{"id":375111,"date":"2025-08-26T18:02:10","date_gmt":"2025-08-26T18:02:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/375111\/"},"modified":"2025-08-26T18:02:10","modified_gmt":"2025-08-26T18:02:10","slug":"taiwans-botschafter-deutschland-steht-mit-dem-ruecken-zur-wand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/375111\/","title":{"rendered":"Taiwans Botschafter: \u201eDeutschland steht mit dem R\u00fccken zur Wand\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In seinen neun Jahren als Botschafter Taiwans in Berlin hat Jhy-Wey Shieh Deutschland in drei gro\u00dfen Krisen erlebt: der Fl\u00fcchtlingskrise, der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg. Der studierte Germanist erlebt ein gebeuteltes Land und macht eine erstaunliche Prognose f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Kaum ein Diplomat hat Deutschland l\u00e4nger beobachtet, als Taiwans Botschafter in Berlin, Jhy-Wey Shieh. Der 70-j\u00e4hrige studierte Germanist trat im August 2016 seinen Dienst als Repr\u00e4sentant des demokratischen Inselstaats in Deutschland an. Bevor er diese Woche nach exakt neun Jahren seinen Posten verl\u00e4sst, sprach er mit WELT \u00fcber seine Sicht auf das Land.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Herr Botschafter, nach fast einem Jahrzehnt verlassen Sie Deutschland. Sie kamen im Sommer 2016 nach Berlin und haben seitdem erlebt, wie das Land drei gro\u00dfen Krisen ausgesetzt war: der Fl\u00fcchtlingskrise, der Corona-Pandemie und der auf den Ukraine-Krieg folgende Energiekrise. Wie hat sich Deutschland geschlagen?<\/p>\n<p><b>Jhy-Wey Shieh: <\/b>Deutschland hatte Pech, denn gerade als man an der \u00dcberwindung der Fl\u00fcchtlingskrise gearbeitet hat, brach die Corona-Pandemie \u00fcber das Land herein. Und als man diese \u00fcberstanden hat, forderte Putins Invasionskrieg gegen die Ukraine das Land erneut. Man k\u00f6nnte meinen, Deutschland als ein gro\u00dfes, wohlhabendes Land h\u00e4tte mit drei Krisen fertig werden k\u00f6nnen. Die Bem\u00fchungen um eine akzeptable L\u00f6sung haben sich aber als wesentlich komplizierter herausgestellt als erwartet.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ein Jahr bevor Sie ihr Amt angetreten haben, sagte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Bezug auf die Fl\u00fcchtlingskrise \u201eWir schaffen das\u201c. Friedrich Merz sagte neulich, wir h\u00e4tten es nicht geschafft. Was ist Ihr Fazit? <\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Die einen w\u00fcrden sagen, man habe es geschafft, die anderen w\u00fcrden sagen, man habe es nicht geschafft. Ich w\u00fcrde sagen, man ist geschafft. Dennoch verdient Deutschland, daf\u00fcr respektiert und bewundert zu werden. Es hat aus einer historischen Verantwortung ein Schutzbewusstsein f\u00fcr viele leidende Menschen entwickelt und seine Grenzen ge\u00f6ffnet. Das war eine gro\u00dfartige Geste. Im Nachhinein muss man aber feststellen, dass die Deutschen darauf nicht richtig vorbereitet waren. Das hat dann etliche Probleme geschaffen, die das Land bis heute besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Auch die zweite Krise, die Sie erlebt haben, die Corona-Pandemie, hat das Land stark gefordert.<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Leider ja. Anders als in Taiwan, wo wir nie einen Lockdown hatten, begann man zu sp\u00e4t, das Virus ernst zu nehmen. Das fing damit an, dass man zu lange chinesische Reisende hineingelassen hat und h\u00f6rte auf bei der anf\u00e4nglichen Skepsis gegen\u00fcber Masken. Insgesamt haben beide Krisen das Land sehr polarisiert.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Das stimmt. Die Folgen sind nun bis in den politischen Alltag sp\u00fcrbar. Ist das die neue Realit\u00e4t, oder trauen Sie den Deutschen zu, die Spaltung zu \u00fcberwinden?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ich glaube, die deutsche Gesellschaft ist an einem Punkt, an dem sie beginnt, zu reflektieren. Wir sehen, dass die neue Regierung die Fl\u00fcchtlingspolitik korrigiert. Sie war der Ausl\u00f6ser der starken Polarisierung und Radikalisierung einiger Menschen, die durch Corona und schlie\u00dflich die Frage, wie man zu Russland steht, verst\u00e4rkt wurde.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Der russische Krieg gegen die Ukraine ist die dritte Krise, in der Sie Deutschland erlebt haben. Die Reaktion darauf, insbesondere mit Blick auf die westliche Unterst\u00fctzung, d\u00fcrften Sie besonders aufmerksam verfolgt haben. Taiwan ist auch ein kleines Land, das von seinem gro\u00dfen imperialistischen Nachbarn bedroht wird. <\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Deutschland hat richtig reagiert und sich mit den anderen europ\u00e4ischen Nationen zusammengeschlossen. Das begann bei der Waffenhilfe aber war j\u00fcngst Anfang der Woche in Washington sichtbar, als f\u00fcnf europ\u00e4ische Staats- und Regierungschef zur Unterst\u00fctzung von Selenskyj ins Wei\u00dfe Haus reisten.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus239594073\/Taiwans-Botschafter-Das-koennte-Xi-ermutigen-Taiwan-einzunehmen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus239594073\/Taiwans-Botschafter-Das-koennte-Xi-ermutigen-Taiwan-einzunehmen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In unserem letzten Interview im Juni 2022<\/a> habe ich Sie gefragt, ob Sie im Fall eines Angriffs Chinas mit Waffenunterst\u00fctzung aus Deutschland rechnen w\u00fcrden. Sie sagten damals nein. Ihre Begr\u00fcndung lautete: \u201eWer keine Erwartungen hat, kann auch nicht entt\u00e4uscht werden. Die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit von China ist zu gro\u00df.\u201c Hat sich das ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ja. Damals war die Beziehung zwischen Taiwan und Deutschland eine Verbindung zwischen zwei Demokratien. Heute ist sie vielschichtiger. Ein Jahr nach unserem Gespr\u00e4ch reiste die damalige Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock nach China und warnte Peking vor einer Eskalation in der Taiwan-Stra\u00dfe. Damit hat sie klargemacht, dass Deutschlands Interessen bei einem Angriff verletzt w\u00fcrden. 70 Prozent des globalen Halbleiterbedarfs werden aus Taiwan gedeckt, jedes zweite Containerschiff passiert die Taiwan-Stra\u00dfe. Dieses Bewusstsein wird auch in der Bev\u00f6lkerung immer st\u00e4rker. China wei\u00df nun, dass es deutsche Interessen verletzen w\u00fcrde, sollte es uns angreifen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Viele deutsche Firmen wollen von \u201ede-risking\u201c trotzdem immer noch nichts wissen\u2026<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Das von der Ampel-Regierung mit eingesetzte Motto, China als \u201ePartner, Wettbewerber und systemischer Rivale\u201c zu behandeln, signalisierte den Anfang. Nat\u00fcrlich sind weiterhin Abh\u00e4ngigkeiten da und die lassen sich m\u00f6glicherweise nicht von heute auf morgen beseitigen, aber entscheidend ist, dass es nicht noch schlimmer wird mit der wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeit. Und da bin ich zuversichtlich. Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sieht China mittlerweile wesentlich kritischer als noch vor f\u00fcnf oder sieben Jahren. Das hat sich Peking selbst zuzuschreiben. Ereignisse, wie die Unterwerfung Hongkongs oder die autorit\u00e4re Covid-Politik hat jedem gezeigt, wie gef\u00e4hrlich das Regime ist. Von Unterst\u00fctzungen f\u00fcr Putin brauchen wir ja gar nicht erst zu reden. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Hat Friedrich Merz ein kritisches China-Bild?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ich habe vor ungef\u00e4hr anderthalb Jahren mit ihm zusammengesessen und ihm unsere Lage erkl\u00e4rt. Damals war er CDU-Chef und Oppositionsf\u00fchrer. Er war sich dessen bewusst, dass China eine Bedrohung ist, und das nicht nur f\u00fcr Taiwan. Das habe ich gesp\u00fcrt. Er wei\u00df, dass Deutschland zwar mit Peking Gesch\u00e4fte machen muss, das aber nicht mehr bedenkenlos geht. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ist Deutschland heute ein besserer Freund Taiwans als vor neun Jahren?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ja, das auf jeden Fall. Ich w\u00fcrde aber nicht von einem \u201ebesseren\u201c Freund sprechen. Ich w\u00e4re sonst ein undankbarer Mensch. Denn Deutschland hat im Vergleich mit vielen anderen L\u00e4ndern in unz\u00e4hligen Angelegenheiten Taiwan nach M\u00f6glichkeit unterst\u00fctzt. Von ganzem Herzen danke ich diesem Land, das quasi meine zweite Heimat geworden ist. Dennoch kann ich mir an dieser Stelle den Wunsch nicht verkneifen, dass sich bald noch die Erkenntnis durchsetzt, dass man Taiwan mit der Ein-China-Politik lange unrecht getan und sich selbst geschadet hat.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Nicht nur Deutschland hat viele Krisen erlebt. Auch die Welt hat sich ver\u00e4ndert hin zu einer multipolaren Ordnung, in der selbst das transatlantische B\u00fcndnis nicht mehr das ist, was es mal war. Kann sich Deutschland in so einer Welt behaupten?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ein chinesischer Stratege namens Sunzi, der chinesische Clausewitz, sagte einst, der Mensch vermag sich nur einen Weg aus der Krise zu bahnen, wenn er mit dem R\u00fccken zur Wand steht und glaubt zu sterben. Deutschland steht mit dem R\u00fccken zur Wand \u2013 und das f\u00fchrt zu einer Bereitschaft, sich neu aufzustellen und geopolitischer zu denken, als noch wenige Jahre zuvor.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Spricht dagegen nicht, dass die Ampel-Koalition\u00e4re unmittelbar nach der Wahl von Donald Trump die Regierung haben platzen lassen oder dass die Abgeordneten von Union und SPD im Fr\u00fchjahr ihren Kanzler im ersten Wahlgang durchfallen lie\u00dfen? Zeugt das nicht von v\u00f6lliger Ignoranz gegen\u00fcber der Weltlage?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Ich glaube, in beiden F\u00e4llen haben die deutschen Politiker selbst einen Schock erlitten. Der Bruch der Ampel-Regierung kurz nach der Wahl von Trump war von au\u00dfen gesehen schon ein Hammer und bei der Wahl von Merz haben wohl einzelne nicht \u00fcberblickt, was sie mit ihrer Stimme anrichten w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ist Deutschland noch ein Stabilit\u00e4tsanker?<\/p>\n<p><b>Shieh:<\/b> Als Diplomat w\u00fcrde ich nicht nein sagen. Deutschland galt immer als stabil, aber das lag vielleicht daran, dass es lange nicht so gro\u00dfe Herausforderungen gab. Das Wichtigste ist aber, \u2013 hoffentlich h\u00f6rt es sich nicht arrogant an \u2013 ich halte Deutschland gl\u00fccklicherweise f\u00fcr lernf\u00e4hig.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/gregor-schwung\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/gregor-schwung\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Gregor Schwung<\/b><\/a><b> berichtet seit 2025 als au\u00dfenpolitischer Korrespondent \u00fcber transatlantische Beziehungen, internationale Entwicklungen und geopolitische Umbr\u00fcche mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Ukraine und die USA.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In seinen neun Jahren als Botschafter Taiwans in Berlin hat Jhy-Wey Shieh Deutschland in drei gro\u00dfen Krisen erlebt:&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":375112,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[331,3924,332,3922,21990,54962,3364,29,7883,30,13,14623,14,3923,15,3921,12,101952,650],"class_list":{"0":"post-375111","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-aktuelle-news-aus-deutschland","12":"tag-china-volksrepublik","13":"tag-china-politik","14":"tag-de","15":"tag-deutschland","16":"tag-fluechtlingskrise","17":"tag-germany","18":"tag-headlines","19":"tag-innenpolitik","20":"tag-nachrichten","21":"tag-nachrichten-aus-deutschland","22":"tag-news","23":"tag-news-aus-deutschland","24":"tag-schlagzeilen","25":"tag-shieh-jhy-wey","26":"tag-taiwan"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115096384033971073","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/375111","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=375111"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/375111\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/375112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=375111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=375111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=375111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}