{"id":378378,"date":"2025-08-28T00:14:10","date_gmt":"2025-08-28T00:14:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/378378\/"},"modified":"2025-08-28T00:14:10","modified_gmt":"2025-08-28T00:14:10","slug":"die-ermordung-der-koelner-stadtgruenderin-alles-nur-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/378378\/","title":{"rendered":"Die Ermordung der K\u00f6lner Stadtgr\u00fcnderin \u2013 Alles nur Kunst?"},"content":{"rendered":"<p>            <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/nero_wiki_27082025.jpg\" data-caption=\"Das Foto aus der Wikipedia zeigt Kaiser Nero, in einem Gem\u00e4lde von Abraham Janssens van Nuyssen, um 1620. | Foto: gemeinfrei\/Fotograf Ralf Roletschek \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" class=\"entry-thumb td-modal-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/nero_wiki_27082025.jpg\"   alt=\"\" title=\"nero_wiki_27082025\"\/><\/a>Das Foto aus der Wikipedia zeigt Kaiser Nero, in einem Gem\u00e4lde von Abraham Janssens van Nuyssen, um 1620. | Foto: gemeinfrei\/Fotograf Ralf Roletschek <\/p>\n<p>K\u00f6ln | Agrippina d.J. ist als die Stadtgr\u00fcnderin K\u00f6lns in die (K\u00f6lner Stadt-)Geschichte eingegangen. Ihr Sohn Nero lie\u00df sie ermorden. Nun sagt der renommierte Althistoriker Mischa Meier, Professor an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen: Es war alles Kunst.<\/p>\n<p>Interview: Christoph Mohr<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben gerade an einem neuen Nero-Buch. Gibt es nicht schon genug Nero-B\u00fccher? Was haben Sie Neues zu sagen?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Nero ist eine der popul\u00e4rsten Gestalten der Antike. Jeder hat schon einmal von ihm geh\u00f6rt und kennt einige seiner (vermeintlichen) Untaten. Es ist daher wichtig, Angebote offenzuhalten, mit denen man sich im Lichte der aktuellen Forschung und unter aktuellen Fragestellungen \u00fcber ihn informieren kann. Auch f\u00fcr die Wissenschaft bleibt er eine schillernde, enigmatische Figur. Man reibt sich an ihm, an den Zeitumst\u00e4nden des fr\u00fchen Prinzipats \u2013 das sind alles interessante Herausforderungen. \u00dcber mein Buch will ich noch nicht allzu viel verraten, sonst gibt es ja keine gr\u00f6\u00dfere Spannung mehr. Aber: Es wird u.a. um die Frage nach der Rolle und Bedeutung des von Nero propagierten und praktizierten K\u00fcnstlertums und die Formen seiner Umsetzung gehen.<\/p>\n<p><strong>Nero war sicherlich nicht der bedeutendste r\u00f6mische Kaiser. Er hat keine gro\u00dfen Eroberungen gemacht oder das r\u00f6mische Reich sonstwie zu gro\u00dfer Bl\u00fcte gef\u00fchrt. Nicht einmal gro\u00dfartige Bauten wie das Colosseum oder das Pantheon in Rom sind von ihm erhalten.<\/strong><\/p>\n<p>Und trotzdem scheint das Interesse an Nero seit Jahrhunderten gr\u00f6\u00dfer als das an anderen r\u00f6mischen Kaisern, an Augustus oder Trajan (maximale Ausdehnung), Hadrian, Mark Aurel, oder Konstantin dem Gro\u00dfen, ganz zu schweigen, sagen wir, von einem wirklich erfolgreichen Kaiser wie Antoninus Pius (138-161 n. Chr.), dessen Namen aber nur noch Experten kennen, obwohl die R\u00f6mer unter ihm die zweitl\u00e4ngste Friedenszeit \u00fcberhaupt erlebten und ihren Wohlstand genie\u00dfen konnten.<\/p>\n<p>Woran liegt das? Ist das B\u00f6se eben doch faszinierender als das Gute, das immer irgendwie langweilig ist.<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Nero kann man nicht von der Nero-Rezeption trennen \u2013 anders gesagt: Wenn man sich mit Nero besch\u00e4ftigt, bekommt man immer schon sehr dezidierte, teilweise drastische Werturteile mitgeliefert, in weitaus st\u00e4rkerem Ma\u00dfe als bei anderen Kaisern. Das liegt daran, dass er schon bei Zeitgenossen auf Unverst\u00e4ndnis gesto\u00dfen ist und man ihm nicht nur alles zutraute, sondern schon zu Lebzeiten auch einiges andichtete. Dazu geh\u00f6rt auch, in ihm eine Art Verk\u00f6rperung des B\u00f6sen zu sehen \u2013 obwohl wir seinen Charakter gar nicht ergr\u00fcnden k\u00f6nnen. Und dann spielt nat\u00fcrlich die Eigendynamik der Nero-Rezeption eine Rolle, die ikonische Bilder produziert hat, vor allem in Gestalt von Peter Ustinov im Film \u201aQuo vadis?\u2018 (1951).<\/p>\n<p><strong>In dem Film gibt Peter Ustinov Nero als wahnsinnigen Kaiser, der vor dem brennenden Rom die Leier spielt. Wie nah (oder fern) ist dieser Film an der historischen Realit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Der Film ist sehr nah an der historischen Realit\u00e4t, allerdings nicht an der Neros, sondern an derjenigen der Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Der Antagonismus von Gut und B\u00f6se, den der Film pr\u00e4sentiert, l\u00e4sst sich sehr gut auf den Kampf gegen das deutsche NS-Regime r\u00fcckprojizieren und spiegelt bereits den beginnenden Kalten Krieg. Nero selbst wird in dem Film in Klischees gewickelt, die gro\u00dfenteils schon in der antiken \u00dcberlieferung pr\u00e4sent sind \u2013 aber das alles wird massiv \u00fcberzeichnet und entwickelt dadurch eine ganz eigene Qualit\u00e4t. Das macht das Faszinierende dieses Films aus \u2013 und nat\u00fcrlich die gro\u00dfartige Filmmusik von Mikl\u00f3s R\u00f3zsa.<\/p>\n<p><strong>Das Bild, das die Geschichtswissenschaft von Nero zeichnen kann, beruht auf wenigen Texten, die allesamt Jahrzehnte nach dessen Tod verfasst wurden. Dazu geh\u00f6ren Tacitus, vor allem mit den \u201eAnnalen\u201c, und die beiden erst nach dem Tod Neros geborenen Geschichtsschreiber Sueton und Cassius Dio. Die sind bei Althistorikern gut bekannt. Haben Sie neue Quellen entdeckt?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Nein. Neue Quellen zu entdecken, ist auch nicht das Ziel althistorischer Forschung. Das, was vorhanden ist, ist bekannt und in der Regel auch gut erschlossen. Die Herausforderung besteht darin, das begrenzte Material immer wieder neu zu drehen und zu wenden, unter neuen theoretisch-methodischen Pr\u00e4missen anzugehen und aus Fragestellungen heraus zu bewerten, die sich im Laufe der Zeit immer wieder ver\u00e4ndern und aktualisieren.<\/p>\n<p>In der Tat sind die Geschichts- und Biographienwerke des Tacitus, Sueton und Cassius Dio erst nach Neros Tod entstanden und reflektieren damit schon ein l\u00e4ngeres Nachdenken \u00fcber diesen Kaiser. Aber es gibt auch zeitgen\u00f6ssisches Material, z.B. die Werke Senecas.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Christenverfolgung<\/p>\n<p><strong>Mit Nero verbindet man \u00fcblicherweise die gro\u00dfe Christenverfolgung in Rom, die von 64 oder 65 n. Chr. bis zum Tod Neros 68 n. Chr. dauerte und die auch f\u00fcr die christliche Tradition von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist, weil in ihr die Aposteln Paulus und Petrus den Tod gefunden haben und zu christlichen M\u00e4rtyrern wurden und sich der heutige Petersdom \u00fcber dem mutma\u00dflichen Grab des Apostel Petrus erhebt.<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcblicherweise werden diese Verfolgungen der (Juden-) Christen, die in die Hauptstadt des r\u00f6mischen Imperiums gezogen waren, damit erkl\u00e4rt, dass Nero die Schuld f\u00fcr den gro\u00dfen Brand Roms (64 n. Chr.) auf diese Gruppe abw\u00e4lzen wollte. Oder dass er die Christen t\u00f6ten lie\u00df, weil diese den Kaiserkult verweigerten.<\/p>\n<p>Wenn wir es richtig sehen, sagen Sie: Das ist von A bis Z falsch.<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> \u201aFalsch\u2018 ist ein schwieriger Ausdruck, wenn es um die Beurteilung des vorliegenden Materials geht. Und da besitzen wir tats\u00e4chlich \u2013 gerade zu diesem wichtigen Thema \u2013 nur sehr wenige Zeugnisse. Tats\u00e4chlich habe ich aber eine eigene, vom Mainstream der Forschung ein wenig abweichende Meinung zu diesen Geschehnissen.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht beginnen wir mit einem Detail, das aber signifikant ist: den Zahlen. Von einer gro\u00dfen Christenverfolgung k\u00f6nne keine Rede sein, sagen Sie, weil das die Zahlen gar nicht herg\u00e4ben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong>  Grunds\u00e4tzlich: Wir besitzen keine Quellen, die demographisch verwertbare Zahlen nennen; auch arch\u00e4ologisches oder anderes Material sagt dar\u00fcber nichts aus. Insofern kann man lediglich mehr oder weniger plausible Sch\u00e4tzungen anstellen.<\/p>\n<p>Aber ich w\u00fcrde sagen:<\/p>\n<p>Gesamtzahl Christen in Rom: minimal.<\/p>\n<p>Gesamtzahl Juden im Rom: gering, aber sichtbar.<\/p>\n<p>Get\u00f6tete Christen: angesichts der verzerrenden \u00dcberlieferung keine Sch\u00e4tzungen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Gesamtbev\u00f6lkerung Rom: ebenfalls schwer zu sagen \u2013 vielleicht zwischen 500000 und 1 Millionen Menschen.<\/p>\n<p><strong>Dann sagen Sie, dass es sich (aus r\u00f6mischer Sicht) gar nicht um Christen gehandelt hat, in dem Sinne, dass die Menschen, die Nero t\u00f6ten lie\u00df, von den R\u00f6mern\/im antiken Rom zu diesem Zeitpunkt gar nicht als Christen gesehen worden sind.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Das ist richtig. Christen waren in den 60er Jahren des 1. Jahrhunderts in Rom noch nahezu unsichtbar; wenn man sie \u00fcberhaupt wahrnahm, dann als kleine sektiererische j\u00fcdische Splittergruppe. Die Christen selbst befanden sich ja auch noch mitten im Abgrenzungsprozess gegen\u00fcber den Juden.<\/p>\n<p>Davon muss man die Situation im fr\u00fchen 2. Jh. unterscheiden, als Historiographen wie Tacitus und Leute wie Plinius schrieben \u2013 die Texte, aus denen wir einen Gro\u00dfteil unserer Informationen beziehen. Zu diesem Zeitpunkt gab es offenbar nicht nur bereits einen (auch von Altgl\u00e4ubigen verwendeten) Begriff f\u00fcr die Christen, sondern \u2013 zumindest in senatorischen Milieus \u2013 auch eine Diskussion \u00fcber sie.<\/p>\n<p><strong>Und dann, hier wird es besonders heikel, behaupten Sie, dass die damalige j\u00fcdische Gemeinde in Rom die (Juden-) Christen bei den r\u00f6mischen Autorit\u00e4ten gleichsam angeschw\u00e4rzt habe.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Die fr\u00fchen Christengemeinden befanden sich im Abgrenzungsprozess gegen\u00fcber den Juden und missionierten auch in diesen Kreisen. Auf j\u00fcdischer Seite musste man sie als Bedrohung wahrnehmen.<\/p>\n<p><strong>Stimmt denn wenigstens die 2. Nero-Legende, dass der gro\u00dfe Brand der Stadt Rom (64 n. Chr.) auf seine Anordnung gelegt worden ist, um Platz f\u00fcr eine von ihm geplante neue Palastanlage zu schaffen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Das halte ich f\u00fcr v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig. Mir ist kein einziges antikes Zeugnis bekannt, mit dem man das plausibel begr\u00fcnden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Historisches Faktum ist, dass nach dem Brand mit dem Bau der Domus Aurea (Goldenes Haus) begonnen wurde, einer riesigen Palast-Anlage, die einen extravaganten mit Gold und Elfenbein und pr\u00e4chtigen Fresken und Mosaiken verzierten Palast mit \u00fcber 300 Zimmern umfasste, einen k\u00fcnstlichen See und nicht zuletzt eine 35 hohen Statue des Kaisers.<\/strong><\/p>\n<p>ZDF-Mediathek: Neros Palast (2023) <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/play\/dokus\/schaetze-des-roemischen-reichs-100\/schaetze-des-roemischen-reichs--neros-palast-100\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sch\u00e4tze des R\u00f6mischen Reichs<\/a><\/p>\n<p><strong>Die \u00dcberreste der nach dem Tod Neros zerst\u00f6rten Palastanlage liegen heute noch unter mehreren Metern Schutt und werden erst heute langsam arch\u00e4ologisch erschlossen. Erwarten Sie sich davon noch neue Aufschl\u00fcsse?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Die arch\u00e4ologischen Forschungen zur domus aurea haben ja bereits einige sehr wichtige Ergebnisse erbracht, die es uns mittlerweile erm\u00f6glichen, dieses Bauwerk ein wenig besser einzuordnen und als Ph\u00e4nomen zu verstehen. Es werden im Laufe der Zeit sicherlich noch weitere Erkenntnisse hinzukommen \u2013 und nat\u00fcrlich wird das unser Bild noch differenzierter und komplexer gestalten. Kurzum: Ja, ich bin sicher, die Arch\u00e4ologen werden uns noch \u00dcberraschungen bieten.<\/p>\n<p>Nero als K\u00fcnstlernatur<\/p>\n<p><strong>Wenn wir es richtig verstehen, ist Ihre zentrale These: Man muss Nero als K\u00fcnstler und als K\u00fcnstlernatur verstehen.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es immer gef\u00e4hrlich, heutige Begrifflichkeiten auf vergangene Zeiten anzuwenden. Darum zuerst einmal die Frage: Was verstand die r\u00f6mische Antike unter einem K\u00fcnstler (artifex) ? Und was machte er?<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Es gibt keine pr\u00e4zise Definition f\u00fcr \u201aden\u2018 K\u00fcnstler in der Antike. Man kann das K\u00fcnstlertum auch nur schwer sozialhistorisch fassen, weil ja nicht nur professionelle K\u00fcnstler (z.B. Schauspieler) unterwegs waren, sondern auch Aristokraten sich k\u00fcnstlerisch bet\u00e4tigt haben (allerdings ohne davon leben zu m\u00fcssen). Nero hat im Grunde das getan, was viele aristokratische Zeitgenossen auch taten: dichten, theaterspielen, sich mit Wagenrennen vergn\u00fcgen. Aber er hat es exzessiv getan, er hat es versucht, professionell zu tun \u2013 und damit vor einer gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit \u2013 und er hat es als Princeps getan.<\/p>\n<p><strong>Das Theater, so wie wir es heute kennen, also ein zweigeteilter Raum mit einer B\u00fchne f\u00fcr die Schauspieler und R\u00e4ngen f\u00fcr die Zuschauer, also das Amphitheater, ist eine Erfindung der alten Griechen. Auch die (noch heute gespielten) antiken Theaterst\u00fccke, Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien, stammen alle von griechischen Autoren, nicht von r\u00f6mischen, die sie oft nur \u201eumschrieben\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Kann man sagen, dass die R\u00f6mer es eigentlich nicht so mit dem Theater hatten und sich mehr f\u00fcr \u201eSpiele\u201c in Arenen (wie dem Kolosseum in Rom) begeisterten, also Gladiatorenk\u00e4mpfe, Wagenrennen, Tierhetzen etc. ?<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Keineswegs. Die R\u00f6mer hatten eine lebendige, sehr vielf\u00e4ltige Theaterkultur, die sich schon zur Zeit der Republik herausgebildet hatte und unterschiedliche Formen von B\u00fchnenst\u00fccken \u2013 auch f\u00fcr unterschiedliche Anspr\u00fcche des Publikums \u2013 hervorgebracht hat.<\/p>\n<p><strong>Theaterauff\u00fchrungen waren im antiken Athen fester Bestandteil des \u00f6ffentlichen Lebens. Wie muss man sich eine Theaterauff\u00fchrung zur Zeit Neros in Rom vorstellen? Und wer war das Publikum?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Anders als in Athen fehlte dem r\u00f6mischen Theater die zentrale, integrative und repr\u00e4sentative politische Funktion. Das r\u00f6mische Theater diente aber keineswegs nur der Unterhaltung. Es wurden ja u.a. auch historische Stoffe auf die B\u00fchne gebracht \u2013 aus dem Nero-Kontext w\u00e4re die Trag\u00f6die \u201aOctavia\u2018 zu nennen (bei der allerdings diskutiert wird, ob sie f\u00fcr die Auff\u00fchrung oder als reines Lesedrama verfasst wurde) \u2013 und mitunter gab es auch tagespolitische Bez\u00fcge. Das Publikum d\u00fcrfte in der Regel gemischt gewesen sein, wird sich aber unterschieden haben, je nachdem, welche Art Theater aufgef\u00fchrt wird: Es konnte auf der B\u00fchne einerseits sehr ordin\u00e4r zugehen, andererseits wurde aber auch hohe Literatur pr\u00e4sentiert. Das sind dann Geschmacksfragen.<\/p>\n<p><strong>(M\u00e4nnliche) Theaterschauspieler m\u00fcssen (wie Gladiatoren) einen gewissen sex appeal gehabt haben. Die r\u00f6mischen Geschichtsschreiber, die ja gerne auch schon einmal schmutzige Details kolportiert haben, wissen von Sexaff\u00e4ren von hochgestellten Pers\u00f6nlichkeiten der r\u00f6mischen Stadtaristokratie mit Schauspielern zu berichten, bis hin zu Valeria Messalina, der ersten Frau von Kaiser Claudius.<\/strong><\/p>\n<p>Was ist davon zu halten? War das Rufmord, ein Latrinenger\u00fccht, ein rumor latrinae?<br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Es wird solche Aff\u00e4ren gegeben haben, und in der Tat genossen einige Gladiatoren und Schauspieler eine Art Star-Status und wurden bewundert. Aber man darf nicht vergessen, dass sie dennoch grunds\u00e4tzlich einen niedrigen sozialen Rang einnahmen und rechtlich eingeschr\u00e4nkt waren.<\/p>\n<p>Messalina wiederum ist ein besonderer Fall: Ihr wurden in der \u00dcberlieferung zahllose Aff\u00e4ren zugeschrieben, aber die Situation war komplexer. Gut m\u00f6glich, dass sie sexuelle Verbindungen f\u00fcr machtpolitische Zwecke eingesetzt hat (das w\u00e4re auch nichts einmaliges gewesen); aber was man \u00fcber sie in der \u00dcberlieferung findet, wird man mit gro\u00dfer Vorsicht genie\u00dfen m\u00fcssen: Da geht es in erster Linie darum, Claudius\u2018 Defizite in seiner Frau zu spiegeln. Der Kaiser erscheint als hilfloses Wesen, das den Freigelassenen und Frauen in seiner Umgebung geradezu h\u00f6rig ist. Nach dieser Ma\u00dfgabe werden die Figuren um ihn herum gezeichnet.<\/p>\n<p><strong>Kommen wir zu Nero. Welche Belege gibt es daf\u00fcr, dass sich Nero als K\u00fcnstler verstand?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Es gibt Selbstzeugnisse in Form kurzer Spr\u00fcche in der von Sueton verfassten Biographie (am ber\u00fchmtesten seine angeblich letzten Worte \u201eWelch ein K\u00fcnstler geht mit mir zugrunde!\u201c). Die sind nat\u00fcrlich problematisch. Aber sie tragen zu einem meines Erachtens stimmigen Gesamtbild bei, wenn man sie zusammen mit Neros Politik und seinen \u00f6ffentlichen Auftritten betrachtet und mit der Weise, wie Nero von Zeitgenossen wahrgenommen wurde. Da ist das Urteil ganz eindeutig: ein \u201eB\u00fchnenkaiser\u201c.<\/p>\n<p><strong>Was wissen wir \u00fcber Neros \u201ek\u00fcnstlerische Produktion\u201c?<br \/>Was machte er \u201eals K\u00fcnstler\u201c?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Interessiert hat ihn vor allem die Literatur. Nero war ein \u2013 offenbar recht begabter \u2013 Dichter (leider ist so gut wie nichts erhalten). Erotische Dichtung, Spottepigramme, religi\u00f6se Lieder, Trag\u00f6dien und vor allem Epik wurden von ihm verfasst. Dazu geh\u00f6rte dann jeweils auch ein spezifischer Auff\u00fchrungskontext (den Nero sich selbst situativ schuf), bei dem er dann mit seinen eigenen Werken (und auch den Texten anderer Dichter) auftrat und \u2013 das ist das Besondere \u2013 mit den Konventionen brach.<\/p>\n<p><strong>Peter Ustinov hat Nero als den Kithara (Leier) spielenden Kaiser dargestellt, der vor dem in Flammen aufgehenden Rom mit der Stimme des g\u00f6ttlichen Apollo sang. Die Frage nach dem Brand haben wir gekl\u00e4rt, bleibt die Leier.<\/strong><\/p>\n<p>Was genau war diese Kithara?<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Ein Saiteninstrument, das schon die Griechen kannten. Es war dem Gott Apollon heilig (der Musengott, zu dem auch Nero eine besondere N\u00e4he pflegte), lag in unterschiedlichen Bauformen vor (mal mehr, mal weniger als die \u00fcblichen sieben Saiten) und wurde zur Begleitung von Dichtungsvortr\u00e4gen vom S\u00e4nger selbst gespielt. Im Gegensatz zur kleineren Lyra galt die Kithara als etwas vulg\u00e4rer.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Griechischen stammt der Begriff des Kithar\u00f6den, einem Kithara spielenden K\u00fcnstler, der eigene Texte vortrug. Heute w\u00e4re das ein Gitarrenspieler mit selbst verfassten Texten, ein singer-songwriter. M\u00fcssen wir uns Nero so vorstellen?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Es ist immer schwierig mit solchen Parallelen und Vergleichen \u2013 aber es ist in der Tat so, dass der Kithar\u00f6de durch die Lande zog und eigene (oder fremde) Dichtungen und Lieder vortrug und dabei musikalisch untermalte. Daran hat auch Nero sich orientiert; aber man darf bei ihm nie den au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen k\u00fcnstlerischen Anspruch vergessen, den er an sich selbst stellte.<\/p>\n<p><strong>In Neapolis (Neapel) rief Nero im Jahr 65 n. Chr. die \u201eNeronia\u201c (Neronischen Spiele) ins Leben. Was kann man sich darunter vorstellen? Ein Theaterfestival, B\u00fchnenweihfestspiele? Und warum in Neapel?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Die \u201aNeronia\u2018 hat Nero bereits im Jahr 60 erstmals ausgerichtet, allerdings noch in einem halb\u00f6ffentlichen Rahmen, so das seine eigenen Auftritte nicht ganz so skandal\u00f6s wirken mussten. Das war bei den zweiten \u201aNeronia\u2018, die im Jahr 65 in Rom stattfanden, dann anders. Dazwischen lag sein Auftritt in Neapel im Jahr 64. Hier erprobte der Kaiser erstmals einen B\u00fchnenauftritt vor einer uneingeschr\u00e4nkten \u00d6ffentlichkeit. Neapel war ein Zentrum der griechischen Kultur. Das erkl\u00e4rt die Wahl des Ortes: Nero ging davon aus, dass ein Publikum, das eine gewisse Griechenland-Affinit\u00e4t besa\u00df und damit dem musischen Bereich eher zugeneigt galt, seine Darbietungen h\u00f6her sch\u00e4tzen w\u00fcrde als ein rein r\u00f6misches Publikum. Au\u00dferdem dachte er damals bereits \u00fcber eine Reise nach Griechenland nach.<\/p>\n<p><strong>Es ist zu lesen, dass Nero im Jahr 66. n. Chr. sogar eine einj\u00e4hrige (sic) \u201eTournee\u201c durch Griechenland unternommen habe, wo er an verschiedenen Orten als K\u00fcnstler aufgetreten sein soll. Historische Wahrheit oder Unsinn, der sich im Internet findet ?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Nero war tats\u00e4chlich in Griechenland, ist dort bei verschiedensten Wettbewerben aufgetreten (deren Termine teilweise extra f\u00fcr seine Anwesenheit verlegt werden mussten) und soll jedes Mal den Siegespreis davongetragen haben \u2013 insgesamt 1808 Siege, wie es in der \u00dcberlieferung hei\u00dft. Aber wer h\u00e4tte dem Kaiser auch den Sieg verwehren wollen? Die Griechenlandreise wurde, wenn wir den Quellen trauen d\u00fcrfen, von einigen bizarren Szenen begleitet (z.B. ein schwerer Sturz beim Wagenrennen, das er aber trotzdem gewonnen haben soll). R\u00f6mische Zeitgenossen haben offenbar \u2013 so viel geht aus den Quellen noch hervor \u2013 nur noch den Kopf gesch\u00fcttelt \u00fcber dieses Verhalten; und auch in Griechenland war man nicht \u00fcberall gl\u00fccklich. Denn die Provinzialbev\u00f6lkerung hatte den gr\u00f6\u00dften Teil der Kosten der Reise zu tragen und Nero und seine Entourage haben sich offenbar hemmungslos an den \u00f6rtlichen Kunstsch\u00e4tzen bedient.<\/p>\n<p><strong>Kann man sagen, dass Nero es ganz einfach liebte, sich vor Publikum zu produzieren?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Uneingeschr\u00e4nkt: Ja. Er brauchte das gro\u00dfe Publikum.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die Zeitgenossen darauf reagiert?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Unterschiedlich. Konservative Zeitgenossen, v.a. in senatorischen Kreisen (das ist uns am besten dokumentiert) waren entsetzt (v.a. Tacitus). Andere haben sich am\u00fcsiert und durchaus mitgemacht (und zwar auch Ritter und Senatoren). Die breite Bev\u00f6lkerung Roms war offenbar recht angetan von den neuartigen Inszenierungen, die ihr geboten wurden.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re da noch die Apollon-Frage.<\/strong><\/p>\n<p>Viel \u00fcber die Geschichte Roms l\u00e4sst sich an M\u00fcnzen ablesen\/erkennen, in Ermangelung schriftlicher Quellen oft die einzigen erhaltenen Zeugnisse historischer Sachverhalte.<\/p>\n<p>Es gibt eine Bronzem\u00fcnze, die die Numismatiker auf das Jahr 64-66 datieren, die auf der Vorderseite Nero und auf der R\u00fcckseite den Kithara (Leier) spielenden Gott Apollo zeigen.<\/p>\n<p><strong>(Ein Exemplar dieser M\u00fcnze wird im Landesmuseum W\u00fcrttemberg in Stuttgart (Inventarnummer MK 20790) bewahrt.)<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/bawue.museum-digital.de\/object\/1785\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">As des Nero mit Darstellung des Apollo Citharoedus :: Landesmuseum W\u00fcrttemberg :: museum-digital:baden-w\u00fcrttemberg<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><br \/>Was wollte das den Zeitgenossen sagen?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Apollon war der Musengott, er war in der Lage, k\u00fcnstlerische Begabung zu verleihen, K\u00fcnstler assoziierten sich mit ihm. Gleichzeitig war er Sonnengott und stand damit in alter Tradition f\u00fcr die Monarchie schlechthin. Hinzukam, dass schon Augustus sich eng mit Apollon assoziiert hatte. Indem er sich ebenfalls eng mit diesem Gott in Verbindung gebracht hat, hat Nero also eine ganze Reihe von Assoziationsketten bei Zeitgenossen aufgerufen. Interessant an den M\u00fcnzen ist, dass nicht klar ist, wer eigentlich dargestellt ist: Nero? Apollon? Beide? Diese Ambiguit\u00e4t ist kein Zufall. Nero hat Transgressionen dieser Art gesucht und bewusst inszeniert. Er wollte nicht nur wie Apollon sein bzw. wahrgenommen werden, er wollte als Apollon gesehen werden.<\/p>\n<p><strong>Nun ist der Apollo-Kult, also die Verehrung des Dichter- und Musikgottes, den die Griechen Apollon nannten, keine Erfindung Neros. Schon unter Kaiser Augustus war ein Apollotempel an prominentem Ort in Rom (Palatin) errichtet worden.<\/strong><\/p>\n<p>Aber bei Nero scheint das eine andere Dimension zu haben. Sah sich Nero als Nachfahre, Wiedergeburt des Gottes Apollon, ja sich selbst als g\u00f6ttlich?<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Als Musengott und (in zweiter Linie) als Sonnengott war Apollon seine zentrale Referenz im G\u00f6tterhimmel. Das zeigt sich schon in den literarischen Zeugnissen seiner fr\u00fchesten Regierungsjahre und bleibt bis zum Ende so. Sein \u201aTriumphzug\u2018 nach der Griechenlandreise, der keine Troph\u00e4en nach einem erfolgreich beendeten Krieg pr\u00e4sentierte, sondern die Siegespokale seiner Tournee, endete nicht \u2013 wie es der Tradition entsprochen h\u00e4tte \u2013 am Jupitertempel auf dem Kapitol, sondern am Apollontempel.<br \/><strong>K\u00fcnstler haben es eher nicht so mit dem Milit\u00e4rischen, vom milit\u00e4rischen Decorum einmal abgesehen. Das r\u00f6mische Imperium war aber nun ganz wesentlich eine Milit\u00e4rmacht, die quasi permanent Krieg f\u00fchrte, und der Kaiser\/Imperator oberster Heerf\u00fchrer. War das mit Nero ein Problem?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Seine fehlende milit\u00e4rische Erfahrung brachte ihm aus Sicht der Zeitgenossen ein Legitimationsproblem ein. R\u00f6mische Kaiser mussten auch als f\u00e4hige Heerf\u00fchrer anerkannt sein und \u00fcberzeugen. Dieses Problem d\u00fcrfte hinter der aggressiven Partherpolitik gestanden haben, die auff\u00e4lligerweise gleich mit seiner Thronbesteigung einsetzt. Obwohl die milit\u00e4rischen Erfolge bescheiden blieben, hat Nero sich sehr fr\u00fch einen Triumphbogen errichten lassen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielte das Milit\u00e4r w\u00e4hrend der Regentschaft Neros?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Das Milit\u00e4r blieb weitgehend ruhig, bis es im Jahr 68 mit in den Strudel der allgemeinen Aufl\u00f6sungserscheinungen gerissen wurde \u2013 allerdings setzten die Abfallprozesse erst sehr sp\u00e4t ein und betrafen nie das gesamte Milit\u00e4r. Insgesamt gesehen konnte Nero auf seine Soldaten z\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Eine der gro\u00dfen milit\u00e4rischen Niederlagen des r\u00f6mischen Imperiums war das, was als \u201eVarusschlacht\u201c (9 n. Chr.) im Teutoburger Wald in die Geschichtsb\u00fccher eingegangen ist. Danach blieb der Rhein die Grenze, linksrheinisch war r\u00f6misches Reich, rechtsrheinisch das nicht eroberte Gebiet der Germanen. Und K\u00f6ln wurde sp\u00e4ter Hauptstadt der r\u00f6mischen Provinz Germania inferior (Niedergermanien), womit der Aufstieg der (r\u00f6mischen) Stadt am Rhein begann.<\/strong><\/p>\n<p>Zu K\u00f6ln hatte Nero durchaus einen famili\u00e4ren Bezug. Es war sein Urgro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, Marcus Vipsanius Agrippa (64 v. Chr. \u2013 12. v. Chr.), Feldherr und rechte Hand von Kaiser Augustus, der den Germanenstamm der Ubier umsiedelte und diese linksrheinisch im Oppidum Ubiorum ansiedelte.<\/p>\n<p>Sein Gro\u00dfvater Germanicus \u00fcbernahm nach der verlorenen Varusschlacht den Oberbefehl am Rhein und startete mit den Germanicus-Feldz\u00fcgen gro\u00dfangelegte Vorst\u00f6\u00dfe gegen die Germanenst\u00e4mme, die aber letztlich erfolglos blieben.<\/p>\n<p>Seine Mutter, Agrippina d.J., wurde im Jahr 15 oder 16 n. Chr. in K\u00f6ln (Oppidum Ubiorum) geboren und setzte 50 n.Chr. bei ihrem (dritten) Ehemann, Kaiser Claudius, durch, dass die Siedlung als Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) zur r\u00f6mischen Stadt erhoben wurde.<\/p>\n<p>Nero selbst war nie in CCAA oder der r\u00f6mischen Provinz Germania inferior (Niedergermanien). Wei\u00df man, wie er K\u00f6ln oder das Germanen-Problem sah?<br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Neros Mutter Agrippina besa\u00df eine germanische Leibwache, die Nero ihr im Zuge des sich zuspitzenden Mutter-Sohn-Konfliktes wegnahm. Eine besondere Beziehung zur Stadt K\u00f6ln besa\u00df er nicht. Germanen spielten f\u00fcr ihn als \u201aGermanen\u2018 keine besondere Rolle. Ernsthafte Auseinandersetzungen gab es unter seiner Herrschaft Anfang der 60er Jahre mit keltischen Gruppen in Britannien (der sogenannte Boudicca-Aufstand).<\/p>\n<p>Die Ermordung Agrippinas<\/p>\n<p><strong>Im Jahr 59 n. Chr., da war er 22 Jahre alt und seit f\u00fcnf Jahren Kaiser, lie\u00df Nero seine Mutter ermorden.<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich verdankt Nero, der Sohn aus erster Ehe, ja seiner Mutter Agrippina d. J., dass er \u00fcberhaupt r\u00f6mischer Kaiser geworden ist. Daf\u00fcr musste Agrippinas Ehemann Nr. 2 aus dem Leben scheiden, Agrippina ihren Onkel, Kaiser Claudius, heiraten, den davon \u00fcberzeugen, dass er Nero und nicht seinen eigenen leiblichen Sohn zum Nachfolger bestimmte und schlie\u00dflich verschwanden auch noch dieser Sohn und Claudius selbst von der B\u00fchne des Lebens, woran Agrippina nicht unbeteiligt gewesen sein soll. Blutiger sind Machtgel\u00fcste nur bei Shakespeare.<\/p>\n<p><strong>Es gibt eine Goldm\u00fcnze, die die Numismatiker auf das Jahr 54 n. Chr. datieren und wovon es ein Exemplar im R\u00f6misch-Germanischen Museum in K\u00f6ln gibt (Inventarnummer 2007,6). die Nero und Agrippina im Halbportrait einander zugewandt zeigen.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ikmkrgm.uni-koeln.de\/object?lang=de&amp;id=ID31&amp;view=vs\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>MK-K-RGM | Agrippina und Nero, Aureus 54 n. Chr.<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Die M\u00fcnze, ein Aureus aus dem Jahr 54, muss seinerzeit einen erheblichen Skandal verursacht haben. Dass der Kaiser mit einer anderen Person \u2013 einer Frau \u2013 auf derselben Ebene gezeigt wurde, dass die andere Person im Nominativ, der Kaiser nur im Dativ genannt wurde, war unerh\u00f6rt. Die M\u00fcnze bezeugt Agrippinas Macht zu Beginn des neronischen Prinzipats \u2013 aber sie wurde nicht lange gepr\u00e4gt, und Nero hat schon Anfang 55 damit begonnen, die Kreise seiner Mutter einzuhegen.<\/p>\n<p><strong>Ein Mutter-Sohn-Duo war das also nie? Wie muss man sich das Verh\u00e4ltnis Nero-Agrippina vorstellen?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Agrippina war eine dominante Mutter, die schon fr\u00fch erkennen lie\u00df, dass sie Nero auf den Thron bringen wollte, um ihre eigene Position zu festigen. Am Anfang funktionierte das leidlich, aber schon nach wenigen Wochen kam es zu Konflikten. Dabei spielten auch die Interessen anderer Figuren am Hof eine wichtige Rolle. Jeder versuchte seine Stellung zu st\u00e4rken. Das Intrigenspiel fokussierte sich rasch auf einen Mutter-Sohn-Konflikt, der in der Trag\u00f6die im M\u00e4rz 59 endete, als Nero Agrippina ermorden lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Gew\u00f6hnlich wird die Ermordung Agrippinas damit erkl\u00e4rt, dass der junge Kaiser nun endlich allein entscheiden und regieren wollte, ohne den Einfluss seiner Mutter oder der von ihr eingesetzten Erzieher und Berater, wie dem ber\u00fchmten Philosophen Seneca.<\/strong><\/p>\n<p>Ihre wohl erstaunlichste These ist hingegen, dass diese Ermordung seiner Mutter, wie auch die Hinrichtungen der Christen, Inszenierungen seien, die sich an der (griechischen) Mythologie und Trag\u00f6dien orientieren sollen.<\/p>\n<p>Das m\u00fcssen sie erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Die Ermordung selbst war nat\u00fcrlich keine Inszenierung, sondern echt, und sie folgte verschiedenen \u2013 auch machtpolitischen \u2013 Interessen. Aber die Art und Weise, wie Nero den Mord angelegt hat \u2013 ein k\u00fcnstlich pr\u00e4pariertes Schiff, das unterwegs auseinanderbrechen sollte \u2013, war eine k\u00fcnstlerische Inszenierung, die Eindruck machen sollte \u2013 und ihre Wirkung auf Zeitgenossen auch nicht verfehlt hat.<\/p>\n<p><strong>Aber Sie wollen nicht wirklich sagen, dass Nero diese Ermordungen als Kunst sah?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Er hat den Muttermord zumindest so inszeniert und Tacitus hat das Arrangement auch so verstanden.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie so weit gehen und sagen, dass Nero am Ende ein Mann war, der nur noch in (s)einer Kunstwelt lebte, und damit eben doch der geistige Verwirrte war, der Realit\u00e4t und Illusion nicht mehr unterscheiden konnte (also letztlich so wie ihn Peter Ustinov dargestellt hat)?<br \/><\/strong><br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Nein, denn ich glaube, dass die Transgressionen, die er produzierte, gezielt gesucht waren. Die Erkl\u00e4rung \u201averr\u00fcckt\u2018 ist mir (1) zu einfach und (2) mit dem uns heute vorliegenden Material weder verifizier- noch falsifizierbar und damit untauglich.<\/p>\n<p><strong>In einer Zeit, in der die Ermordung politischer Rivalen, die einem die Macht streitig machen konnten, sogar eigener Familienmitglieder (Br\u00fcder), keine Seltenheit waren, war die Ermordung der eigenen Mutter dennoch ein Skandal. Warum?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Aus r\u00f6mischer Perspektive war die Ermordung von Elternteilen ein besonderes, nicht s\u00fchnbares Verbrechen. Das zeigt die \u00dcberlieferung zu Nero auch sehr deutlich.<\/p>\n<p><strong>Kann man sagen, dass es seine K\u00fcnstlernatur war, die Nero letztlich zum Verh\u00e4ngnis wurde?<\/strong><\/p>\n<p>Irgendwann wurde es dem r\u00f6mischen Establishment, also den alten r\u00f6mischen Adelsfamilien, die den Senat beherrschten, zu viel mit dem K\u00fcnstler-Kaiser.<\/p>\n<p>65 n. Chr. kam es unter dem Senator Gaius Calpurnius Piso zu einem ersten Versuch, Nero zu ermorden. Der Versuch, der als Pisonische Verschw\u00f6rung in die Geschichtsb\u00fccher eingegangen ist, scheiterte.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter, 68 n.Chr.,erkl\u00e4rte der Senat Nero f\u00fcr abgesetzt. Seiner Festnahme entzog er sich durch Selbstmord.<br \/><strong>Mischa Meier:<\/strong> Ja, letztlich wurde ihm das K\u00fcnstlertum zum Verh\u00e4ngnis, weil er immer mehr Zeit und Ressourcen darein investierte und \u2013 schlie\u00dflich f\u00fcr alle Zeitgenossen deutlich \u2013 die eigentlichen Aufgaben eines Princeps str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigte. H\u00e4tte er das K\u00fcnstlertum nicht in der Ausschlie\u00dflichkeit betrieben, wie er es am Ende tat, w\u00e4ren auch auf der anderen Seite vielleicht noch Kompromisse m\u00f6glich gewesen. Das Problem war der Exzess.<\/p>\n<p><strong>Aber das Ende war schon ein ganz banaler, erzwungener Selbstmord, kein k\u00fcnstlerischer Akt\u2026 ?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mischa Meier:<\/strong> Ja. Am Ende ging alles schief.<\/p>\n<p>Wer mehr wissen will<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier<br \/><\/strong><br \/><strong>Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte<\/strong><\/p>\n<p>Universit\u00e4tsverlag Winter Heidelberg 2021<\/p>\n<p><strong>Mischa Meier<\/strong><\/p>\n<p>Nero \u2013 kaiserlicher K\u00fcnstler oder Despot?<\/p>\n<p>In: A. Krischer\/B. Stollberg-Rilinger (Hgg.),<\/p>\n<p>Tyrannen. Eine Geschichte von Caligula bis Putin<\/p>\n<p>C.H. Beck 2023<\/p>\n<p><strong>Kontakt<br \/><\/strong><br \/>Prof. Dr. Mischa MEIER<\/p>\n<p>Universit\u00e4t T\u00fcbingen<\/p>\n<p>Philosophische Fakult\u00e4t \u2013 Alte Geschichte<\/p>\n<p>Wilhelmstra\u00dfe 36<\/p>\n<p>72074 T\u00fcbingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Foto aus der Wikipedia zeigt Kaiser Nero, in einem Gem\u00e4lde von Abraham Janssens van Nuyssen, um 1620.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":378379,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[102537,29,30,1420,102538,1209],"class_list":{"0":"post-378378","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-agrippina","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-koeln","12":"tag-nero","13":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115103509084204768","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/378378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=378378"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/378378\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/378379"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=378378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=378378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=378378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}