{"id":382769,"date":"2025-08-29T21:13:10","date_gmt":"2025-08-29T21:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/382769\/"},"modified":"2025-08-29T21:13:10","modified_gmt":"2025-08-29T21:13:10","slug":"antimilitarismus-in-der-linken-wehrt-man-sich-nicht-laesst-man-es-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/382769\/","title":{"rendered":"Antimilitarismus in der Linken: Wehrt man sich nicht, l\u00e4sst man es zu"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">S tellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Stra\u00dfenbahn. Pl\u00f6tzlich merken Sie, wie Sie mit voller Geschwindigkeit auf f\u00fcnf Personen zurasen. Rechts sehen Sie ein Ausweichgleis \u2013 dort steht nur ein Mensch. Die Bremsen der Tram sind kaputt, aber Sie k\u00f6nnen einen Hebel bet\u00e4tigen und sie so auf das rechte Gleis umlenken. Was tun Sie? Lassen Sie eher f\u00fcnf Personen durch Ihre Unt\u00e4tigkeit sterben oder greifen Sie ein und t\u00f6ten eine?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das Szenario l\u00e4sst sich noch abwandeln. Man k\u00f6nnte zum Beispiel erg\u00e4nzen, dass die Person auf dem Ausweichgleis ein Terrorist ist, der die Bremsen der Tram besch\u00e4digt hat, um die f\u00fcnf Personen zu t\u00f6ten. Oder auch, dass Sie sich durch das Umlenken der Bahn in Gefahr begeben, weil die Kumpels des Terroristen sich an Ihnen r\u00e4chen werden. Dieses Gedankenexperiment ist in der Philosophie als \u201eTrolley-Pro\u00adblem\u201c bekannt. Doch f\u00fcr die Menschen in der Ukraine ist es kein hypothetisches Dilemma. F\u00fcr sie hei\u00dft es: beim Leiden und Sterben zusehen \u2013 oder einzugreifen, um Leben zu retten.<\/p>\n<p>\nYelizaveta Landenberger\n<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">schreibt \u00fcber Kultur aus Ost- und Mitteleuropa.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Am 10. August fiel ein Bekannter von mir an der Front, der ukrainische K\u00fcnstler und linke Aktivist <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ukrainischer-Kuenstler-Chichkan-ist-tot\/!6106745\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">David Chichkan<\/a>. Er erz\u00e4hlte, er habe Angebote f\u00fcr Residencies im Ausland gehabt, aber er wollte lieber als Soldat gegen die imperialistischen Invasoren k\u00e4mpfen. Er wusste, dass er dabei sterben konnte.<\/p>\n<p>      Die b\u00f6se R\u00fcstungsindustrie<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">In Deutschland m\u00f6chten viele Linke nichts mit dem Milit\u00e4r zu tun haben. Die R\u00fcstungsindustrie sei inh\u00e4rent b\u00f6se, und da man sich internationalistisch gibt, spiele es doch \u00fcberhaupt keine Rolle, in welchem Land man lebt. Das seien sowieso nur Linien auf der Landkarte. Einige gehen noch weiter und bezeichnen diejenigen, die den ukrainischen Widerstand unterst\u00fctzen \u2013 oder gar die Ukrai\u00adne\u00adr:in\u00adnen selbst \u2013 als Kriegstreiber.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Die brutale Realit\u00e4t ist jedoch, dass Zi\u00advi\u00adlis\u00adt:in\u00adnen in von Russland besetzten Gebieten unterdr\u00fcckt, gefoltert und get\u00f6tet, Kinder entf\u00fchrt und M\u00e4nner zum Dienst in der russischen Armee gezwungen werden. Wehrt man sich nicht, l\u00e4sst man das zu.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Das Trolley-Problem ist zwar eine Abstraktion, aber es zeigt grunds\u00e4tzlich: Allein weil man selbst Gewalt ablehnt, hei\u00dft das nicht, dass sie deshalb nicht geschieht. Mehr noch, Passivit\u00e4t f\u00fchrt in solchen F\u00e4llen dazu, dass man massive Gewalt nicht verhindert, obwohl man es kann. Daf\u00fcr tr\u00e4gt man Verantwortung.<\/p>\n<p>      Der Russe, der an der Seite der Ukraine k\u00e4mpfte<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Bevor David sich vor einem Jahr freiwillig zum Milit\u00e4rdienst meldete, malte er Portr\u00e4ts von Antifaschist:innen, die auf der Seite der Ukraine k\u00e4mpfen. Unter ihnen waren auch diejenigen Nichtukrainer:innen, die im April 2023 bei Bachmut fielen \u2013 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Russischer-Anarchist-im-Ukrainekrieg\/!5931338\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der US-Amerikaner Cooper Andrews, der Ire Finbar Cafferkey und der Russe Dmitry Petrov<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Letzterer war ein Anthropologe und linker Aktivist, der sich fr\u00fcher auf den Moskauer Stra\u00dfen mit russischen Nazis pr\u00fcgelte. Nach Beginn der Gro\u00dfinvasion meldete er sich freiwillig als Soldat, k\u00e4mpfte gegen sein eigenes Heimatland \u2013 und starb.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">In seinem Abschiedsbrief, der im Falle seines Todes ver\u00f6ffentlicht werden sollte, steht: \u201eAls Anarchist, Revolution\u00e4r und Russe hielt ich es f\u00fcr notwendig, mich am bewaffneten Widerstand des ukrainischen Volkes gegen Putins Besatzer zu beteiligen. Ich tat dies aus Gerechtigkeit, zur Verteidigung der ukrainischen Gesellschaft und zur Befreiung meines Landes, Russland, von der Unterdr\u00fcckung. Um all der Menschen willen, denen durch das abscheuliche totalit\u00e4re System in Russland und Belarus ihre W\u00fcrde und die M\u00f6glichkeit, frei zu atmen, genommen wurde.\u201c<\/p>\n<p>      Dem Leid anderer nicht zusehen wollen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Sein Vater, Dmitry Petrov senior, hat den autobiografischen Roman \u201eRoditelskij den\u201c (Elterntag) \u00fcber seinen Sohn geschrieben, um den unermesslichen Verlust zu verarbeiten. Der Text r\u00fchrt zu Tr\u00e4nen. Sein Sohn wollte nicht dem Leid anderer zusehen und unternahm den konsequentesten Schritt, der \u00fcberhaupt denkbar ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Im realen Leben sind Handlungsoptionen nicht bin\u00e4r wie im Gedankenexperiment, es gibt Abstufungen zwischen zusehen und selbst zur Waffe greifen. Was jedoch sicher nicht weiterhilft, ist ein Sofapazifismus, der die russischen Kriegsambitionen kleinredet. Wer den Ukrai\u00adne\u00adr:in\u00adnen die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung verweigert, handelt nicht im Sinne eines Friedens, sondern l\u00e4sst dem m\u00f6rderischen Feldzug des Kremls freien Lauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"S tellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Stra\u00dfenbahn. 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