{"id":378469,"date":"2025-08-28T01:04:11","date_gmt":"2025-08-28T01:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/378469\/"},"modified":"2025-08-28T01:04:11","modified_gmt":"2025-08-28T01:04:11","slug":"julien-gosselin-in-frankreich-ein-star-in-deutschland-verschrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/378469\/","title":{"rendered":"Julien Gosselin: In Frankreich ein Star, in Deutschland verschrien"},"content":{"rendered":"<p>Julien Gosselin ist mit 38 Jahren der Star des franz\u00f6sischen Theaters, er leitet das renommierte Pariser L\u2019Od\u00e9on. Doch in Deutschland spaltet er die Kritik und vertreibt das Publikum. Dahinter steckt ein zentraler Konflikt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Verwunderte Blicke im Publikum, als die Saalt\u00fcren nach der Pause wieder schlie\u00dfen, zumindest unter denen, die noch geblieben sind. Viele sind es nicht, die noch die zweite H\u00e4lfte von \u201eLe Pass\u00e9\u201c bei den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus688b2d30eba40421e07df61c\/Die-Salzburger-Festspiele-haben-ein-echtes-Theaterproblem.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus688b2d30eba40421e07df61c\/Die-Salzburger-Festspiele-haben-ein-echtes-Theaterproblem.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Salzburger Festspielen<\/a> sehen wollen \u2013 und das am Premierenabend. Einige werden auch noch gehen, bevor der viereinhalbst\u00fcndige Theaterabend von Julien Gosselin endet. Dem Applaus nach zu urteilen, gibt es immerhin auch einige Fans des franz\u00f6sischen Star-Regisseurs. Der Abend hinterl\u00e4sst auch die Kritik zutiefst gespalten, es hagelt Verrisse, doch auch Hymnen sind zu lesen. Hier wie dort geht es geschichtsphilosophisch zu: Entweder gilt er als Avantgarde oder als Recycling von vorgestern. Wie l\u00e4sst sich eine solche Polarisierung erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick gar nicht. Bei Gosselin ist von dem klassischen Repertoire, um das Publikum zu vertreiben und die Kritik zu ver\u00e4rgern, nichts zu finden. Provokation und Dekonstruktion finden sich hier ebenso wenig wie Schockmomente und Nacktheit. Wobei selbst das, siehe <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/theater\/article256155656\/florentina-holzinger-die-weiblich-gelesenen-darsteller-kugeln-auf-der-riesigen-gummivulva.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/theater\/article256155656\/florentina-holzinger-die-weiblich-gelesenen-darsteller-kugeln-auf-der-riesigen-gummivulva.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Florentina Holzinger,<\/a> heute f\u00fcr Begeisterungsst\u00fcrme und ausverkauftes Haus sorgen kann. Doch mit einer \u00c4sthetik der performativen Entgrenzung hat Gosselin nichts zu tun. Der 38-J\u00e4hrige bringt gro\u00dfe Romane und Textcollagen als bombastischen Live-Film mit \u00dcberl\u00e4nge auf die B\u00fchne. Theater mit \u00fcppigem Erlebnisfaktor. Das klingt eher nach Everybody\u2019s Darling als Enfant terrible.<\/p>\n<p>Gosselins Karriere geht steil nach oben, seit vergangenem Jahr leitet er das ber\u00fchmte Theater L\u2019Od\u00e9on in Paris. Beim Festival in Avignon ist Gosselin ein Dauergast: Bereits 2013, als Mittzwanziger, landet er dort mit Michel Houellebecqs \u201eElementarteilchen\u201c einen \u00dcberraschungserfolg. Drei Jahre sp\u00e4ter zeigt er dort \u201e2666\u201c nach Roberto Bola\u00f1o, der zw\u00f6lftst\u00fcndige Abend gilt f\u00fcr viele als sein bester. Zwei Jahre sp\u00e4ter folgen drei Romane von Don DeLillo, L\u00e4nge: acht Stunden. Und 2023, nur f\u00fcnf Stunden lang, \u201eAusl\u00f6schung\u201c, eine Collage aus Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Bernhard. Bis in die Morgenstunden harrt das begeisterte Publikum in Avignon aus, w\u00e4hrend die Zuschauer bei der Berliner Premiere an der Volksb\u00fchne \u2013 wie auch bei \u201eLe Pass\u00e9\u201c in Salzburg \u2013 in Massen fl\u00fcchten und demonstrativ die T\u00fcren knallen lassen.<\/p>\n<p>Alles, was die Effektkiste hergibt<\/p>\n<p>Verwunderlich ist solches Fluchtverhalten auch, weil Gosselin wirklich alles tut, um das Publikum in seine St\u00fccke hineinzuziehen, ja eintauchen zu lassen. Seine perfekt ge\u00f6lte, auf minimale Reibung geeichte Theater- und Filmmaschine hat Gosselin komplett dem Immersionseffekt unterworfen. Alles, was die Effektkiste hergibt, soll einen umh\u00fcllen. Selbst die Textmassen dienen nicht als Tr\u00e4ger von Handlung, sondern von Atmosph\u00e4re. In \u201eAusl\u00f6schung\u201c groovt man sich mit einer einst\u00fcndigen Club-Szene ein, mit Freibier. Bei \u201eMus\u00e9e Duras\u201c \u2013 die zehnst\u00fcndige Marguerite-Duras-Collage lief dieses Jahr bei den Wiener Festwochen \u2013 legt man sich anfangs mit Kissen auf die B\u00fchne. Und doch ist das kein Mitmachtheater, sondern bleibt immer effektsicher kalkuliertes Mitf\u00fchltheater.<\/p>\n<p>Hat die Theater\u00e4sthetik im 20. Jahrhundert immer wieder versucht, den Guckkasten des Theaters aufzubrechen und die ber\u00fchmte vierte Wand zwecks Einbruchs von Realit\u00e4t zu durchl\u00f6chern, l\u00e4sst einen Gosselin umgekehrt \u00fcber den Umweg Film in die Illusionsbude hineinkriechen. Man schaut durchs Kameraobjektiv wie durchs Schl\u00fcsselloch. So bricht auch die Live-Kamera das B\u00fchnenbild nicht auf und zerlegt es in Videowelt und fraktales Subjekt, sondern schlie\u00dft es mit geradezu unheimlicher Gl\u00e4tte. Ebenso im Schauspiel, wo im bruchlosen Anschmiegen an die Rolle wieder Rotz und Wasser geheult werden darf, als h\u00e4tte es Brecht &amp; Co. nie gegeben. Am Ende wird alles in Atmosph\u00e4re aufgel\u00f6st, was Gosselin wirklich meisterhaft beherrscht.<\/p>\n<p>Je mehr Gosselin auff\u00e4hrt, desto gr\u00f6\u00dfer wird jedoch auch der Zweifel, ob die ganze Theatermaschinerie noch einen Zweck hat \u2013 oder in der Erlebnissimulation leerl\u00e4uft. Gosselin t\u00fcrmt Effekt \u00fcber Effekt, legt eine Schicht \u00fcber die andere, alles verst\u00e4rkt alles. Dass er sich mit Vorliebe Texte aussucht, wie zuletzt Schnitzler, Hofmannsthal und Bernhard (\u201eAusl\u00f6schung\u201c), Leonid Andrejew (\u201eLe Pass\u00e9\u201c) oder Duras (\u201eMus\u00e9e Duras\u201c), die selbst die volle Ladung Weltschmerz, Existenzialismus und Fin de Si\u00e8cle mitbringen, verleiht dem Ganzen einen diskreten Charme des Irrationalismus. Begreifen kann und muss man hier gar nichts, es l\u00e4sst sich nur erleben und erf\u00fchlen. Gosselin zeigt bedrohte oder untergehende Welten mit kaputten Leidenschaften, zerst\u00f6rerischen Gef\u00fchlen und fatalen Affekten \u2013 und enth\u00e4lt sich zugleich jeder Bewertung dessen.<\/p>\n<p>Von diesem Gro\u00dfillusionismus geht eine Faszination aus, die auch dadurch nicht besch\u00e4digt wird, dass Gosselin sehr wohl den ganzen Apparat zeigt, den er zu seiner Erzeugung braucht. In \u201eLe Pass\u00e9\u201c sind das beispielsweise Dutzende Techniker, die live das B\u00fchnenbild ab- und wieder aufbauen. Doch selbst dieser Einbruch von Realit\u00e4t hinterl\u00e4sst keine Spuren in der \u00c4sthetik, ist selbst nur ein weiterer Effekt. Das ist das Erstaunliche: Gosselin verbirgt seine Tricks nicht, doch das Offenlegen der inneren Mechanik kratzt hier nicht am Illusionismus, hat keine kritische Funktion mehr. Es bleibt \u00e4u\u00dferlich, dient gar als \u00e4sthetisches Dekor. Die postdramatischen Taschenspielertricks haben ausgedient, hier herrscht eine h\u00f6here B\u00fchnenmagie, die alles \u00fcberstrahlt.<\/p>\n<p>Aufbruch oder Retro? Oder beides?<\/p>\n<p>Ist das, was Gosselin macht, makelloses Kunsthandwerk oder doch mehr? Die Differenz betrifft auch die Frage, ob seine Inszenierungen eine postkritische Illusions\u00e4sthetik bedienen oder pr\u00e4zise das Schicksal der \u00e4sthetischen Desillusionierungskritik in der Moderne \u2013 ihren Verfall zum Dekor ohne weitere Haupt- und Nebenwirkungen \u2013 auf den Punkt bringen. Ebenso l\u00e4sst sich streiten, ob das \u2013 hier in Bezug auf \u201eLe Pass\u00e9\u201c \u2013 eine \u201e\u00dcberw\u00e4ltigungs\u00e4sthetik\u201c ist, die \u201edas Theater als Zauberbude wiederentdecken will\u201c, wie die \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/musik-und-buehne\/theater\/salzburger-festspiele-gosselins-duesteres-andrejew-medley-110612564.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/musik-und-buehne\/theater\/salzburger-festspiele-gosselins-duesteres-andrejew-medley-110612564.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/a>\u201c schreibt, oder blo\u00df \u201eein aufgedrehter Totentanz, abgestorbenes, wie mit Starkstrom zum Leben wiedererwecktes Theater\u201c, wie die \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/julien-gosselin-le-passe-salzburger-festspiele-leonid-andrejew-li.3285264?reduced=true\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/julien-gosselin-le-passe-salzburger-festspiele-leonid-andrejew-li.3285264?reduced=true&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">S\u00fcddeutsche Zeitung<\/a>\u201c meint. Aufbruch oder Retro? Oder irgendwie gar beides?<\/p>\n<p>Steht Gosselin f\u00fcr die Abkehr von \u201epostdramatischen, post\u00adheroischen und postmodernen Dekompositionsmoden\u201c, wie in der Fachzeitschrift \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/tdz.de\/artikel\/5a663fa6-b2c2-40f7-8674-ef4f67581a0c\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/tdz.de\/artikel\/5a663fa6-b2c2-40f7-8674-ef4f67581a0c&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Theater der Zeit<\/a>\u201c behauptet wird? Oder geht er nur mit dem gro\u00dfen Retro-Pinsel \u00fcber die Br\u00fcche der Postmoderne dr\u00fcber, ohne jedoch ihre Grundstruktur der zynischen Ironisierung und Selbstbez\u00fcglichkeit anzur\u00fchren?<\/p>\n<p>Mit Gosselins totaler Effekt\u00e4sthetik ist ein Punkt der Ununterscheidbarkeit erreicht, an dem v\u00f6llig unklar ist, ob die aufs Eintauchen geb\u00fcrstete Wiederkehr der Illusion wirklich zukunftsweisend oder doch nur Resterampe des Abgestandenen in neuer Verpackung ist. Und es d\u00fcrfte gerade diese hartn\u00e4ckige Unklarheit sein, die umso klarere Reaktionen bei Publikum und Kritik provoziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Julien Gosselin ist mit 38 Jahren der Star des franz\u00f6sischen Theaters, er leitet das renommierte Pariser L\u2019Od\u00e9on. Doch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":378470,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,548,663,3934,3980,156,13,14,15,82444,12,94],"class_list":{"0":"post-378469","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-france","14":"tag-frankreich","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-salzburger-festspiele","19":"tag-schlagzeilen","20":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/378469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=378469"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/378469\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/378470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=378469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=378469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=378469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}