{"id":367978,"date":"2025-08-23T22:08:26","date_gmt":"2025-08-23T22:08:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367978\/"},"modified":"2025-08-23T22:08:26","modified_gmt":"2025-08-23T22:08:26","slug":"fotos-von-weltpolitischer-groesse-ein-ganzes-jahrhundert-auf-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367978\/","title":{"rendered":"Fotos von weltpolitischer Gr\u00f6\u00dfe: Ein ganzes Jahrhundert auf Film"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Im Herbst 1979 reist ein US-B\u00fcrger nach Deutschland. Er ist auf der Suche nach Fotomotiven, die unter anderem in einer Ausstellung im Smithsonian Institute in Washington gezeigt werden sollen. Gesponsert wird es von der United Technologies Company. So durchstreift ein Mann mit seiner kleinen Leica-Kamera auch Berlin, die Stadt, die er seit seiner Emigration vor 44 Jahren nicht mehr gesehen hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Alfred Eisenstaedt, genannt \u201eEisie\u201c, ist 81 Jahre alt und einer der ber\u00fchmtesten <a href=\"https:\/\/taz.de\/Deutschsprachige-Fotografen-im-US-Exil\/!6057173\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fotoreporter<\/a> der Welt. Sein Aufenthalt wird in Berlin, wo er von 1906 bis 1935 lebte, auch zu einer Reise in seine Vergangenheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Eisenstaedt, der bereits als 14-j\u00e4hriger seine <a href=\"https:\/\/taz.de\/Fotografin-ueber-Hamburger-Hafenstrasse\/!5976690\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ersten Fotos<\/a> machte, arbeitete nach seiner Gymnasialzeit und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zun\u00e4chst mit im Gesch\u00e4ft der Familie und fotografierte nur in seiner Freizeit. Als er 1927 zum ersten Mal ein Foto an die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Gruender-von-neuer-Print-Zeitschrift-NBIZ\/!6039891\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berliner Illustrirte Zeitung<\/a>verkaufen konnte, beendete das die eher ungeliebte Kaufmannslaufbahn.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">1929 bekam Eisenstaedt seinen ersten gro\u00dfen internationalen Auftrag, als er die Verleihung des Nobelpreises fotografisch begleiten durfte. Ein Jahr sp\u00e4ter heiratete er in erster Ehe Lieselotte Frank, da war er l\u00e4ngst ein bekannter Fotograf und Bildreporter, unter anderem f\u00fcr die Berliner Illustrirte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Nach seiner Emigration brachte er es bis zum \u201eHausfotografen\u201c des Life-Magazins. Im Lauf der Zeit entstanden \u00fcber 2.500 Fotos aus aller Welt, 90 mal zierte eines seiner Werke die Titelseite. Eisenstaedt hatte sich nach seiner Emigration mit den neuen Lebensumst\u00e4nden arrangiert, w\u00e4hrend sich sein Bruder Erich nach seiner Emigration nichts sehnlicher gew\u00fcnscht hatte, als mit seiner Frau Else nach Deutschland zur\u00fcckzukehren, aber bis ans Lebensende in Israel blieb.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Es wird Alfred Eisenstaedt im Jahr 1979 seiner R\u00fcckkehr \u2013 lange hatte er gez\u00f6gert \u2013 geschmerzt haben zu sehen, wie sich die Stadt ver\u00e4ndert hatte, in die der 1898 im westpreu\u00dfischen Dirschau geborene Kaufmannssohn einst umgesiedelt war; Vater Josef Eisenstaedt hatte am Dirschauer Marktplatz eine Wei\u00df-, Woll- und Strumpfwarenhandlung betrieben. Nun war der Auftrag f\u00fcr Eisenstaedt, der sich nie als politisch betrachtete, aktuelle Fotos den alten aus seiner Berliner Zeit gegen\u00fcberzustellen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Aber was war noch politischer als die Berliner Mauer? Die Menschenverachtung und die Opfer, die sie eben durch politische Gegebenheiten gefordert hatte? All das muss f\u00fcr Eisenstaedt, der einst nur drei Monate nach seiner Emigration 1936 in New York die US-Staatsb\u00fcrgerschaft beantragt hatte, sehr befremdlich gewesen sein.<\/p>\n<p>      Bis zur Unkenntlichkeit verst\u00fcmmelt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Seine alte Heimat, so wie er sie kannte, war verloren. So gerieten die Berlin-Bilder auch zu einer Art pers\u00f6nlichen Abgesang. Eisenstaedt sah eine Stadt, die durch eine mitunter todbringende Mauer geteilt worden war, als ob sie der Zweite Weltkrieg nicht sowieso schon bis zur Unkenntlichkeit verst\u00fcmmelt h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Eisenstaedt fotografierte damals unter anderem auch ein Schaufenster des KaDeWe, wo man anl\u00e4sslich der Israel-Wochen vom 14. bis zum 29. September 1979 ein eigenes Fenster gestaltet hatte, das als Werbung f\u00fcr die Pr\u00e4sentation israelischer Waren dienen sollte. \u201eShalom Jerusalem\u201c hie\u00df es auf dem Fenster, w\u00e4hrend sich darauf der Mercedes-Stern auf dem Dach des Europa-Centers spiegelte, aber auch der pr\u00e4gnante Rundbau des Leiser-Schuhgesch\u00e4fts zu erkennen war.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Der heutige Betrachter ahnt, dass dieses Fenster 2025 vielleicht nicht lange halten w\u00fcrde, zu politisch aufgeheizt ist die Stimmung in der Stadt. Nat\u00fcrlich besuchte Eisenstaedt den J\u00fcdischen Friedhof Wei\u00dfensee. Dort hatte er als Zehnj\u00e4hriger um seinen Gro\u00dfvater, den Fleischermeister Moses Eisenstaedt, getrauert und drei Jahre sp\u00e4ter um seinen f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bruder Herbert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Auch 1925 hatte er dort gestanden \u2013 noch als Kaufmann, der bei den Eltern wohnte. Der Vater war l\u00e4ngst tot, hatte aber immerhin eine Grabst\u00e4tte, anderen Mitglieder der Familie Eisenstaedt war das versagt geblieben. Alle vier Kinder von Salomon Eisenstaedt \u2013 Johanna, Ida, Arthur und Erna \u2013, Alfreds Eisenstaedts Onkel, und dessen Frau Rosa geborene Blumenheim wurden 1943 in Auschwitz ermordet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">So geriet das junge M\u00e4dchen, das Eisenstaedt auf dem Friedhof Wei\u00dfensee wohl zuf\u00e4llig traf, stellvertretend f\u00fcr die eigene Trauer. Vergangenheit und Gegenwart vermischten sich, als das M\u00e4dchen, das ebenfalls das Grab ihrer Familie besuchte, apathisch auf den Boden starrte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Eisenstaedts kleine Kamera klickte leise. Vermischte sich der Privatmensch mit dem professionellen Bildreporter. Es war die Kunst Eisenstaedts, erz\u00e4hlerische Situationen intuitiv in einem Bruchteil von Sekunden aufzugreifen und fotografisch zu verewigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Be\u00e4ngstigend hingegen war vor allem das Foto eines Todesstreifens an der Berliner Mauer, aber auch das des Gedenk\u00adortes f\u00fcr den Mauertoten Bernd L\u00fcnser, der am 4. Oktober 1961 bei einem Fluchtversuch an der Bernauer Stra\u00dfe gestorben war, als er von einem Hausdach sprang und dabei das von der Westberliner Feuerwehr auf\u00adgespannte Sprungtuch verfehlte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">Nat\u00fcrlich konnte Eisenstaedt auch ein derma\u00dfen starkes Motiv wie den Fernsehturm nicht ignorieren, der bei ihm alles andere \u00fcberragte, was nicht schwer war. Die Soldaten im Wachturm an der Mauer, die durch die ungew\u00f6hnlichen Lichtverh\u00e4ltnisse nur schemenhaft wirkten, sahen durch den Fernsehturm noch kleiner, noch anonymer aus, weil sie sowieso fast mit dem Beton zu verschmelzen schienen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Die Fotos haben einen dokumentarischen Wert f\u00fcr die Geschichte der deutschen Teilung haben, so wie die Aufnahme vom Leninplatz, auf der zwei mutma\u00dfliche Stasi-M\u00e4nner im Trenchcoat im Schatten Lenins zielstrebig die monumentalen Plattenh\u00e4user ansteuern.<\/p>\n<p>      \u201eK\u00f6nig seines Berufs\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">F\u00fcr Eisenstaedts pers\u00f6nliche Historie ganz besonders symboltr\u00e4chtig war nicht nur die Aufnahme von Wei\u00dfensee, sondern die von der Stelle des Bunkers, in dem Hitler starb. Der Mann, der daran schuld war, dass Eisenstaedt hatte emigrieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"20\">An d\u00e4monischer Stimmung \u00fcbertreffen konnte das nur noch ein Foto, das Eisenstaedt 1933 im Rahmen einer Reportage \u00fcber die Konferenz des V\u00f6lkerbunds in Genf aufgenommen hatte. Joseph Goebbels\u2019 Blick und Haltung verriet deutlich, wie sehr er Eisenstaedt aufgrund seiner Religion verachtete.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">Eisenstaedt lie\u00dfen diese Teufel in Menschengestalt aber augenscheinlich kalt. Laut eigener Aussage war er v\u00f6llig angstfrei, sobald er eine Kamera in der Hand hielt. Mit ihr hatte Eisenstaedt sehr oft unsichtbare Schranken beseitigt und gesellschaftliche Barrieren aufgel\u00f6st. Das hatte zu einem entspannten Umgang mit K\u00f6nigen, Politikern und Prominenten gef\u00fchrt \u2013 au\u00dfer eben bei Goebbels.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">Das war Eisenstaedts St\u00e4rke: den \u201eerz\u00e4hlenden\u201c Moment finden und f\u00fcr die Ewigkeit festhalten, sich selber dabei zur\u00fccknehmen. Keinesfalls vor dem anderen in Ehrfurcht erstarren, wer oder was auch immer er war.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"23\">Er sei \u201eK\u00f6nig seines Berufs\u201c, schrieb eine US-Zeitung \u00fcber ihn. Ein Mensch, der wusste, was er konnte, der privat einen gesunden Lebensstil pflegte, nicht rauchte und nicht trank. Der fr\u00fch ins Bett ging und um f\u00fcnf Uhr morgens aufstand. Der aber auch die Musik und das G\u00e4rtnern liebte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"24\">Der preisgekr\u00f6nte Fotoreporter Alfred Eisenstaedt starb am 23. August 1995 an einem Herzstillstand. Noch zu Lebzeiten hatte Eisenstaedt s\u00e4mtliche Negative an die Time Inc. \u00fcbergeben. 278 Fotos, darunter die im Jahr 1979 in Berlin aufgenommenen, sind heute in einer <a href=\"https:\/\/www.icp.org\/browse\/archive\/constituents\/alfred-eisenstaedt\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Onlineausstellung<\/a> zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Herbst 1979 reist ein US-B\u00fcrger nach Deutschland. 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