{"id":367682,"date":"2025-08-23T19:14:12","date_gmt":"2025-08-23T19:14:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367682\/"},"modified":"2025-08-23T19:14:12","modified_gmt":"2025-08-23T19:14:12","slug":"berlin-gewinnt-die-anton-wilhelm-amo-strasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367682\/","title":{"rendered":"Berlin gewinnt die Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heute, am 23. August 2025, wurden die neuen Stra\u00dfenschilder der Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe offiziell enth\u00fcllt. Ein Schritt zur Dekolonialisierung der Erinnerungspolitik.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Bis kurz vorher stand die Umbenennung auf der Kippe, nun ist sie vollendet. Die ehemalige Mohrenstra\u00dfe in Berlin-Mitte hei\u00dft jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe. Am 23. August 2025 wurden die neuen Stra\u00dfenschilder enth\u00fcllt, die alten Schilder sollen, zun\u00e4chst f\u00fcr sechs Monate, durchgestrichen h\u00e4ngenbleiben. F\u00fcr die Bef\u00fcrworter:innen der Umbenennung geht es dabei um viel mehr als um einen neuen Stra\u00dfennamen: \u201cEs geht darum Raum zu schaffen f\u00fcr Perspektivwechsel, f\u00fcr eine antikoloniale Erinnerungskultur und f\u00fcr eine neue Geschichtsschreibung. Es geht darum, <a href=\"https:\/\/goodnews-magazin.de\/restitution-aufarbeitung-der-kolonialgeschichte\/\" data-type=\"post\" data-id=\"11097\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">antikolonialen Widerstand<\/a> und Schwarze Geschichte in Deutschland sichtbar zu machen und im kollektiven Ged\u00e4chtnis zu verankern\u201d, erkl\u00e4ren sie bei einem Fest am Berliner Hausvogteiplatz anl\u00e4sslich der offiziellen Enth\u00fcllung der neuen Stra\u00dfenschilder.<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt f\u00fcr ein dekoloniales Stadtbild<\/p>\n<p>Die Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe ist nicht die erste Berliner Stra\u00dfe, die aufgrund des diskriminierenden und rassistischen Inhalts ihres Namens umbenannt wurde. Genau ein Jahr zuvor, am 23. August 2024 \u2013 dem internationalen Tag zur Erinnerung an den Handel mit versklavten Menschen und dessen Abschaffung \u2013 wurde bereits die Petersalle im sogenannten Afrikanischen Viertel im Wedding umbenannt. Sie hei\u00dft seitdem Maji-Maji-Allee und Anna-Mungunda-Allee.<\/p>\n<p>Bereits die Umbenennung der Petersalle war lang umk\u00e4mpft gewesen. Benannt war sie nach Carl Peters, einem f\u00fchrenden Kolonialisten im heutigen Tansania, der von der tansanischen Schwarzen Bev\u00f6lkerung aufgrund seiner Grausamkeit nur als \u201cblutige Hand\u201d bezeichnet wurde. Die Neubenennung der Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe war sogar noch umk\u00e4mpfter.<\/p>\n<p>Eilantrag gegen die Umbenennung in letzter Sekunde gekippt<\/p>\n<p>Bereits im August 2020 hatte die Bezirksverordnetenversammlung die Umbenennung beschlossen und begr\u00fcndete ihre Entscheidung damit, dass der Name Mohrenstra\u00dfe \u201ediskriminierend ist und dem Ansehen Berlins schadet\u201c. Anwohnende reichten daraufhin eine Klage gegen die geplante Umbenennung ein und argumentierten <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2025\/07\/berlin-straen-umbenennung-mohrenstraein-anton-wilhelm-arno-strasse-23-august.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">laut Berichterstattung von rbb24<\/a> unter anderem, die Namensgebung f\u00fcr die Stra\u00dfe vor 300 Jahren sei nicht rassistisch, sondern wertsch\u00e4tzend gemeint; vor dem historischen Hintergrund sei der Stra\u00dfenname Teil der Geschichte der Stadt.<\/p>\n<p>Das sehen viele Betroffene anders. Schon lange gibt es Diskussionen, ob der Begriff Mohr als rassistisch eingeordnet werden muss, oder nicht. Die etymologische Herkunft des Wortes ist nicht komplett gekl\u00e4rt, viele Aktivist:innen wehren sich jedoch gegen den Begriff, den sie als Zuschreibung von au\u00dfen wahrnehmen und der h\u00e4ufig mit stereotypischen und rassistischen Bildern Schwarzer Menschen in Verbindung gebracht wird. (Anm. d. Red.: Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, den Begriff in diesem Artikel nach M\u00f6glichkeit zu vermeiden und wenn dann in durchgestrichener Form zu verwenden.)<\/p>\n<p>Das Verwaltungsgericht Berlin stimmte der Argumentation der Kl\u00e4ger:innen ebenfalls nicht zu. Eine der Klagen <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/regional\/berlin\/umbenennung-mohrenstrasse-gestoppt-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">wurde abgelehnt<\/a>, die anderen Klagen im Einverst\u00e4ndnis aller Beteiligten ruhend gestellt. Im Juli erkl\u00e4rte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg die Umbenennung f\u00fcr rechtskr\u00e4ftig, daraufhin wurde der heutige Samstag f\u00fcr die offizielle Enth\u00fcllung der neuen Stra\u00dfenschilder festgelegt. Doch zwei Tage vor der geplanten Umsetzung reichten die Anwohnenden einen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/eilantrag-eingereicht-umbenennung-der-mohrenstrasse-koennte-in-letzter-sekunde-gestoppt-werden-li.2350820\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Eilantrag <\/a>ein; in einem Hin und Her zwischen Verwaltungsgericht und Bezirk wurde die Umbenennung zuerst auf Eis gelegt, bevor am Freitagabend verk\u00fcndet wurde: Sie kann wie geplant stattfinden.<\/p>\n<p>Langer Atem f\u00fcr den Erfolg<\/p>\n<p>So findet nun heute doch wie geplant eine Feier am Hausvogteiplatz statt, um die offizielle Enth\u00fcllung der Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe zu feiern. Organisiert wurde sie vom Verein Decolonize Berlin, der sich seit 2020 f\u00fcr die Aufarbeitung von Kolonialismus und Rassismus, gerade im \u00f6ffentlichen Raum, einsetzt. \u201cWir feiern gemeinsam diesen historischen Schritt gegen Rassismus und koloniale Kontinuit\u00e4ten im \u00f6ffentlichen Raum \u2013 mit Musik, Redebeitr\u00e4gen, Austausch und Sichtbarkeit\u201d, erkl\u00e4rte der Verein <a href=\"https:\/\/decolonize-berlin.de\/de\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">auf seiner Website<\/a> anl\u00e4sslich der heutigen Umbenennung.<\/p>\n<p>Trotz des grauen Wetters und anf\u00e4nglichen Nieselregens sind zahlreiche Menschen gekommen, um ihre Unterst\u00fctzung zu zeigen. Sie w\u00e4re auch gekommen, wenn die Umbenennung doch nicht h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen, erkl\u00e4rt Viviane, eine der Teilnehmenden: \u201cum zu zeigen: Das ist es wert\u201d.<\/p>\n<p>Denn die Umbenennung sei ein kleiner, aber wichtiger Schritt: \u201cEs geht um viel mehr als nur diese eine Stra\u00dfe. Es ist ein viel gr\u00f6\u00dferer Prozess, um Deutschland zu dekolonisieren. Ich denke, aus diesen kleinen, erfolgreichen Schritten k\u00f6nnen wir Kraft sch\u00f6pfen\u201d, erkl\u00e4rt Leticia, die neben Viviane steht. Und ihre Freundin Mimi erg\u00e4nzt: \u201cEs ist eigentlich absurd, dass diese Stra\u00dfennamen noch existieren und allt\u00e4glich hingenommen werden \u2013 dass man gezwungen wird, so ein Wort zu schreiben, wenn man sich an der U-Bahn-Station treffen will\u201d.<\/p>\n<p>Zumindest hier hat das nun ein Ende. Der alte Stra\u00dfenname sei ein schmerzhaftes Beispiel f\u00fcr die Art gewesen, wie Schwarze Geschichte bislang h\u00e4ufig in deutschen R\u00e4umen erinnert wird, ein Beispiel f\u00fcr die Entmenschlichung Schwarzer Menschen, erkl\u00e4ren die Organisator:innen. Die Wahl des neuen Stra\u00dfennamens hingegen ist ein Fingerzeig, wie antikoloniale Erinnerungskultur aussehen kann.<\/p>\n<p>Anton Wilhelm Amo: Zeuge f\u00fcr afrodiasporisches Wissen<\/p>\n<p>Anton Wilhelm Amo war ein Schwarzer Denker und Philosoph, der den deutschen Philosophiediskurs in einer seiner Hochphasen entscheidend mitpr\u00e4gte. Dennoch sind die Informationen \u00fcber sein Leben d\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Anfang des 18. Jahrhunderts im heutigen Ghana geboren, war Amo <a href=\"https:\/\/amobuendnistest.jimdofree.com\/infos-zu-amo\/biografie-und-philosophie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">nach aktuellem Wissensstand<\/a> als Kind von der niederl\u00e4ndischen West-Indien-Kompagnie nach Amsterdam verschifft und dort an den F\u00fcrsten von Braunschweig und L\u00fcneburg-Wolfenb\u00fcttel \u201cverschenkt\u201d worden. Die Namen Anton und Wilhelm entsprechen den Namen des F\u00fcrstens und seines Sohns August Wilhelm, an den Amo sp\u00e4ter \u00fcbergeben wurde. In seinen eigenen Schriften verwendet er den Namen \u201cAmo\u201d, den er vermutlich als Kind trug.<\/p>\n<p>1727 begann Amo an der Universit\u00e4t Halle das Studium der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/anton-wilhelm-amo-spuren-eines-schwarzen-aufklaerers-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Philosophie<\/a>, 1729 hielt er seine erste \u00f6ffentliche Disputation \u201e\u00dcber die Rechtsstellung Schwarzer Menschen in Europa\u201c (\u201eDe jure maurorum in Europa\u201c) und erwarb 1736 den Professorentitel. Anschlie\u00dfend lehrte er in Jena, bevor sich seine Spur verliert. Umbestreitbar ist jedoch, dass er seinerzeit die philosophische Debatte um einen innovativen philosophischen Ansatz erweiterte.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an Amo sei so wichtig, \u201cweil Schwarze Geschichte immer schon Teil von Deutschland ist \u2013 allzu oft aber wird sie vergessen oder verdr\u00e4ngt\u201d, erkl\u00e4ren die Organisator:innen, und fahren unter dem Klatschen der Menschenmenge fort: \u201cSein Leben und sein Werk bezeugen, dass Schwarze Geschichte untrennbar mit diesem Land verbunden ist. Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe ist ein Symbol f\u00fcr ein wertsch\u00e4tzendes Erinnern Schwarzer Menschen im 18. Jahrhundert.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heute, am 23. August 2025, wurden die neuen Stra\u00dfenschilder der Anton-Wilhelm-Amo-Stra\u00dfe offiziell enth\u00fcllt. Ein Schritt zur Dekolonialisierung der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":367683,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,1940,1938],"class_list":{"0":"post-367682","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-nachrichten-aus-berlin","15":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115079680091091273","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367682"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367682\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/367683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}