{"id":370973,"date":"2025-08-25T03:20:12","date_gmt":"2025-08-25T03:20:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370973\/"},"modified":"2025-08-25T03:20:12","modified_gmt":"2025-08-25T03:20:12","slug":"wie-aus-einer-beklemmenden-strugatzki-geschichte-eine-graphic-novel-wurde-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/370973\/","title":{"rendered":"Wie aus einer beklemmenden Strugatzki-Geschichte eine Graphic Novel wurde \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Sie waren nicht nur die Stars der russischen Science Fiction. Ihre B\u00fccher werden bis heute gelesen, immer wieder neu aufgelegt und \u00fcbersetzt. Denn was Arkadi und Boris Strugatzki schrieben, ging immer weit \u00fcber die Grenzen des Genres hinaus. Sie stellten die zutiefst menschlichen Fragen, die sich die \u201eEroberer neuer Welten\u201c fast nie stellen. Und die Technokraten der Macht erst recht nicht. 1970 erschien ihr Roman \u201eHotel zum verungl\u00fcckten Alpinisten\u201c, der mit dem Genre des Kriminalromans spielt. Und dem eines v\u00f6llig \u00fcberforderten Inspektors.<\/p>\n<p>Polizeiinspektor Glebsky reist nach einem anonymen Anruf in ein v\u00f6llig abgelegenes Hotel in den Bergen. Aber irgendwie gibt es gar keinen Toten. Kann er also wieder abreisen. Doch es ist sp\u00e4t. Da kann er auch mal eine Nacht m Berghotel genie\u00dfen. In dem es dann aber sehr sonderbar zugeht. Es gibt dann doch einen Toten.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/3799be30ef8f450d8d269e73b6dcc285.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Oder doch nicht? Es ist mitten in der Nacht und Glebsky versucht aus den anderen Hotelg\u00e4sten herauszubekommen, wo sie waren, was sie gesehen haben, wer m\u00f6glicherweise der T\u00e4ter war. Aber gibt es \u00fcberhaupt einen T\u00e4ter? Je l\u00e4nger er die andere G\u00e4ste ausquetscht und versucht, die Vorg\u00e4nge zu begreifen, umso verworrener wird alles.<\/p>\n<p>Aber wie liest man so ein Buch? Wie las es sich 1970, als es herauskam? Denn wer versucht, diesen Inspektor Glebsky zu begreifen, landet in einem Raum der Ungewissheit. Man kann als Leser seine zur Schau getragene Selbstsicherheit nicht begreifen. Er tappt im Dunkeln, preist sich aber \u2013 selbst in der Erinnerung \u2013 immer wieder daf\u00fcr, wie clever er da vorgegangen ist, wie professionell.<\/p>\n<p>Auch wenn man die ganze Zeit merkt: Er hat keine Ahnung von dem, was da vor sich geht, und versucht die andere Hotelg\u00e4ste mit seiner Polizei-Attit\u00fcde nur immer wieder einzusch\u00fcchtern. Und das kam ganz bestimmt nicht nur den Lesern in der Sowjetunion 1970 sehr vertraut vor. Das d\u00fcrften auch Leser in der DDR so gesp\u00fcrt haben, wo das Buch nur wenig sp\u00e4ter erschien.<\/p>\n<p>Wenn alle verd\u00e4chtig sind<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, aber die Romane der Strugazkis erschienen auch in der DDR. Zeitnah. B\u00fccher, die im Gewand von SF tats\u00e4chlich auch die autorit\u00e4ren Strukturen beleuchteten, die in Moskau und Berlin herrschten. In diesem Fall in der Person eines Polizisten, f\u00fcr den jeder Hotelgast erst einmal ein Verd\u00e4chtiger ist. Mit dem man entsprechend rabiat umspringen kann. Was vielleicht berechtigt erscheint, weil einige der obskuren G\u00e4ste zu einer kriminellen Bande zu geh\u00f6ren scheinen, die erst k\u00fcrzlich die Nationalbank ausgeraubt haben.<\/p>\n<p>Andere behaupten auf einmal, als Glebsky weiterbohrt, Au\u00dferirdische zu sein, die nur dummerweise bei ihrem ersten Kontakt mit der Erde auf die Bande von Kriminellen gesto\u00dfen waren. Eigentlich eine h\u00fcbsche Denkaufgabe, die auch von dem stillen Humor der Strugazkis erz\u00e4hlt: Was geschieht eigentlich, wenn Au\u00dferirdische bei ihrem Besuch auf der Erde auf die Falschen treffen? Eine Frage, die die beiden Autoren in ihrem Buch bis auf die Spitze treiben, denn der altgewordene Glebkys denkt tats\u00e4chlich ernsthaft dar\u00fcber nach, auf wen die Au\u00dferirdischen eigentlich h\u00e4tten treffen k\u00f6nnen, ohne dass es zur Trag\u00f6die gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>F\u00fcr Strugazki-Kenner ist diese Geschichte das Pendant zu \u201ePicknick am Wegesrand\u201c, verfilmt als \u201eStalker\u201c. W\u00fcrden solche Begegnungen nicht fast zwangsl\u00e4ufig in lauter un\u00fcberbr\u00fcckbaren Missverst\u00e4ndnissen enden?W\u00e4re es besser, die Au\u00dferirdischen w\u00fcrden es mit dem Geheimdienst zu tun bekommen? Mit dem Milit\u00e4r? Den offiziellen Beh\u00f6rden? Oder \u2013 da kennt Glebskys am Ende doch so ein bisschen Selbstkritik: der Polizei.<\/p>\n<p>Denn was dann zum Ende der Nacht hin passiert, ist eine Trag\u00f6die, in der Glebskys einen geh\u00f6rigen Anteil daran hat, dass die Leute, die wom\u00f6glich Au\u00dferirdische sind, zu sp\u00e4t fliehen k\u00f6nnen. Eine Lawine hat das Hotel von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten. Und sie hat wohl auch den St\u00fctzpunkt der Au\u00dferirdischen versch\u00fcttet. Was offen bleibt, den der St\u00fctzpunkt wird nie gefunden. So wie bis zum Schluss die Ungewissheit bleibt, ob es Glebsky tats\u00e4chlich mit Au\u00dferirdischen zu tun hatte.<\/p>\n<p>Nur eins ist klar: Wenn es solche Begegnungen geben sollte, dann werden es Begegnungen voller Missverst\u00e4ndnisse sein. Begegnungen, in denen Leute, die sonst ohne Gewissensbisse ihre Arbeit verrichten, auf einmal Wertungen treffen m\u00fcssen, f\u00fcr die sie nicht ausgebildet sind. Situationen, die so etwas wie moralisches Handeln erfordern. Und ein Mindest-Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die offensichtlich Fremden.<\/p>\n<p>Glebskys Misstrauen<\/p>\n<p>Aber wenn nun das Misstrauen dominiert? Und eigentlich wird Glebsky sein Misstrauen bis zuletzt nicht los. Auch nicht in dieser <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/tag\/graphic-novel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Graphic Novel<\/a>, die der estnische Grafiker Veiko Tammj\u00e4rv aus dem Strugatzki-Roman gemacht hat. In Estland wurde \u201eHotel zum verungl\u00fcckten Alpinisten\u201c sogar 1979 verfilmt.<\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte, die auch die Leser noch lange besch\u00e4ftigt, weil sie bis zum Schluss uneindeutig bleibt. Hat es Glebskys jetzt eigentlich mit lauter Ganoven zu tun? Oder doch mit Au\u00dferirdischen und ihren Robotern, die in typische menschliche Rollen geschl\u00fcpft sind, um nicht sofort aufzufallen? Eigentlich sind sie nur zum Beobachten auf der Erde, sollten sich gar nicht einmischen.<\/p>\n<p>Haben sich aber ganz offensichtlich auf die Falschen eingelassen. Und haben es auch noch mit einem Inspektor zu tun, der am liebsten die ganze Hotelbewohnerschaft verhaftet h\u00e4tte. Und jeden Einzelnen stundenlang verh\u00f6rt nach dem Motto: Irgendwann spuckt der die Wahrheit aus.<\/p>\n<p>Dabei scheint ein Koffer eine wesentliche Rolle zu spielen: Diebesgut? Wunderwaffe? Oder doch nur Energiereserve f\u00fcr die Au\u00dferirdischen, die ohne ihn nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Auch nach Jahren ist Glebsky immer noch \u00fcberzeugt, richtig gehandelt zu haben, auch wenn die Geschichte im \u201eHotel zum verungl\u00fcckten Alpinisten\u201c am Ende tragisch ausgeht, die vier Au\u00dferirdischen sogar noch auf Skiern fliehen k\u00f6nnen \u2013 doch wie aus dem Nichts l\u00e4sst Tammj\u00e4rv einen Hubschrauber auftauchen, der die vier Fl\u00fcchtenden einfach mit Raketen \u00fcber den Haufen schie\u00dft.<\/p>\n<p>Eine leichte Abwandlung zum Buch selbst, denn dort passiert das Ganze noch mit Maschinengewehren. Die Leichen der Get\u00f6teten aber sind sp\u00e4ter nicht auffindbar, genauso wenig wie der Hubschrauber, mit dem der Chef der Verbrecherbande wohl versucht hat, unliebsame Zeugen zu beseitigen. Da bleiben nur Mutma\u00dfungen \u00fcber den Verbleib des Hubschraubers und das tats\u00e4chliche Ende der Gefl\u00fcchteten.<\/p>\n<p>Ein Mann in seinen Zust\u00e4ndigkeiten<\/p>\n<p>So wie Glebsky tats\u00e4chlich nur die Erinnerung bleibt an seltsame Vorg\u00e4nge, die er am Ende auch mit vielen Kannen Kaffee im Bauch nicht wirklich kl\u00e4ren konnte. Sodass auch der Zweifel bleibt, ob er tats\u00e4chlich richtig gehandelt hat. Immerhin. Aber man vergisst es auch im Verlauf der von Tammj\u00e4rv gezeichneten Geschichte nie, dass eigentlich Glebsky die Hauptfigur ist, der hier mit seinen verfestigten Erfahrungen aus dem gew\u00f6hnlichen Polizeidienst mitten in eine m\u00f6gliche Begegnung der anderen Art geraten ist, aber nicht wirklich begreift, was vor sich geht.<\/p>\n<p>Und sich auch 20 Jahre sp\u00e4ter berechtigterweise fragt, ob ein misstrauischer Polizist vielleicht doch der falsche Mann ist, wenn es um eine Begegnung mit Wesen aus einer anderen Welt geht.<\/p>\n<p>Tammj\u00e4rv hat diese Ungewissheit und das Im-Dunkeln-Tappen des Inspektors im Grunde zur grafischen Umsetzung gebracht. Jenen traumhaften Raum der Wahrnehmung, in dem Menschen landen, die mit ihrem angelernten Wissen in unvertrauten Situationen v\u00f6llig \u00fcberfordert sind und dabei trotzdem versuchen, ihr Schwarz-Wei\u00df-Denken aus dem gew\u00f6hnlichen Polizeidienst auf eine Situation anzuwenden, in der diese Regeln nicht gelten oder eben immer wieder falsche Antworten ergeben, falsche Sicherheiten, die am Ende f\u00fcr einige der Betroffenen lebensgef\u00e4hrlich werden.<\/p>\n<p>Eine ganze Seite widmet Tammj\u00e4rv dieser Selbst-Entschuldigung des Inspektors: \u201eWenn sie keine Gauner waren, dann waren sie auch keine Menschen. Und Nicht-Menschen, die sich als Menschen verkleiden, fallen nicht in meine Zust\u00e4ndigkeit. Klingt das logisch? Dann habe ich also recht? Folglich habe ich richtig gehandelt.\u201c<\/p>\n<p>Sympathie schafft diese Rechtfertigung des Inspektors im Nachhinein nicht wirklich. Gerade weil er hier auf seine schematische Rolle als Polizist und seine \u201eZust\u00e4ndigkeit\u201c anspielt. Also wie ein Beamter argumentiert, der die fatalen Folgen seines Tuns damit entschuldigt, dass er eigentlich nicht zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p>T\u00f6dliche Regeln<\/p>\n<p>Und auch das kennen die Strugazki-Leser nur zu gut. Solche Typen tauchen immer wieder in ihren Romanen auf, Typen, die nach Dienstvorschrift agieren und damit katastrophale Entwicklungen ausl\u00f6sen. W\u00e4hrend sich die mehr oder weniger zerrissenen Hauptfiguren in diesen Romanen immer wieder bem\u00fchen, sich an das Menschliche und die eigene Verantwortung zu erinnern. Eben keine G\u00f6tter sein wollen, wie es die Strugazkis in \u201eEin Gott zu sein ist schwer\u201c thematisieren.<\/p>\n<p>Womit sie immer wieder die Fragen stellen, die die Bewohner der heutigen Welt mit ihren technokratischen Machbarkeits-Dogmen viel zu selten stellen. Nicht stellen wollen, weil sie ja nur in ihren \u201eZust\u00e4ndigkeiten\u201c agieren. Und die stupiden Regeln, die in ihrer Dienststelle gelten, auf alles anwenden, was ihnen drau\u00dfen in der Welt passiert.<\/p>\n<p>Und am Ende sitzen sie da, haben sich streng an die Vorschriften gehalten. Und trotzdem Menschenleben auf dem Gewissen. Oder eben das Leben von Erdbesuchern, die selbst zu sp\u00e4t begriffen haben, dass sie den falschen Menschen begegnet sind und die geltenden Regeln auf diesem seltsamen Planeten nicht verstanden haben.<\/p>\n<p>So gesehen ist Tammj\u00e4rvs Umsetzung der Strugatzki-Geschichte auch eine Mahnung an die Gegenwart. Denn Typen wie Glebsky gibt es \u00fcberall. Sie legen ihr Raster aus dem, was sie als Gut und als B\u00f6se definieren, \u00fcber alles. Alle Menschen sind ihnen irgendwie verd\u00e4chtig. Und am Ende muss es unbedingt einen M\u00f6rder geben, den sie verhaften k\u00f6nnen. Egal, was tats\u00e4chlich passiert ist.<\/p>\n<p>Und so entl\u00e4sst auch Tammj\u00e4rv die Leser dieser Graphic Novel mit einem unguten Gef\u00fchl. Und einem ratlos ins Dunkel gr\u00fcbelnden Inspektors, der sich mit Worten selbst \u00fcberzeugen will, dass er damals richtig gehandelt hat.<\/p>\n<p><strong>Veiko Tammj\u00e4rv, Arkadi und Boris Strugatzki \u201eHotel zum verungl\u00fcckten Alpinisten\u201c<\/strong>, \u00fcbersetzt aus dem Estnischen von Maximilian Murmann, Voland &amp; Quist, Berlin 2025, 30 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie waren nicht nur die Stars der russischen Science Fiction. 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