{"id":367266,"date":"2025-08-23T15:13:11","date_gmt":"2025-08-23T15:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367266\/"},"modified":"2025-08-23T15:13:11","modified_gmt":"2025-08-23T15:13:11","slug":"wie-tiere-den-tod-begreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367266\/","title":{"rendered":"Wie Tiere den Tod begreifen"},"content":{"rendered":"<p>\u201ePlay possum\u201c ist im Englischen ein Synonym f\u00fcr \u201esich totstellen\u201c: Ger\u00e4t das Virginia Opossum in Not, \u201ekippt es auf die Seite und liegt da in einer Art F\u00f6tusstellung, der Schwanz ist eingerollt, Augen und Mund weit offen, die Zunge heraush\u00e4ngend\u201c. Dazu sondert es eine \u00fcbelriechende Fl\u00fcssigkeit ab, die K\u00f6rpertemperatur f\u00e4llt und die Zunge verf\u00e4rbt sich. Kurz: Das Tier stellt sich tot. Und ist damit f\u00fcr Susana Mons\u00f3 das beste Beispiel daf\u00fcr, wie verbreitet das Konzept Tod im Tierreich ist.<\/p>\n<p>              Forschung zum Umgang mit dem Tod im Tierreich<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Antworten, wie Tiere den Tod verstehen, schaut die spanische Philosophin tief und strukturiert in den jungen Forschungsbereich der Vergleichenden Thanatologie. Diese junge Fachrichtung arbeitet an der Schnittstelle zwischen Verhaltensforschung und vergleichender Psychologie, die wiederum in Experimenten den geistigen F\u00e4higkeiten von Tieren auf den Grund gehen will. <\/p>\n<p>In sechs ausf\u00fchrlichen, mitunter anfangs auch kompliziert, wissenschaftlich formulierten Kapiteln taucht man ein in ein weites Spektrum vom Umgang mit dem Tod im Tierreich. Wer die ersten 60 Seiten dranbleibt, wird anschlie\u00dfend belohnt. Denn was Mons\u00f3 ausgr\u00e4bt, ist \u00fcberraschend, macht neugierig und ver\u00e4ndert letztlich auch den Blick auf die eigene Sterblichkeit.<\/p>\n<p>              Stereotype Reaktionen versus emotionale<\/p>\n<p>Ameisen etwa reagieren auf einen bestimmten Botenstoff. Riecht ein K\u00f6rper danach, wird er aus dem Bau getragen. Auch dann, wenn Forscher in Experimenten lebende Ameisen mit diesem Stoff betr\u00e4ufeln: Die sich windenden Tiere werden von den Artgenossen entsorgt. Eine stereotype Reaktion nennt Susana Mons\u00f3 das. <\/p>\n<p>Anders ist es bei den S\u00e4ugetieren: Da erz\u00e4hlt sie von einer Gruppe Schimpansen, die beim Anblick einer toten Artgenossin, in tiefes Schweigen verfallen. Andere Schimpansen untersuchen ihre Verstorbenen, reinigen sie. Manche sto\u00dfen Alarmrufe aus. Nach dem Tod einer Goldstumpfnasen\u00e4ffin etwa blieb ihre Gruppe noch lange bei ihr, schnupperte an ihrem Gesicht und umarmte sie. <\/p>\n<p>Elefanten wiederum helfen sterbenden Artgenossen, versuchen, wie in einem dokumentierten Fall beschrieben, eine liegende Kuh zu st\u00fctzen. Auch nachdem das Tier gestorben war, kehrt die Herde zu ihr zur\u00fcck \u2013 \u00fcber Tage. Halsbandpekaris suchen ebenfalls die N\u00e4he zu ihren Toten: Eine Herde schl\u00e4ft neben einem Leichnam, schmiegt sich an ihn. Und Delfine wurden dabei beobachtet, wie sie einem sterbenden Mitglied ihrer Schule helfen, sich \u00fcber Wasser zu halten, indem sie das Tier auf ihren R\u00fccken mittragen.<\/p>\n<p>              Die Toten bei sich behalten<\/p>\n<p>Das Mittragen von Toten ist tats\u00e4chlich oft beobachtet worden: Eine Delfinmutter wurde von Forschern gesichtet, die ihr stark verwestes Jungtier auf dem R\u00fccken trug. Als die Forscher den Leichnam bargen, schwamm die Mutter hinter dem Boot her, und zog stundenlang Kreise, in der N\u00e4he des Grabes ihres Jungen. Auch Schimpansenm\u00fctter wehren sich vehement dagegen, sich vom Leichnam ihrer Kinder zu trennen. Auch wenn sie das im Klettern beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Ein Sch\u00e4ferhund wiederum hatte innerhalb einer halben Stunde Teile des Gesichts seines toten Eigent\u00fcmers aufgefressen. Nicht aus Hunger. Forschende vermuten, dass das Tier anfangs nur lecken wollte und dann aus Verzweiflung \u00fcber die ausbleibende Reaktion zubiss. <\/p>\n<p>              Tiere erleben den Tod st\u00e4ndig<\/p>\n<p>All diese Beispiele \u2013 und es gibt im Buch noch viele, viele mehr \u2013 zeigen auf, welch eine gro\u00dfe Vielfalt im Umgang mit dem Tod im Tierreich zu beobachten ist. Genau das zeichnet ihr Buch aus, dazu kommt eine sehr detaillierte und wissenschaftlich Ann\u00e4herung, in der sie \u00fcber die Bedeutung des Minimalkonzepts des Todes schreibt. Die Philosophin fordert dabei immer wieder auf, die anthropozentrische Perspektive zu verlassen.<\/p>\n<p>Sie stellt drei Kategorien auf, die dabei helfen sollen, zu verstehen, wie sich Tiere dem Tod n\u00e4hern: Erfahrung, Emotion und Kognition. Denn anders als die meisten Mensch (zumindest in der westlichen Gesellschaft) erleben Tiere den Tod st\u00e4ndig. Dadurch lernen sie, ihn zu verstehen. Und zwar auch so weit, dass es unter S\u00e4ugetieren verbreitet ist, andere bewusst zu t\u00f6ten. <\/p>\n<p>Ob Tiere den eigenen Tod aber auch begreifen? Denkt man ans Opossum, dann liegt die Antwort nahe. Letztlich zeigt Susana Mons\u00f3: Der Mensch ist nicht das \u201eeinzige Tier, das den Tod versteht und das trauert\u201c. Ihr Buch erinnert auch daran, Tieren gegen\u00fcber respektvoll zu sein. Und es hilft, ja auch das, den Tod besser zu verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201ePlay possum\u201c ist im Englischen ein Synonym f\u00fcr \u201esich totstellen\u201c: Ger\u00e4t das Virginia Opossum in Not, \u201ekippt es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":367267,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[37550,1784,1797,1785,29,214,30,93,21142,1886,3259,215,100519],"class_list":{"0":"post-367266","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-bewusstsein","9":"tag-books","10":"tag-buch","11":"tag-buecher","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-germany","15":"tag-literatur","16":"tag-sterben","17":"tag-tiere","18":"tag-tod","19":"tag-unterhaltung","20":"tag-verhaltensbiologie"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367266"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367266\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/367267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}