{"id":375147,"date":"2025-08-26T18:23:12","date_gmt":"2025-08-26T18:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/375147\/"},"modified":"2025-08-26T18:23:12","modified_gmt":"2025-08-26T18:23:12","slug":"uni-absolventen-in-stuttgart-keine-wohnung-keinen-job-zwei-ingenieure-unter-zeitdruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/375147\/","title":{"rendered":"Uni-Absolventen in Stuttgart: Keine Wohnung, keinen Job \u2013 zwei Ingenieure unter Zeitdruck"},"content":{"rendered":"<p>Berk aus der T\u00fcrkei und Walter aus Brasilien wollen nach ihrem Maschinenbau-Studium in Stuttgart bleiben. Doch der Weg in den Beruf ist steinig \u2013 und die Zeit dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Der Master ist geschafft, doch der n\u00e4chste Schritt fehlt: ein Job. F\u00fcr Berk und Walter, zwei Maschinenbauabsolventen der Universit\u00e4t Stuttgart, beginnt der Ernst des Lebens mit einer Leerstelle. Im Oktober m\u00fcssen sie aus dem Studentenwohnheim ausziehen \u2013 doch wohin, wenn noch unklar ist, wo sie k\u00fcnftig arbeiten werden? <\/p>\n<p>Eine eigene Wohnung ist ohne Einkommen kaum zu finanzieren, eine WG nur sinnvoll, wenn der Arbeitsort feststeht. F\u00fcr Berk aus der T\u00fcrkei und Walter aus Brasilien ist Stuttgart l\u00e4ngst mehr als ein Studienort geworden. Hier haben sie sich ein Leben aufgebaut \u2013 und hier wollen sie bleiben. Noch einmal von vorne anfangen? Das m\u00f6chten beide vermeiden.<\/p>\n<p>Masterarbeit bei <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Bosch\" title=\"Bosch\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bosch<\/a> \u2013 aber leider keine \u00dcbernahme <\/p>\n<p>Berk kam vor drei Jahren aus Ankara nach Stuttgart. Seinen Bachelor hatte er 2015 in der t\u00fcrkischen Hauptstadt absolviert. F\u00fcr den Master kam er in die schw\u00e4bische Landeshauptstadt. Seine Abschlussarbeit schrieb er bei Bosch im Bereich Steuerger\u00e4teentwicklung. \u201eIm Mai habe ich meine Masterarbeit abgegeben \u2013 eine \u00dcbernahme war leider nicht m\u00f6glich\u201c, sagt er. Der 29-J\u00e4hrige hatte das bef\u00fcrchtet und begann fr\u00fch mit der Jobsuche. \u201eIch habe schon \u00fcber 100 Bewerbungen geschrieben\u201c, erz\u00e4hlt Berk. Eine Liste hilft ihm, den \u00dcberblick zu behalten.<\/p>\n<p>Anfangs konzentrierte sich Berk auf gro\u00dfe Unternehmen und klar definierte Positionen. Inzwischen bewirbt er sich auch bei kleineren Firmen und au\u00dferhalb der Region. Immerhin erh\u00e4lt er von den meisten Unternehmen eine R\u00fcckmeldung. Leider sind es meist Absagen \u2013 Vorstellungsgespr\u00e4che gab es bisher nur wenige. <\/p>\n<p>60.000 Euro Einstiegsgehalt sind als Ingenieur derzeit wohl eher unrealistisch <\/p>\n<p>Walter wuchs in S\u00fcdbrasilien auf, kam 2018 f\u00fcr ein Austauschjahr nach Deutschland \u2013 und blieb. Den Bachelor machte er in Bochum, den Master in Stuttgart. Auch ihm ist die Stadt ans Herz gewachsen \u2013 vor allem wegen der Kunst. Der Ingenieur besucht gerne Theater und Ausstellungen, vor allem die Galerie Mensing in der Calwer Stra\u00dfe hat es dem 29-J\u00e4hrigen angetan. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.52541429-b44b-47d4-b9bb-a57a1a074adc.original1024.media.jpeg\"\/>     Walter darf noch bis Oktober im Studentenwohnheim der Uni Stuttgart bleiben \u2013 dann muss er ausziehen.    Foto: Lichtgut    <\/p>\n<p>Seit der Abgabe seiner Masterarbeit Anfang Mai hat Walter rund 50 Bewerbungen geschrieben \u2013 langsam, gezielt, mit individuell zugeschnittenen Anschreiben. Zwei Gespr\u00e4che hat er gef\u00fchrt, ein weiteres steht an. Seine Gehaltsvorstellung musste er bereits korrigieren: \u201eIch dachte, mit einem Master verdiene ich als Berufseinsteiger mindestens 60\u2009000 Euro.\u201c Realistischer seien aber wohl eher 55\u2009000 Euro.<\/p>\n<p>Beide d\u00fcrfen noch bis Oktober im Studentenwohnheim der Uni Stuttgart bleiben. Dann werden sie exmatrikuliert und ihre Zimmer an neue <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Studenten\" title=\"Studenten\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Studenten<\/a> vermietet. Walter hat Verwandte, die in \u00d6sterreich leben. Notfalls k\u00f6nnte er zu ihnen ziehen. Damit es nicht so weit kommt, schaut er bereits in Stuttgart und der Umgebung nach einer Bleibe, die halbwegs bezahlbar ist. Wenn ihm das Geld ausgehen sollte, w\u00fcrde er sich einen Job suchen, zum Beispiel als Kellner. <\/p>\n<p> Aufenthaltserlaubnis f\u00fcr 18 Monate nach Studium <\/p>\n<p>Berk ist noch nicht auf Wohnungssuche. Er will vermeiden, mehrfach umziehen zu m\u00fcssen. Erst ein Job, dann eine Wohnung \u2013 so sein Plan. Was ihn zus\u00e4tzlich unter Druck setzt: Seine Aufenthaltserlaubnis gilt bis 18 Monate nach dem Studium. \u201eIch habe anderthalb Jahre Zeit, einen Job zu finden. Ansonsten muss ich gehen.\u201c Um sich \u00fcber Wasser zu halten, arbeitet Berk als Wissenschaftliche Hilfskraft an der Universit\u00e4t. \u201eEs ist nicht sehr viel Geld \u2013 aber genug, um nicht in Panik zu geraten.\u201c<\/p>\n<p> Bosch, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Porsche\" title=\"Porsche\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Porsche<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Mercedes-Benz\" title=\"Mercedes\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mercedes<\/a> schreiben weniger Stellen aus <\/p>\n<p>Was Berk und Walter erleben, ist kein Einzelfall. Die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.arbeitsagentur-schlaegt-alarm-autokrise-trifft-in-der-region-stuttgart-vor-allem-junge-menschen.1c22a4af-d8e9-411b-938e-ea1957954352.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Automobilindustrie im S\u00fcdwesten steht unter Druck<\/a> \u2013 und das wirkt sich zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus. Die gro\u00dfen Namen, die einst f\u00fcr Sicherheit und Karrierechancen standen, bauen Stellen ab oder schreiben deutlich weniger aus. Laut einer Erhebung des Berliner Unternehmens Index Research sank die Zahl der Stellenausschreibungen mit Arbeitsplatz in Baden-W\u00fcrttemberg im Vergleich von 2023 zu 2024 deutlich.<\/p>\n<ul>\n<li>Bei Bosch, dem weltweit gr\u00f6\u00dften Automobilzulieferer mit Sitz in Gerlingen, sank die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im Land um 51 Prozent von 12\u2009191 auf 5200<\/li>\n<li>Beim Sportwagenhersteller Porsche halbierte sich die Anzahl der externen Stellenausschreibungen von 3000 auf 1549<\/li>\n<li>Beim Stuttgarter Autohersteller Mercedes-Benz verringerten sich die Stellenausschreibungen um 40 Prozent. 2023 suchte der Konzern noch 7178 Mitarbeiter, 2024 waren 4310<\/li>\n<\/ul>\n<p> Autoindustrie streicht innerhalb eines Jahres 51.000 Stellen <\/p>\n<p>Eine Analyse der Beratungsgesellschaft EY zeigt nun, dass innerhalb eines Jahres allein in der deutschen Autoindustrie etwa 51\u2009500 Jobs weggefallen sind. Das entspricht etwa sieben Prozent der Stellen. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sank die Zahl der Jobs sogar um gut 112\u2009000. Jan Brorhilker, Managing Partner bei EY, sieht vorerst kein Ende des Stellenabbaus in der deutschen Industrie: \u201eBei einigen gro\u00dfen Industrieunternehmen laufen derzeit Kostensenkungs- und Restrukturierungsprogramme. In den aktuellen Besch\u00e4ftigungsstatistiken zeigen sich die Auswirkungen dieser Stellenstreichungen erst mit einiger Verz\u00f6gerung. Im Lauf des Jahres und bis ins kommende Jahr hinein wird die Zahl der Industriejobs daher weiter sinken\u201c, erwartet Brorhilker.<\/p>\n<p> Negativ-Rekord an arbeitslosen Hochschulabsolventen <\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig: Die Transformation zur Elektromobilit\u00e4t und Digitalisierung ver\u00e4ndert den Bedarf an Fachkr\u00e4ften. Gleichzeitig d\u00e4mpfen Konjunkturschw\u00e4che, internationaler Wettbewerbsdruck und geopolitische Unsicherheiten die Einstellungsbereitschaft. <\/p>\n<p>Das sind schlechte Nachrichten auch f\u00fcr Schul- oder Hochschulabsolventen, so Brorhilker: \u201eDie Automobilindustrie und der Maschinenbau stellen heute deutlich weniger junge Menschen ein als in den vergangenen Jahren. Der Arbeitsmarkt etwa f\u00fcr junge Ingenieure wird ungem\u00fctlich, viele werden sich neu orientieren m\u00fcssen. Wir werden eine steigende Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen sehen \u2013 etwas, was es in Deutschland lange nicht gab.\u201c<\/p>\n<p>Die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen unter 30 Jahren stieg im Jahr 2024 um 25 Prozent auf 39\u2009000 \u2013 so hoch wie nie zuvor. Davor sch\u00fctzen auch Praktika nicht. Berk und Walter haben beide ihre Masterarbeit in einem Unternehmen geschrieben. Fr\u00fcher galt das als gute Voraussetzung f\u00fcr eine \u00dcbernahme.<\/p>\n<p> Beliebte Arbeitgeber trotz Krise: Mercedes, Porsche oder Bosch <\/p>\n<p>\u201eMercedes, Porsche, Bosch, Siemens \u2013 das waren meine Wunscharbeitgeber\u201c, sagt Berk. Auch Walter h\u00e4tte am liebsten in der Automobilbranche angefangen. Doch der Einstieg blieb aus. Nach und nach haben beide ihren Suchradius erweitert: erst auf andere St\u00e4dte in S\u00fcddeutschland, dann auf Norddeutschland und die Schweiz. Auch bei den Branchen wurden sie flexibler. Berk hatte zuletzt ein Telefoninterview bei einem Halbleiterhersteller in Berlin \u2013 ein Zukunftsfeld, das au\u00dferhalb seiner urspr\u00fcnglichen Wunschbranche liegt.<\/p>\n<p>Dass es trotzdem klappen kann, zeigt die Statistik der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit: Vier von f\u00fcnf Akademikern finden innerhalb eines Jahres eine neue Stelle. Und das ifo-Institut erwartet f\u00fcr das kommende Jahr einen Besch\u00e4ftigungsanstieg \u2013 rund 120\u2009000 Menschen mehr sollen in Arbeit kommen. <\/p>\n<p> Wirtschaftliche Lage in Baden-W\u00fcrttemberg hat sich ver\u00e4ndert <\/p>\n<p>Milliardenschwere Investitionen in Infrastruktur und R\u00fcstungsindustrie k\u00f6nnten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung beitragen \u2013 von dem auch Studienabsolventen wie Berk und Walter profitieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Es ist nicht der Weg, den sich beide vorgestellt haben, als sie ihr Maschinenbaustudium in Deutschland begonnen haben. Aber sie blicken nach vorne. Zur\u00fcck wollen sie nicht \u2013 auch wenn sie ihre Heimatl\u00e4nder lieben. Denn bei allen Herausforderungen in Deutschland: Die Jobaussichten in Brasilien und der T\u00fcrkei sind deutlich schlechter. Zwischen Bewerbung und R\u00fcckmeldung, zwischen Wohnungsdruck und Visumsfrist \u2013 Berk und Walter bleiben optimistisch, dass auch sie in Deutschland Fu\u00df fassen. Im Land der Ingenieure.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berk aus der T\u00fcrkei und Walter aus Brasilien wollen nach ihrem Maschinenbau-Studium in Stuttgart bleiben. 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