{"id":368248,"date":"2025-08-24T00:42:29","date_gmt":"2025-08-24T00:42:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/368248\/"},"modified":"2025-08-24T00:42:29","modified_gmt":"2025-08-24T00:42:29","slug":"wasserstoff-warten-auf-das-grosse-h","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/368248\/","title":{"rendered":"Wasserstoff: Warten auf das gro\u00dfe H"},"content":{"rendered":"<p>Vor einem halben Jahrzehnt r\u00fcckte Wasserstoff in den Fokus der deutschen Energiedebatte. Wann jedoch der Energietr\u00e4ger \u2013 klimaneutral erzeugt \u2013 in gro\u00dfen Mengen zur Verf\u00fcgung stehen wird, ist bis heute v\u00f6llig offen. Das Unternehmen MB Energy bereitet in Hamburg den Import von Ammoniak vor \u2013 auch f\u00fcr den Hochlauf einer k\u00fcnftigen Wasserstoffwirtschaft.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Geruch von Heiz\u00f6l und Diesel h\u00e4ngt \u00fcber dem Tanklager von MB Energy am Blumensand im Hamburger Hafen. K\u00fcnftig k\u00f6nnte hier, am Enport-Terminal, vor allem ein Energietr\u00e4ger importiert werden, der nicht auf Erd\u00f6l basiert, wie heutzutage die meisten fl\u00fcssigen Brenn- und Kraftstoffe. Denn der Hamburger Hafen, so das Ziel des Hamburger Senats, soll Drehscheibe einer klimaneutralen Energiewirtschaft werden.<\/p>\n<p>In den kommenden Jahren will das Hamburger Unternehmen MB Energy den Import von Ammoniak starten, das aus Stickstoff und Wasserstoff besteht und frei von Kohlenstoff ist. Interessant ist dabei f\u00fcr die Energiewirtschaft und f\u00fcr die Industrie vor allem der Wasserstoff mit der chemischen Formel H \u2013 er soll eine Grundlage f\u00fcr die Energieversorgung der Zukunft werden. Allerdings wei\u00df heutzutage niemand, wann genau das sein wird. \u201eVor gut einem Jahr haben wir den Genehmigungsantrag bei der Hamburger Umweltbeh\u00f6rde eingereicht, mehr als 1500 Seiten\u201c, sagt Volker Ebeling beim Blick aus dem Verwaltungsgeb\u00e4ude auf den Terminal. \u201eDie Teilgenehmigung f\u00fcr die Beladung der Schiffe liegt bereits vor. Wir warten nun, dass der Antrag noch im Laufe dieses Jahres vollst\u00e4ndig genehmigt wird.\u201c<\/p>\n<p>Der Manager Ebeling \u2013 dessen Titel Senior Vice President, New Energy, Supply &amp; Infrastructure lautet \u2013 erkl\u00e4rt an diesem Nachmittag eines der wichtigsten Projekte f\u00fcr die Transformation des Hamburger Hafens hin zu einer Energieversorgung, die vorrangig auf erneuerbaren Energien und auf Wasserstoff basiert. MB Energy plant einen Importterminal f\u00fcr Ammoniak, ein Tanklager und Anlagen zum Weitertransport der Chemikalie auf Schiffen, Z\u00fcgen und Lastwagen. Ammoniak dient unter anderem als Grundstoff zur Herstellung von D\u00fcngemitteln und f\u00fcr eine Reihe anderer Produkte. Das Unternehmen Air Products wiederum soll einen Teil des importierten Ammoniaks mit einem sogenannten \u201eCracker\u201c in seine Bestandteile Wasserstoff und Stickstoff aufspalten \u2013 um an den begehrten Wasserstoff heranzukommen. In gebundener Form als Ammoniak l\u00e4sst sich Wasserstoff auf Tankern besser transportieren als im reinen Zustand.<\/p>\n<p>Am Ende des vergangenen Jahrzehnts r\u00fcckte Wasserstoff in den Blick deutscher und internationaler Energieexperten. Die damalige Bundesregierung aus Union und SPD verabschiedete 2020 eine \u201eNationale Wasserstoffstrategie\u201c. Die darauffolgende Ampelkoalition aus SPD, Gr\u00fcnen und FDP warb seit Ende 2021 f\u00fcr den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Etliche Unternehmen formulierten ehrgeizige Wasserstoffprojekte. Doch die Pandemie, der Ukrainekrieg und viele andere Krisen d\u00e4mpften die Hoffnungen, dass dieser Strukturwandel \u2013 flankiert auch vom \u201eEuropean Green Deal\u201c der EU-Kommission \u2013 schnell vorankommen k\u00f6nnte. Regenerativ erzeugter Wasserstoff ist noch immer viel zu teuer, um mit fossilen Energietr\u00e4gern konkurrieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die seit Mai regierende Koalition von Union und SPD im Bund m\u00f6chte den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft weiter vorantreiben \u2013 vieles aber bleibt dabei noch vage. Der Deutsche Wasserstoff-Verband stellt fest: \u201eWir hinken den Ausbauzielen zeitlich hinterher. Die Planungen werden auch dadurch ma\u00dfgeblich verz\u00f6gert, dass es zwar einen regulatorischen Rahmen bez\u00fcglich der Produktion von Wasserstoff sowie der innerdeutschen Leitungsinfrastruktur gibt\u201c, hei\u00dft es in einer Stellungnahme. \u201eWas noch aussteht, ist aber ein Rahmen zur Anreizung der Nachfrage nach Wasserstoff, zur Umstellung von Hochtemperaturprozessen in der Industrie und zur Nutzung in der Energiewirtschaft. Die Frage nach der Speicherinfrastruktur ist ebenfalls ungekl\u00e4rt.\u201c<\/p>\n<p>Anders als die Ampelregierung, will die neue schwarz-rote Koalition den Fokus nicht speziell auf \u201egr\u00fcnen\u201c Wasserstoff legen, der per Elektrolyse mithilfe von \u00d6kostrom aus der Aufspaltung von Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen wird. Auch dem sogenannten \u201eblauen\u201c Wasserstoff misst die neue Bundesregierung eine hohe Bedeutung bei. \u201eBlauer\u201c Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen. Das bei der Erzeugung freigesetzte Kohlendioxid wird aufgefangen und in unterirdische Lagerst\u00e4tten verpresst, mithilfe der sogenannten CCS-Technologie. <\/p>\n<p>\u201eDer Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft soll beschleunigt und pragmatischer ausgestaltet werden\u201c, teilte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums mit. \u201eZiel ist langfristig die Umstellung auf klimaneutralen Wasserstoff, basierend auf einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien aus dem Inland und aus Importen.\u201c Im Inland m\u00fcssen daf\u00fcr zahlreiche gro\u00dfe Elektrolyseure gebaut werden: \u201eWasserstofferzeugung wollen wir sowohl \u00fcber gro\u00dfe systemdienliche Elektrolyseanlagen als auch verst\u00e4rkt dezentral und fl\u00e4chendeckend erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Zuletzt allerdings zeigt die Wirtschaft weniger Begeisterung f\u00fcr das Thema Wasserstoff als noch ein halbes Jahrzehnt zuvor. Viele Projekte f\u00fcr den Einsatz von Wasserstoff wurden von Unternehmen im zur\u00fcckliegenden Jahr gestoppt oder abgesagt. Der weltgr\u00f6\u00dfte Stahlkonzern ArcelorMittal etwa will seine Werke in Bremen und Eisenh\u00fcttenstadt vorerst nicht f\u00fcr den Einsatz von Wasserstoff vorbereiten. Ob Wasserstoff in absehbarer Zeit im Hamburger Werk von ArcelorMittal genutzt wird, ist ebenfalls offen \u2013 technologisch w\u00e4re die Anlage innerhalb des Konzerns in Deutschland daf\u00fcr am besten aufgestellt. <\/p>\n<p>\u201eIn Hamburg gibt es bisher keinen F\u00f6rdermittelbescheid des Bundeswirtschaftsministeriums f\u00fcr die geplante Pilot-Direktreduktionsanlage, in der ,gr\u00fcner\u2018 Wasserstoff genutzt werden soll. Zudem ist gr\u00fcner Wasserstoff f\u00fcr das Hamburger Projekt nicht zu wettbewerbsf\u00e4higen Preisen verf\u00fcgbar \u2013 und generell nicht in ausreichender Menge existent\u201c, sagt ein Sprecher von ArcelorMittal. \u201eDie Bewerbung zur Teilnahme an neuen Klimaschutzvertr\u00e4gen \u2013 mit denen die anfangs deutlich h\u00f6heren Produktionskosten ausgeglichen werden sollen \u2013 ist m\u00f6glich, aber die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Antragstellung sind bisher nicht verf\u00fcgbar.\u201c<\/p>\n<p>Hamburg soll in den kommenden Jahrzehnten ein Wasserstoff-Zentrum werden. Der rot-gr\u00fcne Senat treibt daf\u00fcr \u2013 auch in Kooperation mit den st\u00e4dtischen Energieunternehmen \u2013 den Aufbau der Infrastruktur voran. Eine Studie des Fraunhofer Centers f\u00fcr maritime Logistik und Dienstleistungen ergab, dass Hamburg durch den seeseitigen Import und die Eigenerzeugung im Hafen bis 2045 einen Anteil von bis zu 18 Prozent des gesamten deutschen Bedarfs an \u201egr\u00fcnem\u201c Wasserstoff und dessen Derivaten \u2013 Ammoniak, Methanol, synthetischem Diesel und Benzin \u2013 decken k\u00f6nnte. Dieser Energiebedarf wird f\u00fcr 2045 mit 540 Terawattstunden kalkuliert. Zum Vergleich: Der deutsche Stromverbrauch des Jahres 2024 betrug insgesamt rund 464 Terawattstunden.<\/p>\n<p>Das Unternehmen Hamburger Energienetze stellt im und am Hafen bis 2027 die ersten 40 von sp\u00e4ter insgesamt 60 Kilometern eines neuen Wasserstoffnetzes fertig, das mit dem gesamtdeutschen \u201eWasserstoff-Kernnetz\u201c verbunden wird. Die Hamburger Energiewerke und der Finanzinvestor Luxcara wiederum wollen auf dem Gel\u00e4nde des abgerissenen Steinkohlekraftwerks Moorburg 2027 einen ersten Elektrolyseur mit 100 Megawatt Leistung zur Erzeugung von \u201egr\u00fcnem\u201c Wasserstoff in Betrieb nehmen: \u201eIm Zuge des in Deutschland avisierten Wasserstoffhochlaufs ist am Standort Moorburg eine Skalierung auf voraussichtlich insgesamt 800 Megawatt geplant\u201c, teilen die Hamburger Energiewerke mit. \u201eWir bereiten zum gegebenen Zeitpunkt entsprechende Markterkundungen und Ausschreibungen vor.\u201c Rund 10.000 Tonnen Wasserstoff im Jahr kann ein Elektrolyseur mit 100 Megawatt Leistung erzeugen.<\/p>\n<p>Entscheidend allerdings werden die Projekte privatwirtschaftlicher Unternehmen sein \u2013 in Hamburg haupts\u00e4chlich von MB Energy. \u201eWenn wir Ende dieses Jahres die Genehmigung bekommen, brauchen wir voraussichtlich sechs bis zw\u00f6lf Monate, um abschlie\u00dfend die Investitionsentscheidung zu treffen, auch im Dialog mit potenziellen Kunden. Danach br\u00e4uchten wir zweieinhalb Jahre Bauzeit\u201c, sagt Manager Volker Ebeling. \u201eDas Tanklager f\u00fcr Ammoniak, das wir in Hamburg gerade konzipieren, ist f\u00fcr bis zu einer Million Tonnen Ammoniak-Import im Jahr geeignet. Wir rechnen mit 600.000 Tonnen Jahresumschlag beim Ammoniak, das entspr\u00e4che etwa 100.000 Tonnen Wasserstoff.\u201c <\/p>\n<p>Das erste Ammoniak, das MB Energy k\u00fcnftig importiert, wird vermutlich aus den USA kommen: \u201eWir nehmen in diesen Wochen in Texas City eine der weltgr\u00f6\u00dften Ammoniak-Produktionsanlagen in Betrieb, an der wir ma\u00dfgeblich beteiligt sind\u201c, sagt Ebeling. \u201eDort werden bis zu 1,3 Millionen Tonnen Ammoniak im Jahr produziert. K\u00fcnftig k\u00f6nnte das auch ,blaues\u2018 Ammoniak sein, mit Wasserstoff, der aus Erdgas extrahiert wird.\u201c F\u00fcr den Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft sei \u201eblaues\u201c Ammoniak unverzichtbar: \u201eDer Hochlauf l\u00e4sst sich in den kommenden Jahren mit ,gr\u00fcnem\u2018 Ammoniak nicht realisieren.\u201c<\/p>\n<p>Auch bei dem Importprojekt von MB Energy in Hamburg bleibt ein wesentlicher Punkt allerdings vorerst noch offen \u2013 ob n\u00e4mlich das US-Unternehmen Air Products im Hafen tats\u00e4chlich einen \u201eCracker\u201c zur Aufspaltung von Ammoniak in Wasserstoff und Stickstoff installieren wird. \u201eAir Products hat daf\u00fcr bislang keinen Genehmigungsantrag gestellt\u201c, sagt Ebeling. \u201eDas muss allerdings auch nicht unbedingt parallel zu unserem Genehmigungsverfahren laufen. Wir haben uns entschlossen, mit Air Products als einem sehr kompetenten Partner zusammenzuarbeiten, einem der gr\u00f6\u00dften Wasserstoffunternehmen der Welt. Wir k\u00f6nnten das aber auch gemeinsam mit anderen Partnern realisieren, mit denen wir im Austausch stehen.\u201c<\/p>\n<p>In der saudi-arabischen Retortenstadt Neom am Roten Meer ist Air Products am Aufbau einer gigantischen Infrastruktur beteiligt \u2013 der k\u00fcnftig wohl gr\u00f6\u00dften Erzeugung von \u201egr\u00fcnem\u201c Wasserstoff und Ammoniak weltweit. Eine Anfrage, ob und wann das Unternehmen eine Genehmigung f\u00fcr einen Ammoniak-Cracker in Hamburg beantragen wird, beantwortete Air Products nicht.<\/p>\n<p><b>Olaf Preu\u00df ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG f\u00fcr Hamburg und Norddeutschland. \u00dcber die deutsche und internationale Energiewirtschaft berichtet er seit mehr als drei Jahrzehnten.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor einem halben Jahrzehnt r\u00fcckte Wasserstoff in den Fokus der deutschen Energiedebatte. 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