{"id":367980,"date":"2025-08-23T22:09:22","date_gmt":"2025-08-23T22:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367980\/"},"modified":"2025-08-23T22:09:22","modified_gmt":"2025-08-23T22:09:22","slug":"helene-bracht-das-lieben-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/367980\/","title":{"rendered":"Helene Bracht: Das Lieben danach"},"content":{"rendered":"<p>Im Buch nennt sie ihn \u201eStrecker\u201c. Er ist Untermieter im Haus der Eltern. Strecker ist Schriftsteller, gebildeter als die Eltern, die im Erdgeschoss eine Polsterwerkstatt betreiben. Die Eltern sind froh, dass er der kleinen Lene bei den Hausaufgaben hilft. Dass Lenes Schreibheft trotzdem voller Tintenkleckse ist, bemerkt nur die Lehrerin, die dar\u00fcber schimpft. Der Tintenklecks entsteht jedes Mal, wenn Lene nicht mehr weiterschreiben kann, weil Strecker seine H\u00e4nde unter ihr Hemdchen gleiten l\u00e4sst und seinen Finger in sie steckt. Das tut \u201eh\u00f6llisch weh\u201c und \u201ejetzt muss man sich irgendwo festhalten k\u00f6nnen. Ich halte mich am F\u00fcller fest und schaue auf den blauen See, der gr\u00f6\u00dfer wird.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Schweigen und Durchhalten ist f\u00fcr alle \u00dcberlebensstrategie<\/p>\n<p>Jahrzehntelang hat Helene Bracht das, was ihr als M\u00e4dchen passiert ist, abgetan als \u201ekleine Fummelei\u201c. Dabei hat sie sich durchaus intensiv mit K\u00f6rper und Seele besch\u00e4ftigt, studierte Erziehungswissenschaften und Psychologie, wurde sp\u00e4ter Schauspielerin und Regisseurin. Heute arbeitet sie wieder als Psychologin mit eigener Praxis. Doch die 1955 geborene Helene Bracht musste 70 Jahre alt werden, bevor sie jetzt in einem ebenso klugen wie ber\u00fchrenden Buch beschreiben konnte, wie \u201edas bisschen Gefummel\u201c sie ihr ganzes Leben lang begleitet und wie tief es ihre Beziehungen und ihre Sexualit\u00e4t gepr\u00e4gt hat. Titel: \u201eDas Lieben danach\u201c.<\/p>\n<p>Am Anfang steht die Frage: Warum hat sie nichts gesagt? Weil die Siebenj\u00e4hrige erlebt, wie die Mutter dem Vater grimmig, aber gehorsam aus der K\u00fcche ins Schlafzimmer folgt, wenn der \u201edie K\u00fcchent\u00fcr aufrei\u00dft und mit finster entschlossener Miene exakt zwei W\u00f6rter ausst\u00f6\u00dft: \u201eIrma, jetzt!\u201c Weil der schwer kriegsversehrte Vater, dessen Becken bei einem Bombenangriff zertr\u00fcmmert wurde, seine Schmerzen \u201emit stoischem Ingrimm\u201c aush\u00e4lt und die Tochter stets dazu angehalten wird, ihn daf\u00fcr zu bewundern?<\/p>\n<p>Dass \u201eauch ich klaglos Schmerzen aushielt, verband mich aufs Innigste mit meinem Vater. Ich wollte auch meinen Teil der Last tragen.\u201c In der Wirtschaftswunderzeit ist Schweigen und Durchhalten f\u00fcr alle \u00dcberlebensstrategie.\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.emma.de\/shop\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" alt=\"Mehr EMMA lesen! Die September\/Oktober-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im www.emma.de\/shop\" class=\"image-teaser-high aligncenter\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/2025_05_titel_h_19.jpg\" style=\"float: left;\" title=\"Mehr EMMA lesen! Die September\/Oktober-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im www.emma.de\/shop\"\/><\/a> Mehr EMMA lesen! Die September\/Oktober-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im <a href=\"http:\/\/www.emma.de\/shop\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.emma.de\/shop<\/a>\n<\/p>\n<p>Und dann ist da noch die perfide Strategie des T\u00e4ters, die so typisch wie zerst\u00f6rerisch ist: \u201eDu bist etwas ganz Besonderes\u201c, versichert Strecker dem von den Eltern so oft \u00fcbersehenen M\u00e4dchen. Strecker ist beides: \u201emein Held\u201c und ein T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Was diese Ambivalenz f\u00fcr ihr k\u00fcnftiges (Liebes)Leben bedeutet, beschreibt Helene Bracht pr\u00e4zise und schmerzhaft ehrlich. Da sind zun\u00e4chst die \u201eschwitzenden Jungen\u201c, denen sie sich zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p>Das Gefallenwollen unter Missachtung der eigenen W\u00fcnsche macht die junge Frau zu einer \u201eguten Liebhaberin\u201c: \u201eIch achtete auf jede Regung, las die sprichw\u00f6rtlichen W\u00fcnsche von vielen Augenpaaren ab.\u201c Es ist die Zeit der sexuellen Befreiung. \u201eIch bewegte mich im Mainstream. Keine Auff\u00e4lligkeiten.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Es folgen: Eine erste feste Beziehung, die endet, weil sie sich vor dem Sex \u00fcbergeben muss. Sex mit M\u00e4nnern, der nur funktioniert, wenn sie \u00fcber jeden Schritt die absolute Kontrolle beh\u00e4lt. Und Sex mit Frauen, in denen sie, wie sie offen zugibt, selbst zu einer Art T\u00e4terin wird.<\/p>\n<p>Helene Bracht reflektiert und philosophiert in poetischer Sprache \u00fcber Scham, Kontrollverlust und Grenzen, verliert sich aber nie in der Abstraktion, sondern findet immer wieder zu sich selbst und ihrer Urverletzung. Und nat\u00fcrlich wei\u00df sie, dass das Private politisch ist: \u201eW\u00e4re das Patriarchat ein Wirtschaftsunternehmen, w\u00fcrde ein weibliches Missbrauchs-Skillset umstandslos als Kompetenzprofil f\u00fcr weibliche High-Performer durchgehen. Zumindest bei mir hat das tadellos geklappt.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Weiterlesen: Helene Bracht: Das Lieben danach (Hanser, 22 \u20ac)<\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/shop\/magazine-emagazine-311571\" class=\"emm-btn emm-btn-red emm-btn-center-bottom\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ausgabe<br \/>\nbestellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Buch nennt sie ihn \u201eStrecker\u201c. Er ist Untermieter im Haus der Eltern. 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