{"id":384310,"date":"2025-08-30T11:33:10","date_gmt":"2025-08-30T11:33:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/384310\/"},"modified":"2025-08-30T11:33:10","modified_gmt":"2025-08-30T11:33:10","slug":"vorbehalte-von-kurzer-dauer-warum-man-neue-regeln-immer-erst-einmal-ablehnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/384310\/","title":{"rendered":"Vorbehalte von kurzer Dauer: Warum man neue Regeln immer erst einmal ablehnt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine neue Studie zeigt, dass der Widerstand gegen Regel\u00e4nderungen wie ein Tempolimit oft nur kurzfristig anh\u00e4lt. Nach der Einf\u00fchrung akzeptieren viele Menschen die Ma\u00dfnahmen \u00fcberraschend schnell. Die Ergebnisse der Untersuchungen k\u00f6nnten auch politische Entscheidungen beeinflussen.<\/strong><\/p>\n<p>In der Auto-Nation Deutschland das Wort Tempolimit fallen zu lassen, sich wom\u00f6glich sogar daf\u00fcr auszusprechen, ist ein heikles Experiment. Schnell kochen in der B\u00fcrok\u00fcche oder am Abendbrottisch Emotionen hoch. Die Freiheit, auf der Autobahn so schnell fahren zu d\u00fcrfen, wie man will, scheint den Deutschen heilig. Oder?<\/p>\n<p>Die Datenlage ist gar nicht so eindeutig: Umfragen zufolge w\u00fcrde eigentlich sogar eine Mehrheit ein Tempolimit bef\u00fcrworten. Das zeigte zuletzt im M\u00e4rz eine <a href=\"chrome-extension:\/\/efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj\/https:\/\/targobank-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Ergebnispraesentation_Targobank_Autostudie-2025.pdf\" rel=\"Follow nofollow\" target=\"_blank\">Forsa-Umfrage im Auftrag der Targobank<\/a>, in der 57 Prozent ein generelles Tempolimit bef\u00fcrworteten. Fr\u00fchere Umfragen kamen auf noch h\u00f6here Zustimmungswerte. Trotzdem macht die bef\u00fcrchtete Wut der Gegner das Thema f\u00fcr die meisten Politikerinnen und Politiker zum roten Tuch.<\/p>\n<p>Abwehr neuer Regeln ist oft gro\u00df<\/p>\n<p>Forscher der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen und der Universit\u00e4t Wien haben in sieben Studien ein interessantes Ph\u00e4nomen erforscht, das im Hinterkopf haben sollte, wer politische Entscheidungen zu treffen hat: M\u00f6ge die Ablehnung neuer Regeln und Vorgaben am Anfang riesig sein &#8211; diese Abwehr k\u00f6nnte schnell verpuffen.<\/p>\n<p>Zentral dabei: die sogenannte Reaktanz. So bezeichnet die Psychologie den Widerstand, den Menschen versp\u00fcren, wenn sie pers\u00f6nliche Freiheiten eingeschr\u00e4nkt sehen. Werden politische Ma\u00dfnahmen wie Rauchverbote, Anschnallpflichten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen eingef\u00fchrt, lehnen dies vorher viele Menschen ab.<\/p>\n<p>Das Erstaunliche: Diese Einstellung \u00e4ndert sich oft sehr schnell. &#8222;Die Reaktanz ist oft nur vor\u00fcbergehend und nimmt kurz nach der Einf\u00fchrung einschr\u00e4nkender Ma\u00dfnahmen betr\u00e4chtlich ab&#8220;, sagt der Leiter der k\u00fcrzlich <a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/doi\/10.1073\/pnas.2409907122\" rel=\"Follow nofollow noopener\" target=\"_blank\">im Fachblatt &#8222;Proceedings of the National Academy of Sciences&#8220; (PNAS) <\/a>ver\u00f6ffentlichten Studie, Armin Granulo von der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen. &#8222;Der Widerstand ist also weniger stabil, als viele Politikerinnen und Politiker bef\u00fcrchten.&#8220;<\/p>\n<p>Meinung zu Tempolimit, Impfpflicht &amp; Co. analysiert<\/p>\n<p>Um dies herauszufinden, <a href=\"https:\/\/www.tum.de\/aktuelles\/alle-meldungen\/pressemitteilungen\/details\/warum-menschen-neue-regeln-ablehnen-aber-nur-bis-sie-in-kraft-sind\" rel=\"Follow nofollow noopener\" target=\"_blank\">analysierte das Team <\/a>Umfragen zur Einf\u00fchrung von Rauchverboten an Arbeitspl\u00e4tzen in mehreren L\u00e4ndern Europas, zu versch\u00e4rften Tempolimits in den Niederlanden und zur Anschnallpflicht in den USA.<\/p>\n<p>In Experimenten testete es au\u00dferdem die Reaktanz von Menschen in Deutschland und Gro\u00dfbritannien mit Blick auf eine Impfpflicht, ein Tempolimit sowie neue Steuern auf Alkohol und Fleisch. In diesen hypothetischen Szenarien musste die H\u00e4lfte der Teilnehmenden die Aussage beurteilen, dass die jeweiligen Ma\u00dfnahmen bald eingef\u00fchrt werden sollten, die andere H\u00e4lfte, dass sie bereits vor einem Jahr eingef\u00fchrt worden.<\/p>\n<p> Tempolimit vor einem Jahr vs. in einem Jahr<\/p>\n<p>In einer Teilstudie bekamen die Teilnehmenden Informationen \u00fcber die Einf\u00fchrung eines Tempolimits von 120 Kilometern pro Stunde auf deutschen Autobahnen zur Verringerung von CO2-Emissionen. Eine Gruppe bekam zu lesen, dass das Limit bereits vor einem Jahr eingef\u00fchrt worden sei, die andere, dass es in einem Jahr eingef\u00fchrt werden solle.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der grunds\u00e4tzlichen Einstellung zum Tempolimit, die ebenfalls abgefragt wurde, fiel die Ablehnung der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer st\u00e4rker aus, wenn die fiktive Einf\u00fchrung der Ma\u00dfnahme noch bevorstand.<\/p>\n<p>Die Umfragen zu tats\u00e4chlichen gesetzlichen \u00c4nderungen zeigten genauso wie die Experimente den gleichen Verlauf: Die Ablehnung nahm nach der Einf\u00fchrung der Ma\u00dfnahmen deutlich ab. Dies galt den Autoren zufolge unabh\u00e4ngig von den Meinungen der Menschen zum jeweiligen Thema.<\/p>\n<p>Verluste wiegen schwerer als m\u00f6gliche Gewinne<\/p>\n<p>Die Forschenden gehen davon aus, dass vor der Einf\u00fchrung die Ver\u00e4nderung an sich f\u00fcr die Befragten im Mittelpunkt steht. &#8222;Wenn eine neue Regel angek\u00fcndigt wird, denken die Menschen zuerst an das, was sie verlieren: Freiheit, Gewohnheit, Komfort&#8220;, erkl\u00e4rt der beteiligte Forscher Robert B\u00f6hm von der Universit\u00e4t Wien. Dabei kann der Studie zufolge auch eine Rolle spielen, dass Menschen dazu neigen, Verluste st\u00e4rker zu gewichten als Gewinne &#8211; zumal es bei den genannten Beispielen oft um den Verlust oder die Beschneidung pers\u00f6nlicher Freiheiten zugunsten gesellschaftlicher Vorteile geht.<\/p>\n<p>B\u00f6hm erg\u00e4nzt: &#8222;Nach der Einf\u00fchrung treten diese pers\u00f6nlichen Verluste in den Hintergrund. Dann achten wir viel st\u00e4rker auf das, was die Ma\u00dfnahme f\u00fcr die Gesellschaft bringt, etwa beim Gesundheits- oder Klimaschutz.&#8220;<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich die Ma\u00dfnahme noch abwenden?<\/p>\n<p>Die Sozialpsychologin Christina M\u00fchlberger von der Universit\u00e4t Salzburg hat auch viel zu Reaktanz geforscht und best\u00e4tigt die Erkenntnisse. &#8222;Bei neuen Verordnungen passiert es oft, dass Menschen mit psychologischer Reaktanz reagieren.&#8220;<\/p>\n<p>Aber: &#8222;Reaktanz tritt nur dann ein, wenn die M\u00f6glichkeit besteht, die Freiheit wiederherzustellen.&#8220; Das k\u00f6nnte einerseits in einer Phase sein, in der es noch m\u00f6glich scheint, neue Regelungen &#8211; und damit den Verlust der jeweiligen Freiheit &#8211; noch abzuwenden. Eine andere Variante k\u00f6nne sein, die Freiheiten herzustellen, indem Regeln gebrochen w\u00fcrden. &#8222;Sobald ein Gesetz wirklich in Kraft tritt, ist es einfach so &#8211; dann akzeptiere ich das auch eher&#8220;, erkl\u00e4rt M\u00fchlberger.<\/p>\n<p>Menschen m\u00f6chten Widerspr\u00fcche aufl\u00f6sen<\/p>\n<p>Die britische Autorin und Forscherin Sarah Stein Lubrano hat k\u00fcrzlich ein Buch ver\u00f6ffentlicht, es hei\u00dft &#8222;Don&#8217;t Talk About Politics&#8220; (Deutsch: &#8222;Redet nicht \u00fcber Politik&#8220;) und besch\u00e4ftigt sich mit psychologischen und soziologischen Faktoren, die Politik pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Auch Lubrano ist von den Befunden aus M\u00fcnchen und Wien nicht \u00fcberrascht. Sie hat sich viel mit dem psychologischen Konzept der kognitiven Dissonanz besch\u00e4ftigt. Diese besagt, dass Menschen bem\u00fcht sind, Widerspr\u00fcche aufzul\u00f6sen, wenn sich diese in ihrem Weltbild ergeben &#8211; etwa durch einander widersprechende Handlungen oder Einstellungen. Die Theorie kann ebenfalls helfen, zu erkl\u00e4ren, warum Menschen ihre Meinungen mitunter so schnell \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Nach Ver\u00e4nderung ist &#8222;mentale Akrobatik&#8220; n\u00f6tig<\/p>\n<p>Nach der Einf\u00fchrung von Rauchverboten w\u00fcrden Menschen sich etwa oft einreden, sie h\u00e4tten ohnehin nie viel in Restaurants geraucht. &#8222;Das passiert vermutlich zum Teil dadurch, dass die Person weniger Dissonanz empfindet&#8220;, so Lubrano. Wenn Leute sich ans Rauchverbot hielten, aber es gleichzeitig ablehnten, sei das sehr unangenehm. Wenn eine Regel\u00e4nderung nicht mehr abzuwenden sei, machten die Menschen &#8222;mentale Akrobatik&#8220; und erkl\u00e4rten sich, warum die \u00c4nderung doch ganz in Ordnung sei.<\/p>\n<p>Als im vergangenen Sommer auf einmal die Deckel fest an Tetrapaks oder Flaschen hingen und sich nicht mehr abnehmen lie\u00dfen, war die Aufregung gro\u00df: nervig beim Trinken, kleckeranf\u00e4llig, sinnlos &#8211; so lautete die Kritik von Verbrauchern im Netz. Diverse Medienberichte griffen dies auf. Tats\u00e4chlich soll die EU-weit vorgegebene \u00c4nderung dazu dienen, dass nicht mehr so viele kleine Plastikabf\u00e4lle in die Umwelt gelangen. Heute, Mitte 2025, scheint das Thema &#8222;Tethered Caps&#8220; &#8211; so hei\u00dfen die verbundenen Deckel &#8211; keins mehr zu sein. Man hat sich damit arrangiert, so scheint es.<\/p>\n<p>Kommunikation von Vorteilen kann helfen<\/p>\n<p>Sozialpsychologin M\u00fchlberger weist zudem darauf hin, dass die Forschung zeige: Je mehr man sich mit den Gr\u00fcnden einer Freiheitseinschr\u00e4nkung auseinandersetze, desto geringer sei die Ablehnung durch Reaktanz.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Politik sei es daher wichtig, Regeln, die Freiheiten einschr\u00e4nken, ausreichend zu begr\u00fcnden und gut zu kommunizieren. Auch ein &#8222;Gewinn-Framing&#8220; k\u00f6nne helfen, so M\u00fchlberger. Menschen m\u00fcssten verstehen, was f\u00fcr Vorteile mit der \u00c4nderung einhergingen.<\/p>\n<p>Dies schlagen auch die Forscher der Studie aus M\u00fcnchen und Wien vor. In einem ihrer Experimente erkl\u00e4rten sie den Studienteilnehmerinnen vor der Einf\u00fchrung der angek\u00fcndigten Ma\u00dfnahmen bereits auch, welche gesellschaftlichen Vorteile diese haben solle. &#8222;Die Studienteilnehmenden, die sich gleich mit den Vorteilen besch\u00e4ftigten, lehnten die Ma\u00dfnahme dann auch schon vor Einf\u00fchrung deutlich weniger ab&#8220;, betont der ebenfalls beteiligte Wirtschaftswissenschaftler Christoph Fuchs von der Universit\u00e4t Wien.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderung muss greifbar sein<\/p>\n<p>Autorin Lubrano schl\u00e4gt sogenannte &#8222;Gateway Actions&#8220; vor &#8211; also Angebote f\u00fcr konkrete Schritte, bei denen Vorteile einer Ver\u00e4nderung greifbar werden. Aus ihrer eigenen Londoner Nachbarschaft berichtet sie von sogenannten &#8222;Play Days&#8220;, bei denen Kinder zu bestimmten Zeiten auf der Stra\u00dfe spielen d\u00fcrfen und die ganze Nachbarschaft eingeladen sei. So werde greifbar, wie Stra\u00dfen &#8211; statt etwa f\u00fcr den Autoverkehr und das Parken &#8211; auch genutzt werden k\u00f6nnten. Das Beispiel macht greifbar, dass sich Einstellungen dadurch ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, dass Menschen Ver\u00e4nderungen auch aktiv positiv erleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Studienautor Granulo sieht in seiner Forschung hilfreiche Erkenntnisse f\u00fcr die Politik: &#8222;Wer sich der psychologischen Mechanismen bewusst ist, kann die Reaktionen vieler Menschen, den Verlauf der Debatten und die Erfolgsaussichten von Gesetzen besser beurteilen und danach handeln.&#8220; Das Team appelliert an Entscheidungstr\u00e4ger, mutiger zu sein &#8211; denn die Forschung zeigt: Der Trotz muss nicht von langer Dauer sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine neue Studie zeigt, dass der Widerstand gegen Regel\u00e4nderungen wie ein Tempolimit oft nur kurzfristig anh\u00e4lt. 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