{"id":372473,"date":"2025-08-25T17:22:10","date_gmt":"2025-08-25T17:22:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/372473\/"},"modified":"2025-08-25T17:22:10","modified_gmt":"2025-08-25T17:22:10","slug":"reisners-blick-auf-die-front-jetzt-trump-die-schuld-in-die-schuhe-zu-schieben-ist-nur-ein-teil-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/372473\/","title":{"rendered":"Reisners Blick auf die Front: &#8222;Jetzt Trump die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist nur ein Teil der Wahrheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Ukraine ist es wichtig, Ziele auf russischem Boden anzugreifen &#8211; doch US-Raketen darf sie daf\u00fcr nicht verwenden. Im Interview erkl\u00e4rt Oberst Reisner die Hintergr\u00fcnde und sagt, was die neuen ukrainischen Drohnen Flamingo und Neptun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Reisner, die Amerikaner verbieten der Ukraine den Einsatz v<\/b><b>on ATACMS-Raketen auf russische Ziele im Hinterland. Um was f\u00fcr Ziele geht es da?<\/b><\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Reisner.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Oberst Markus Reisner lehrt an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie des \u00f6sterreichischen Bundesheeres in Wien.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Reisner.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Oberst Markus Reisner lehrt an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie des \u00f6sterreichischen Bundesheeres in Wien.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: ntv)<\/p>\n<p>Markus Reisner: Die Ukraine versucht seit Beginn des Krieges, die russischen Streitkr\u00e4fte tief hinter der Front zu treffen. Auf operativer Ebene sind dies Angriffe auf Gefechtsst\u00e4nde, Logistikknotenpunkte und Truppenbereitstellungen. Auf strategischer Ebene hingegen Angriffe auf Produktionsst\u00e4tten der R\u00fcstungsindustrie sowie auf Erd\u00f6lf\u00f6rderanlagen. Dabei gibt es durchaus Erfolge. So ist in den letzten Monaten die russische Raffinerieproduktion zwischen 13 und 15 Prozent eingebrochen. <\/p>\n<p><b>Wie sehr schmerzt das die Russen?<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr die Russen haben Treibstofflieferungen an die Front sowie der \u00d6l- und Gasexport Priorit\u00e4t. Auch daher kommt es mittlerweile zu Rationierungen f\u00fcr die russische Bev\u00f6lkerung. Videos von langen Schlangen an Tankstellen zeigen dies. Die Situation ist nicht kritisch, aber das Ergebnis der ukrainischen Angriffe ist messbar.<\/p>\n<p><b>Gilt das auch f\u00fcr milit\u00e4rische Ziele?<\/b><\/p>\n<p>Frische Satellitenbilder zeigen zudem die Folgen von zwei Drohnenangriffen auf ein wichtiges Logistikzentrum in Tatarstan. Der Standort, der f\u00fcr den Alabuga-Komplex von zentraler Bedeutung ist, dient zur Lagerung von russischen Geran-2-Drohnen. Mindestens sechs Treffer wurden in einem Lagerhaus registriert. Die Ukraine erhofft sich dadurch, ein Nachlassen der russischen Drohnenangriffe zu erreichen.<\/p>\n<p><b>Die Trump-Regierung erlaubt es der Ukraine nicht mehr, solche Ziele mit US-Waffen anzugreifen. Dabei hat es ja schon solche Angriffe gegeben &#8211; im November des vergangenen Jahres zum Beispiel.<\/b><\/p>\n<p>Nach langer Diskussion lie\u00df die Biden-Administration im November 2024 drei gezielte pr\u00e4zise Angriffe mit weitreichenden Waffensystemen im Raum Kursk und somit auf russischem Territorium zu. Die Russen wiederum setzten im November 2024 erstmals eine russische Mittelstreckenrakete vom Typ &#8222;Oreschnik&#8220; ein und f\u00fchrten mehrere hybride Angriffe auf Europa durch. <\/p>\n<p><b>Eine Rakete, die auch Nuklearsprengk\u00f6pfe tragen kann. In Europa war man alarmiert.<\/b><\/p>\n<p>Was folgte, waren Anfang Dezember 2024 Telefonate des amerikanischen mit dem russischen Generalstabschef zum Zwecke der Deeskalation. Einen derartigen Austausch gab es davor zum letzten Mal im Sp\u00e4tsommer 2022. Damals \u00fcberlegten die Russen, taktische Atomwaffen einzusetzen. Als Folge des neuerlichen Telefonats im Dezember 2024 wurden die Angriffe auf russischem Territorium wieder ausgesetzt. Dies geschah noch w\u00e4hrend der Biden-Administration. Das Aussetzen der Angriffe jetzt ausschlie\u00dflich Trump in die Schuhe zu schieben, ist daher nur ein Teil der Wahrheit. Die Biden-Administration wollte es den Ukrainern erm\u00f6glichen, das im Raum Kursk eroberte Gebiet zu halten. Noch wichtiger war es aber, eine Eskalation mit Russland zu vermeiden. Das ist bitter, aber Teil einer sorgf\u00e4ltig \u00fcberlegten US-Strategie.<\/p>\n<p><b>W\u00e4re es aus Ihrer Sicht eine Eskalation, wenn die Ukraine diese weitreichenden Waffen westlicher Verb\u00fcndeter auf russischem Gebiet einsetzt?<\/b><\/p>\n<p> Die Ukraine versucht gerade jetzt, unmittelbar vor m\u00f6glichen Verhandlungsrunden, zu zeigen, dass sie die Initiative ergreifen kann. Sie k\u00e4mpft ums \u00dcberleben. F\u00fcr sie gilt Machiavelli &#8211; &#8222;der Zweck heiligt die Mittel&#8220;.<\/p>\n<p><b>Die Ukraine will au\u00dferdem selbst Langstrecken-Waffen herstellen. Was ist dar\u00fcber bekannt?<\/b><\/p>\n<p>Neue ukrainische Langstreckenmarschflugk\u00f6rper vom Typ FP-5 Flamingo oder auch der k\u00fcrzlich pr\u00e4sentierte Marschflugk\u00f6rper &#8222;Long Neptune&#8220; verf\u00fcgen \u00fcber eine hohe Reichweite. Beim Flamingo sollen es bis zu 3000 Kilometer sein, bei einer Sprengstoffzuladung von 1150 Kilogramm. Der &#8222;Neptun&#8220; soll bis zu 1000 Kilometer weit fliegen k\u00f6nnen. Gezeigt wurden Bilder von FP-5 Flugk\u00f6rpern mit den Seriennummern 479 und 480. Offenbar werden sie also in hoher St\u00fcckzahl produziert. Hinzu kommt die Serienproduktion der Angriffsdrohne FP-1. Sie soll analog zur russischen Angriffsdrohne Geran-2 in hoher St\u00fcckzahl gefertigt werden. Ziel ist, mit ihrem Einsatz eine \u00dcberlastung der russischen Fliegerabwehr zu erzielen, um dem Flamingo oder dem Long Neptune den Weg zu ihren Zielen zu ebnen. Die Botschaft an Russland ist eindeutig: &#8222;Wir werden in K\u00fcrze noch h\u00e4rter und massierter in der Tiefe des russischen Territoriums zuschlagen!&#8220; <\/p>\n<p><b>Wie k\u00f6nnen die Amerikaner \u00fcberhaupt kontrollieren, dass die Ukrainer diese Systeme nicht eskalierend einsetzen?<\/b><\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen dies nur bei Waffensystemen durchf\u00fchren, die von den USA geliefert wurden, oder bei jenen europ\u00e4ischen Systemen, welche US-Unterst\u00fctzung beim Einsatz ben\u00f6tigen. Bei ukrainischen Langstreckenwaffen ist eine direkte Einflussnahme nicht m\u00f6glich, indirekt allerdings schon. Wie man wei\u00df, waren einige ukrainische Offensivhandlungen nicht mit den USA koordiniert. Dazu z\u00e4hlen der Angriff auf das russische Fr\u00fchwarnradar im Jahr 2024, das f\u00fcr die nukleare Abschreckung strategisch wichtig ist. Der ukrainische Vorsto\u00df in Richtung Kursk 2024 oder die Operation Spiderweb 2025 waren ebenfalls nicht abgesprochen. Im April 2022 versuchten die USA die Ukraine daran zu hindern, den russischen Generalstabschef Gerasimow bei einem Frontbesuch zu t\u00f6ten. Die USA f\u00fcrchteten eine unkontrollierbare Eskalation und wollten das verhindern. Es gelang ihnen aber nicht. Die Ukrainer griffen an und Gerasimow \u00fcberlebte nur knapp. Der k\u00fcrzliche ukrainische Angriff auf die wichtige Drushba-Er\u00f6lpipline f\u00fchrte sogar zu einem Protest der ungarischen Regierung. Was wiederum US-Pr\u00e4sident Trump dazu bewog, sein Missfallen dar\u00fcber zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>Was kann Trump tun?<\/b><\/p>\n<p>Der indirekte Ansatz der USA kann es sein, der Ukraine wichtige Unterst\u00fctzung zu verwehren, etwa die Lieferung von Geheimdienstinformationen als Teil der Zielfindung oder eben das Aussetzen von Lieferungen wichtiger Waffensysteme oder Munitionssorten.<\/p>\n<p><b>Einzelne Systeme sind keine Gamechanger, das haben wir in diesem Krieg gelernt. Aber wie wichtig sind die ATACMS oder auch vergleichbare Systeme wie der britische Storm Shadow oder der baugleiche Taurus aus Deutschland?<\/b> <\/p>\n<p>Derartige Systeme helfen der Ukraine, wichtige Ziele in Russland empfindlich zu treffen. Im vorherrschenden Abn\u00fctzungskrieg ist die Massenproduktion weitreichender ukrainischer Drohnen und Marschflugk\u00f6rper ein wichtiges Zeichen. Die Ukraine ist somit in der Lage, der mit Drohnen, Marschflugk\u00f6rpern und Raketen gef\u00fchrten strategischen Luftkriegsf\u00fchrung Russlands etwas quantitativ entgegenzusetzen. Man k\u00e4mpft auf Augenh\u00f6he. W\u00e4hrend die FP-1-Angriffsdrohnen der Saturierung der russischen Fliegerabwehr dienen, durchsto\u00dfen die FP-5 Flamingo oder Long Neptune den Fliegerabwehrschirm und treffen pr\u00e4zise ihre Ziele. Die Ukraine kann ihre Intensit\u00e4t der Angriffe gegen russische Raffinerien, Erd\u00f6lf\u00f6rder- und Transportanlagen sowie gegen Logistikknotenpunkte und Gefechtsst\u00e4nde signifikant erh\u00f6hen. Das bringt Russland wiederum unter Druck.<\/p>\n<p><b>Trump hat die Lieferung von Extended-Range-Attack-Munitions (ERAM) in Aussicht gestellt. Was kann die leisten, gerade im Vergleich zu den ATACMS?<\/b><\/p>\n<p>US-Pr\u00e4sident Trump stellte bereits vor einiger Zeit die Lieferung von \u00fcber 3350 St\u00fcck ERAM an die Ukraine in Aussicht. Die sollte im vierten Quartal 2025 erfolgen. Dabei handelt es sich um mit hoher Sorgfalt entwickelte Hochleistungswaffensysteme mit einer im Vergleich zu ATACMS etwas erh\u00f6hten Standardreichweite von bis zu 400 Kilometern. Der Umstand, dass es sich hier um fertig entwickelte und erprobte Waffensysteme handelt, ist wichtig. Um tats\u00e4chlich erfolgreich zu sein, ben\u00f6tigen moderne Marschflugk\u00f6rper eine Reihe von F\u00e4higkeiten. Sie m\u00fcssen verl\u00e4sslich funktionieren und resistent gegen\u00fcber elektronischen St\u00f6rma\u00dfnahmen sein, \u00fcber wirksame redundante Navigationssysteme verf\u00fcgen und ben\u00f6tigen ein leistungsstarkes Triebwerk. Im Fall der ukrainischen FP-5 Flamingo kommt das Jettriebwerk einer L-39-Trainer zum Einsatz, einem verbreiteten tschechischen Schulflugzeug. Hinzu kommt der Bedarf an mitgef\u00fchrten T\u00e4uschk\u00f6rpern gegen anfliegende russische Fliegerabwehrraketen.<\/p>\n<p><b>Was bedeutet ein ERAM-Einsatz f\u00fcr den Krieg?<\/b><\/p>\n<p>Man h\u00f6rt, dass Trump den Einsatz der ERAM auf ukrainisches Territorium beschr\u00e4nken will. Auch die Krim soll nur punktuell und in enger Abstimmung mit den USA angegriffen werden d\u00fcrfen. Auch an dem aktuellen Vorgehen ist der Versuch der USA erkennbar, trotz aller Unterst\u00fctzung eine Eskalation mit Russland zu vermeiden. Sie setzen darauf, dass den Russen auf der Zeitachse die Kraft ausgeht. Darum versucht die Ukraine, der gerade die Zeit davonl\u00e4uft, mit Vehemenz ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>Zur Lage an der Front: Wie sieht es im Donbass in den umk\u00e4mpften St\u00e4dten wie Pokrowsk aus?<\/b><\/p>\n<p>Der Druck der Russen ist unver\u00e4ndert hoch. Die russischen Angriffsverb\u00e4nde greifen unvermindert die Gebiete im Osten der Ukraine an. Hier, im Mittelabschnitt der Front, liegen St\u00e4dte wie Kupjansk, Sewersk, Kostjantyniwka, Pokrowsk und Nowopawliwka. Sie sind entweder von einer Einkesselung bedroht oder befinden sich bereits in einem nahezu geschlossenen Kessel. Besonders im Donbass, im Raum zwischen Nowopawliwka \u00fcber Pokrowsk bis Kostjantynivka, versch\u00e4rft sich die Lage t\u00e4glich. N\u00f6rdlich und s\u00fcdlich von Pokrowsk ist es den Ukrainern neuerlich gelungen, die Lage mit mehreren Gegenangriffen zu stabilisieren. Das ist eine gute Nachricht f\u00fcr die Ukrainer. Bei Kupjansk r\u00fccken die Russen hingegen weiter vor. Nordostw\u00e4rts von Sewersk ist es ihnen gelungen, ein gro\u00dfes St\u00fcck des seit Jahren umk\u00e4mpften Serebranska-Waldes einzunehmen.<\/p>\n<p>Mit Markus Reisner sprach Volker Petersen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr die Ukraine ist es wichtig, Ziele auf russischem Boden anzugreifen &#8211; doch US-Raketen darf sie daf\u00fcr nicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":372474,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,661,106,10068,13,14,15,16,4043,4044,850,307,12,317,64,306,107],"class_list":{"0":"post-372473","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-angriff-auf-die-ukraine","11":"tag-donald-trump","12":"tag-drohnen","13":"tag-headlines","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-politik","17":"tag-russia","18":"tag-russian-federation","19":"tag-russische-foederation","20":"tag-russland","21":"tag-schlagzeilen","22":"tag-ukraine","23":"tag-usa","24":"tag-wladimir-putin","25":"tag-wolodymyr-selenskyj"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115090564592223356","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/372473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=372473"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/372473\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/372474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=372473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=372473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=372473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}