{"id":380031,"date":"2025-08-28T16:34:15","date_gmt":"2025-08-28T16:34:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/380031\/"},"modified":"2025-08-28T16:34:15","modified_gmt":"2025-08-28T16:34:15","slug":"buchtipp-das-schwarze-manuskript-heinrich-steinfests-neuer-roman-taugt-auch-als-anleitung-zum-aussteigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/380031\/","title":{"rendered":"Buchtipp \u201eDas schwarze Manuskript\u201c: Heinrich Steinfests neuer Roman taugt auch als Anleitung zum Aussteigen"},"content":{"rendered":"<p>Zu viele Fragen k\u00f6nnten einem wom\u00f6glich die Freude an diesem s\u00fcffig elegant geschriebenen Buch verg\u00e4llen: Warum k\u00fcndigt Ashok Oswald pl\u00f6tzlich seinen Job als Vorstandsvorsitzender eines bedeutenden Mischkonzerns, um sich als eine Art Detektiv in eigener Sache dem Geheimnis eines 40 Jahre alten Manuskripts zu widmen? Weshalb verfolgt er seine neue Mission so schludrig, dass es ihm nichts ausmacht, wenn der Busfahrer seine Klapperkiste nicht fahrplanm\u00e4\u00dfig quer durch Irland nach Thurles lenkt (wo ihm ein Treffen mit einem tot gew\u00e4hnten Bekannten, dem Verfasser des Manuskripts, in Aussicht gestellt war), sondern nach Portumna? <\/p>\n<p>Wieso steigt Oswald dort auf ein Motorboot, ohne zu wissen, wohin es f\u00e4hrt, und wird auf eine kleine Insel im Lough Dergh mitgenommen, wo sich ein vergessenes Quartett internationaler Muschelforscher die Wartezeit bis zur R\u00fcckkehr nach Dublin mit mazedonischen Lebensmitteln vertreibt? Warum hat er sich am Morgen vor der \u00dcberfahrt f\u00fcr ein Weiterleben ohne Smartphone entschieden? Anders gefragt: Warum wird der m\u00e4chtige CEO \u00fcber Nacht zur Marionette nicht n\u00e4her definierter M\u00e4chte, hinter denen sich wom\u00f6glich einfach die abgr\u00fcndige Fantasie des <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.stuttgarter-bestsellerautor-heinrich-steinfest-verlaesst-die-stadt.fce71e28-c034-4ed1-b9b8-6a8b64fd512f.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schriftstellers Heinrich Steinfest<\/a> verbirgt, wohnhaft lange in Stuttgart, mittlerweile bei Heidelberg, aufgewachsen freilich in Wien, so wie seine Hauptfigur?<\/p>\n<p>Neues \u00fcber das Wesen der Liebe? <\/p>\n<p>Der sich logischen Begr\u00fcndungen entziehende Lebensschwenk mag mit dem ungebetenen Besuch zweier M\u00e4nner und einer Schl\u00e4gerin eines Morgens an Ashok Oswalds \u201eunsinnig gro\u00dfen\u201c K\u00f6lner Pool zusammenh\u00e4ngen. Das Trio fordert die Herausgabe eines \u201eHunger\u201c betitelten Manuskriptes, das dem Spitzenmanager 40 Jahre zuvor zur Verwahrung anvertraut worden war, und zwar von einem fremden Bluffspezialisten, der eine Wiener Schauspielerin kannte, an der Oswald im Schneesturm Gefallen fand.<\/p>\n<p>Damals, als Mittzwanziger, st\u00f6rte es Oswald nicht, wenn die Frau eine Generation \u00e4lter war als er selbst. Sp\u00e4ter, als CEO, kehrten sich seine Vorlieben um, sehr zum Missfallen des Erz\u00e4hlers: \u201eDenn es war nun mal j\u00e4mmerlich, dieser Versuch, mittels eines anderen Menschen eine Zeitreise antreten zu wollen\u201c, schreibt Heinrich Steinfest grammatikalisch kreativ \u00fcber klassische Alters- und Attraktivit\u00e4tsgef\u00e4lle. Damals, als Lebensmittelchemiker und Steinpilzforscher, \u00fcbte Oswald auch noch keinen Einfluss auf die Politik aus, \u201ewie es ja eigentlich immer die Wirtschaftsleute sind, die de facto \u00fcber Krieg und Frieden und das Gl\u00fcck und das Elend einer Gesellschaft entscheiden\u201c, wei\u00df Heinrich Steinfest, der sehr kunstvoll \u00fcber Sachverhalte ganz unterschiedlicher Bedeutungslevels zu urteilen vermag: Kraulen im Pool sei super, Brustschwimmen hingegen ein absurder \u201eGewaltakt\u201c. Klaus Nomi sei \u201eder erste Popstar\u201c gewesen, der an Aids gestorben ist. Kochen bedeute, \u201eTotes zum Leben zu erwecken\u201c. Oder, ganz gro\u00df: \u201eLiebe f\u00fchrt zu einer R\u00fccksichtslosigkeit gegen sich selbst. Der Liebende ist immer auch ein Selbstm\u00f6rder.\u201c<\/p>\n<p>Derartige Kommentare zum Weltenlauf st\u00f6ren nicht den Handlungssog, der Oswald und mit ihm den gebannten Leser alsbald erfasst: Auf der asphaltierten Erde, im Wasser und an Bord eines Ryanair-Flugzeuges ger\u00e4t ganz sch\u00f6n viel in Bewegung, auch wenn Steinfest Grundkenntnisse des Englischen voraussetzt (die Atmosph\u00e4re im Semple-Stadion w\u00e4hrend eines Hurling-Matches wird beispielsweise als \u201esomething between going to holiday and returning home from it\u201c beschrieben) und \u00fcberdies Kafka-Lekt\u00fcre, wenn man sich an der einschl\u00e4gige Anspielung freuen m\u00f6chte. Einmal denkt man sogar kurz, Steinfest verlange seinen Lesern rudiment\u00e4res Mazedonisch ab, aber ein paar Zeilen sp\u00e4ter erbarmt er sich und liefert die \u00dcbersetzung des f\u00fcr den Fortgang der Geschehnisse nicht unwichtigen Wortes \u201eUtroto\u201c nach.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.720cc819-960f-4dea-9eae-f462a48570d3.original1024.media.jpeg\"\/>     Die in Irland beliebte Ballsportart Hurling spielt in Heinrich Steinfests neuem Buch eine gewichtige Rolle.    Foto: Imago    <\/p>\n<p>Ja, \u201eDas schwarze Manuskript\u201c ist ein richtig spannendes Buch, bis es beim Hurling-Match in der irischen Provinz zu einer weiteren vielversprechenden Begegnung kommt. Dieses Buch streift Fragen nach Schuld und Verantwortung anhand von Batterieproduktion, Kunstsammelei und des Umgangs mit Hausangestellten, ohne sich anzuma\u00dfen, dem Leser Patentl\u00f6sungen einzufl\u00f6\u00dfen. Zugleich weckt es Sehnsucht nach Irland im Regen und nach Wien im Winter. Auf unaufdringliche Weise empfiehlt es dabei als Grundhaltung Respekt und Toleranz.<\/p>\n<p>Nach besagtem Hurling-Match pr\u00e4sentiert Heinrich Steinfest allerdings eine Agatha-Christie-haft anmutende Aufl\u00f6sung, die ab Seite 218 zunehmend akademisch-rituell wirkt, etwa so wie 16 \u00fcberfl\u00fcssige Takte am Ende eines grandiosen Songs. Wer die letzten 20 Seiten des Romans wegrupft oder sie zumindest schw\u00e4nzt, erlebt aber ein wahnsinnig vergn\u00fcgliches und auf vielerlei Ebenen unterhaltsames Buch.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.5c8a4516-65ea-42b2-9ab9-0d383ede2f83.original1024.media.jpeg\"\/>         <\/p>\n<p> <b>Heinrich Steinfest: Das schwarze Manuskript.<\/b> Piper Verlag. 240 Seiten, 23 Euro.<\/p>\n<p> Info <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Autor<\/strong><br \/>Heinrich Steinfest wurde 1961 in der australischen Stadt Albury geboren, wuchs in Wien auf und lebte lange als Schriftsteller und Maler in Stuttgart. Vor ein paar Jahren zog der passionierte Hobbyl\u00e4ufer in die N\u00e4he von Heidelberg.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Werk<\/strong><br \/>Steinfest hat jede Menge Krimis geschrieben, in vielen davon ermittelt der Privatdetektiv Markus Cheng in Wien. Zuletzt ver\u00f6ffentlichte der Vielschreiber 2024 \u201eSprung ins Leere\u201c, eine kunstaffine Spurensuche zwischen Wien und Japan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zu viele Fragen k\u00f6nnten einem wom\u00f6glich die Freude an diesem s\u00fcffig elegant geschriebenen Buch verg\u00e4llen: Warum k\u00fcndigt Ashok&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":380032,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,102841,80,93,1795,215],"class_list":{"0":"post-380031","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-heinrich-steinfest","14":"tag-kultur","15":"tag-literatur","16":"tag-roman","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115107362726644159","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/380031","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=380031"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/380031\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/380032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=380031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=380031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=380031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}