{"id":374586,"date":"2025-08-26T13:17:11","date_gmt":"2025-08-26T13:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/374586\/"},"modified":"2025-08-26T13:17:11","modified_gmt":"2025-08-26T13:17:11","slug":"den-autor-und-regisseur-denijen-pauljevic-inspirieren-bis-heute-die-gesaenge-des-maldoror-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/374586\/","title":{"rendered":"Den Autor und Regisseur Denijen Pauljevi\u0107 inspirieren bis heute die \u201eGes\u00e4nge des Maldoror\u201c &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Auf die Frage hin, was ihm Mut mache und Hoffnung gebe, habe er erst einmal seine \u201einnere Bibliothek durchgeschaut\u201c, sagt Denijen Pauljevi\u0107. Nach l\u00e4ngerem \u00dcberlegen kam er zu keiner wirklichen Entscheidung. Doch dann, eher zuf\u00e4llig beim Trinken eines Kaffees, \u201eerschien pl\u00f6tzlich \u201aDie Ges\u00e4nge des Maldoror\u2018 vor meinen Augen, wie eine Leuchtreklame\u201c. Ein Buch, das den heute 51-j\u00e4hrigen Autor und Regisseur vor mehr als drei Jahrzehnten in einer besonderen Situation traf.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Wie diese aussah, schildert er bei einer Begegnung im Bellevue di Monaco, wo er seit 2022 die Sparte Kultur leitet. Durch das trubelige Caf\u00e9 hindurch f\u00fchrt er zwei Stockwerke hinauf in einen ruhigen Nebenraum. Im Alter von 19 Jahren floh er von Belgrad nach Prag, erz\u00e4hlt Pauljevi\u0107. \u201eIch hatte gerade mein Abitur gemacht und war \u00fcber Nacht aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen. Damit ich nicht eingezogen werde in die Armee, in den Krieg\u201c, erinnert er sich. Zwar war er erst einmal gerettet, aber auch verzweifelt. \u201eIch war v\u00f6llig allein, sprach die Sprache nicht und kannte niemanden.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Seine Mutter, die schon in <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/M%C3%BCnchen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00fcnchen<\/a> war, schickte ihm 250 Mark im Monat, davon konnte er immerhin das N\u00f6tigste wie Wohnung und Essen bezahlen. Doch eigentlich wollte er in Prag Filmregie studieren, aber es kostete f\u00fcr ausl\u00e4ndische Studierende zu viel, und er durfte nicht arbeiten. Dann lernte er einen Filmstudenten kennen, der aus Belgrad kam wie Pauljevic selbst. Er war zehn Jahre \u00e4lter und lud ihn jede Woche zu einem Mittagessen ein. Und er versorgte ihn mit <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Literatur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Literatur<\/a> in beider Muttersprache. Dostojewski, Celine und Kafkas Tageb\u00fccher.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Eines Tages gab er ihm die \u201eGes\u00e4nge des Maldoror\u201c von Isidore Ducasse, einem franz\u00f6sischen Autor, der 1846 geboren wurde. \u201eEin sehr ungew\u00f6hnliches Buch, in dem ich Parallelen fand zu mir. Ducasse war 22, als er es schrieb. Er kam in Montevideo zur Welt, damals herrschte Krieg zwischen Uruguay und Argentinien, Ducasse verbrachte seine Kindheit und fr\u00fche Jugend in einer belagerten Stadt\u201c, sagt Pauljevi\u0107. Im Alter von 13 Jahren wurde Ducasse von seinem Vater, einem Franzosen und hohen Konsulatsangestellten, auf ein Internat nach Frankreich geschickt. Dort fasste er sehr fr\u00fch den Entschluss, Schriftsteller zu werden.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Die sechs \u201eGes\u00e4nge\u201c sind absurd, grotesk und brutal, ein Prosagedicht um einen Antihelden, Maldoror. Der Name ist aus dem Franz\u00f6sischen entlehnt, ein Sprachspiel aus \u201eAurore du Mal\u201c, \u201eSonne des B\u00f6sen\u201c, denn die Ich-Figur will b\u00f6ser sein als der Teufel selbst. Geschildert werden subversive Phantasien und gewaltvolle Situationen,\u00a0 \u201ein dieser Welt von Krieg und Gefahr fand ich mich wieder\u201c, sagt Pauljevi\u0107. \u201eWas mir aber Trost gab, war die Sprache.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">\u201eIch lese Ihnen einen Satz vor, der mich sehr beeindruckt hat\u201c, sagt er, und bl\u00e4ttert im Buch zu einer Textstelle, in der es \u00fcber einen jungen Mann hei\u00dft: \u201eEr ist sch\u00f6n wie das zuf\u00e4llige Zusammentreffen einer N\u00e4hmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.\u201c Die sprachgewaltigen Bilderfluten erschienen allerdings um 1870 so schr\u00e4g und ungew\u00f6hnlich, dass der Verleger, kaum als das Buch gedruckt war, es wieder aus dem Handel zur\u00fcckzog, aus Angst vor der Zensur.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Gerade diese Unerschrockenheit von Ducasse, im Alter von 22 Jahren ein so anarchistisches Buch zu verfassen, habe ihm sehr imponiert. \u201eEr hat nie das Bed\u00fcrfnis gehabt, sich zu erkl\u00e4ren oder zu rechtfertigen\u201c, sagt Pauljevi\u0107. Obwohl Ducasse bestimmt gewusst habe, dass er damit anecken w\u00fcrde. Das Werk habe \u201eetwas Punkiges, ich h\u00f6rte damals, wie heute noch, Punkrock. Das Absurde, Groteske, gab mir Trost und machte mir Mut in einer Zeit, in der ich nicht wusste, wie es weitergeht. Und das Trashige und Merkw\u00fcrdige kommt bis heute in meinem eigenen Schreiben vor\u201c, sagt Pauljevi\u0107.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/b1d21471-8b84-4947-8c67-74bf6a37c2ad.jpg\"   alt=\"Isidore Ducasse im Jahr 1867, im Alter von 21 Jahren.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Isidore Ducasse im Jahr 1867, im Alter von 21 Jahren. (Foto: Wikimedia Commons)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Die lang verschollenen \u201eGes\u00e4nge des Maldoror\u201c werden erst durch die Surrealisten im Verlauf des ersten Weltkriegs entdeckt und ber\u00fchmt. Sie feiern Ducasse unter seinem Pseudonym Comte de Lautr\u00e9amont als \u201eGro\u00dfvater des Surrealismus\u201c, dessen Formulierungen K\u00fcnstler wie Man Ray, Salvador Dali, Max Ernst, Joan Mir\u00f3 und Ren\u00e9 Magritte inspirierten. Das Zusammentreffen von N\u00e4hmaschine und Regenschirm wurde zum vielzitierten Leitsatz, dem die Filmregisseurin Agnes Varda gar eine Kunstinstallation widmete.\u00a0 Andere wie Andr\u00e9 Breton glaubten bei ihm Techniken des sogenannten automatischen Schreibens zu entdecken, ein unzensierter Ausdruck innerer Vorg\u00e4nge, \u201ebei dem man m\u00f6glichst frei und spontan aufschrieb, was einem in den Sinn kam\u201c, so Pauljevi\u0107.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Bei allem sei Ducasse auch humorvoll, findet Pauljevi\u0107. So begegne Maldoror auf der Suche nach einer verwandten Seele einem weiblichen Hai, es ist eine Liebe auf den ersten Blick, denn beide wollen dasselbe, \u201edie Menschheit verschlingen\u201c. \u201eDiese Mischung aus Brutalit\u00e4t und d\u00fcsteren Tr\u00e4umen, die gleichzeitig verspielt und poetisch sind, faszinierte mich\u201c, f\u00fchrt Pauljevi\u0107 aus.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Isidore Ducasse starb mit 24 Jahren, wohl an Typhus, w\u00e4hrend der Belagerung von Paris durch die Preu\u00dfen. \u201eEr wurde in einer belagerten Stadt geboren und starb bei der Belagerung einer anderen Stadt\u201c, res\u00fcmiert Pauljevi\u0107. F\u00fcr ihn selbst verlief das Leben gl\u00fccklicher, nach zehn Monaten gelangte er nach M\u00fcnchen, wo er auch seine Mutter wiedertraf. Auf seinem weiteren Weg zum Schriftsteller wurde er von Literaturstipendien und der M\u00fcnchner Drehbuchwerkstatt unterst\u00fctzt\u2013 heute unterrichtet er selbst Studierende in szenischem Schreiben an der LMU.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">In K\u00fcrze reise er f\u00fcr vier Wochen nach Afrika, erz\u00e4hlt Pauljevi\u0107. Dort laufen die Proben f\u00fcr ein Theaterprojekt in Kooperation mit Kenia, das Ende Oktober beim Spielart-Festival in M\u00fcnchen aufgef\u00fchrt wird. Im Zentrum stehe die Auseinandersetzung mit postkolonialer Bildpolitik, Erinnerung und Identit\u00e4t, \u201eauf satirisch-groteske Weise\u201c, verr\u00e4t er und schmunzelt. Wie sollte es bei ihm auch anders sein.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">In der SZ-Serie \u201eEin St\u00fcck Hoffnung\u201c empfehlen K\u00fcnstler aus M\u00fcnchen und Bayern Werke, die sie optimistisch stimmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auf die Frage hin, was ihm Mut mache und Hoffnung gebe, habe er erst einmal seine \u201einnere Bibliothek&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":374587,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,101852,30,2392,93,2879,1268,149,215],"class_list":{"0":"post-374586","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-franzoesische-literatur","13":"tag-germany","14":"tag-kultur-in-muenchen","15":"tag-literatur","16":"tag-lyrik","17":"tag-muenchen","18":"tag-sueddeutsche-zeitung","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115095263510277840","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=374586"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374586\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/374587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=374586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=374586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=374586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}