{"id":369976,"date":"2025-08-24T17:38:10","date_gmt":"2025-08-24T17:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/369976\/"},"modified":"2025-08-24T17:38:10","modified_gmt":"2025-08-24T17:38:10","slug":"gerhard-j-rekel-lina-morgensternonline-merker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/369976\/","title":{"rendered":"\u00bb Gerhard J. Rekel: LINA MORGENSTERNOnline Merker"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-437222 alignleft\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/BUCH-Lina-Morgenstern-2_1.jpg\" alt=\"buch lina morgenstern 2 ~1\" width=\"188\" height=\"300\"\/><\/p>\n<p><strong>LINA MORGENSTERN: <br \/>DIE GESCHICHTE EINER REBELLIN<br \/><\/strong><strong>264 Seiten, Kremayr &amp; Scheriau, 2025<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was getan werden muss<\/strong><\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein: Die meisten Menschen au\u00dferhalb Berlins (wo ihr Name zum Gedenken gelegentlich auftaucht) haben vermutlich noch nie von Lina Morgenstern geh\u00f6rt. Man m\u00fcsste sich spezifisch mit Sozialwissenschaften und dabei mit deren feministischer Aufarbeitung befassen, damit sie in den Fokus ger\u00e4t. Nun hat der aus Graz stammende Wissenschaftsjournalist Gerhard J. Rekel sich auf gemacht, erneut seiner Lust an Biographischen nachzugehen (man dankt ihm schon eine spannende Geschichte \u00fcber das Leben des belgischen Unternehmers Georges Nagelmackers, der den Orient-Express \u201eerfand\u201c).<\/p>\n<p>Nun steht eine Frau im Mittelpunkt, die zu den gro\u00dfen Sozialarbeiterinnen und Reformerinnen der deutschen Geschichte z\u00e4hlt: Lina Morgenstern (1830-1909), geboren in einem Revolutionsjahr, gepr\u00e4gt vom n\u00e4chsten Revolutionsjahr (1848). Wenn der normale Mensch (kann man sich da selbst ausnehmen?) angesichts des Elends anderer mitleidsvoll nickt und wegschaut, hat diese aus Breslau stammende, nach Berlin zugezogene \u00a0J\u00fcdin nicht nur hingesehen, sondern auch etwas getan. Das unterscheidet sie und ihre Kolleginnen von all den anderen, die bestenfalls (in der Politik und Ideologie) bombastische Spr\u00fcche klopfen, aber nie in die Realit\u00e4t hinein gehen.<\/p>\n<p>Der Autor hat Linas Geschichte ein Zitat von Marie Curie voran gestellt: \u201eIch besch\u00e4ftige mich nicht mit dem, was getan worden ist. Mich interessiert, was getan werden muss.\u201c Darum ging es.<\/p>\n<p>Nun muss der Erz\u00e4hler ihrer Geschichte begr\u00fcnden, wie eine Tochter aus wohlhabender j\u00fcdischer Familie in Breslau (Vater Albert Bauer war M\u00f6belfabrikant, die Mutter Fanny stammte aus der angesehenen Senatorenfamilie Adler aus Krakau), die neben der f\u00fcr M\u00e4dchen vorgesehenen Schulbildung noch Privatunterricht erhielt, einen so ungew\u00f6hnlichen Lebensweg w\u00e4hlte. Lina war seit ihrer Kindheit extrem interessiert an den Wissenschaften, half den Br\u00fcdern bei den Schularbeiten, lernte Sprachen ohne Anleitung (!)\u00a0 und konnte in ihrem Elternhaus ihren Bildungshunger ausleben.<\/p>\n<p>So war es gewisserma\u00dfen logisch, dass sie anderes im Kopf hatte als die \u00fcblichen M\u00e4dchenideen, die das Leben von Frauen in dieser Epoche beschr\u00e4nkten \u2013 wenn sie auch jung den Mann fand, den sie liebte, und die Ehe mit Theodor Morgenstern durchsetzte.<\/p>\n<p>Aber so, wie man die junge Lina kennen lernt, verwundert es nicht, dass sie an ihrem 18. Geburtstag einen Verein gr\u00fcndete \u2013 den \u201ePfennigverein<\/p>\n<p>zur Unterst\u00fctzung armer Schulkinder\u201c. Damit war die Linie ihres Lebens vorbestimmt. Kinder, Arme, Benachteiligte, allen, die Hilfe brauchten, wandte sie sicih zu. \u201eVor allem war sie hartn\u00e4ckig\u201c, wird Lina von ihrem Autor charakterisiert. Anders w\u00e4re diese ziemlich singul\u00e4re Leistung \u00a0auch nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>Nun l\u00e4uft das Leben von Lina, die mit dem Gatten nach Berlin zieht, wo er ein anfangs gut gehendes Modegesch\u00e4ft betreibt, auf vielen Ebenen. Ehe und Familie waren nicht nur ihr Thema als Frauenrechtlerin, sie hat es auch gelebt \u2013 mit einem verst\u00e4ndnisvollen Ehemann, dem sie nach und nach f\u00fcnf Kinder gebar, die T\u00f6chter Clara, Olga, Martha, die S\u00f6hne Michael und Alfred Albert. Alle wurden beruflich erfolgreich.<\/p>\n<p>Sie musste, um es vorweg zu nehmen, ihre T\u00f6chter Martha und Olga begraben, und den Tod von Sohn Michael hat sie nur wenige Monate \u00fcberlebt. Auch war das Privatleben insofern nicht einfach, da Lina und ihr Gatte bei vielen ihrer Projekte auch mit ihrem pers\u00f6nlichen Verm\u00f6gen gerade standen, was sie einmal sogar an den Rand des Ruins brachte.<\/p>\n<p>Folgt man Lina nun durch alles, was sie in ihrem Leben an \u201eWohlt\u00e4tigkeit\u201c unternommen hat, um diesen Sammelbegriff f\u00fcr ihr vielf\u00e4ltiges Tun zu w\u00e4hlen, wird man geradezu schwindlig. Nat\u00fcrlich war sie zu einer Zeit, wo intellektuelle Frauen wie sie zu Gunsten ihrer benachteiligten Geschlechtsgenossinnen aufstanden, nicht allein. Aber vieles ging auf ihre Initiative zur\u00fcck und \u00fcber die Frauenrechte hinaus. Die Sorge um die Kinder und das Durchsetzen von Kinderg\u00e4rten (die vom Staat als ideologisch gef\u00e4hrlich verboten worden waren). Die Volksk\u00fcchen, die zahllosen Hungernden zu gesunden Mahlzeiten verhalfen. Es war eine Zeit der Kriege, sie k\u00fcmmerte sich um Verwundete \u2013 und nicht nur die deutschen, auch die \u201efeindlichen\u201c. Sie dachte an die Rechte und Weiterbildung der Unterschicht-Frauen (etwa Dienstm\u00e4dchen) und k\u00fcmmerte sich um straff\u00e4llig gewordene M\u00e4dchen und deren R\u00fcckkehr in ein geregeltes Leben. Ebenso war die Prostitution ein Problem. Mit Bertha von Suttner fand sie sich im Kampf um den Frieden.<\/p>\n<p>Nebenbei schrieb sie nicht nur Kinder-, sondern auch Sachb\u00fccher, und sie gr\u00fcndete eine Frauenzeitschrift, war in uahlreichen Vereinen f\u00fchrend engagiert, von denen sie einige gegr\u00fcndet hatte. Widerst\u00e4nde gab es ohne Zahl, da brauchte es gar nicht den Antisemitismus, der ihr nat\u00fcrlich auch entgegen wehte, schon die Mitwelt war sich ihrer Ablehnung einer solcherart t\u00e4tigen Frau sicher, bis sich das Blatt langsam, langsam wendete. Es ist das Deutschland Bismarcks, vieler Kriege, sp\u00e4ter das Reich von Kaiser Wilhelm II., in dem man sich bewegt. Erz\u00e4hlt wird im detailfreudigen Stil des Autors, der die Biographie manchmal ins Romanhafte lenkt, aber das hilft der Plastizit\u00e4t des Geschehens.<\/p>\n<p>Das Buch bietet anschauliches Bildmaterial, schade, dass vieles oft nicht gr\u00f6\u00dfer als eine Briefmarke erscheinen. Im \u00fcbrigen ist das Werk fabelhaft gearbeitet auch f\u00fcr jene Leser, die mehr wollen als nur eine spannende Lebensgeschichte. Es gibt eine ausf\u00fchrliche Zeittafel, ein Verzeichnis von Linas Vereinen und Volksk\u00fcchen (man kann sogar Rezepte nachlesen oder nachkochen\u2026) sowie eine Aufz\u00e4hlung \u00a0ihrer B\u00fccher.. Dazu ein Literaturverzeichnis und ein Register, vorbildlich.<\/p>\n<p>So lernt man eine Frau kennen, die von ihrem Autor sp\u00fcrbar geliebt und f\u00fcr die Leser dieser Biographie aus dem Vergessen geholt wird.<\/p>\n<p>Renate Wagner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00a0 LINA MORGENSTERN: DIE GESCHICHTE EINER REBELLIN264 Seiten, Kremayr &amp; Scheriau, 2025 Was getan werden muss Um ehrlich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":66189,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-369976","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115084964946033084","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/369976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=369976"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/369976\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=369976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=369976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=369976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}