne der Invasoren seit November 2022, also in insgesamt \u00fcber 1000 Tagen, auf weniger als ein Prozent des international anerkannten ukrainischen Territoriums.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden klingt die Forderung Putins nach Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass besonders zynisch. Doch es ist viel mehr, als der Wunsch, die Ukrainer zur Aufgabe ihres Staatsgebiets zu zwingen, das Russland milit\u00e4risch seit \u00fcber dreieinhalb Jahren nach dem \u00dcberfall vergeblich zu erobern versuchte. Und es geht weit \u00fcber einen schlichten \u201eGebietstausch\u201c hinaus, bei dem beide Seiten Zugest\u00e4ndnisse machen, wie es die US-Administration nennt, oder die Eingliederung neuer L\u00e4nder in das von Putin imaginierte \u201eGro\u00dfrussische Reich\u201c.<\/p>\n<p>Denn der russische Staatschef wei\u00df ganz genau, wovon er spricht. Das kampflose \u00dcberlassen des westlichen Teils des Donbass w\u00fcrde aus strategischer Sicht einen herben R\u00fcckschlag f\u00fcr die ukrainische Armee bedeuten. Das sagen beinahe einstimmig ukrainische und ausl\u00e4ndische Experten. Die Ukrainer m\u00fcssten die gut ausgebauten und befestigten Verteidigungslinien mit zahlreichen Bunkern, Panzergr\u00e4ben und Minenfeldern aufgeben, deren Eroberung durch nat\u00fcrliche Hindernisse wie strategische Anh\u00f6hen und Fl\u00fcsse enorm erschwert wird.<\/p>\n<p>Wenn der restliche Donbass Moskau in die H\u00e4nde fiele, st\u00fcnde f\u00fcr die russische Armee ein wichtiger Br\u00fcckenkopf und ein offener Weg f\u00fcr weitere Angriffe zur Verf\u00fcgung. Da sich weiter westlich eine weite Steppe ohne nat\u00fcrliche Hindernisse erstreckt, w\u00e4ren St\u00e4dte wie Dnipro oder gar Poltawa und Charkiw direkt gef\u00e4hrdet. Die Frontlinie w\u00fcrde sich auf einmal um rund 80 Kilometer nach Westen verschieben. Eine wichtige St\u00e4dteagglomeration um Kramatorsk und Slowjansk mit Industrieanlagen und Bodensch\u00e4tzen w\u00e4re verloren. \u00dcber die Menschenschicksale schweigt die Expertengemeinschaft.<\/p>\n<p>Der Donbass, eine ukrainische Geschichte<\/p>\n<p>Nach den letzten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/video689f375bb7e38d4fabb244dc\/Jetzt-im-Livestream-Der-Tag-nach-dem-Washington-Gipfel-Hoffnung-auf-Frieden-in-der-Ukraine.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/video689f375bb7e38d4fabb244dc\/Jetzt-im-Livestream-Der-Tag-nach-dem-Washington-Gipfel-Hoffnung-auf-Frieden-in-der-Ukraine.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gespr\u00e4chen in Washington<\/a> ist es klar, dass die Ukraine keine Gebiete abtreten wird, auch wenn Donald Trump gern einen Deal mit Putin machen w\u00fcrde. Der ukrainische Pr\u00e4sident Selenskyj hat in dieser Frage eine breite Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung. Denn laut einer Umfrage des Kiewer Instituts f\u00fcr Internationale Soziologie w\u00e4ren nur f\u00fcnf Prozent der Ukrainer bereit, den russischen Forderungen widerstandslos nachzugeben.<\/p>\n<p>Der Donbass sei nie ukrainisch gewesen, behauptet die russische Propaganda. Und diese Aussage \u2013 wie grunds\u00e4tzlich alles, was die russische Propaganda produziert \u2013 ist nicht nur eine Manipulation, sondern schlicht und einfach falsch. Administrativ besteht der ukrainische Donbass seit den 1930er-Jahren aus zwei Oblasten \u2013 Donezk und Luhansk. Die industrielle Erschlie\u00dfung der Region, die damals zum Russischen Reich geh\u00f6rte, aber ethnisch \u2013 auch wenn relativ d\u00fcnn besiedelt \u2013 genauso wie das heutige Kuban-Gebiet im n\u00f6rdlichen Kaukasus ukrainisch gepr\u00e4gt war, setzte im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert ein. Westeurop\u00e4ische \u2013 und sp\u00e4ter auch US-amerikanische \u2013 Unternehmer fingen dort mit dem Bau der ersten Kohlengruben und Stahlwerke an.<\/p>\n<p>Der Aufstieg zum gr\u00f6\u00dften Industriegebiet bedeutete gleichzeitig eine ver\u00e4nderte Lebensweise und eine massive Russifizierung der Umgebung. F\u00fcr schwerste Arbeit unter Tage kamen hier Menschen aus ganz Russland und sp\u00e4ter aus der Sowjetunion zusammen. Sowohl russische Zaren als auch Stalin schickten Kriminelle (sowie politische H\u00e4ftlinge und Kriegsgefangene) in die Gruben, um sie dort durch Arbeit \u201eumzuerziehen\u201c. Viele ukrainische Bauern, deren Sprache zu \u201ekleinrussischem Dialekt\u201c degradiert wurde, emigrierten bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Amerika. Sie waren eher bereit, eine Reise \u00fcber den Ozean zu unternehmen, um in Kanada oder in den USA auf dem Land zu arbeiten, als in eine ein paar Dutzend Kilometer entfernte Stadt zu ziehen und dort als Industriearbeiter zu schuften. Der Holodomor, eine von Stalin 1932-33 verordnete Hungersnot, dezimierte die ukrainische Bauernschaft in der Region weiter.<\/p>\n<p>Nunmehr waren die St\u00e4dte \u00fcberwiegend russisch gepr\u00e4gt, die l\u00e4ndlichen Gebiete \u2013 wie beispielsweise der Norden der Region Luhansk \u2013 sprachen weiterhin Ukrainisch beziehungsweise eine recht wilde Mischung aus Ukrainisch und Russisch (mit Ukrainisch als Basis), die als Surschyk bezeichnet wird.<\/p>\n<p>\u201eMit meerblauen Augen und flachsgelben Haaren\u201c<\/p>\n<p>Es ist umso erstaunlicher, wie die ukrainische Kultur in diesem Landesteil \u00fcberlebt hat. Aber mit dem Donbass sind in der Tat viele Dichter, Schriftsteller und K\u00fcnstler verbunden \u2013 entweder wurden sie dort geboren oder haben den Gro\u00dfteil ihres Lebens dort verbracht. Ganz ungef\u00e4hrlich war es selbst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht, Ukrainisch zu schreiben und geistlich frei zu bleiben. Viele haben ihren \u2013 selbst inneren \u2013 Widerstand mit dem Gulag oder gar ihrem Leben bezahlt. Ihre Namen waren jahrzehntelang verboten und sind f\u00fcr westliche Leser weitgehend unbekannt.<\/p>\n<p>Der prominenteste von ihnen ist wom\u00f6glich der 1985 im Lager Perm-36 zu Tode gequ\u00e4lte ukrainische Dichter Wasyl Stus, der lange Jahre in Donezk gelebt hat. Auch der bei Druschkiwka geborene Oleksa Tychyj hat das sowjetische Lager nicht \u00fcberlebt. Iwan Dziuba, Mykola Rudenko und Iwan Switlytschnyj mussten teilweise langj\u00e4hrige Freiheitsstrafen verb\u00fc\u00dfen. Selbst der in der Sowjetzeit anerkannte Dichter Wolodymyr Sosjura, in Debalzewe geboren, wurde in der Nachkriegszeit des \u201eukrainischen bourgeoisen  Nationalismus\u201c bezichtigt.<\/p>\n<p>\u201eMit meerblauen Augen \/ und flachsgelben Haaren \/ leicht verblichen \/ das ist keine Flagge \/ das steht im Schacht \/ bis zu den Knien im Wasser \/ mein Vater\u201c, schreibt Ljubow Jakymtschuk. Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass sie bald in ihre Heimatstadt zur\u00fcckkehren kann. Es ist aber extrem wichtig, dass alle Politiker der zivilisierten Welt darauf hinarbeiten.<\/p>\n<p>Juri Durkot lebt als \u00dcbersetzer in Lemberg. Seit dem ersten Kriegstag schreibt er f\u00fcr WELT ein vielbeachtetes Tagebuch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wladimir Putin will den westlichen Teil des Donbass am Verhandlungstisch erobern \u2013 Moskaus Propaganda behauptet, dass er ohnehin&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":366574,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,114,6077,13,33086,14,15,111,4043,4044,850,307,115,12,116,113,317,112,117],"class_list":{"0":"post-366573","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-donald-geb-1946","11":"tag-donezk","12":"tag-headlines","13":"tag-mariupol","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-putin","17":"tag-russia","18":"tag-russian-federation","19":"tag-russische-foederation","20":"tag-russland","21":"tag-russland-ukraine-krieg-24-2-2022","22":"tag-schlagzeilen","23":"tag-selenskyj","24":"tag-trump","25":"tag-ukraine","26":"tag-wladimir","27":"tag-wolodymyr"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115077273801584510","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=366573"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366573\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/366574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=366573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=366573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=366573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}