{"id":371541,"date":"2025-08-25T08:57:11","date_gmt":"2025-08-25T08:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/371541\/"},"modified":"2025-08-25T08:57:11","modified_gmt":"2025-08-25T08:57:11","slug":"viele-biologische-anpassungen-wie-die-evolution-noch-immer-menschen-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/371541\/","title":{"rendered":"Viele biologische Anpassungen: Wie die Evolution noch immer Menschen ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die evolution\u00e4re Anpassung der Menschen ist ein anhaltender Prozess. Das belegen abweichende Merkmale von Bewohnern unterschiedlicher Weltregionen. Aber auch die Medizin und moderne Lebensweisen beeinflussen unsere Biologie zunehmend.<\/strong><\/p>\n<p>Menschen leben auf hohen Bergen, wo der Sauerstoffgehalt der Luft geringer ist, am Wasser, wo Tauchen f\u00fcr sie eine zentrale Rolle spielt, in W\u00fcsten sowie in eisigen Gebieten, wo sie kaum Landwirtschaft betreiben k\u00f6nnen. Ihre F\u00e4higkeit, sich an die jeweilige Umgebung anzupassen, beruht oft auf kultureller Adaption &#8211; aber nicht nur. Tats\u00e4chlich finden sich auch in den Genen Unterschiede.<\/p>\n<p>Die Evolution ver\u00e4ndert Menschen, und das oft erstaunlich schnell. &#8222;Das kann innerhalb von zehn Generationen geschehen, aber in 100 Generationen kann man auf jeden Fall eine Ver\u00e4nderung erkennen&#8220;, sagt Diethard Tautz. Er besch\u00e4ftigte sich am Max-Planck-Institut f\u00fcr Evolutionsbiologie in Pl\u00f6n mit den molekularen Grundlagen der Evolution und genetischen Prozessen der nat\u00fcrlichen Selektion. &#8222;Evolution findet kontinuierlich um uns herum statt &#8211; bei Pflanzen, Tieren und Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>Sherpas in den Bergen: pH-Wert des Blutes<\/p>\n<p>Zwei k\u00fcrzlich <a href=\"https:\/\/www.cam.ac.uk\/research\/news\/himalayan-powerhouses-how-sherpas-have-evolved-superhuman-energy-efficiency\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">erschienene Studien<\/a> untersuchen Effekte, die sich &#8211; evolution\u00e4r gesehen &#8211; wohl erst vor Kurzem herausbildeten. Eine befasst sich mit den <a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/doi\/abs\/10.1073\/pnas.2412561121\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">Sherpas im Himalaja<\/a>. Diese Gruppe lebt seit einigen Tausend Jahren auf dem tibetischen Hochplateau, in einer H\u00f6he von etwa 4000 bis 4500 Metern. Ihre Mitglieder arbeiten oft als Bergf\u00fchrer und Tr\u00e4ger f\u00fcr Bergsteiger aus anderen Teilen der Welt. Wie Forschende im Fachjournal &#8222;PNAS&#8220; berichten, konnten sich die untersuchten Sherpas bei einem Aufstieg auf 4300 Meter schneller an die H\u00f6he anpassen als Menschen aus dem Tiefland.<\/p>\n<p>Sowohl die Sauerstoffaufnahme als auch der pH-Wert des Blutes m\u00fcssten dabei ausgeglichen werden, erl\u00e4utert Studienleiter Trevor Day von der Mount Royal University im kanadischen Calgary. Wenn Menschen in gr\u00f6\u00dfere H\u00f6hen kommen, f\u00fchrt der geringere Sauerstoffgehalt der Luft zu einer verst\u00e4rkten Atmung &#8211; so wird weiter ausreichend Sauerstoff aufgenommen. Dies hat laut Day aber zur Folge, dass der CO2-Gehalt im Blut sinkt. Das st\u00f6re den S\u00e4ure-Basen-Haushalt. Die Nieren k\u00f6nnen diese St\u00f6rung beheben, indem sie Chemikalien \u00fcber den Urin ausscheiden, wodurch sich der pH-Wert des Blutes wieder normalisiert.<\/p>\n<p>Schon bekannt war, dass die Atemwege der Sherpas besser an den Sauerstoffgehalt in gro\u00dfen H\u00f6hen angepasst sind. Die Forschenden zeigten nun zus\u00e4tzlich, dass die Nieren ebenfalls an der schnellen Akklimatisierung beteiligt sind. Dies k\u00f6nnte auf einen Selektionsdruck auf die F\u00e4higkeit zur Anpassung an H\u00f6henlagen der tibetischen Hochlandpopulationen hindeuten, meint Day.<\/p>\n<p>Inuit in Gr\u00f6nland: Fett- und proteinreiche Ern\u00e4hrung<\/p>\n<p>Die zweite Studie befasst sich mit Menschen in Gr\u00f6nland. Eine Genanalyse von fast 6.000 Menschen der Insel legt nahe, dass die Vorfahren der heutigen Bev\u00f6lkerung vor weniger als 1.000 Jahren dorthin kamen. Einige Genvarianten scheinen Anpassungen an das Leben in der Arktis zu sein, hei\u00dft es in der <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41586-024-08516-4\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">Studie im Fachblatt &#8222;Nature&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p>Viele gr\u00f6nl\u00e4ndische Inuit haben etwa eine Variante, die am Stoffwechsel von Fetts\u00e4uren beteiligt ist. Das k\u00f6nne mit dem Verzehr von Lebensmitteln zusammenh\u00e4ngen, die reich an Omega-3-Fetts\u00e4uren sind, hei\u00dft es, etwa Robben- oder Walfleisch. &#8222;Die traditionelle, fett- und proteinreiche gr\u00f6nl\u00e4ndische Ern\u00e4hrung hat zu einer nat\u00fcrlichen Selektion in einer genomischen Region auf Chromosom 11 gef\u00fchrt.&#8220; Die spezifischen Gene beeinflussten auch die Art der Krankheiten in der gr\u00f6nl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Europ\u00e4er: Milchzucker kann oft verdaut werden<\/p>\n<p>Evolutionsforscher Tautz nennt ein weiteres Beispiel, an dem deutlich wird, wie die Weitergabe von kulturellen Gepflogenheiten Auswirkungen auf den Genpool von Menschen haben. So haben viele Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er heutzutage die F\u00e4higkeit, auch nach dem Babyalter noch Milchzucker zu verdauen. Diese Laktosetoleranz war vor etwa 10.000 Jahren nicht so weit verbreitet.<\/p>\n<p>Doch dann erm\u00f6glichte die zunehmende Domestizierung von Rindern, Schafen und Ziegen Menschen, t\u00e4glich Milch zu trinken. Das k\u00f6nnte ein Selektionsvorteil f\u00fcr jene Menschen gewesen sein, die eine Genvariante aufwiesen, welche sie auch als Erwachsene bef\u00e4higt, Milch zu vertragen. &#8222;Diese Genvariante ist jetzt bei Europ\u00e4ern besonders h\u00e4ufig, und sie ist ein Modellbeispiel einer genetischen Signatur f\u00fcr eine schnelle Evolution&#8220;, sagt Tautz.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt eine kontinuierliche Anpassung, auch jetzt noch&#8220;, f\u00fchrt er aus. So habe es in den vergangenen Jahrzehnten in jenen Teilen Afrikas, wo die Immunschw\u00e4chekrankheit Aids viele Todesopfer forderte, einen Vorteil f\u00fcr Menschen mit Resistenzen gegen das HI-Virus gegeben. Noch sei es etwas fr\u00fch, um die Effekte zu messen. &#8222;Aber in f\u00fcnf bis zehn Generationen kann man die sicher feststellen&#8220;, ist er \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Relikt der Evolution: der Blinddarm<\/p>\n<p>K\u00f6rper stellten immer einen Kompromiss dar, sagt Axel Meyer, der an der Universit\u00e4t Konstanz den Lehrstuhl f\u00fcr Zoologie und Evolutionsbiologie innehat. Es sei mitnichten so, dass Evolution nach Perfektion strebe. Sondern nat\u00fcrliche Selektion f\u00fchre lediglich dazu, dass aus der Auswahl der zur Verf\u00fcgung stehenden Genkombinationen eine bestimmte Kombination mehr Nachkommen hinterlasse als eine andere &#8211; n\u00e4mlich jene, die sich unter den jeweiligen Bedingungen besonders bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Das zeige auch die Tatsache, dass die Menschen heute noch evolution\u00e4res Gep\u00e4ck mit sich herumtragen &#8211; also \u00dcberbleibsel, die keinen Vorteil mehr bringen, aber die auch nur wenig Einfluss auf das Sterberisiko haben. Ein Beispiel sei der Blinddarm, meint Meyer. &#8222;Das ist sehr wahrscheinlich ein Relikt der Evolution, wir haben ihn wohl aufgrund unserer Pflanzen-fressenden Vorfahren.&#8220;<\/p>\n<p>Keine Gene f\u00fcr langes Sitzen und Scrollen<\/p>\n<p>Es entst\u00fcnden auch keine neuen Mutationen, nur weil es von Vorteil w\u00e4re, bestimmte Mutationen zu haben &#8211; also in der modernen Welt beispielsweise welche, die den Menschen beim Sitzen und Scrollen helfen statt beim Jagen und Sammeln. &#8222;Sondern es funktioniert so, dass bestimmte Varianten vorhanden sind und dann eher vererbt werden, weil sie einen Vorteil bieten, als die, die von Nachteil sind&#8220;, sagt Meyer.<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nne die moderne Medizin einen gewissen Einfluss nehmen. &#8222;Im reichen Westen haben wir die Selektion zu einem gewissen Teil ausgeschaltet&#8220;, sagt Meyer. &#8222;Woran die Menschen vor zwei, drei oder vier Generationen noch gestorben sind, das \u00fcberleben wir heute.&#8220;<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren auch Krankheiten, die vererbt werden k\u00f6nnen, etwa die Bluterkrankheit H\u00e4mophilie, die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose oder auch multifaktorielle Krankheiten mit genetischer Veranlagung, wie Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese k\u00f6nnen heute h\u00e4ufiger vererbt werden, weil sie seltener zum vorzeitigen Tod f\u00fchren.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Babys durch viele Kaiserschnitte<\/p>\n<p>\u00dcber ein weiteres Beispiel von evolution\u00e4rer Ver\u00e4nderung durch medizinischen Fortschritt <a href=\"https:\/\/medienportal.univie.ac.at\/media\/aktuelle-pressemeldungen\/detailansicht\/artikel\/wie-die-evolution-uns-immer-noch-veraendert\/\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">schreibt der Evolutionsbiologe Philipp Mitter\u00f6cker<\/a> von der Universit\u00e4t Wien. Er besch\u00e4ftigt sich etwa mit dem menschlichen Becken, das auch den Geburtskanal bildet. Je gr\u00f6\u00dfer ein Neugeborenes ist, desto h\u00f6her sei die \u00dcberlebenschance nach der Geburt, aber desto gr\u00f6\u00dfer sei auch das Risiko, dass der Kopf des Kindes zu gro\u00df sei, um durch das Becken zu passen.<\/p>\n<p>Da es seit Mitte des 20. Jahrhunderts viele Kaiserschnitte gebe, k\u00f6nnten auch schmale Frauen relativ gefahrlos gro\u00dfe Kinder geb\u00e4ren. Mitter\u00f6cker sch\u00e4tzt, dass durch Kaiserschnitte die Rate an Sch\u00e4del-Becken Missverh\u00e4ltnissen in den vergangenen 60 Jahren um etwa einen halben Prozentpunkt zugenommen hat.<\/p>\n<p>Selektion durch Samen- und Eizellspenden<\/p>\n<p>Au\u00dferdem habe die Reproduktionsmedizin m\u00f6glicherweise Auswirkungen auf die Gene einer Bev\u00f6lkerung, meint Meyer. So w\u00fcrden Samen- und Eizellspenden von besonders intelligenten oder athletischen Spendern und Spenderinnen bevorzugt &#8211; diese h\u00e4tten also h\u00e4ufiger Nachwuchs als weniger intelligente und athletische Menschen. &#8222;Da findet schon eine Selektion statt&#8220;, zumindest bei den Spendern und Spenderinnen, sagt der Evolutionsbiologe.<\/p>\n<p>Die In-vitro-Fertilisation erm\u00f6gliche auch, dass Menschen, die sonst auf nat\u00fcrlichem Weg wohl keine Kinder bekommen h\u00e4tten, nun welche bekommen k\u00f6nnten, f\u00fcgt Frank R\u00fchli vom Institut f\u00fcr Evolution\u00e4re Medizin der Universit\u00e4t Z\u00fcrich hinzu. &#8222;Das f\u00fchrt m\u00f6glicherweise, wenn das erbliche Faktoren sind, zu Ver\u00e4nderungen im Genpool.&#8220;<\/p>\n<p>Warnung: Evolution nicht bewusst steuern<\/p>\n<p>Der Mensch beeinflusst die Evolution also bereits, indem er der nat\u00fcrlichen Selektion teilweise entkommt. Und was ist andererseits mit der Medizin, mit der sich theoretisch verhindern l\u00e4sst, dass bestimmte Erbkrankheiten weitergegeben werden &#8211; also mit Pr\u00e4implantationsdiagnostik und \u00e4hnlichen Methoden? Jenen Untersuchungen, die dazu dienen, um zu entscheiden, ob ein Embryo aus dem Labor eingesetzt werden soll oder nicht? &#8222;Diese hat noch sehr geringe Effekte&#8220;, sagt Meyer, denn sie werde nur sehr vereinzelt angewandt. Der Einfluss auf die Menschheit sei deswegen bisher nur sehr langsam sichtbar.<\/p>\n<p>Zur Frage des evolution\u00e4ren Effekts der Ansammlung von Mutationen wurde letztes Jahr eine Studie an M\u00e4usen <a href=\"https:\/\/journals.plos.org\/plosbiology\/article?id=10.1371\/journal.pbio.3002795\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">in &#8222;PLOS Biology&#8220; ver\u00f6ffentlicht<\/a>, an der Tautz beteiligt war. Sie zeigte, dass die Ansammlung potenziell sch\u00e4dlicher Genvarianten nur sehr langsam zu einem evolution\u00e4ren Fitnessverlust in Populationen f\u00fchrt. Auf den Menschen \u00fcbertragen bedeuten diese Ergebnisse, dass der m\u00f6gliche Verlust an Fitness durch die Errungenschaften moderner Medizin &#8222;in absehbarer Zukunft&#8220; kein Anlass zu Sorge sein muss. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die evolution\u00e4re Anpassung der Menschen ist ein anhaltender Prozess. Das belegen abweichende Merkmale von Bewohnern unterschiedlicher Weltregionen. 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