{"id":385179,"date":"2025-08-30T22:44:14","date_gmt":"2025-08-30T22:44:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/385179\/"},"modified":"2025-08-30T22:44:14","modified_gmt":"2025-08-30T22:44:14","slug":"christine-schlegel-wollte-raus-aus-der-ddr-doch-nach-dem-mauerfall-sah-sie-sich-im-falschen-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/385179\/","title":{"rendered":"Christine Schlegel wollte raus aus der DDR, doch nach dem Mauerfall sah sie sich im falschen Film"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Still steht sie vor ihren Bildern, entstanden zwischen 2003 und 2025. Aller Aufruhr, aller Umbruch, der das Leben dieser K\u00fcnstlerin begleitete, scheint geronnen in diesen Motiven, die es aber nur in ihrer Vorstellung gibt: mit Figuren, Dingen, Szenen, f\u00fcr die es keine rationale Erkl\u00e4rung gibt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Christine Schlegel, Jahrgang 1950, \u00e4u\u00dferlich m\u00e4dchenhaft, nur mittlerweile mit Silberf\u00e4denhaar, erweckt zwar den Eindruck, sie k\u00f6nne endlich gelassen in Augenschein nehmen, was ihr nach dem Studium an der Dresdner Kunsthochschule in den 1970ern passierte. \u201eAber\u201c, sagt sie, und das vor einem \u00a0aktuellen Gem\u00e4lde  in Tiefrot mit r\u00e4tselhaften Chim\u00e4ren wie aus der Bildwelt von Hieronymus Bosch: \u201eDie Zeit ist nicht danach, gelassen zu sein\u00a0 bei dem, was in der Welt passiert, diese Risse, dieser Hass, das macht mich nerv\u00f6s.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Also nichts mit Gelassenheit. Diesen Gem\u00fctszustand erlangt sie wohl nie, da kann die Sonne noch so  sch\u00f6n und mild in ihr Refugium, den Garten und das Haus mit Atelier in Dresden-Hosterwitz scheinen. Dorthin ist sie \u2013 sozusagen von Dresden wieder nach Dresden \u2013 viermal umgezogen; diese Unrast pr\u00e4gt Leben und Kunst der Malerin und Filmemacherin, die, man versteht es kaum, bislang eher eine \u201eRandfigur\u201c der j\u00fcngeren deutsch-deutschen Kunstgeschichte war. Weil sie keine ist, die sich nach vorne dr\u00e4ngt. Sie war wegen der anf\u00e4nglichen Ignoranz des westlich gepr\u00e4gten Kulturbetriebs nach 1990 als eine aus dem Osten \u201eAbgehauene\u201c auch nicht auf der Agenda der Impresarios.<\/p>\n<p><img alt=\"Die Malerin Christine Schlegel: \u201eDie Zeit ist nicht danach, gelassen zu sein  bei dem, was in der Welt passiert.\u201c\" loading=\"lazy\" width=\"6000\" height=\"4000\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/5884fede-27a6-40a6-9475-4ee9593bd11a.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Die Malerin Christine Schlegel: \u201eDie Zeit ist nicht danach, gelassen zu sein  bei dem, was in der Welt passiert.\u201cFrank H\u00f6hler<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Aber dieses \u201eAbhauen\u201c aus der DDR hat eine Vorgeschichte:\u00a0 Als A.R. Penck, der Maler expressiver \u201eWeltbilder\u201c und f\u00fcr die Nomenklatura ein \u201eKonterrevolution\u00e4r\u201c, 1980 ausgeb\u00fcrgert wurde, war die Dresdner Szene pl\u00f6tzlich wie entseelt. Schlegel zog nach Ost-Berlin, kam in den K\u00fcnstlerkreis \u00a0der stasibewachten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/prenzlauer-berg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Prenzlauer-Berg<\/a>-Szene in der Keramikwerkstatt \u00a0Wilfriede Maa\u00df, wo aber auch der ber\u00fcchtigte Sascha A. sein Unwesen trieb. \u201eIch konnte da die sch\u00f6nsten Dinge auf Keramik malen, aber ich wollte weg, raus aus der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/ddr\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">DDR<\/a>, hab all die Spannung, die Spitzelei und Heuchelei nicht mehr ertragen\u201c, erz\u00e4hlt sie. Die unmoralische L\u00f6sung: eine Scheinheirat mit einem Holl\u00e4nder, Eilhochzeit,  Eilscheidung.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Amsterdam war nicht die Endstation ihrer Sehnsucht. Monate sp\u00e4ter zog sie mit ihrem Kind nach West-Berlin. Dahin, wo schon all die anderen \u201eAusgeb\u00fcrgerten\u201c waren, \u201edie Freunde, mit denen ich absurdes Theater gespielt, verr\u00fcckte Filme gedreht und wilde Kunstfeste organisiert  hatte\u201c. Fast schien es so, als fasse sie Fu\u00df; sie hatte Stipendien, Projektf\u00f6rderung. Als die Mauer fiel, war sie in New York, nach der R\u00fcckkehr sah sie sich \u201eim falschen Film\u201c, eine absurde Gemengelage aus Freude und Angst. \u201eDenn mit der Mauer\u00f6ffnung war\u2019s im Westen vorbei mit dem \u201aDissidentenbonus\u2018 f\u00fcr aus der DDR ausgereiste K\u00fcnstler\u201c, so hat sie es erlebt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dann gab es erste Anfragen aus Dresden und Ost-Berlin. Gerhard Wolf brachte in seinem Janus Press Verlag ihr Buch \u201eHautlos\u201c mit  den Stasiakten-Bildern heraus, sie konnte wieder Experimentalfilme drehen. \u201eUnd wieder mit Fine Kwiatkowski arbeiten\u201c, das  kommt ihr nach 35 Jahren noch immer begl\u00fcckt von den Lippen. Fine \u2013 die in der Szene Ost legend\u00e4re, einzigartige Performerin \u2013 war geblieben. Ihr kahlrasierter Charakterkopf als Zeichen des Menschlichen und Verletzlichen schlechthin taucht bis heute auf in\u00a0Schlegels Bildern, wie eine Ikone.<\/p>\n<p><img alt=\"Christine Schlegel: \u201eDer gro\u00dfe Orsini\u201c, \u00d6l\/Lw.\" loading=\"lazy\" width=\"3761\" height=\"3761\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/1e64bb17-601a-42be-a52b-f4a7dc6e4a04.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Christine Schlegel: \u201eDer gro\u00dfe Orsini\u201c, \u00d6l\/Lw.Christine Schlegel<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Aber sie b\u00fc\u00dfte nach 1990 ihr bezahlbares Atelier ein. Durch ein Projekt der Goldrausch-K\u00fcnstlerinnen-Initiative arbeitete sie eine Weile in der einstigen Panzerhalle Gro\u00df-Glienicke. Im Jahr 2000 entschloss sie sich, ins alte, marode Gartenhaus ihrer Eltern nach Dresden zu gehen, es zu sanieren. Das war\u00a0 Umzug Nr. vier. Jetzt  ist das ihre Basis, Werkstatt, Klause. Und nun, 35 Jahre sp\u00e4ter, kommt\u00a0 alles auf einmal: Ihr metaphorisches Gem\u00e4lde \u201eTod einer Clownesse\u201c von 1982, eine Art Selbstbild, wurde vom Dresdner Albertinum angekauft, auch Papierarbeiten f\u00fcrs Kupferstichkabinett. 2024\/25 folgte die Retrospektive in den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus. Gerade sind Schlegels Arbeiten in den St\u00e4dtischen Kunstsammlungen Dresden zu sehen. Und nun beginnt dieser eher intime Auftritt in der Berliner Galerie Mutare.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ist das der sp\u00e4te Ruhm? Eher eine Sache, der sie mit Gelassenheit begegnet: \u201eWahrgenommen, verstanden, respektiert zu werden und von seiner Kunst leben zu k\u00f6nnen, das sind Kriterien.\u201c Doch wie kurios, denn jetzt ist sie, die Weggegangene, auf einmal eine \u201eDDR-K\u00fcnstlerin\u201c. Aber da verlangt sie klare Differenzierung von den staatlich \u201eGehuldigten\u201c. Denn: \u201eSo viele gute Werke aus DDR-Zeit sind ungesehen. Interessanterweise stellen nun Kunstwissenschaftlerinnen aus Amerika oder England fest: Gerade die Frauen haben qualit\u00e4tsvolle zeitgem\u00e4\u00dfe Kunst gemacht in der DDR! Wieso wusste das niemand? Nun, immerhin hing ich 2011 bei einer Gruppenschau mit Ost-Kunst in Mannheim zwischen Max Ernst und Giacometti\u201c, erz\u00e4hlt sie lachend.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Doch tut es gut, wahrgenommen, anerkannt zu werden. Wenn Leute sich versenken in ihre Bilder, die sie aus ihrem Innersten hervorholt, die r\u00e4tselhaften weiblichen, m\u00e4nnlichen, androgynen, die z\u00e4rtlich gemalten Kindergestalten, die Clowns mit ihrem tragischen Lachen, die seltsamen Tiere, halb Hund, halb Katze am Halsband. Oder die Kr\u00e4hen und Tauben, eine  mit Fu\u00dffessel am Kettchen, eingesperrt wie so mancher Paradiesvogel. Sie wei\u00df, dass ihre Malerei Bildreisen ins Abwegige, Unergr\u00fcndliche sind, wiewohl doch alles auf den Leinw\u00e4nden, auf Porzellan, Keramik oder Bl\u00e4ttern mit den \u00fcbermalten Filmstill-Strukturen erkennbar, benennbar ist, all die Tiere, Schattenfiguren, die Harlekine und deren b\u00fchnenartiger Auftritt, balancierend an  zerbrechlichen Stangen. Manche h\u00e4ngen kafkaesk an Per\u00fccken-Unget\u00fcmen oder an B\u00e4ndern und Schl\u00e4uchen. Einem nur noch ein\u00e4ugigen Pferd schenkt die Malerin Freiheit und \u201eGnade\u201c abseits der Rennbahn. \u201eIch collagiere\u201c, so nennt sie ihre Arbeitsweise: Fantasiefetzen, Tagtraumsplitter, Filmschnitte, surreal, stimmungsprall, irritierend, zugleich fein-ironisch und poetisch.<\/p>\n<p><img alt=\"Christine Schlegel: \u201eDas Pferd ist frei\u201c, \u00d6l\/Lw.\" loading=\"lazy\" width=\"3692\" height=\"3692\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/7ad36759-dc9e-4f2b-b7b7-c6e78ec9f283.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Christine Schlegel: \u201eDas Pferd ist frei\u201c, \u00d6l\/Lw.Christine Schlegel<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Christine Schlegel l\u00e4sst es sich gefallen, wenn man ihre Malerei surreal nennt, als \u201eHalluzinationen\u201c, auch \u201eAhnungen\u201c liest. Oder als Erinnerungen. Vielleicht an diesen Abend\u00a0 in der Galerie \u201eO 2\u201c in der Oderberger Stra\u00dfe, Berlin 1993. Da waren alle Freunde da und sie hat\u00a0 ganz spontan mit A.R. Penck, der zu Besuch war, \u201ecollagiert\u201c: Gemeinsam gemalt, zerfetzt, wieder zusammengeklebt, und noch einmal \u00fcbermalt. \u201eAm Ende war etwas entstanden, das widerspiegelte, was wir gef\u00fchlt haben. Das waren einschneidende, kreative Momente, da ging es nicht um den Kunstmarkt.\u201c In anderen Bildern stecken Erinnerungen an Reisen: \u201eMexiko, die Farben, das Licht.\u201c\u00a0Oder an ihren ersten Italien-Trip. Sie sah Leute,  ganz arm, aber die lachten und sangen, \u201eund ich stand vor den Bildern von Piero della Francesca und Giotto, f\u00fcr mich der erste Surrealist der Kunstgeschichte.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\"><strong>Blickbegabt<\/strong>. Galerie Mutare, Giesebrechtstr. 12 (Charlottenburg-Wilmersdorf), bis 4. Oktober, Di-Fr 13-18, Sa 11-15 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Still steht sie vor ihren Bildern, entstanden zwischen 2003 und 2025. 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