{"id":370189,"date":"2025-08-24T19:41:10","date_gmt":"2025-08-24T19:41:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370189\/"},"modified":"2025-08-24T19:41:10","modified_gmt":"2025-08-24T19:41:10","slug":"automanager-die-suppe-haben-wir-uns-in-europa-selbst-eingebrockt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370189\/","title":{"rendered":"Automanager: &#8222;Die Suppe haben wir uns in Europa selbst eingebrockt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Meldung hat in der Vorwoche f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Der Grazer Technologiekonzern AVL List baut an seinem Stammsitz rund 350 Besch\u00e4ftigte ab. Dies soll \u00fcber die n\u00e4chsten Monate und \u201ema\u00dfvoll\u201c erfolgen, \u00fcber nat\u00fcrliche Fluktuation oder auch Altersteilzeitmodelle. Ein Sozialplan soll erstellt werden.<\/p>\n<p>Im KURIER-Interview erkl\u00e4rt Unternehmenssprecher und Chief Human Resources Officer Markus Tomaschitz die Hintergr\u00fcnde.<\/p>\n<p><strong>KURIER:<\/strong> <strong>Was waren die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen relativ gro\u00dfen Jobabbau?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Markus Tomaschitz:<\/strong> Es ist ein perfekter Sturm, bei dem alles aus negativer Sicht zusammenkommt. Zum einen verunsicherte Endkunden, die noch immer nicht wissen, welches Auto mit welcher Antriebsform sie kaufen sollen \u2013 Verbrenner, Elektro oder Hybrid oder soll er gar schon in den Wasserstoff gehen? Aus diesem Grund verschieben viele Konsumenten ihren geplanten Autokauf. Das f\u00fchrt am Ende des Tages bei unseren Kunden dazu, ihrerseits wiederum das ein oder andere Projekt zu verschieben. Diese allgemeine Verunsicherung trifft auf eine US-amerikanisch dominierte Handels- und Zollpolitik, bei der sich im Wochenrhythmus Regularien und Rahmenbedingungen \u00e4ndern. Nichts ist schlimmer als permanente Neuerungen.<\/p>\n<p><strong>Was noch?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben in den letzten Jahren eine Lohnpolitik in \u00d6sterreich gehabt, die gepr\u00e4gt davon war, die inl\u00e4ndische Inflationsrate zu kompensieren. In Unkenntnis dessen, dass ein Gro\u00dfteil der \u00f6sterreichischen Industrie im internationalen Wettbewerb steht. Die Lohnst\u00fcckkosten laufen aus dem Ruder. So effizient kann man gar nicht mehr werden. Und zudem m\u00fcssen wir sehr viel in die Transformation investieren.<\/p>\n<p><strong>Wie viel im Jahr?<\/strong><\/p>\n<p>Es waren seit 2018 \u00fcber 500 Millionen Euro vor allem f\u00fcr die Mobilit\u00e4tswende. Wir sind ein sehr forschungsgetriebenes Unternehmen, wir stehen an der vordersten Front und m\u00fcssen in Vorleistung treten, um Up to date zu bleiben. Mindestens 10 Prozent des Umsatzes flie\u00dfen in die Forschung.<\/p>\n<p><strong>Welches der angef\u00fchrten Probleme wiegt f\u00fcr AVL List am schwersten?<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem wir ein sehr personalintensives Unternehmen sind, sind es die gestiegenen Lohnst\u00fcckkosten infolge der kollektivvertraglichen Erh\u00f6hungen der letzten Jahre. Wahrscheinlich w\u00fcrden andere Zulieferbetriebe die Energiekosten mindestens als gleich starken Faktor nennen. Bei uns spielen sie eine untergeordnete Rolle, weil wir weniger eine Produktion, sondern eine Montage von fertigen Teilen haben.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00e4re ihr Wunsch an die Lohnverhandler?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Hoffnung ist, dass die Sozialpartner angesichts der konjunkturellen Lage nicht nur die Inflationsrate heranziehen. Sondern mit k\u00fchlem Kopf und differenziertem Blick sagen, die \u00f6sterreichische Industrie steckt im internationalen Wettbewerb. Man kann nicht nur die nationalen Inflationsraten als Grundlage f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen heranziehen. Ich bin guter Dinge, dass die Sozialpartner dies bei den Verhandlungen ber\u00fccksichtigen und an den Standort denken. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass nicht jede Diskussion ein Kulturkampf wird. Und nicht nur die \u201earmen Arbeiter\u201c gegen die \u201ereichen Unternehmer\u201c ausgespielt werden \u2013 das ist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Davon hat niemand etwas.<\/p>\n<p><strong>Sind Verlagerungen zu anderen AVL-Standorten Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich denkt man dar\u00fcber nach, aber es steht nicht im Vordergrund. Wir haben hier tolle universit\u00e4re Partner vor Ort. Aber wenn wir \u00fcber Jahre zu den Lohnerh\u00f6hungen keine \u00e4quivalente Produktivit\u00e4tserh\u00f6hung sehen, ist jedes Unternehmen irgendwann gefordert, an Alternativen zu denken.<\/p>\n<p><strong>AVL List ist ja kein Einzelfall in der Branche. Hat \u00d6sterreichs Industrie zu sehr auf die Autoindustrie gesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Das glaube ich nicht, weil ja Auftr\u00e4ge da waren und wir mit unseren Produkten qualitativ und preislich wettbewerbsf\u00e4hig waren. Das Problem ist, dass die Transformation politisch grundlegend falsch aufgesetzt worden ist.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Professor List (der langj\u00e4hrige Unternehmenschef Helmut List, Anm.) hat \u00fcber Jahre Technologieoffenheit eingefordert. F\u00fcr manche hei\u00dft das \u201eEr will ja nur den Verbrennungsmotor.\u201c Nein! Aber wenn wir keine Infrastruktur haben \u2013 eine grundlegende Voraussetzung f\u00fcr Elektromobilit\u00e4t \u2013 und wenn der Strom nicht rein aus nachhaltigen Quellen kommt und sich die Verunsicherung \u00fcber Jahre hochschaukelt, dann kann man die besten Elektroautos bauen, aber die Menschen werden sie nicht kaufen. Man war in Europa mit dieser Verbotsthematik am v\u00f6llig falschen Weg. Mit Verboten schafft man den Umstieg nicht. Das wurde sehr stark ideologisch, aber nicht rational angegangen. Man kann an den Kundenw\u00fcnschen vorbei Verbote aussprechen, das lassen sich die Menschen nicht gefallen. Die Suppe haben wir uns in Europa selbst eingebrockt.<\/p>\n<p><strong>Die EU hat aber offenbar erkannt, dass sie \u00fcberschie\u00dfend vorgegangen ist. Denken Sie, dass es jetzt wieder in die andere Richtung geht?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wenn man es wirklich rational und mit Hausverstand angeht. Niemand will die Umwelt zerst\u00f6ren. Ziel muss CO2-freie Mobilit\u00e4t sein. Nur braucht es eine Menge an Investitionen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr physikalische und chemische Vorg\u00e4nge.<\/p>\n<p><strong>Wie sehr ist AVL List von den neuen US-Z\u00f6llen betroffen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir direkt weniger, aber unsere Kunden stark. Und damit sp\u00fcren wir es auch.<\/p>\n<p><strong>Wer ist konkret vom Jobabbau in Graz betroffen?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird sehr differenziert vorgegangen. Man kann davon ausgehen, dass die Umbr\u00fcche insbesondere dort stattfinden, wo es einen starken Verbrennungsmotoranteil gibt. Es trifft querbeet alle Qualifikationen \u2013 von Akademikern, HTL-Ingenieuren bis hin zu Facharbeitern mit einer abgeschlossenen Lehre oder Meister. Es gibt aber eine positive Nachricht: Es haben sich bei uns 18 Firmen gemeldet, nicht nur rein aus dem Automotive-Bereich, die dringend Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern haben. Wir gehen daher davon aus, dass viele unserer Mitarbeiter sofort wieder bei anderen Betrieben unterkommen. Und das in einer konjunkturell nicht gerade leichten Zeit.<\/p>\n<p><strong>Wie hoch ist der Automotive-Anteil bei AVL List?<\/strong><\/p>\n<p>Circa dreiviertel des Umsatzes von rund 2 Milliarden Euro im Jahr.<\/p>\n<p><strong>Planen Sie eine weitere Diversifizierung?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. F\u00fcr uns ist das Thema Schiffe sehr interessant, weil gerade im Bereich der Umweltgesetze vieles auf Reedereien zukommt. Auch bei Flugzeugen und Lkw k\u00f6nnen Aussto\u00df und Verbrauch deutlich reduziert werden. In den Bereichen Digitalisierung, K\u00fcnstliche Intelligenz und autonomes Fahren konnten wir schon sehr viel Kompetenz aufbauen. Auch der Defence-Bereich wird immer spannender und das Thema Drohnenantriebe kann zu einem Thema werden.<\/p>\n<p><strong>Wie wird es in der Branche in den n\u00e4chsten Monaten weitergehen?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird vor allem davon abh\u00e4ngen, ob wir eine konjunkturelle Erholung und die Menschen wieder Zuversicht haben. Die Sparquote ist sehr hoch, das ist immer ein Zeichen von Verunsicherung bei den Kunden. Es gibt gro\u00dfe Nachholeffekte im Bereich Autokauf. Noch so ein paar Jahre w\u00fcrden wir uns gerne ersparen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Meldung hat in der Vorwoche f\u00fcr Aufsehen gesorgt. 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