{"id":370707,"date":"2025-08-25T00:41:25","date_gmt":"2025-08-25T00:41:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370707\/"},"modified":"2025-08-25T00:41:25","modified_gmt":"2025-08-25T00:41:25","slug":"wie-junge-israelis-und-palaestinser-bei-einem-sommerlager-aufeinander-zugehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370707\/","title":{"rendered":"Wie junge Israelis und Pal\u00e4stinser bei einem Sommerlager aufeinander zugehen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der israelische Teenager kann kaum fassen, was ihm einer der pal\u00e4stinensischen Jugendlichen am Beginn des gemeinsamen Sommerlagers auf Zypern erz\u00e4hlt: dass er zum ersten Mal in seinem Leben das Meer gesehen habe. Aus dem Flugzeugfenster, als er mit seiner pal\u00e4stinensischen Gruppe nach Zypern flog. F\u00fcr den jungen Israeli ist das unvorstellbar, f\u00fcr ihn geh\u00f6ren Meer und Strand zum Lebensgef\u00fchl. Und die Pal\u00e4stinenser aus dem <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Westjordanland\" data-rtr-id=\"f878f3306758c8f5caf738e46fc62f6c7f352c44\" data-rtr-score=\"14.569638139706335\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/westjordanland\" title=\"Westjordanland\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Westjordanland<\/a> leben doch nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Solche augen\u00f6ffnenden Momente gibt es viele in dem Sommerlager auf Zypern, zu dem in dieser Woche Anfang August vierzig Jugendliche zusammengekommen sind. Zwanzig aus <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Israel\" data-rtr-id=\"a537331d3168d4badd76b41b8f08e1bb5f95ea6a\" data-rtr-score=\"75.01013700313325\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/israel\" title=\"Israel\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Israel<\/a> und zwanzig aus dem Westjordanland. Nicht alles, was sie zu erz\u00e4hlen haben, ist so harmlos wie die Geschichte vom Meer. Meist geht es um Leid, Gewalt und Tod. All die Erfahrungen, die Israelis und Pal\u00e4stinenser seit Jahrzehnten auseinandertreiben und die Hoffnung auf Frieden im Nahostkonflikt nahezu ausgel\u00f6scht haben. Die allermeisten Teilnehmer wissen sogar aus ihrer eigenen Familie, was es bedeutet, jemanden wegen des Konflikts zu verlieren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seit etwa zwanzig Jahren bringt die Organisation Parents Circle \u2013 Families Forum (PCFF) im Sommer junge Israelis und Pal\u00e4stinenser wie sie zusammen. W\u00e4hrend des Sommerlagers sollen sie Spa\u00df haben \u2013 sich aber auch \u00fcber ihre Gef\u00fchle und Erfahrungen austauschen und lernen, den anderen zu verstehen. Viele von ihnen haben nie zuvor mit jemandem von der Gegenseite geredet. Nadine Quomsieh, die pal\u00e4stinensische Ko-Direktorin von PCFF, bringt zum Ausdruck, was ihre Hoffnung ist: \u201eSie treffen sich \u00fcberwiegend zum ersten Mal \u2013 und bleiben Freunde f\u00fcrs Leben.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Israelische und pal\u00e4stinensische Jugendliche beim Sommerlager im August auf Zypern\" height=\"2004\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/israelische-und.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Israelische und pal\u00e4stinensische Jugendliche beim Sommerlager im August auf ZypernDaniel Schoffmann<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das klingt gut und idealistisch. Aber kann das funktionieren \u2013 keine zwei Jahre nach dem schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte Israels und w\u00e4hrend der verheerendste Krieg in der Geschichte der Pal\u00e4stinenser weiter im Gange ist, mit noch unabsehbaren Folgen?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der gr\u00f6\u00dfte Erfolg ist angesichts dessen vielleicht, dass das Sommerlager \u00fcberhaupt noch stattfindet. Fr\u00fcher traf man sich in Israel, aber seit dem 7. Oktober 2023 ist es praktisch unm\u00f6glich, Genehmigungen f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Jugendlichen zu bekommen. Also wichen sie nach Zypern aus. F\u00fcr die Israelis ist das ein Flug von knapp einer Stunde. F\u00fcr die Pal\u00e4stinenser aus dem Westjordanland eine mehr als zweit\u00e4gige Anreise, \u00fcber Jericho und Amman. Am Allenby-Grenz\u00fcbergang ben\u00f6tigten sie zehn Stunden, um nach Jordanien zu gelangen.<\/p>\n<p>In Troodos gibt es keinen Raketenalarm<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber schlie\u00dflich haben alle Teilnehmer es nach Troodos geschafft, einem kleinen Ort in den Bergen <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Zypern\" data-rtr-id=\"5b4e1fb1324409aa3bb475c0663f69a668b80fb9\" data-rtr-score=\"59.49130675185845\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/zypern\" title=\"Zypern\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zyperns<\/a>. Dort gibt es frische Luft, viel Gr\u00fcn \u2013 und weder Checkpoints noch Raketenalarm. Neben den Jugendlichen, zwischen 14 und 17 Jahre alt, sind zahlreiche Gruppenbetreuer dabei, zudem Leute f\u00fcr Essen und Logistik. Viele der \u00c4lteren waren fr\u00fcher selbst Teilnehmer, sie wirken schon wie eine verschworene Gemeinschaft. Die meisten Teenager dagegen m\u00fcssen einander erst noch beschnuppern.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Schon am ersten Nachmittag m\u00fcssen die Jugendlichen schwere Brocken schlucken. Zwei PCFF-Veteranen erz\u00e4hlen ihre jeweilige Geschichte. Der Israeli Nir Oren verlor seine Mutter, die Pal\u00e4stinenserin Zinat Awad ihren Sohn. Sie berichten, wie es ihnen gelang, aus dem Kreislauf von Trauer und Hass auszubrechen. Das sei anstrengend gewesen, hei\u00dft es sp\u00e4ter, alle h\u00e4tten geweint.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Sommerlager soll aber kein Trauerlager sein. Und Teenager wollen manchmal auch einfach Teenager sein. Es ist die pal\u00e4stinensische Gruppe, die am ersten Abend den Anfang macht. Der Geburtstag eines Teilnehmers bietet den Anlass \u2013 umgehend beginnen sie, auf der Terrasse zu singen und zu tanzen. Arabisch und laut.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nach einer Weile kommen auch ein paar der Israelis raus, gucken zu, klatschen mit und filmen, wie die Pal\u00e4stinenser Dabke tanzen. Bei dem traditionellen Tanz mitzumachen, traut sich erst noch keiner von ihnen. Aber irgendwann beschlie\u00dft eine der Israelinnen, die 16 Jahre alte Rona, es sei genug mit Zugucken. Sie zieht ihre halb widerstrebenden Freundinnen in den Kreis, ein junger Pal\u00e4stinenser ruft ihnen zu: \u201eEs ist ganz einfach\u201c \u2013 und dann tanzen beide Gruppen zum ersten Mal in diesem Sommerlager miteinander.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlen und zuh\u00f6ren<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Rona erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, dass sie schon zum vierten Mal teilnimmt; sie ist Nir Orens Nichte. \u201eJedes Mal ist es besser als das Jahr zuvor \u2013 und bedeutungsvoller f\u00fcr mich\u201c, sagt die Jugendliche mit den Sommersprossen und den lockigen Haaren. Nur im Sommer nach dem 7. Oktober, also vor einem Jahr, sei es schwieriger gewesen. \u201eDie Stimmung war sehr schwer, und es gab keine Partys \u2013 die Organisatoren hielten das f\u00fcr unangemessen.\u201c Daher ist sie froh, dass dieses Jahr viele Leute gekommen seien.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die pers\u00f6nlichen Begegnungen seien das Wichtigste, sagt Rona: \u201eSelbst wenn es in den Gruppensitzungen Meinungsunterschiede gibt und es Tr\u00e4nen gibt oder laut wird \u2013 wir haben immer noch eine Verbindung zueinander und k\u00f6nnen danach zusammen tanzen.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Jugendlichen d\u00fcrften nur nicht vergessen, dass sie alle zum selben Zweck gekommen seien: nicht um \u201eder anderen Seite etwas zu beweisen\u201c, sondern \u201eum sich selbst mitzuteilen und gleichzeitig zuzuh\u00f6ren\u201c. Diese Empathie sei wichtiger als alle kulturellen Unterschiede. \u201eEs ist so hoffnungsvoll hier\u201c, sagt sie. Denn wenn vierzig Teenager aus Hinterbliebenenfamilien Freunde sein k\u00f6nnten, \u201edann gibt es keinen Grund, dass nicht alle Israelis und alle Pal\u00e4stinenser Freunde sein k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Am ersten Abend jedenfalls liegt f\u00fcr einen Moment Unbeschwertheit in der Luft. W\u00e4hrend \u201eGangnam Style\u201c und arabischer Pop laufen, meint man zu sp\u00fcren: Alle, die hergekommen sind, sind bereit, miteinander zu reden \u2013 jetzt m\u00fcssen sie noch eine gemeinsame Sprache finden. Das gilt auch ganz w\u00f6rtlich.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Von den Pal\u00e4stinensern spricht keiner Hebr\u00e4isch und die meisten kein Englisch. Die Israelis wiederum k\u00f6nnen h\u00f6chstens ein paar Brocken Arabisch. In den Dialogsitzungen und bei anderen Gruppenaktivit\u00e4ten sind Dolmetscher dabei, aber zwischendurch m\u00fcssen die Teilnehmer selbst sehen, wie sie sich miteinander verst\u00e4ndigen. Der Anfang ist jedenfalls gemacht \u2013 bis nach Mitternacht h\u00f6rt man auf den G\u00e4ngen des Hotels noch Arabisch und Hebr\u00e4isch, gemischt mit etwas Englisch.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Am n\u00e4chsten Morgen beim Fr\u00fchst\u00fcck wirft Ayelet Harel, die israelische Ko-Direktorin von PCFF, einen Seitenblick auf die Jugendlichen, die m\u00fcde zum Buffet und dann zu den Tischen trotten, und sagt: \u201eAh, die Gruppen mischen sich noch nicht.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die meisten Pal\u00e4stinenser sitzen an einem langen Tisch, die Israelis haben sich im Raum verteilt. Die 59 Jahre alte Israelin, seit langer Zeit Mitglied von PCFF, ist dennoch zufrieden mit dem ersten Tag. Viele Jugendliche h\u00e4tten sich w\u00e4hrend der Auftakt-Dialogsitzung ge\u00e4u\u00dfert. Das sei nicht immer so, sagt Harel. \u201eManchmal haben sie Scheu \u2013 auch weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.\u201c Hinter den allermeisten steht eine tragische Familiengeschichte.<\/p>\n<p>Dialogprojekte haben es schwer<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Harel und die anderen Organisatoren haben ein verst\u00e4rktes Interesse an dem Sommerlager registriert. Das hat einen traurigen Grund: Der 7. Oktober hat dazu gef\u00fchrt, dass es viele neue Familien gibt, die Mitglieder verloren haben. Vor allem auf israelischer Seite war die Beteiligung in den Jahren zuvor nach und nach gesunken. \u201eDie meisten Israelis hatten das Interesse am Konflikt und der Besatzung verloren, einfach weil es f\u00fcr sie kein gro\u00dfes Thema mehr war\u201c, sagt Harel. \u201eF\u00fcr die Pal\u00e4stinenser bedeutet es hingegen alles.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dieses Auseinanderklaffen war nicht die einzige Herausforderung. Die Zweite Intifada zwischen 2000 und 2005 f\u00fchrte dazu, dass viele Br\u00fccken abbrachen, die in den Oslo-Jahren aufgebaut worden waren. Dialogprojekte wurden eingestellt, auf beiden Seiten wuchsen Frustration und Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Diejenigen Initiativen und Organisationen, die es nach wie vor gibt, haben es schwer. In Israel gibt es Anfeindungen, und die Regierung hat Gelder gestrichen und Schulbesuche verboten. In der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft wiederum verbreitet sich die Haltung, mit Israelis zusammenzuarbeiten, bedeute, die Besatzung zu \u201enormalisieren\u201c. Einige der Pal\u00e4stinenser berichten, sie bef\u00fcrchteten, deswegen Probleme zu bekommen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">So erz\u00e4hlt die 15 Jahre alte Alanoud, einige Freunde h\u00e4tten ihr gesagt, es sei nicht gut, mit Israelis zu sprechen. Sie habe erwidert, dass die Teilnehmer keine Soldaten seien. Au\u00dferdem fahre sie dorthin, um die Geschichte ihres Bruders zu erz\u00e4hlen \u2013 \u201eund das ist nicht \u201aNormalisierung\u2018, sondern eine Form von Widerstand, um die Besatzung zu beenden\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Jugendliche beim Sommerlager auf Zypern\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jugendliche-beim-sommerlager.jpg\" width=\"1686\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Jugendliche beim Sommerlager auf ZypernDaniel Schoffmann<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Alanouds Bruder Mahmud wurde 2008 erschossen, als er in ihrem Dorf in der N\u00e4he von Hebron bei einer Beerdigung zwischen die Fronten steinewerfender Jugendlicher und israelischer Soldaten geriet. Sie war da noch nicht geboren, aber der Tod des Bruders hat die Familie tief gepr\u00e4gt \u2013 vor allem die Mutter ist in anhaltender Trauer, bis heute tr\u00e4gt sie nur Schwarz. Alanoud ist zum ersten Mal hier und hat zum ersten Mal mit Israelis gesprochen. Es gebe eine \u201eVerbindung\u201c, sagt sie. \u201eIch m\u00f6chte ihren Geschichten zuh\u00f6ren, so wie sie meiner Geschichte zuh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dieses Interesse an Verst\u00e4ndigung eint die Teilnehmer, ansonsten w\u00e4ren sie nicht gekommen. Aber nat\u00fcrlich gibt es zugleich gro\u00dfe Unterschiede zwischen den Gruppen, und die Jugendlichen sind sich dessen bewusst.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Da sind die sichtbaren kulturellen Unterschiede. W\u00e4hrend einige der Pal\u00e4stinenserinnen Kopftuch tragen, sind in der israelischen Gruppe keine religi\u00f6sen Symbole zu sehen. Die Israelis sind tendenziell legerer gekleidet, vor allem die M\u00e4dchen. Viele von ihnen kommen aus dem Gro\u00dfraum Tel Aviv, wo die meisten linken Israelis leben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Was daneben auff\u00e4llt: Die Pal\u00e4stinenser zeigen ihre nationale Identit\u00e4t mit gr\u00f6\u00dferem Selbstbewusstsein. Sie singen und tanzen viel zusammen. Einige haben auch eine schwarz-wei\u00df gemusterte Kuffiyeh oder andere pal\u00e4stinensische Symbole dabei. Schon am ersten Tag wirken die Pal\u00e4stinenser st\u00e4rker wie eine Gruppe. Das liegt zum Teil vermutlich daran, dass sie eine l\u00e4ngere Vorbereitungszeit und die gemeinsame Reise hatten.<\/p>\n<p>Gegens\u00e4tzliche Lebenssituationen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Letztlich aber gibt es einen ganz grunds\u00e4tzlichen Unterschied zwischen den Gruppen: Die Israelis geh\u00f6ren dem Volk der Besatzer an \u2013 die Pal\u00e4stinenser sind Besetzte. Ihre Lebenssituationen sind zum Teil v\u00f6llig gegens\u00e4tzlich.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das l\u00e4sst sich nicht aufl\u00f6sen \u2013 aber wird es dadurch aufgehoben, dass die Erfahrung pers\u00f6nlichen Leids die Jugendlichen miteinander verbindet? Immer wieder sprechen Gruppenbetreuer davon, dass es bei dem Sommerlager darum gehe, zu lernen, diese Komplexit\u00e4t aushalten, diese Spannung zu ertragen. Das ist eine gro\u00dfe Last, die auf die Schultern der Teenager gelegt wird.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die meisten gehen mit gro\u00dfer Aufrichtigkeit und gro\u00dfem Ernst damit um. Dass sie sich Frieden und Koexistenz w\u00fcnschen, steht ihnen geradezu ins Gesicht geschrieben und kommt immer wieder zum Ausdruck. An einem Tag gibt es einen Foto-Video-Workshop. In gemischten Zweiergruppen inszenieren die Teilnehmer Fotos und kurze Filme. Manche Aufnahmen zeigen pers\u00f6nliche \u00c4ngste, etwa vor Drogensucht, oder Tr\u00e4ume, beispielsweise Fu\u00dfballprofi zu werden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die meisten aber haben etwas mit dem Konflikt und mit der Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben zu tun. Eine junge Israelin, Yuval, hat ein Foto gemacht, auf dem vor gr\u00fcnen B\u00e4umen die Schleife zu sehen ist, mit der in Israel an die Geiseln im Gazastreifen erinnert wird. Sie hat die Schleife aus einer Kuffiyeh geformt. \u201eIch wollte zeigen, dass beides zusammengehen kann\u201c, sagt Yuval. Einigen kommen die Tr\u00e4nen, als sie das Bild zeigt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die Jugendlichen zeigen die Ergebnisse des Fotoprojekts.\" height=\"1688\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/die-jugendlichen-zeigen-die.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Die Jugendlichen zeigen die Ergebnisse des Fotoprojekts.Rom Barnea<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es wird noch viel geweint in den Tagen auf Zypern, etwa wenn die Jugendlichen in den Kleingruppen ihre jeweilige Geschichte erz\u00e4hlen. Das sind ganz pers\u00f6nliche und bisweilen auch heikle Momente. Nevo, ein 17 Jahre alter Israeli, hatte sogar Angst davor. Seine Gro\u00dfmutter wurde im Januar bei einem Schusswaffenanschlag eines Pal\u00e4stinensers ermordet. Allerdings lebte sie in einer Siedlung im Westjordanland. \u201eIch hatte Angst, dass es heftige Reaktionen darauf geben w\u00fcrde\u201c, erz\u00e4hlt Nevo sp\u00e4ter. Er sei so nerv\u00f6s gewesen, dass er die Geschichte \u201eohne emotionale Verbindung\u201c erz\u00e4hlt habe. Das bef\u00fcrchtete Unverst\u00e4ndnis der Pal\u00e4stinenser blieb aber aus, und sp\u00e4ter habe er die Geschichte noch einmal jemandem erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, \u201emit gr\u00f6\u00dferer innerer Aufrichtigkeit\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Solche emotionalen Barrieren und Hindernisse gibt es immer wieder. Und manchmal st\u00f6\u00dft das Verst\u00e4ndnis auch auf Grenzen. Es gibt aufgeladene Themen \u2013 etwa die israelische Armee, die von Israelis und Pal\u00e4stinensern v\u00f6llig unterschiedlich wahrgenommen wird. Oder der 7. Oktober. In der mittleren der drei Altersgruppen kommt es an einem der letzten Tage zu einem Konflikt, von dem sp\u00e4ter mehrere Gruppenbetreuer berichten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Er beginnt, als das Gespr\u00e4ch auf die zu Jahresbeginn freigelassenen Geiseln kommt. Die Pal\u00e4stinenser legen nahe, sie seien von der Hamas gut behandelt worden \u2013 jedenfalls besser als die in Israel inhaftierten Pal\u00e4stinenser. Einige der Israelis f\u00fchlen sich dadurch vor den Kopf gesto\u00dfen. Als einer von ihnen in dieser Situation die Geschichte seiner Gro\u00dfeltern erz\u00e4hlt, die am 7. Oktober ermordet wurden, heizt das die Situation eher an, als dass es sie beruhigt. Denn in der pal\u00e4stinensischen Gruppe gibt es nun das Bed\u00fcrfnis, die Vorgeschichte jenes Tages zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Kurzzeitig habe eine echte Spaltung zwischen beiden Seiten geherrscht, sagt Guy, einer der israelischen Gruppenbetreuer. Aber schlie\u00dflich sei es gelungen, die Diskussion zu beruhigen. \u201eWir k\u00f6nnen die Wirklichkeit letztlich nicht ver\u00e4ndern und den Konflikt nicht l\u00f6sen\u201c, sagt Guy. \u201eWas wir schaffen k\u00f6nnen, ist, dass es beiden Seiten gelingt, ihre jeweiligen nationalen Narrative zu \u00fcberwinden.\u201c Aber das ist lange, harte Arbeit.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein paar Tage auf Zypern k\u00f6nnen daf\u00fcr den Grundstein legen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Es gibt bewegende Momente und frustrierende. Aber alle sagen, wie wichtig die Erfahrung f\u00fcr sie ist. Die Pal\u00e4stinenserin Alanoud berichtet, das Zusammentreffen mit Israelis habe ihre Weltsicht ver\u00e4ndert. \u201eIch dachte, wir w\u00fcrden uns nicht verstehen \u2013 aber das Gegenteil war der Fall.\u201c Der Israeli Nevo sagt, das Sommerlager sei eine \u201elebensver\u00e4ndernde Erfahrung\u201c f\u00fcr ihn. Und er wolle jetzt alles daf\u00fcr tun, dass es nicht eine einmalige Sache bleibt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein Plan bleibt aber unerf\u00fcllt. An einem Tag des Sommerlagers ist ein gemeinsamer Strandausflug vorgesehen. Manche der Israelis freuen sich fast noch mehr darauf als die Pal\u00e4stinenser \u2013 weil sie inzwischen wissen, dass einige Pal\u00e4stinenser zum ersten Mal am Meer sein werden. Ein Waldbrand macht den Plan zunichte, die Fahrt muss abgeblasen werden. Alle seien \u201esehr aufgebracht und traurig\u201c gewesen, sagt Alanoud r\u00fcckblickend.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Erst ganz zum Schluss schaffen die Pal\u00e4stinenser es doch noch ans Meer, aber ohne ihre neuen israelischen Freunde. Die sind ein paar Stunden vorher schon abgereist. Die pal\u00e4stinensische Gruppe kann auf dem Weg zum Flughafen zumindest einen kurzen Stopp an einem Strand einlegen. Dann geht es weiter \u2013 zur\u00fcck nach Hause, in die Wirklichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der israelische Teenager kann kaum fassen, was ihm einer der pal\u00e4stinensischen Jugendlichen am Beginn des gemeinsamen Sommerlagers auf&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":370708,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[13,14,15,12,10,8,9,11,103,104],"class_list":{"0":"post-370707","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-headlines","9":"tag-nachrichten","10":"tag-news","11":"tag-schlagzeilen","12":"tag-top-news","13":"tag-top-meldungen","14":"tag-topmeldungen","15":"tag-topnews","16":"tag-welt","17":"tag-world"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115086628457743695","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=370707"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370707\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/370708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=370707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=370707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=370707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}