{"id":379392,"date":"2025-08-28T09:36:22","date_gmt":"2025-08-28T09:36:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/379392\/"},"modified":"2025-08-28T09:36:22","modified_gmt":"2025-08-28T09:36:22","slug":"das-gefuehl-wenn-du-aus-dem-club-stolperst-und-dich-veraendert-fuehlst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/379392\/","title":{"rendered":"\u201eDas Gef\u00fchl, wenn Du aus dem Club stolperst und dich ver\u00e4ndert f\u00fchlst\u201d"},"content":{"rendered":"<p>&#8211; Advertisement &#8211;<\/p>\n<p>&#8211; Advertisement &#8211;\n<\/p>\n<p><strong>Es gleicht einem Katz-und-Maus-Spiel: Die <\/strong><a href=\"http:\/\/groove.de\/tag\/distillery\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Distillery<\/strong><\/a><strong> in <\/strong><a href=\"http:\/\/groove.de\/tag\/leipzig\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Leipzig<\/strong><\/a><strong> muss ihr altes Zuhause aufgeben, richtet sich ein neues Nest ein \u2013 und auch das erweist sich selten als dauerhaft. Die \u201eTille\u201d wurde 1992 von neun Technofans in einer stillgelegten Brauerei in Connewitz gegr\u00fcndet, drei Jahre sp\u00e4ter musste der Club die Location aufgrund beh\u00f6rdlicher Auflagen verlassen. Auch die R\u00e4umlichkeiten in der Kurt-Eisner-Stra\u00dfe 91 wurden im April 2024 nach fast drei Jahrzehnten dem Erdboden gleichgemacht, damit dort Wohnungen errichtet werden k\u00f6nnen. Die Abschiedsparty \u201eThe Last Dance\u201d fand am Pfingstwochenende 2023 statt \u2013 mit dabei: Ellen Allien, Daniel Stefanik und die Wighnomy Brothers, die ein einmaliges Comeback-Set spielten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Urspr\u00fcnglich sollte das Leipziger Projekt Gleisdreieck die neue Distillery beherbergen, das Bebauungsverfahren l\u00e4sst jedoch bis heute auf sich warten.\u00a0Inzwischen hat der traditionsreiche Techno-Club am alten Messegel\u00e4nde Quartier bezogen. Zwei Jahre lang wurde dort renoviert \u2013 nun steht die Wiederer\u00f6ffnung unmittelbar bevor. GROOVE-Autorin Lea Jessen war vor Ort und hat sich die neue Location von Betreiber Steffen Kache zeigen lassen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Mittagssonne knallt erbarmungslos auf die D\u00e4cher des alten Messegel\u00e4ndes, ich stehe vor dem gr\u00fcnen Drehkreuz der <a href=\"https:\/\/www.alte-messe-leipzig.de\/historie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Halle 7<\/a>, z\u00fcnde mir eine Zigarette an und lasse meinen Blick \u00fcber die Geb\u00e4ude wandern. Das Zirpen der Grillen zerschneidet eine kreischende S\u00e4ge. Wenn sie durchatmet, meine ich, Tech-House-Sounds zu h\u00f6ren, die durch die bespr\u00fchten Mauern des kleinen Geb\u00e4udes vor der Halle dringen.<\/p>\n<p>Dies ist der mittlerweile dritte Standort des \u00e4ltesten Techno-Clubs Ostdeutschlands, nachdem im April vergangenen Jahres <a href=\"https:\/\/groove.de\/2024\/04\/03\/distillery-abriss-des-leipziger-clubs-hat-begonnen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">die Baustellenfahrzeuge auf das Gel\u00e4nde der Kurt-Eisner-Stra\u00dfe 91 rollten und den geschichtstr\u00e4chtigen Ort dem Erdboden gleichmachten<\/a>, um dort Wohnungen zu errichten.<\/p>\n<p><strong>Der Pavillon<\/strong><\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner in blauen Engelbert-Strau\u00df-Hosen bereiten meiner Wartezeit ein Ende und f\u00fchren mich durch eine kleine Hintert\u00fcr direkt in das improvisierte B\u00fcro von Betreiber und Distillery-Mitbegr\u00fcnder <a href=\"http:\/\/groove.de\/tag\/steffen-kache\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Steffen Kache<\/a>.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0394-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271674\"  \/>Die neue Distillery-Location war lange eine Baustelle (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Die W\u00e4nde sind mit handgeschriebenen Notizen und Baupl\u00e4nen dekoriert, neben der T\u00fcr h\u00e4ngt eine Magnettafel, beschmiert mit einigen To-Dos. Ich kann kaum lesen, was dort steht, denn Steffen dr\u00fcckt mir gleich nach dem H\u00e4ndedruck eine gek\u00fchlte Mate in die Hand. Auf dem Weg zu den orangenen Kinosesseln, auf denen wir es uns bequem machen, muss ich riesige Holzbretter, Werkzeug und Getr\u00e4nkekisten umschiffen. \u201eDas hier ist der Pavillon\u201d, erkl\u00e4rt Steffen mir. \u201eHier haben wir zum ersten Mal eine richtige Chill-Out-Area.\u201d<\/p>\n<p>An der einen Seite der Wand erahne ich die gro\u00dfen Garderobenstangen, die g\u00e4hnend leer auf Jacken und M\u00e4ntel der Feiernden warten. Daneben befindet sich der Awarenessbereich, der gerade noch,\u00a0wie jeder freie Quadratmeter hier,\u00a0als Abstellraum genutzt wird. Die Distillery arbeitet mit einem unmissverst\u00e4ndlichen Awareness-Konzept, aber auch von den Besucher:innen erwartet Steffen eine gewisse Grundachtsamkeit. \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass alle ein Auge aufeinander haben, damit sich hier jede Person wohlf\u00fchlen kann.\u201d<\/p>\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite l\u00e4sst die offene Eingangst\u00fcr, vor der sich schon in wenigen Wochen drei Schlangen tummeln werden, die warme Augustluft hereinwehen. Aus dem Ameisenknoten aus G\u00e4st:innen im alten Club hat man gelernt, Ein- und Ausgang des Pavillons sind deswegen getrennt. Auch \u201ewenn sich Leute danebenbenehmen und den Club verlassen m\u00fcssen\u201d, sei das leichter zu handhaben. Um Rausschmisse zu verhindern, m\u00f6chte der Club seine bisherige\u00a0T\u00fcrpolitik weiterverfolgen, denn \u201eohne gute T\u00fcrselektion geht ein Club kaputt\u201d, meint Steffen selbstsicher. Der Kassenbereich und die danebenliegenden gr\u00fcnen Sanit\u00e4ranlagen vor der Eingangst\u00fcr kamen bereits zum Einsatz, als der Club von Freund:innen und Bekannten ausgetestet wurde. In den vergangenen Monaten sind schon einige potenzielle Er\u00f6ffnungstermine durch die Clubs und Stra\u00dfen Leipzigs gegeistert, aber nun ist es sicher: Die neue Distillery soll am 30. August ihre T\u00fcren \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0418-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271675\"  \/>Ein altes Plakat der Distillery (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Der Raum, den die Besucher:innen betreten werden, gibt mit seinen nachtr\u00e4glich eingebauten offenen Rolltoren den Blick auf den etwas tieferen Au\u00dfenbereich frei. Dort trocknen die frisch gestrichenen Zaunelemente, \u00fcber denen die orangenen W\u00e4nde der gro\u00dfen Messehalle verhei\u00dfungsvoll emporragen. Aber bevor ich den anderen Geb\u00e4udekomplex erkunden darf, m\u00f6chte ich erst wissen, wie Steffen diesen Ort erlebt.<\/p>\n<p><strong>Die Leute und das Gef\u00fchl<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das klassische Distillery-Wohnzimmer-Gef\u00fchl schon zu erahnen, w\u00e4hrend ich in meinem Stoffsessel versinke und das Chaos an der Bar betrachte. \u201eWir wollen immer noch diese famili\u00e4re Energie erschaffen, einen Ort, an dem alle wichtigen Elemente miteinander harmonisieren\u201d, denkt Steffen laut. \u201eMusik, Kunst und Menschen. Ich hatte jetzt zwei Jahre Zeit, \u00fcber die Daseinsberechtigung des Clubs nachzudenken, und kann es immer noch schwer in Worte fassen. F\u00fcr mich ist es eher dieses Gef\u00fchl, wenn du aus dem Club stolperst und dich auf eine positive Art ver\u00e4ndert f\u00fchlst.\u201d<\/p>\n<p>Steffen macht die Distillery schon seit mehr als 30 Jahren, versucht aber immer noch die Legitimit\u00e4t von Clubs genauer zu verstehen. Teilweise sind Clubbesuche f\u00fcr ihn sogar spirituelle Erfahrungen, die Menschen, die sich sonst nie getroffen h\u00e4tten, auf unerwartete Weise zusammenbringen. \u201eUnser Club soll Br\u00fccken schlagen, nicht polarisieren\u201d, erkl\u00e4rt er. Am liebsten w\u00e4re ihm, wenn Menschen im Alter von 18 bis 70 Jahren herk\u00e4men. Gerade Menschen \u00fcber 60, die er aus dem Festivalkontext kennt, bringen seiner Meinung nach eine gute Energie mit.<\/p>\n<p>Beim Bewerbungsaufruf f\u00fcr die neu zu besetzenden Positionen haben sich sogar die Kinder von \u201eStammis\u201d, von Stammg\u00e4st:innen, und Eltern mit ihren Kindern beworben. Um die \u00e4ltere Generation einzubinden, m\u00f6chte der Club in Zukunft teilweise fr\u00fcher \u00f6ffnen und den Innenhof st\u00e4rker nutzen. Im Hinblick auf die \u00e4ltere Generation frage ich Steffen, ob er denkt, dass der Club sein Stammpublikum \u00fcber die letzten zwei Jahre hinweg halten konnte. \u201eIch vertraue sehr darauf\u201d, erwidert er. \u201eVielleicht sind einige Stammis weggezogen oder kommen nicht mehr so oft wie fr\u00fcher. Aber manchmal\u00a0werde ich sogar im Baumarkt auf die Distillery angesprochen. Die Nachfrage ist also auf jeden Fall da.\u201d<\/p>\n<p><strong>Der Innenhof<\/strong><\/p>\n<p>Wir laufen jetzt unter einer nachtr\u00e4glich installierten, etwa drei Meter hohen Stahlkonstruktion, um den gro\u00dfen, rechteckigen Innenhof herum. Im tiefergelegten Beton-Hof schwingen Menschen in schwarzen Distillery-Shirts ihre Pinsel, um den Holzzaun f\u00fcr das Gel\u00e4nde fertigzustellen. Steffen hat mir vorhin mit einem Blick nach drau\u00dfen erz\u00e4hlt, dass sowohl der alte Kern des Teams als auch die ehrenamtlichen Helfer:innen das Goldst\u00fcck des Clubs sind, und ich kann mir jetzt, zwischen den hin und her geworfenen Smalltalk-Lachern vorstellen, was er damit meint.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"824\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0412-824x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271678\"  \/>Arbeiten am zuk\u00fcnftigen Zaun (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p><strong>Das Erdgeschoss als neuer Keller<\/strong><\/p>\n<p>Wir betreten nun den weiter hinten gelegenen Teil des Grundst\u00fccks durch eine unscheinbare T\u00fcr. Zur Rechten befindet sich ein Fahrstuhl, auf den Steffen zeigt.\u00a0\u201eUnser gesamter Club wird barrierefrei, das war ja in der alten Tille \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich. Barrierefreie Toiletten gibt es bereits in jedem Geb\u00e4udeteil, der Fahrstuhl wird in naher Zukunft erneuert.\u201d Er leuchtet mit einer Taschenlampe um die Ecke und zeigt mir die neu eingebauten Missoirs, f\u00fcr deren Vorh\u00e4nge er gleich noch in den Baumarkt fahren muss.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDas Ding mit der Tille ist:\u00a0es gibt nie den Punkt,\u00a0an dem wir safe sind\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Je weiter wir in das D\u00e4mmerlicht des Geb\u00e4udes eintreten, desto schwerer kann ich Steffen verstehen. Der raue Techno-Bass h\u00e4mmert an den Betonw\u00e4nden entlang. Wir befinden uns jetzt im Vorraum des Dancefloors. Steffen zeigt wortlos auf die Mitbringsel der leerger\u00e4umten alten Distillery, von denen ich ein paar erkenne: Deckenlampen, Rohr-Nachbauten oder sogar ganze Teile der Bar. Hinter einer Art Fenstergitter entdecke ich eine Konstruktion aus gr\u00fcnen Flaschen, die an den ersten Standort und den Namens-Ursprung in der ehemaligen Kronenbrauerei Connewitz erinnert. Auch Rohre aus dem <a href=\"https:\/\/groove.de\/2021\/04\/15\/projekt-gleisdreieck-leipzig-interview-zum-neuen-standort-der-distillery\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gleisdreieck<\/a> wurden eingebaut, dem Ort, der den legend\u00e4ren Club urspr\u00fcnglich beherbergen sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0421-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271679\"  \/>Die Distillery besteht aus alten und neuen Bausteinen (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Das lange, komplizierte Bebauungsverfahren h\u00e4tte die Distillery allerdings nicht \u00fcberlebt. Deshalb hat die Stadt, zusammen mit der Eigent\u00fcmerin des Messegel\u00e4ndes, den Vorschlag einer Zwischennutzung bis 2034 gemacht \u2013\u00a0es bleiben also noch circa acht Jahre. Das gibt Steffen das Gef\u00fchl, in einem nebligen Mega-Marathon zu stecken. \u201eDas Ding mit der Tille ist: es gibt nie den Punkt, an dem wir safe sind\u201d, erkl\u00e4rt er. Zwar ist der Abriss der Messehallen f\u00fcr neue B\u00fcrogeb\u00e4ude bereits im Stadtrat beschlossen, einen erneuten Umzug kann sich der erfahrene Clubbetreiber jedoch nicht vorstellen. Zu nervenaufreibend w\u00e4re dieser. Er hofft, dass die neue Distillery die Stadt zum Umdenken bewegt.<\/p>\n<p>Die gr\u00fcn geflieste Bar und den gesamten Gastronomiebetrieb des Clubs wird Steffens Ehefrau Sylvia, die zuvor ein Restaurant in der Leipziger S\u00fcdvorstadt betrieben hat, leiten. \u00dcber Wasser halten kann sich der Club neben Krediten vor allem durch externe Unterst\u00fctzer:innen, zum Beispiel durch Vertr\u00e4ge mit der Getr\u00e4nkeindustrie. Der Er\u00f6ffnungsdruck ist trotzdem auch finanziell begr\u00fcndet. Als wir uns an den Details der Bar satt gesehen haben, betreten wir endlich das Herzst\u00fcck der Distillery: Den neuen Kellerfloor in den alten K\u00fcchen- und K\u00fchlr\u00e4umen der Messehalle. Ich wage mich ein paar Schritte voraus, selten gibt es Momente wie diese, in denen die Tanzfl\u00e4che einem voll und ganz zu F\u00fc\u00dfen liegt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0426-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271680\"  \/>Ein Teil des Soundsystems (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Ein melodisch aufgeladener Vocal-Break setzt ein, und jemand kommt mit einer inbr\u00fcnstigen Lip-Sync-Performance in mein Blickfeld gestolpert, was alle Leute um mich herum zum Lachen bringt. Der fast fertige Floor ist auch Steffens pers\u00f6nliches Highlight, weil er die alte Location mit der neuen verbindet. Die Verbindung entsteht nicht zuletzt durch die immersive Anlage, ein fertiggestelltes Puzzle aus den beiden fr\u00fcheren PAs sowie einem Audioverst\u00e4rker mit angeschlossenen Controller f\u00fcr ein ganzheitliches 3D-Klangerlebnis. Musikalisch macht die Tille das, worauf sie Bock hat, Line-ups sollen divers konzipiert sein, ohne dabei den j\u00fcngsten Trance-Trends hinterherzurennen oder eine krampfhafte Quote aufstellen zu wollen. \u201eMusik sollte Seele haben\u201d, ist Steffen Kache \u00fcberzeugt. Als wir die Tanzfl\u00e4che verlassen, bem\u00e4ngelt er mit ironischem Unterton das Loch in der ledernen Sitzbank. F\u00fcr die Termine mit dem Bauordnungsamt m\u00fcssen alle Sicherheitsm\u00e4ngel beseitigt werden.<\/p>\n<p><strong>Die Halle\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir gehen \u00fcber die beleuchteten Treppen hoch in das Obergeschoss und stehen pl\u00f6tzlich in einer gro\u00dfen lichtdurchfluteten Halle. Ein Rohbau mit Kapazit\u00e4t f\u00fcr 400 bis 500 Besucher:innen, so viele Menschen waren es vorher insgesamt. Dieser Teil bleibt den Besucher:innen noch verborgen: Der Clubbetrieb findet vorerst nur im Erdgeschoss statt, denn hier gibt es noch viel zu tun. Ein bisschen f\u00fchle ich mich wie bei einer Wohnungsbesichtigung, als Steffen mir begeistert zeigt, an welcher Stelle die M\u00f6bel, eine geschwungene Bar und eine B\u00fchne, verbaut werden sollen. Als ich mich wundere, woher er die Inspiration nimmt, legt er nur bedeutungsvoll eine Hand auf seine Brust. \u201eVon innen. Der Raum funktioniert einfach, und das f\u00fchlt man\u201d, sagt er mit einem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Der einzige Club, der f\u00fcr ihn architektonisch eine \u00e4hnliche Wirkung erzielen konnte, war das Berliner E-Werk mit seinem tempelartigen Dancefloor. Die Halle hier k\u00f6nnte mit den sichtbaren Tr\u00e4gern im Dunkeln wie eine riesige Kathedrale wirken, mutma\u00dfe ich. Jedenfalls bietet die weitl\u00e4ufige Location f\u00fcr den Betrieb neue M\u00f6glichkeiten: Man wolle sich \u00fcber den normalen Clubbetrieb hinaus entwickeln, auch unter der Woche Raum f\u00fcr Konzerte, Tanzschulen, Kreativk\u00f6pfe oder Ausstellungen bieten. Auch die jeweiligen Geb\u00e4udeteile mit ihren getrennten Floors lassen sich verkleinern und unabh\u00e4ngig voneinander bespielen. In der Halle soll die Anlage mitsamt der Raumtrennung deswegen flexibel sein. Auch deshalb will Steffen ungern zu sehr an Altem festhalten.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude der alten Distillery war sanierungsbed\u00fcrftig, jeder \u201eKubikmillimeter wurde ausgesch\u00f6pft\u201d, das Ablaufdatum war also garantiert. H\u00e4tte man vorher von der\u00a0Location hier gewusst, w\u00e4re das Hin und Her mit dem Projekt Gleisdreieck erspart geblieben. Andererseits m\u00f6chte Steffen die Stiftung mit ihrem Potenzial nicht missen. \u201eAlles hat seinen Sinn, manchmal kommt es eben so, wie es kommen soll\u201d, sagt er mit einem Schulterzucken. Dankbar ist Steffen Kache f\u00fcr den Ruf und die Seele der Distillery, mit 33 Jahren auf dem Buckel kann schlie\u00dflich nicht jeder Club neue Wege beschreiten, ohne dabei angestaubt zu wirken. Im hinteren Teil der Halle hat das Team nachtr\u00e4glich eine Wand eingezogen, um einen Brandschutzgang zu erschaffen. Dahinter befindet sich eine weitere Chillout-Area mitsamt Bar, bis auf Weiteres im Dornr\u00f6schenschlaf. Auch sie k\u00f6nnte als gem\u00fctliche, kleine Tanzfl\u00e4che zum Leben erweckt werden. Die Decke dar\u00fcber ist schon schalldicht, obwohl sich au\u00dfer einem Schulwohnheim niemand in L\u00e4rmbeschwerde-Distanz befindet.<\/p>\n<p><strong>Der urspr\u00fcngliche Plan<\/strong><\/p>\n<p>Steffen schlie\u00dft nun zwei T\u00fcren auf, unten windet sich das Treppenhaus mit dem urspr\u00fcnglich geplanten Eingang des Clubs. Einzelne Kabel h\u00e4ngen von der Decke des Raumes, den wir nun betreten, die t\u00fcrkis gestreiften W\u00e4nde haben ihren Charme durch die 20 Jahre Leerstand verloren. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0401-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271682\"  \/>Die \u00dcberbleibsel des Leerstands (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Ich folge dem zielstrebigen Lichtkegel von Steffens Taschenlampe durch die verwinkelten G\u00e4nge der wei\u00df gefliesten Kantine. Hier h\u00e4ngen die alten Pl\u00e4ne f\u00fcr die Distillery, die das Bauordnungsamt wegen daraus resultierender Anforderungen an die benachbarte Soccerworld abgelehnt hatte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"936\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0399-1-936x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271683\"  \/>Die urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4ne f\u00fcr den Clubumbau (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>\u00dcber den T\u00fcren h\u00e4ngen blaue Schilder mit Aufschriften wie \u201eLe Caf\u00e9\u201d, eine m\u00f6gliche Inspiration f\u00fcr die Namensgebung der Floors. Wenn die neue Distillery fertig ist, m\u00f6chte sich das Team der Club- und Kulturstiftung Leipzig, die Steffen Kache im Rahmen des Projekt Gleisdreiecks mitgegr\u00fcndet hat, diesem Raum widmen und das Projekt <a href=\"https:\/\/www.clubstiftung-leipzig.de\/projekte\/projekt-music-hub\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Music Hub<\/a> f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>In einem Raum-in-Raum-Konzept sollen hier Bandprober\u00e4ume und Studios entstehen. Trotz der H\u00fcrden ist Steffen dankbar f\u00fcr die Unterst\u00fctzung des Stadtplanungsamtes, zum Beispiel beim Bauantrag oder der Baugenehmigung. Auch das Land Sachsen hat geholfen und den Bau der L\u00fcftung gef\u00f6rdert. Die Politik hat offenbar verstanden, dass Leipzig nicht ohne die Distillery zu denken ist. \u201eSchwierig wird\u2019s dann nur bei konkreten Bearbeiter:innen, die leider nicht aus ihren vier W\u00e4nden rauskommen\u201d, erg\u00e4nzt Steffen. \u201eDie bei\u00dfen sich manchmal an f\u00fcnf Zentimetern fest\u201d.<\/p>\n<p>Wenn der Kopf wieder freier ist, m\u00f6chte sich der 51-J\u00e4hrige wieder mehr in die Politik einbringen. Er engagiert sich neben der Club- und Kulturstiftung auch im Bundesvorstand der <a href=\"https:\/\/www.livemusikkommission.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LiveMusikKommission<\/a> und ist Mitbegr\u00fcnder des <a href=\"https:\/\/livekommbinat.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LiveKommbinat Leipzig e.V.<\/a> Das ist ein Vorteil des \u00c4lterwerdens: \u201eEndlich hat man das Gef\u00fchl, von der Politik ernstgenommen zu werden. Bewusst wurde ihm durch den Bau vor allem, dass junge Kollektive heutzutage kaum die Chance haben, sich eigene R\u00e4ume aufzubauen. Denn viele Clubs, wie die Distillery, sind in den Neunzigern illegal gestartet und konnten ohne teure Auflagen anfangen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_0440-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-271684\"  \/>Traumtanz, Extase, Hitze \u2013 all das ist die Distillery (Foto: Lea Jessen)<\/p>\n<p>Wir schlendern nun langsam zur\u00fcck. Vorbei an der langen Halle und der imagin\u00e4ren B\u00fchne, hin zum Notausgang. Ich frage Steffen, was er aus den 30 Jahren mit vielen Aufs und Abs mitnimmt.\u00a0Er malt mir einen Vergleich: \u201eWenn du in einem Auto sitzt und ins Schleudern ger\u00e4tst, dann musst du gucken, wo du hinwillst. Du darfst das Ziel niemals aus den Augen verlieren.\u201d<\/p>\n<p>Steffen glaubt, dass die vielen Er\u00f6ffnungstermine und die st\u00e4ndig neu aufkeimende Hoffnung ihn und die Gruppe\u00a0vor dem Aufgeben bewahrt haben. Den Club bezeichnet er als \u201eRaum voller M\u00f6glichkeiten\u201d. Vor uns liegt ein unbeschriebenes Blatt, das es nur noch zu f\u00fcllen gilt. Als wir die Treppen zum Au\u00dfenbereich herunterlaufen und ich den Kopf gen Sonne richte, h\u00f6re ich die Stimme des Clubbetreibers; \u201eaber ich brauche erst mal Urlaub.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8211; Advertisement &#8211; &#8211; Advertisement &#8211; Es gleicht einem Katz-und-Maus-Spiel: Die Distillery in Leipzig muss ihr altes Zuhause&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":379393,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,61673,30,152,71,859,102713],"class_list":{"0":"post-379392","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-distillery","11":"tag-germany","12":"tag-instagram","13":"tag-leipzig","14":"tag-sachsen","15":"tag-steffen-kache"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115105719238917841","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379392","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=379392"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379392\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/379393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=379392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=379392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=379392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}