{"id":370081,"date":"2025-08-24T18:39:25","date_gmt":"2025-08-24T18:39:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370081\/"},"modified":"2025-08-24T18:39:25","modified_gmt":"2025-08-24T18:39:25","slug":"ankunft-in-einer-stadt-im-ausnahmezustand-video-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370081\/","title":{"rendered":"Ankunft in einer Stadt im Ausnahmezustand + Video \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Nachmittag, als wir nach 26 Stunden Fahrt endlich in Kyjiv ankommen. Der Krieg ist da, noch ehe wir die Koffer auspacken k\u00f6nnen. Kaum \u00f6ffnen wir die Zimmert\u00fcr, heult der erste Luftalarm. Sirenen, eine Stimme aus den Lautsprechern. Willkommen in einer Realit\u00e4t, die hier seit drei Jahren den Alltag bestimmt. Wir sind die erste Leipziger B\u00fcrgerdelegation in Kyjiv. Eingeladen von Journalistinnen, Museumsdirektorinnen, Frauenaktivistinnen, Kommunalpolitikerinnen, organisiert von der Stiftung Friedliche Revolution, unterst\u00fctzt von der Stadt Leipzig.<\/p>\n<p>Wir sind gekommen, um zu verstehen. Um zu h\u00f6ren, wie es ist, in einem Land zu leben, das Tag f\u00fcr Tag angegriffen wird. Und um herauszufinden, was St\u00e4dtepartnerschaft in Kriegszeiten bedeuten kann.<\/p>\n<p>Euromaidan: Jeder Tropfen z\u00e4hlt<\/p>\n<p>Zuerst treffen wir Jana Salachowa, Leiterin des Forum Theaters. Ihre Augen leuchten, und sie spricht vom Euromaidan, jener Zeit, als das Land vor Verzweiflung bebte und auf Hoffnung setzte. Sie sagt: \u201eJeder von uns war nur ein Tropfen. Aber, tausend Tropfen k\u00f6nnen etwas bewegen.\u201c<\/p>\n<p>Sie beschreibt, wie vor etwa zwei Wochen ein umstrittenes Anti-Korruptionsgesetz gestoppt wurde. Dank der Proteste, vor allem von vielen jungen Leuten, die f\u00fcr unabh\u00e4ngige Institutionen wie NABU (Anti-Korruptionsb\u00fcro) und SAPO einstanden. Am 31.\u202fJuli wurde deren Autonomie durch ein neues Gesetz wiederhergestellt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/maidan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-632074 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/maidan.jpg\" alt=\"Auf dem Euromaidan. Foto: Susanne Tenzler-Heusler \" width=\"2251\" height=\"1500\"  \/><\/a>Auf dem Euromaidan. Foto: Susanne Tenzler-Heusler<\/p>\n<p>In Salachowas Stimme klingt das nach echter Zuversicht: Ver\u00e4nderung beginnt im Vertrauen und im Engagement und das ist selbst mitten im Krieg lebendig.<\/p>\n<p>Glaube, Weisheit &amp; Zukunft<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, in der ehrw\u00fcrdigen Sophienkathedrale, begegnen wir Priester Jury Kovalenko \u2013 besonnen, ruhig, wie ein Fels inmitten der Kriegshektik. Er spricht von Glauben, aber nicht als Floskel, sondern als geistige Kraft: \u201eWir brauchen nicht nur Waffen. Wir brauchen Glauben, Weitsicht, Weisheit. Nur so k\u00f6nnen wir bestehen.\u201c<\/p>\n<p>Die Sophienkathedrale selbst ist mehr als nur ein Kirchenbau. Erbaut im 11. Jahrhundert, heute UNESCO-Weltkulturerbe, bewahrt sie Fresken, Mosaike, Ikonen \u2013 Jahrhunderte ukrainischer Geschichte. Die Mauern erz\u00e4hlen von der Kiewer Rus, von F\u00fcrsten und M\u00f6nchen, von Belagerungen und Befreiungen.<\/p>\n<p>Wir stehen in der Mitte des gewaltigen Kirchenschiffs. Kovalenko legt die Hand an eine S\u00e4ule, w\u00e4hrend er spricht. Er ist Rektor der Open Orthodox University St. Sophia the Wisdom und Priester der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OCU). Er engagiert sich f\u00fcr interreligi\u00f6sen Dialog und theologische Offenheit \u2013 eine Haltung, die gerade in Kriegszeiten von besonderer Bedeutung ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-632118\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/sophien.jpg\" alt=\"An der Sophienkathedrale. Foto: Susanne Tenzler-Heusler\" width=\"2245\" height=\"1500\"  \/>An der Sophienkathedrale. Foto: Susanne Tenzler-Heusler<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg \u00e4u\u00dfert er sich auch kritisch gegen\u00fcber der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOC-MP). Er weist darauf hin, dass rund hundert neue UOC-MP-Gemeinden im Ausland gegr\u00fcndet wurden, und mahnt zu einer fundierten spirituellen wie sicherheitspolitischen Auseinandersetzung mit diesem Netzwerk.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn ist das Moskauer Patriarchat l\u00e4ngst nicht mehr nur eine religi\u00f6se Institution, sondern ein Akteur, der ideologische Funktionen erf\u00fcllt und russische Interessen st\u00fctzt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gedenken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-632077 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gedenken.jpg\" alt=\"Gedenken an die Gefallenen des Krieges. Foto: Susanne Tenzler-Heusler \" width=\"2247\" height=\"1500\"  \/><\/a>Gedenken an die Gefallenen des Krieges. Foto: Susanne Tenzler-Heusler<br \/>\nRealpolitik mit Herz<\/p>\n<p>Am Abend lernen wir Victoria Kononenko kennen, die bald als Generalkonsulin in Dresden arbeiten wird. \u201eIch freue mich auf die Aufgabe\u201c, erkl\u00e4rt sie. \u201eAber es liegt so viel Arbeit vor uns: f\u00fcr unsere Landsleute in Deutschland. Vor allem aber, um Verst\u00e4ndnis zu schaffen. Ohne Verst\u00e4ndnis gibt es keine Zukunft.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Moment planen wir bereits gemeinsam, wie wir Netzwerke aufbauen k\u00f6nnen, von kultureller Vermittlung bis zu Bildungsformaten. Hier beginnt Politik im Zwischenmenschlichen.<\/p>\n<p>Nachtklang unter dem Maidan<\/p>\n<p>Wir sind m\u00fcde. Wirklich geschlafen hat keiner von uns. Auf dem R\u00fcckweg, unter dem Maidan, bleiben wir pl\u00f6tzlich stehen: Ein Streichquartett spielt klassische Musik. Ein paar Menschen bleiben stehen, lauschen, wiegen sich im Takt. Es ist einer dieser Momente, in denen alles zugleich da ist: der Krieg, die Angst, die M\u00fcdigkeit und das Leben, das sich nicht vertreiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Teil II lesen Sie morgen fr\u00fch.<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist Nachmittag, als wir nach 26 Stunden Fahrt endlich in Kyjiv ankommen. Der Krieg ist da, noch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":370082,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,5793,4046,71,307,859,317,5329],"class_list":{"0":"post-370081","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-kiew","12":"tag-krieg","13":"tag-leipzig","14":"tag-russland","15":"tag-sachsen","16":"tag-ukraine","17":"tag-video"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115085204859449359","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=370081"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370081\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/370082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=370081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=370081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=370081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}