{"id":383604,"date":"2025-08-30T04:59:11","date_gmt":"2025-08-30T04:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/383604\/"},"modified":"2025-08-30T04:59:11","modified_gmt":"2025-08-30T04:59:11","slug":"pflichtjahr-fuer-rentner-er-verstehe-die-komplette-realitaetsverweigerung-der-vielen-boomer-nicht-sagt-fratzscher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/383604\/","title":{"rendered":"Pflichtjahr f\u00fcr Rentner: Er verstehe die \u201ekomplette Realit\u00e4tsverweigerung\u201c der vielen Boomer nicht, sagt Fratzscher"},"content":{"rendered":"<p>Ein Sozialjahr f\u00fcr alle Rentner? F\u00fcr diesen Vorschlag hat \u00d6konom Marcel Fratzscher viel Kritik geerntet. \u201eSehr viele b\u00f6se Boomer\u201c, h\u00e4tten ihm geschrieben, berichtet er nun \u2013 und verteidigt seine Idee. Bei einer Podiumsdiskussion sekundiert dem \u00d6konomen ausgerechnet Klimaaktivistin Luisa Neubauer.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein Sozialjahr f\u00fcr alle Rentner \u2013 mit dieser Idee sorgte Marcel Fratzscher j\u00fcngst f\u00fcr Diskussionen. Als der Pr\u00e4sident des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) am Freitagabend aus jenem Teil seines neuen Buches vorliest, in dem der Vorschlag vorkommt, ist der Applaus verhalten. Eine Minderheit klatscht. Die Mehrheit schweigt. Und doch sind sie an diesem Abend alle gekommen, um sich die vielleicht provokanteste Idee aus Fratzschers Werk \u201eNach uns die Zukunft\u201c anzuh\u00f6ren. Der Vorschlag war zuvor auf <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article68a80a11b9644528ccf3d594\/Oekonom-Fratzscher-fordert-verpflichtendes-soziales-Jahr-fuer-Rentner-Sozialverbaende-empoert.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article68a80a11b9644528ccf3d594\/Oekonom-Fratzscher-fordert-verpflichtendes-soziales-Jahr-fuer-Rentner-Sozialverbaende-empoert.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">viel Kritik<\/a> gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Neben Fratzscher im Berliner Pfefferberg Theater vor rund 200 Zuschauern auf der B\u00fchne: Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Warum ausgerechnet die deutsche Mitbegr\u00fcnderin von Fridays for Future den Abend an der Seite des \u00d6konomen bestreitet, wird nur vage angerissen. Moderatorin Julia Friedrichs stellt sie als \u201edie wohl bekannteste deutsche Klimaaktivistin\u201c und als Kolumnistin des neuen Wirtschaftsmagazins \u201eSurplus\u201c vor.<\/p>\n<p>Fratzscher erz\u00e4hlt zu Beginn, dass er nach Bekanntwerden seines Vorsto\u00dfes f\u00fcr ein Rentner-Pflichtjahr innerhalb von zwei Tagen rund 2000 Mails erhalten habe. \u201eSehr viele Boomer, sehr viele b\u00f6se Boomer\u201c, erz\u00e4hlt er. Rund zehn Prozent derjenigen, die ihm geschrieben haben, begr\u00fc\u00dften seinen Vorschlag. \u201eDie meisten sagen, ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, jetzt soll ich noch mehr tun?\u201c, fasst Fratzscher die Nachrichten seiner Kritiker zusammen. In einer Welt ohne Klimakrise, soziale Konflikte oder Krieg k\u00f6nne er diesen Reflex nachvollziehen. \u201eSo aber \u00fcberrascht mich die komplette Realit\u00e4tsverweigerung immer wieder.\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/luisa-neubauer\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/luisa-neubauer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Luisa Neubauer <\/a>zeigt sich als Unterst\u00fctzerin des Vorschlags, er sei eine \u201ewahnsinnig gute Idee.\u201c Eigentlich sei es eine Ehre, wenn so viele Menschen wegen etwas \u201eDahingesagtem ausrasten\u201c w\u00fcrden. \u201eDas weist dich als sehr m\u00e4chtigen Menschen in diesem Land aus\u201c, sagt sie zu Fratzscher. <\/p>\n<p>Ihr erster Gedanke, als sie \u00fcber ein Pflichtjahr f\u00fcr Rentner nachgedacht habe, sei \u201eromantisch\u201c gewesen. Junge und \u00e4ltere Menschen h\u00e4tten oftmals kaum noch Kontakt zueinander. Bei \u00c4lteren gebe es ein Gef\u00fchl der \u201eVereinsamung, das Gef\u00fchl, nicht mehr wirksam zu sein.\u201c \u201eVor allem dachte ich aber, vielleicht kommen wir mal wieder ins Gespr\u00e4ch und erleben, dass wir f\u00fcreinander da sein k\u00f6nnen.\u201c Auch wirtschaftlich sei die Debatte wichtig. <\/p>\n<p>Neubauer vermutet tieferen Konflikt hinter Diskussion<\/p>\n<p>Sie vermute, der Vorschlag werde vor allem deshalb von vielen abgelehnt, weil der Begriff Pflicht eine Kr\u00e4nkung dieser Generationen offenlege. \u201eDiese Pflichtvokabel kommt mit einer Abwertung einher.\u201c In Deutschland gebe es ein Kr\u00e4nkungsproblem: Jede Generation sei von der anderen ein St\u00fcck weit entt\u00e4uscht. J\u00fcngere von ihren Eltern, \u00c4ltere von den J\u00fcngeren. Deshalb gehe es in der Debatte weniger um das Pflichtjahr selbst, sondern um \u201ediesen emotionalen Klotz, vor dem wir stehen.\u201c<\/p>\n<p>\u00d6konom Fratzscher betont, es sei ihm ernst. Er wolle nicht provozieren, sondern einen Dialog ansto\u00dfen. Viele \u00e4ltere Menschen engagierten sich bereits ehrenamtlich, aber es brauche mehr. Das Modell stelle er sich wie den fr\u00fcheren Zivildienst vor, es sei auch in Teilzeit denkbar.<\/p>\n<p>Dann wird es grunds\u00e4tzlich. Die heutigen Krisen l\u00e4gen auch in der Verantwortung der \u00e4lteren Generation. Er nennt die Verteidigungspolitik nach 1989, als Europa seine Milit\u00e4rausgaben senkte und das Geld \u201everkonsumierte\u201c. Nun m\u00fcsse die junge Generation die Fehler korrigieren. Bei den meisten Problemen sei die Antwort der Babyboomer: \u201eNein, wir nicht.\u201c Solidarit\u00e4t sei aber keine \u201eEinbahnstra\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Neubauer sieht diese These best\u00e4tigt. Viele junge Menschen w\u00fcrden der \u00e4lteren Generation sagen: \u201eIhr habt immer gesagt, wir sollen es mal besser haben, jetzt f\u00e4llt uns aber alles \u00fcber dem Kopf zusammen. Und dann guckt ihr uns an und sagt, vielleicht m\u00fcsst ihr ein bisschen mehr arbeiten. Bei aller Liebe, aber da stimmt ja irgendwas nicht.\u201c Es f\u00fchle sich an, als sei der Generationenvertrag gebrochen. Sie sp\u00fcre eine Melancholie, dass es \u201ein der politischen Realit\u00e4t\u201c eine Gemeinschaft derzeit nicht gebe. \u201eDie Zukunft war ein Versprechen f\u00fcr eine Generation, die jetzt in ihrer eigenen Zukunft lebt. F\u00fcr uns ist sie kein Versprechen mehr, sondern eine Androhung.\u201c<\/p>\n<p>Fratzscher betont, dass es in der Debatte um den Generationenvertrag nicht ausschlie\u00dflich um Jung und Alt gehe, sondern auch um Reich und Arm. \u00c4rmere Menschen w\u00fcrden im Schnitt k\u00fcrzer leben und h\u00e4tten auf die Lebensdauer gerechnet von der Rente entsprechend weniger. \u201eDas war auch Teil unseres Generationenvertrages, dass die starken mehr tragen als die schwachen Schultern. Das ist heute so nicht mehr der Fall.\u201c<\/p>\n<p>Politik scheue jedoch Reformen, vor allem aus Angst, \u00e4ltere W\u00e4hler zu verprellen. \u201eNur, je l\u00e4nger du wartest, desto schmerzvoller wird es\u201c, sagt Fratzscher. Neubauer f\u00fcgt hinzu, dass Politiker bei ihren Entscheidungen vor allem auch an sich selbst d\u00e4chten. \u201eWir haben eine Politik, die im Durchschnitt deutlich n\u00e4her an der eigenen Rente ist, als an einem potenziellen Pflichtjahr f\u00fcr junge Leute.\u201c<\/p>\n<p>Erst gegen Ende entsteht etwas Reibung<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf dehnt sich das Gespr\u00e4ch auf Neubauers Lieblingsthema aus, die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/weltplus\/plus68b01db8d492032667a5d774\/co-preis-bringt-unsere-betriebe-um-die-maechtige-gewerkschaft-kuendigt-ihre-klima-kooperation-auf.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/weltplus\/plus68b01db8d492032667a5d774\/co-preis-bringt-unsere-betriebe-um-die-maechtige-gewerkschaft-kuendigt-ihre-klima-kooperation-auf.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klimapolitik.<\/a> Neubauer sagt: \u201eIch hatte in meinem Kopf abgespeichert, dass es die richtig schlechten Nachrichten immer nur bei Gespr\u00e4chen \u00fcber das Klima gibt, aber das geht auch bei Gespr\u00e4chen \u00fcber Wirtschaft.\u201c Neubauer ist in ihrem Element. \u201eDass das jetzt als linkes Wohlf\u00fchl-Projekt abgestempelt wird, was man sich leisten muss oder eben nicht, das ist deprimierend.\u201c Teile des Publikums applaudieren. <\/p>\n<p>Moderatorin Friedrichs erinnert sie daran, dass es thematisch um Generationen gehen soll. \u201eAchso, ah, stimmt, wir machen die Generationen\u201c, entf\u00e4hrt es Neubauer. W\u00fctend sei sie bis vor einigen Jahren auf \u00e4ltere Generationen gewesen. Seitdem erlebe sie aber viel Solidarit\u00e4t auch von \u00e4lteren Menschen, als Beispiel nennt sie unter anderem die \u201eOmas gegen rechts.\u201c<\/p>\n<p>Auffallend bleibt an diesem Abend, dass Fratzscher und Neubauer fast durchgehend einer Meinung sind. Beide antworten auf die Fragen der Moderatorin, f\u00fchren dabei aber mehr einen Monolog nebeneinander als einen Dialog miteinander. Erst gegen Ende entsteht etwas Reibung. Moderatorin Friedrichs fragt Fratzscher: \u201eSpielst du denn die Generationen nicht auch ein bisschen gegeneinander aus?\u201c \u201e\u00dcberhaupt nicht\u201c, antwortet Fratzscher. \u201eViele Rentner w\u00fcnschen sich eine gesellschaftliche Rolle.\u201c Er wisse, dass der Vorschlag polarisierend sei. <\/p>\n<p>Als Friedrichs halb im Scherz sagt, der Vorsto\u00df sei gar nicht so polarisierend, sondern es seien \u201eeinfach alle dagegen\u201c, gibt es Lacher. Fratzscher verweist darauf, dass sich bereits 40 Prozent der Rentner heutzutage engagieren w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Die letzten Worte des Abends hat aber Luisa Neubauer. \u201eStellen wir uns vor, was passiert w\u00e4re, h\u00e4tte nicht ein mittelalter Mann diesen Vorschlag gemacht, sondern eine junge aktivistische Frau, dann w\u00e4re die H\u00f6lle ausgebrochen. Deswegen brauchen wir genau diese Stimmen\u201c, sagt sie in Richtung Marcel Fratzscher. Diesmal klatscht das Publikum, was sowohl aus jung als auch als alt besteht, geschlossen. <\/p>\n<p><b>Politikredakteur <\/b><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/nicolas-walter\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/nicolas-walter\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Nicolas Walter<\/b><\/a><b> berichtet f\u00fcr WELT \u00fcber gesellschaftspolitische Entwicklungen im In- und Ausland.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Sozialjahr f\u00fcr alle Rentner? 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