{"id":377534,"date":"2025-08-27T16:25:20","date_gmt":"2025-08-27T16:25:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/377534\/"},"modified":"2025-08-27T16:25:20","modified_gmt":"2025-08-27T16:25:20","slug":"roman-moscow-mule-von-maya-rosa-das-furchtlosere-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/377534\/","title":{"rendered":"Roman \u201eMoscow Mule\u201c von Maya Rosa \u2013 Das furchtlosere Ich"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_literatur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Literatur<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 27.08.2025, 16:20 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39420640-maya-rosa-3ife.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"619\" width=\"1100\" alt=\"Maya Rosa.\"\/>Maya Rosa. \u00a9\u00a0Peter Rigaud<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">Moskau in der Zeit des putinistischen Glamours: Maya Rosa und ihr Roman \u201eMoscow Mule\u201c. Eine Begegnung.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Es ist so ein Tag in Berlin, an dem allen etwas dazwischenkommt. Maya Rosa ruft ihre Entschuldigung schon, w\u00e4hrend sie noch bremst, springt vorm Caf\u00e9 Bilderbuch in Sch\u00f6neberg vom Rad und h\u00e4tte es beinahe nicht ordentlich abgeschlossen. Wir verwickeln uns spontan in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Fahrraddiebe.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Hier sind wir verabredet, weil Maya Rosa zuerst in Sch\u00f6neberg wohnte, als sie in die Stadt kam. Das Caf\u00e9 Bilderbuch in der Akazienstra\u00dfe, das aussieht, als w\u00e4re es aus alten Wohnzimmern zusammengesetzt, mit Sofas, Sesseln, einem Fl\u00fcgel und vielen B\u00fccherregalen, war ihr Lieblingscaf\u00e9 damals. \u201eIch mag das Viertel, weil es hier wuchert von kleinen Unternehmen und L\u00e4den\u201c, sagt sie. \u201eEs gibt noch einen Schuster, es gibt alte Schallplatten und Antiquit\u00e4ten, hier d\u00fcrfen die Augen reisen.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Seit 2011 ist sie in Berlin, geboren wurde sie 1987 in Moskau. Wenn man ihren Roman \u201eMoscow Mule\u201c liest, der gerade erschienen ist, und ihre russisch gef\u00e4rbte Sprachmelodie h\u00f6rt, kann man sich vorstellen, dass es so manche Parallele gibt zwischen ihr und ihrer Heldin Karina, der Ich-Erz\u00e4hlerin des Buchs. Doch schon der Zeitpunkt ist ein anderer. Das Buch spielt im Herbst und Winter 2006\/2007. Die Handlung ist erfunden und in einen realen Rahmen gesetzt.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Karina, die mit ihrer Freundin Tonya zusammen Journalismus studiert, wird durch den Mord an Anna Politkowskaja, ein paar Stra\u00dfen von ihrem Campus entfernt, aufgest\u00f6rt: \u201eZiemlich ironisch, denn unser Studiengang hie\u00df Politischer Journalismus.\u201c \u00dcber ihre Fakult\u00e4t sagt sie, dass sie \u201eden sogenannten putinistischen Glamour darstellte\u201c, sie sei ein \u201eSpiegel dieser satten, prosperierenden Epoche\u201c. Mit Politkowskajas Tod erwacht ihr Traum, ins Ausland zu gehen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Im Caf\u00e9 nimmt Maya Rosa ein Sprudelwasser, w\u00fcnscht sich Zitronenscheibchen und Eis dazu. Sie bestellt nicht den Cocktail, den das Buch im Titel tr\u00e4gt. Erstens, weil wir uns am Vormittag getroffen haben. Zweitens, weil \u201eMoscow Mule\u201c im Roman nicht als Drink gemeint ist, sondern f\u00fcr eines von vielen treffenden Bildern steht. Karina sei, sagt jemand \u00fcber sie, beladen wie ein Maultier, englisch: Mule. Im Buch folgt man einer jungen Frau, die mit ihrem Studium nicht froh wird, sich fast t\u00e4glich stundenlang durch den \u00f6ffentlichen Nahverkehr k\u00e4mpft, die ihrer Mutter l\u00e4stig ist, die von der Oma bemuttert wird, die einen Freund hat, der vielleicht fremdgeht, die Kontakt zu ausl\u00e4ndischen Studenten sucht. Zwischendurch gibt es Demonstrationen und Karina staunt, dass sogar der Schachweltmeister Gari Kasparow pl\u00f6tzlich \u00f6ffentlich Kritik \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-factBox-paragraph\"><strong>Maya Rosa: <\/strong>Moscow Mule. Roman. Penguin, M\u00fcnchen 2025. 320 S., 24 Euro.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Maya Rosa sagt: \u201eRussland ohne Politik kann man sich nicht vorstellen. Nicht einmal zu jener Zeit. Man kann sich nicht allein auf die Natur oder die Ballettschule konzentrieren oder nur an Dostojewski denken. Es gibt die Tschetschenienkriege und den Dauerkonflikt mit Georgien, es gibt noch viel mehr schreckliche Dinge, die Europa gar nicht bemerkt. Dar\u00fcber schreiben wollte ich nicht. Aber ich halte es im Hintergrund.\u201c Maya Rosa benutzt eine englische Wendung: \u201eYou cannot unwatch this.\u201c Es l\u00e4sst sich nicht \u00fcbersehen. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Sie habe sich mit dem Buch bewusst auf die Seite des Sch\u00f6nen begeben, sagt sie. \u201eIch wollte eine fr\u00f6hliche, helle Stimme sein, die etwas Positives in unser Leben einbringt, die eine Vision vermittelt, dass man einen Weg finden k\u00f6nnte, gl\u00fccklich zu sein.\u201c Karina, ihre Erz\u00e4hlerin, sei nicht sie selbst, aber ein Teil von ihr. \u201eIch w\u00fcrde sagen: ein st\u00e4rkeres, selbstbewussteres, furchtloseres Ich.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Nun, furchtlos und zielstrebig ist sie selbst aus Russland weggegangen; erst mit einem Stipendium f\u00fcr ein Semester, dann, um ihren Master zu machen. Damals arbeitete sie bereits parallel als Dolmetscherin und \u00dcbersetzerin in den verschiedensten Bereichen, \u201evon der Modewoche zur Gr\u00fcnen Woche\u201c, wie sie sagt. <\/p>\n<p>\u201eMan sah der Stadt das Dunkle nicht an\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Die Frage, ob sie bei dieser Arbeit etwas \u00fcber Deutschland gelernt habe, erscheint ihr abwegig. So eine professionelle Umgebung habe mit Nationalit\u00e4t nichts zu tun. \u00dcber die deutsche B\u00fcrokratie vielleicht? Da muss sie lachen. \u201eDie lernt man schon kennen, wenn man nur ein Visum beantragen will.\u201c Eine Kostprobe davon schildert sie im Roman. In der Realit\u00e4t bekam sie dies noch einmal zu sp\u00fcren, als sie die deutsche Staatsb\u00fcrgschaft beantragte.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Weil sie daf\u00fcr die russische aufgeben musste, hatte sie den Schritt hinausgez\u00f6gert. Aber als Putins Armee in der Ukraine einmarschierte, \u201edas war so schockierend und so schmerzvoll, da war es meine erste Reaktion, noch in jener Woche im Februar 2022, dass ich die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft beantragt habe\u201c. Bis zum Bescheid vergingen fast drei Jahre, bis zum Januar 2025. Sie spricht dar\u00fcber ohne Vorwurf. \u201eWarum sollte es leicht sein? Wenn Einb\u00fcrgerung einfach w\u00e4re, k\u00f6nnte die Europ\u00e4ische Union mit ihren Prinzipien vom Sozialstaat und so weiter nicht mehr funktionieren.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39420641-maya-rosa-OrBG.jpg\" loading=\"lazy\"   height=\"1649\" width=\"1100\" alt=\"Maya Rosa\"\/>Maya Rosa. \u00a9\u00a0Peter Rigaud<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ihre Mutter lebt noch in Moskau. Maya Rosa war zum letzten Mal vor zehn Jahren dort. Den Besuch hat sie als verst\u00f6rend in Erinnerung. Russland hatte gerade die Krim annektiert. Es gab eine offen homophobe Stimmung. \u201eGleichzeitig war die Stadt so pr\u00e4chtig, gl\u00e4nzend, clean geradezu, man sah ihr das Dunkle nicht an.\u201c Sie war froh, ausgewandert zu sein. \u201eF\u00fcr mich ist Russland ein abgeschlossenes Kapitel, ich habe meine Wahl getroffen\u201c, sagt sie. Ihr Leben spielt sich in Deutschland ab, wo sie ihre eigene Familie hat, zwei Kinder, wo sie zwei Master-Abschl\u00fcsse hat, einen von der Humboldt-Universit\u00e4t in Anthropologie, einen vom Literaturinstitut in Leipzig.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Schreibend aber ist sie zur\u00fcckgegangen in das Land ihrer Herkunft. Lebhaft, voller Witz, mit sarkastischen Einsprengseln schildert sie die Abenteuer ihrer jungen Helden. W\u00e4hrend deren Gro\u00dfeltern noch vom Leiden unter Breschnews Stagnation reden, haben die Eltern den Aufbruch unter Gorbatschow und die unendlichen M\u00f6glichkeiten unter Jelzin mitbekommen. Karina erlebt ausgedehnte Partys, ahnt aber, dass es so nicht weitergehen wird. Am Grab Politkowskajas denkt sie auch an die anderen get\u00f6teten Journalisten. \u201eDie Berichte \u00fcber ihre Ermordungen waren im Fluss der staatlichen Nachrichten kaum sichtbar, wie Schwermetalle in einem K\u00f6rper.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Schriftstellerin zu sein, ein Buch zu schreiben, sei ein Kindheitstraum gewesen, \u201eirgendwo im Dachboden von meinem Kopf\u201c, sagt Maya Rosa. Eines Tages habe sie in einer Zeitschrift ein Interview mit Juli Zeh gelesen, die ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut ihre besten Jahre nannte. Da wollte sie es wenigstens einmal probieren. Schlie\u00dflich schrieb sie lange schon Kurzgeschichten. Maya Rosa muss nun lauter sprechen, das Caf\u00e9 wird von einer Geburtstagsgesellschaft heimgesucht. Kurz vor Abgabefrist habe sie ein Expos\u00e9 und ein paar Seiten des jetzigen Romans als Bewerbung geschickt. Sie wurde gleich bei diesem ersten Versuch angenommen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">\u201eIch finde, ich bin immer noch keine Schriftstellerin, ein Buch reicht noch nicht. Erst muss ein zweites rauskommen oder ein drittes. Wenn ich \u00fcberhaupt ein drittes schreiben darf\u201c, sagt sie. Da k\u00f6nnte sie sich ruhig etwas Selbstbewusstsein von ihrer Heldin abschneiden. Ihr Start ist mehr als nur hoffnungsvoll. Gleich mehrere Verlage zeigten Interesse an Maya Rosas Deb\u00fct. Der Zuschlag f\u00fcr \u201eMoscow Mule\u201c ging an Penguin, der geh\u00f6rt zum gr\u00f6\u00dften in Deutschland t\u00e4tigen Verlagskonzern: Random House. Und an dem zweiten Buch sitzt sie bereits.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Drau\u00dfen vor dem Caf\u00e9 ist es dunkler als zuvor. Regen k\u00fcndigt sich an. Wir steigen auf unsere R\u00e4der und fahren in unterschiedliche Richtungen. Maya Rosa wohnt jetzt in Tiergarten. Wir werden alle nass.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Literatur Stand: 27.08.2025, 16:20 Uhr DruckenTeilen Maya Rosa. \u00a9\u00a0Peter Rigaud Moskau in der Zeit des putinistischen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":377535,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-377534","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115101665249785656","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/377534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=377534"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/377534\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/377535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=377534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=377534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=377534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}