{"id":377963,"date":"2025-08-27T20:20:20","date_gmt":"2025-08-27T20:20:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/377963\/"},"modified":"2025-08-27T20:20:20","modified_gmt":"2025-08-27T20:20:20","slug":"wenn-berliner-die-drecksarbeit-selbst-uebernehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/377963\/","title":{"rendered":"Wenn Berliner die Drecksarbeit selbst \u00fcbernehmen"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zwischen den Bauger\u00fcstbeinen riecht es modrig. Unter den wuchernden B\u00fcschen haben sich Ratten eingenistet. Dazwischen bedeckt M\u00fcll den gesamten Boden: zerbrochene Bierflaschen, Nadeln, Plastikt\u00fcten. An diesem Dienstagmittag knien 15 Menschen in wei\u00dfen Schutzanz\u00fcgen, Handschuhen und Masken auf einem Gr\u00fcnstreifen zwischen dem Eingang eines Berliner Clubs und der Betonwand, die die Warschauer Stra\u00dfe st\u00fctzt. Sie ziehen Pappe hervor, f\u00fcllen einen orangefarbenen M\u00fcllsack nach dem anderen. Die M\u00fclls\u00e4cke kommen von der Berliner Stadtreinigung (BSR). Die Reinigungskr\u00e4fte nicht. Sie machen das freiwillig, in ihrer Freizeit.<\/p>\n<p>Nach wenigen Stunden stapeln sich mehr als ein Dutzend dieser S\u00e4cke vor einem Gittertor auf dem RAW-Gel\u00e4nde. W\u00e4ren die Freiwilligen heute nicht hier, l\u00e4ge der M\u00fcll wohl immer noch dort. An diesem versteckten Ort. \u201eWir wissen nie, was wir finden werden\u201c, sagt Valeriia Tantcyreva. \u201eHeute war es unter anderem eine tote Ratte. Beim letzten Mal waren es Ausweise. Oder einfach nur Haufen von menschlichen Exkrementen.\u201c<\/p>\n<p><img alt=\"Zwischen Scherben, Nadeln und Rattennestern: So sieht Berlin wirklich aus.\" loading=\"lazy\" width=\"6000\" height=\"4000\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/33e248ae-fac0-4a04-abad-dfce97ca79a9.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Zwischen Scherben, Nadeln und Rattennestern: So sieht Berlin wirklich aus.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Valeriia Tantcyreva ist 30 Jahre alt, stammt aus Jekaterinburg in Russland und lebt seit acht Jahren in Berlin. Sie sei keine Politikerin, keine Umweltaktivistin im klassischen Sinne, sagt sie. Eigentlich arbeitet sie als Freelancerin und Bloggerin. Unter dem Usernamen _leratan_ teilt sie auf TikTok und Instagram vor allem Insidertipps aus Berlin sowie Alltagseinblicke f\u00fcr eine russischsprachige Community. Ihr TikTok-Kanal z\u00e4hlt rund 9500 Follower, w\u00e4hrend ihr Instagram-Account mit rund 21.000 Followern vor allem Lifestyle- und Kulturthemen aus Berlin beleuchtet. Stra\u00dfenm\u00fcll war eigentlich kein Thema, das Valeriia bewegt hat.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das \u00e4nderte sich im Januar 2025. \u201eNach Silvester war es einfach ekelhaft drau\u00dfen\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eZwei Wochen lang lag M\u00fcll vor meiner Haust\u00fcr. Niemand kam, niemand k\u00fcmmerte sich, niemand f\u00fchlte sich zust\u00e4ndig.\u201c Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie ging los und kaufte sich eine M\u00fcllzange. Am Ende hatte sie zwei 120-Liter-M\u00fclls\u00e4cke gef\u00fcllt. \u201eIch habe es in meine Instagram-Story gestellt und pl\u00f6tzlich reagierten alle darauf. So viele warme Nachrichten. Alle sagten: Wahnsinn, dass du das machst\u201c, erinnert sie sich.<\/p>\n<p><img alt=\"Valeriia Tantcyreva, 30, steht zwischen M\u00fclls\u00e4cken und koordiniert die Aufr\u00e4umaktionen. Die Gr\u00fcnderin von SauBer hat aus einer spontanen Einzelaktion eine Bewegung gemacht, die inzwischen \u00fcber 1000 Menschen mobilisiert.\" loading=\"lazy\" width=\"5691\" height=\"3794\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/cb6544dc-5a89-4f18-b4fd-54d52804c9d0.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Valeriia Tantcyreva, 30, steht zwischen M\u00fclls\u00e4cken und koordiniert die Aufr\u00e4umaktionen. Die Gr\u00fcnderin von SauBer hat aus einer spontanen Einzelaktion eine Bewegung gemacht, die inzwischen \u00fcber 1000 Menschen mobilisiert.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Was Valeriia f\u00fcr eine einmalige Aktion hielt, wurde zum Ritual. In den folgenden Wochen begann sie, immer wieder eigenst\u00e4ndig \u00f6ffentliche Orte aufzur\u00e4umen: am S-Bahnhof Greifswalder Stra\u00dfe, in ihrem Kiez, dort, wo der M\u00fcll ihr besonders auffiel. Einmal sammelte sie sechs Stunden lang. Elf volle 120-Liter-M\u00fclls\u00e4cke. F\u00fcr ihren Blog filmte sie schon damals alles mit, das Video ihrer Aktion erreichte 100.000 Menschen. \u201eDa habe ich gemerkt: Hier passiert etwas. Es ist nicht nur mein Problem. Es ist das Problem einer ganzen Stadt.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Heute, acht Monate sp\u00e4ter, sind aus den Videos und der Emp\u00f6rung eine Community und die Initiative SauBer gewachsen. \u00dcber 1000 feste Freiwillige haben sich mittlerweile angeschlossen. Vernetzt sind sie durch eine Telegram-Gruppe. Jeden zweiten Sonntag organisieren sie \u201eCleanups\u201c an Berliner M\u00fcllbrennpunkten: Warschauer Stra\u00dfe, Hallesches Tor, Gesundbrunnen. Orte, an denen der M\u00fcll so tief vergraben ist, dass man manchmal Fundst\u00fccke von vor 40 Jahren hervorzieht, sagt Valeriia.<\/p>\n<p><img alt=\"Eine Freiwillige k\u00e4mpft sich mit der M\u00fcllzange die Warschauer Stra\u00dfe entlang und sammelt jeden einzelnen Zigarettenstummel, Plastikfetzen und Papierfetzen auf.\" loading=\"lazy\" width=\"5568\" height=\"3712\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/af9d8e4f-6fc5-4890-9acf-e8703ccef40d.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Eine Freiwillige k\u00e4mpft sich mit der M\u00fcllzange die Warschauer Stra\u00dfe entlang und sammelt jeden einzelnen Zigarettenstummel, Plastikfetzen und Papierfetzen auf.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mit ihrem Engagement hat Valeriia auch die Aufmerksamkeit der Berliner Stadtreinigung erreicht. Im Juli sa\u00df sie nach eigenen Angaben bei einem Treffen mit der PR-Abteilung zusammen. \u201eSie haben mir so viel Hoffnung gemacht\u201c, sagt sie. \u201eWir sind mit so vielen Ideen auf sie zugekommen. Aber danach: Stille. Keine Antwort mehr. Nichts.\u201c Valeriia sagt, sie habe viele Fragen: \u201eWarum gibt es nur die kleinen orangenen M\u00fclleimer, die meistens nicht genug Volumen haben?\u201c Sie sagt, die Stadt m\u00fcsse gr\u00f6\u00dfere M\u00fclleimer zur Verf\u00fcgung stellen, vor allem in den Sommerzeiten, in denen sich mehr Menschen drau\u00dfen aufhalten. \u201eWenn die Stadt so ein Problem mit Zu-verschenken-Kisten auf der Stra\u00dfe hat, wieso schafft man nicht einen Raum in jedem Kiez daf\u00fcr?\u201c, fragt sie sich.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die BSR verweist auf eigene Kampagnen wie \u201eSauber geht nur gemeinsam\u201c, investiert in PR und Werbeaktionen. Doch bei den Freiwilligen, die ihre Arbeit im Kleinen machen, komme davon kaum etwas an, sagt Valeriia. \u201eWir sind bereit, kostenlos die Stadt zu reinigen. Ich habe Kontakt zu einzelnen Mitarbeitern der Berliner Stadtreinigung, die versuchen, uns zu unterst\u00fctzen, und sich wirklich k\u00fcmmern. Aber diejenigen, die bei der BSR wirklich etwas zu entscheiden haben, ignorieren uns.\u201c<\/p>\n<p>Freiwillige kommen aus Russland und der Ukraine<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Szenen, die sie in ihren sozialen Medien von den Aufr\u00e4umaktionen teilt, sind so absurd wie ersch\u00fctternd: Am Halleschen Tor ziehen sie Schaumstoffreste aus der Spree und einen verschimmelten Sofa-Rahmen aus einer Ecke, neben dem Dutzende Kronkorken und Zigarettenstummel liegen. In Gesundbrunnen finden sie Nadeln, E-Zigaretten und Unterw\u00e4sche. In Treptow-K\u00f6penick sto\u00dfen sie auf ganze Stapel alter Dokumente. \u201eDie BSR stellt uns M\u00fclls\u00e4cke, Westen und Handschuhe zur Verf\u00fcgung. Wir kaufen inzwischen aber auch selbst Schutzanz\u00fcge und Masken f\u00fcr die Freiwilligen\u201c, sagt Valeriia. \u201eWeil man nie wei\u00df, ob man auf Kadaver oder gef\u00e4hrliche Stoffe st\u00f6\u00dft.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Trotz alledem sind 15 Menschen heute zum Aufr\u00e4umen gekommen. \u201eEs handelt sich heute um eine kleinere, spontane Aktion\u201c, sagt Valeriia. \u201eVor einigen Wochen haben wir die Warschauer Stra\u00dfe mit einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe sauber gemacht, dabei sind wir auf den Platz unter dem Eingang eines Clubs aufmerksam geworden. Ich habe dann in Eigeninitiative den Besitzer des Gel\u00e4ndes kontaktiert und ihm angeboten, dass wir hier aufr\u00e4umen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Freiwilligen sprechen Russisch miteinander. Keiner von ihnen ist in Deutschland geboren. Manche sind erst vor kurzer Zeit vor dem Krieg in der Ukraine gefl\u00fcchtet, alle leben in Berlin. Jetzt wollen sie gemeinsam die Stadt sauber halten.<\/p>\n<p><img alt=\"Mit Zangen und Handschuhen b\u00fccken sich die Helferinnen und Helfer stundenlang, sammeln Zigarettenstummel, Glasscherben und Papierfetzen. Die Arbeit ist hart \u2013 und doch f\u00fcr viele ein befreiendes Gef\u00fchl, weil die Ergebnisse sofort sichtbar sind.\" loading=\"lazy\" width=\"4005\" height=\"5340\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/3e77cc28-50a0-483d-a0c3-cb015d2baa97.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Mit Zangen und Handschuhen b\u00fccken sich die Helferinnen und Helfer stundenlang, sammeln Zigarettenstummel, Glasscherben und Papierfetzen. Die Arbeit ist hart \u2013 und doch f\u00fcr viele ein befreiendes Gef\u00fchl, weil die Ergebnisse sofort sichtbar sind.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nach fast zwei Stunden Arbeit auf dem Gel\u00e4nde lehnt sich Jana Vohminova ersch\u00f6pft zur\u00fcck, zieht die Maske vom Gesicht, setzt sich auf die Metallstufen einer Treppe und atmet tief ein. Vor ihr t\u00fcrmen sich bereits 30 prall gef\u00fcllte M\u00fclls\u00e4cke. Sie blickt auf die anderen Freiwilligen, die noch weiter im M\u00fcll hocken und flei\u00dfig zusammenkehren. Sie l\u00e4chelt. \u201eEs f\u00fchlt sich fast wie ein High an\u201c, sagt die 39-J\u00e4hrige. \u201eNicht nur, weil wir hier etwas f\u00fcr die Stadt tun. Sondern weil wir ein Zeichen setzen. Gegen das Wegsehen, gegen das Denken: \u201aSoll sich doch jemand anderes k\u00fcmmern.\u2018\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Jana lebt seit 23 Jahren in Deutschland, seit 13 Jahren in Berlin. Geboren und aufgewachsen in Russland, besitzt sie inzwischen die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft. Sie sagt, sie sei eine Berlinerin, die genug habe: genug vom Dreck und auch genug Zeit, um sich zu engagieren. \u201eVor einem Monat habe ich das Video gesehen, wie die Gruppe die Warschauer Stra\u00dfe sauber gemacht hat. In der Woche darauf war ich in Gesundbrunnen dabei. Es war anstrengend, aber ich war begeistert.\u201c<\/p>\n<p><img alt=\"Jana Vohminova zieht den schwarzen Container, der mit M\u00fclls\u00e4cken gef\u00fcllt werden soll. Mehrere Stunden schleppt sie gemeinsam mit den anderen Freiwilligen Abfall aus allen Ecken auf dem Gel\u00e4nde an der Warschauer Stra\u00dfe. Eigentlich sollte der Container die ganze Aktion abdecken, doch am Ende reichte er bei weitem nicht.\" loading=\"lazy\" width=\"3726\" height=\"2484\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/44dab670-421e-436f-bb1a-903655710564.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Jana Vohminova zieht den schwarzen Container, der mit M\u00fclls\u00e4cken gef\u00fcllt werden soll. Mehrere Stunden schleppt sie gemeinsam mit den anderen Freiwilligen Abfall aus allen Ecken auf dem Gel\u00e4nde an der Warschauer Stra\u00dfe. Eigentlich sollte der Container die ganze Aktion abdecken, doch am Ende reichte er bei weitem nicht.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Beim ersten Mal nahm sie sich eine M\u00fcllzange und beschloss, die Zigarettenstummel am Stra\u00dfenrand und auf dem B\u00fcrgersteig einzusammeln. 200 Meter lang. Kippe f\u00fcr Kippe. \u201eIch habe auch geraucht und meine Zigaretten nicht immer in Aschenbechern oder M\u00fclleimern entsorgt\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eEs war, als w\u00fcrde ich jede Zigarette von mir selbst aufheben. Irgendwann taten mir die H\u00e4nde weh. Aber im Kopf hat sich etwas ver\u00e4ndert.\u201c Seitdem sei sie rauchfrei, sagt Jana.<\/p>\n<p>Die Subbotnik-Tradition<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Aufr\u00e4umaktionen wie diese erinnern sie an ihre Kindheit in Russland. Damals nahm Jana an Subbotnik-Aktionen teil. Das sind Aufr\u00e4umtage, an denen ganze D\u00f6rfer oder Stadtviertel gemeinsam den \u00f6ffentlichen Raum reinigen.\u00a0Das Prinzip \u00fcbernahm sp\u00e4ter auch die DDR. Wie der MDR im September 2024 berichtete, ging es anfangs um den Wiederaufbau, \u201esp\u00e4ter eher um den sozialistischen Wettbewerb in den Betrieben und Wohngebietsgemeinschaften\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jana war das in der Kindheit normal. \u201eZweimal im Jahr ging man raus, fegte, sammelte und machte sauber\u201c, sagt sie. \u201eEs war selbstverst\u00e4ndlich, dass man Verantwortung \u00fcbernimmt.\u201c In Deutschland habe sie das lange vermisst. \u201eVor 20 Jahren hatte ich das Gef\u00fchl, dass hier vieles organisierter ist. Heute habe ich den Eindruck nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p><img alt=\"Zwei Freiwillige schleppen schwer beladene M\u00fclls\u00e4cke \u00fcber den Asphalt. Die orangefarbenen S\u00e4cke stammen von der BSR.\" loading=\"lazy\" width=\"5568\" height=\"3712\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/04f31e65-9905-43ad-8887-1dd7a4aaa4f2.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Zwei Freiwillige schleppen schwer beladene M\u00fclls\u00e4cke \u00fcber den Asphalt. Die orangefarbenen S\u00e4cke stammen von der BSR.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Jana sagt, im M\u00fcll auf den Stra\u00dfen sei der Zustand der Gesellschaft zu erkennen. \u201eZu Hause will niemand Dreck haben. Da passt man auf, dass alles sauber und ordentlich ist. Aber drau\u00dfen wird der M\u00fcll einfach auf die Stra\u00dfe geschmissen. Der reale Zustand ist nichts anderes als ein Spiegel unserer Haltung.\u201c Und sie will ein Zeichen setzen: \u201eEs gibt genug Leute, die nur meckern, alles schlecht finden, aber nichts machen. Ich will etwas Konstruktives tun. Ich bin eigentlich ein unpolitischer Mensch. Aber wenn jeder in seinem Herzen anf\u00e4ngt, etwas Negatives zu beseitigen, dann \u00e4ndert sich auch au\u00dfen etwas.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wir arbeiten an Orten, die niemand sehen will.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Valeriia Tantcyreva<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die letzten 20 Minuten f\u00fchlen sich an wie ein Endspurt. Einige haben bereits aufgeh\u00f6rt, sind am Ende ihrer Kr\u00e4fte. Sie sitzen ersch\u00f6pft am Rand. \u201eWir dachten, es sind nur noch zehn Minuten und dann haben wir es hinter uns\u201c, erz\u00e4hlt Valeriia. Doch als sie den Kopf dreht, liegt da pl\u00f6tzlich noch ein gewaltiger Berg M\u00fcll. F\u00fcr einen Moment herrscht Stille. Dann kommt so etwas wie ein zweiter Atem: \u201eWir sind nur einmal hier und wollen diesen Haufen noch schaffen\u201c, beschlie\u00dft die Gruppe.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zwischen all dem Dreck tauchen absurde Funde auf. Ein Sexspielzeug, bunte Kost\u00fcme, unz\u00e4hlige Spritzen und Nadeln und sogar ein Zehneuroschein. \u201eManchmal lacht man kurz \u00fcber das, was man findet\u201c, sagt eine Helferin. Sie h\u00e4lt eine Getr\u00e4nkekarte eines Berliner Clubs in der Hand. \u201eAber eigentlich ist es bitter, weil es so genau zeigt, was in dieser Stadt auf der Stra\u00dfe landet.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ganz ohne Konflikte verl\u00e4uft der Einsatz nicht. Einer der Freiwilligen verl\u00e4sst den Platz fr\u00fcher und will ein Foto von der Warschauer Stra\u00dfe aus machen. Da wird er von einem offenbar obdachlosen Mann angegriffen, es kommt zu einer kurzen k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung \u2013 der Mann versucht, dem Freiwilligen das Handy aus der Hand zu rei\u00dfen. \u201eAuch das geh\u00f6rt leider dazu\u201c, sagt Valeriia nach dem Vorfall n\u00fcchtern. \u201eWir arbeiten an Orten, die niemand sehen will.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Ersch\u00f6pfung nach diesen sieben Stunden ist dr\u00fcckend. \u201eIch kann meinen R\u00fccken, meine Arme, meine Beine kaum noch sp\u00fcren\u201c, sagt eine der Freiwilligen, als sie die Harke an ein Ger\u00fcst stellt und zur Wasserflasche greift. Ihre H\u00e4nde leuchten rot, als sie die Handschuhe auszieht. \u201eAber trotzdem ist es ein gutes Gef\u00fchl, weil wir sehen, was m\u00f6glich ist\u201c, sagt sie und \u00f6ffnet den Schraubverschluss.<\/p>\n<p><img alt=\"Schutzanz\u00fcge und Masken geh\u00f6ren schon zur Standardausr\u00fcstung. Denn unter den Br\u00fccken lauern nicht nur Ratten und verrottete Lebensmittel, sondern auch Spritzen und menschliche Exkremente.\" loading=\"lazy\" width=\"5694\" height=\"3796\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/b5b795cd-29b2-4f33-ace8-b27b86cf2b48.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Schutzanz\u00fcge und Masken geh\u00f6ren schon zur Standardausr\u00fcstung. Denn unter den Br\u00fccken lauern nicht nur Ratten und verrottete Lebensmittel, sondern auch Spritzen und menschliche Exkremente.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">An diesem Dienstag gehen Valeriia und die Freiwilligen an ihre Grenzen. Sieben Stunden lang, ohne Mittagspause, schleppen sie die S\u00e4cke und ziehen T\u00fcten voller Glasscherben aus dem Geb\u00fcsch hervor. Doch auch wenn der M\u00fcll nun zusammengekehrt und ordentlich aufgereiht in den orangefarbenen M\u00fclls\u00e4cken beisammensteht, ist die Arbeit noch nicht vorbei.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der Gruppe wurde ein schwarzer Container f\u00fcr die M\u00fclls\u00e4cke zur Verf\u00fcgung gestellt. Als klar wurde, dass der eine Container nicht reicht, hie\u00df es pl\u00f6tzlich, die Helfer m\u00fcssten selbst organisieren, dass sie abgeholt werden. \u201eHeute Morgen um 8 Uhr bekam ich die erste Nachricht: ,Habt ihr schon eine L\u00f6sung gefunden?\u2018 Kein ,Danke\u2018, kein ,Toll gemacht\u2018 \u2013 nur diese Frage\u201c, erz\u00e4hlt Valeriia am n\u00e4chsten Tag. \u201eDabei waren die S\u00e4cke schwer, wir haben sie mehrfach umgelagert. Es war harte Arbeit. Und am Ende f\u00fchlte es sich so an, als sei es unsere Schuld, dass der M\u00fcll \u00fcberhaupt da war.\u201c Der Umgang mit den offiziellen Stellen belaste die Planung und Umsetzung der Aktionen oft, sagt Valeriia.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Bei der Aktion hat die Gruppe einen neuen Rekord aufgestellt: 210 prall gef\u00fcllte orangefarbene M\u00fclls\u00e4cke. Die gr\u00f6\u00dfte Menge, die sie jemals gesammelt haben. \u201eWir waren v\u00f6llig am Ende, wollten einfach nur noch liegen\u201c, erinnert sich Valeriia. \u201eAber alle waren gleichzeitig gl\u00fccklich, weil wir gesehen haben, was wir geschafft haben.\u201c Unter zehn Zentimetern verdichtetem Abfall und Dreck kam schlie\u00dflich sogar Asphalt zum Vorschein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zwischen den Bauger\u00fcstbeinen riecht es modrig. Unter den wuchernden B\u00fcschen haben sich Ratten eingenistet. 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