{"id":367550,"date":"2025-08-23T17:53:12","date_gmt":"2025-08-23T17:53:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367550\/"},"modified":"2025-08-23T17:53:12","modified_gmt":"2025-08-23T17:53:12","slug":"architekturdenkmal-in-tunis-als-brutalismus-den-aufbruch-verkuendete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367550\/","title":{"rendered":"Architekturdenkmal in Tunis: Als Brutalismus den Aufbruch verk\u00fcndete"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">E in Ger\u00fccht hat Tunesiens Hauptstadt Tunis aus dem politischen Halbschlaf geholt. Am vergangenen Wochenende war eines der eigent\u00fcmlichsten Geb\u00e4ude der Stadt, das H\u00f4tel du Lac, eingez\u00e4unt worden. Der wie eine umgekehrte Pyramide gebaute Betonklotz im Zentrum der Stadt steht seit 20 Jahren leer, ist aber weiterhin ein Magnet f\u00fcr Touristen und Architekturfans aus aller Welt. Nun ist wieder einmal geplant, ihn abzurei\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das Anfang der 1970er Jahre von dem italienischen Architekten Raffaele Contigiani gebaute Hotel mit 10 Stockwerken und 416 Zimmern ist <a href=\"https:\/\/taz.de\/Brutalismus-und-Korruption-in-Kroatien\/!6084726\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ein Paradebeispiel f\u00fcr den Brutalismus genannten Baustil<\/a> und symbolisiert wie kaum ein zweites Geb\u00e4ude in Nordafrika die Aufbruchstimmung nach der Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">In Stadtvierteln wie Lafayette und rund um die Prachtstra\u00dfe Avenue du Bourguiba lebten zu kolonialen Zeiten fast nur Europ\u00e4er. Noch heute dominieren prunkvoll verzierte H\u00e4user aus der Gr\u00fcnderzeit die Stra\u00dfen, die oft eher an Marseille erinnern als an eine Hauptstadt in der arabischen Welt.<\/p>\n<p>      Modernisierung der Gesellschaft<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">\u00c4hnlich wie in Osteuropa wollten nordafrikanische Machthaber wie Habib Bourguiba die von ihnen propagierte Modernisierung der Gesellschaft auch architektonisch darstellen. Das H\u00f4tel du Lac galt bei der Er\u00f6ffnung als Beweis f\u00fcr die Fortschrittlichkeit des Landes, Brutalismus war vor allem in sozialistischen L\u00e4ndern gefragt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/wochentaz-kennzeichen-3zu2-klein-1.png\" loading=\"lazy\" height=\"363\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>wochentaz<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Dieser Text stammt aus der <strong>wochentaz<\/strong>. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist \u2013 und wie sie sein k\u00f6nnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und <a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">nat\u00fcrlich im Abo<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Der rohe Beton, die scheinbar schwebenden Geb\u00e4ude\u00fcberh\u00e4nge in den oberen Etagen sind noch heute aufsehenerregend. Die Er\u00f6ffnung im M\u00e4rz 1973 wurde pomp\u00f6s gefeiert, Auftritte von Soul-Star James Brown und anderen Prominenten machten Tunis zu einem Hotspot der Musik-und Kulturszene.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Doch der Ruhm verblasste, als Bourguibas Modernisierung die Luft ausging. Der Polizeistaat unter seinem Nachfolger Ben Ali hielt Kreative fern. Im Jahr 2000 ging der seit 1990 von einer privaten Firma betriebene Staatsbetrieb pleite. Der libysche Staatsfonds Lafico \u00fcbernahm und will auf dem Grundst\u00fcck eines der gesichtslosen Hotel- und Business-Center hochziehen, wie es die Scheichs aus Katar und Saudi-Arabien in den Neubauvierteln Lac 1 und 2 machten. Dort hatte man auf unbewohnten ehemaligen M\u00fcllkippen gebaut.<\/p>\n<p>      Kampf um die Bewahrung der Geschichte<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Jedes Mal, wenn Abrisspl\u00e4ne f\u00fcr das H\u00f4tel du Lac konkret wurden, retteten Demonstranten die als nationales Kulturerbe empfundene Betonpyramide. Nur um deren Renovierung k\u00fcmmerte sich niemand.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">F\u00fcr den Architekten und Aktivisten Mohamed Zitouni ist das ein Skandal. Ihm geht es nicht nur um den Erhalt des Hotels, sondern um den Umgang mit der komplizierten Geschichte der Region im Allgemeinen. \u201eDer Brutalismus war ein rebellischer Gegenentwurf zu der damals als kolonial empfundenen Architektur der Innenstadt\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>      Abrisspl\u00e4ne in der Hauptferienzeit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Die jungen Paare, die am letzten Wochenende um den Bauzaun schlenderten, hinter dem das Hotel nun steht, wissen nichts \u00fcber diese bewegte Vergangenheit. Sie sehen nur eine mit Graffiti bespr\u00fchte Bauruine mit kaputten Fenstern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Die meisten Tunesier <a href=\"https:\/\/taz.de\/Mental-Load-in-Tunesien\/!6089895\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">verbringen den August am Strand<\/a>, das gesellschaftliche Leben pausiert. Ein guter Moment, um den immer wieder auf Eis gelegten Abrissplan endg\u00fcltig durchzuziehen, dachten sich wohl die libyschen Investoren. Doch gerade das heimliche Vorgehen k\u00f6nnte ein strategischer Fehler gewesen sein. Noch ist nicht einmal ein konkreter Abrissplan bekannt, schon aber sind f\u00fcr die kommenden Tage Mahnwachen und Demonstrationen geplant. Eine Protestbewegung derjenigen, die den Zeiten des Aufbruchs nachtrauern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Architekten wie Sami Aloulou wollen die boomende junge Start-up-Branche im H\u00f4tel du Lac unterbringen, sie wollen die Besitzer zur Renovierung des Baus zwingen. Es scheint, als habe die graue Brutalismus-Betonruine dem tunesischen Widerstandsgeist wieder Leben eingehaucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"E in Ger\u00fccht hat Tunesiens Hauptstadt Tunis aus dem politischen Halbschlaf geholt. 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