{"id":387523,"date":"2025-09-01T02:01:16","date_gmt":"2025-09-01T02:01:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/387523\/"},"modified":"2025-09-01T02:01:16","modified_gmt":"2025-09-01T02:01:16","slug":"warum-wird-ueber-dieses-buch-kaum-gesprochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/387523\/","title":{"rendered":"Warum wird \u00fcber dieses Buch kaum gesprochen?"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Im Streit \u00fcber die politischen Themen des Tages fragt fast niemand, was f\u00fcr eine Art von Geschehen Politik eigentlich ist \u2013 welche Akteure in ihr eine Rolle spielen, um welche G\u00fcter es sich dabei dreht und wie ihr Spielfeld abgegrenzt ist.<\/p>\n<p>Der Kieler Kognitionswissenschaftler Rainer Mausfeld hat mit \u201eHybris und Nemesis \u2013 Wie uns die Entzivilisierung von Macht in den Abgrund f\u00fchrt\u201c schon 2023 einen materialreichen Leitfaden vorgelegt, mit dem sich die geistige Hausaufgabe jedes B\u00fcrgers, sich politisch einmal grundlegend aufzukl\u00e4ren, gut bearbeiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Als Ermutigung zu dieser \u00dcbung diskutiere ich hier zwei wesentliche Thesen seines Buches: Politik sei immer die Entstehung und der Ausgleich von Macht und Gegenmacht, und die \u201erepr\u00e4sentative\u201c Demokratie sei ein Instrument zur Demokratieverhinderung. Die Zitate sind aus \u201eHybris und Nemesis\u201c.<\/p>\n<p>Macht und Gegenmacht<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Politik dreht sich um Macht und Gegenmacht. Wo Menschen beisammen sind, da haben manchmal Einzelne besondere Einflussm\u00f6glichkeiten. Einer ist besonders stark, ein anderer jagt besonders erfolgreich, ein Dritter \u2013 Mausfelds bespricht diesen Fall nicht \u2013 hat aus innerpsychischen Gr\u00fcnden ein rasendes Bed\u00fcrfnis, von anderen anerkannt, ja geliebt zu werden.<\/p>\n<p>Solche \u201eEmpork\u00f6mmlinge\u201c, deren ungestilltes \u201eMehrhabenwollen auf Kosten anderer\u201c Raum erh\u00e4lt, k\u00f6nnen andere durch Gef\u00e4lligkeiten und \u00dcbervorteilen in ihre Abh\u00e4ngigkeit bringen. Bei J\u00e4gern und Sammlern ist dies besonders gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gruppe, unter anderem, weil bei unsicherem Zugang zu Nahrung nur ein promptes und egalit\u00e4res Teilen des Gefundenen untereinander die \u00dcberlebensm\u00f6glichkeiten der Gruppte optimiert.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mit Ackerbau, Viehzucht und Lagerhaltung werden neue Best\u00e4tigungsfelder f\u00fcr \u201eparasit\u00e4re Eliten\u201c er\u00f6ffnet, die sich einen Teil des Ertrages anderer Leute Arbeit aneignen und damit Zwangsstrukturen unterhalten, um an der Macht zu bleiben.<\/p>\n<p>Deswegen entwickeln menschliche Gemeinschaften seit jeher \u201ezivilisatorische Schutzbalken\u201c, um das Entstehen und Korruptwerden von Besitz- oder Machteliten zu vermeiden oder zu bremsen. Macht erzeugt Gegenmacht.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mausfeld berichtet von J\u00e4ger-und-Sammler-St\u00e4mmen, die einen Jagderfolg nicht dem J\u00e4ger zurechnen, sondern dem Hersteller der t\u00f6dlichen Pfeilspitze \u2013 wobei die Pfeilspitzen zuf\u00e4llig nach jeder Jagd untereinander getauscht werden. Auch fanden es manche Gemeinschaften hilfreich, eine besonders gro\u00dfe Jagdbeute mit ritueller Verspottung des J\u00e4gers und \u201eBeleidigung\u201c des erlegten Tieres als klein und unbedeutend zu vergelten: kreative Egomanieprophylaxe.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen K\u00f6nigt\u00fcmern Mesopotamiens war eine Pluralit\u00e4t von Machtformen normal, und \u201egruppenzentrierte Entscheidungsprozesse\u201c existierten als ausgleichende Momente zugleich mit verschiedenen Formen des K\u00f6nigtums.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Erst mit dem modernen Territorialstaat gelang den Eliten die perfekte Einrichtung zur \u201eSchutzgelderpressung\u201c (Charles Tilly), der wir \u2013 anders als \u201eMachtunterworfene\u201c der Bronzezeit, die bei zu dr\u00fcckenden Lasten einfach woanders hingehen konnten \u2013 nicht mehr entkommen k\u00f6nnen. Denn \u00fcberall um uns sind heute Staaten.<\/p>\n<p>In dieser Situation ist das Erzeugen einer Gegenmacht zu korrupt gewordenen Besitz- oder Machteliten besonders schwer. Das mag Mausfelds Beobachtung mit erkl\u00e4ren, dass in der Geschichte Umw\u00e4lzungen hin zu mehr Freiheit f\u00fcr Nichtreiche in aller Regel erst nach einer langen \u201eBlutspur\u201c brutaler Machtexzesse gelangen.<\/p>\n<p>Athenische Demokratie<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Demokratie ist heute nirgends. In keinem Staat der allgemein als \u201ewestliche Welt\u201c bezeichneten Erdengegend existiert heute Demokratie, wenn man Mausfelds an sich einfacher Darlegung folgt. Denn was war das noch gleich, Demokratie? Wahlen vielleicht? Nun ja, Wahlen haben eigentlich nicht viel mit Demokratie im urspr\u00fcnglichen Sinne zu tun. Demokratie ist die strikte \u201eVergesellschaftung\u201c politischer Macht, die R\u00fcckbindung jeder Machtaus\u00fcbung \u201ean die gesellschaftliche Basis\u201c, kurz: Volkssouver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>In Athen wurde diese Ordnung erfunden; erinnern wir an ein paar Etappen dieser Entwicklung. Solon, der bis 560 v.Chr. lebte, teilte Attika in 139 Demen, (zu Deutsch:\u00a0Volksgemeinschaften) ein, die B\u00fcrger verschiedener St\u00e4nde zusammenbrachten, die vorher oft kaum Kontakt hatten.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Er schaffte die Schuldknechtschaft ab und befreite die Bauern von Frondiensten, richtete der untersten von drei Besitzklassen den Rat der 400 ein, der auf Zeit mit Mitgliedern aller Demen besetzt war und staatspolitisch wichtige Machtbefugnisse hatte. Auch schuf er die M\u00f6glichkeit der Popularklage, um dem Volk eine Handhabe gegen Aristokratenwillk\u00fcr zu verschaffen.<\/p>\n<p>Kleisthenes erweiterte die politische Beteiligung und stellte in der per Los besetzten Volksversammlung weitestgehende Redefreiheit sicher, die nur Gottesl\u00e4sterung ausschloss. Auch f\u00fchrte er Tagegelder und f\u00fcr \u00c4mter Di\u00e4ten ein, um \u201eunabh\u00e4ngig vom Besitz\u201c politisches Engagement zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zur Zeit des Charismatikers Perikles hatte sich \u201eerstmals in der Zivilisationsgeschichte\u201c ein Gebilde geformt, in dem \u201edas Volk sich auf Basis politischer Gleichheit aller B\u00fcrger selbst regiert\u201c \u2013 allerdings unter Ausschluss der absoluten Mehrheit von Frauen, sogenannten Mitwohnern (Met\u00f6ken) ohne athenisches B\u00fcrgerrecht und Sklaven.<\/p>\n<p>Wahloligarchie statt Demokratie<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wahlen spielten eine untergeordnete Rolle weil sie, wie Aristoteles in seiner \u201ePolitik\u201c damals festhielt, ein exklusives, die Aristokratie st\u00fctzendes Verfahren sei. Denn Reiche h\u00e4tten aufgrund ihrer Einflussm\u00f6glichkeiten bei Wahlen stets ungleich bessere Chancen als normale B\u00fcrger. Aristoteles war Gegner der Demokratie, da er bef\u00fcrchtete, die Reichen k\u00f6nnten von den Massen enteignet werden.<\/p>\n<p>Darin war er sich mit Alexander Hamilton und James Madison, Gr\u00fcnderv\u00e4tern der Vereinigten Staaten von Amerika, fast bis aufs Wort einig. In dem zum guten Teil aus Sklavenhaltern und fast nur aus sehr reichen Delegierten bestehenden Verfassungskonvent von 1787 lehnte man die athenische Demokratie ab.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Man war sich einig, dass die Reichen und Beg\u00fcterten das Geschick des Landes bestimmen m\u00fcssten, damit die Besitzverh\u00e4ltnisse stabil blieben. Die Regierung m\u00fcsse im neuen Staat, so James Madison in einer nicht\u00f6ffentlichen Debatte des Konvents im Juni 1787, \u201edie Minderheit der Wohlhabenden gegen die Mehrheit sch\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>Dazu war es ideologisch hilfreich, sich die normale Bev\u00f6lkerung als Horde irrationaler Kinder vorzustellen, die zu einer ernsthaften Verantwortungs\u00fcbernahme weder f\u00e4hig noch willens sei und deshalb von \u201eernsthaften Leuten\u201c geleitet werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Bis ins 20. Jahrhundert w\u00fcnschen sich amerikanische Leitintellektuelle wie Walter Lippmann und Leo Strauss, dass die \u201eungeb\u00e4rdige Herde von Gaffern\u201c sich bitte vor allem mit den \u201eComics\u201c der Tageszeitungen und ihren \u201eengsten privaten Belangen\u201c befassen sollte.<\/p>\n<p>Im Ergebnis f\u00fchrte man eine Wahloligarchie des Namens \u201erepr\u00e4sentative Demokratie\u201c ein, die das Privateigentum heiligspricht und die \u201eFunktionslogik des Kapitalismus\u201c damit nicht antastet. Dieses Konzept diente nach Mausfelds historischer Darlegung \u201evon Anfang an der Demokratieabwehr \u2026 um eine Oligarchie \u00fcber Wahlen an der Macht zu halten\u201c, in denen die normale Bev\u00f6lkerung ihre Repr\u00e4sentanten aus einer von den Besitzenden und ihren Lakaien vorselektierten Kandidatenliste aussuchen darf.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Stets bleibt die repr\u00e4sentative Demokratie mit kapitalistischem Wirtschaftssystem, wie Mausfeld detailliert und quellenreich aufzeigt, auf \u201eideologische Macht\u201c angewiesen \u2013 auf die gezielte Manipulation der Wahrnehmung ihrer Bev\u00f6lkerung \u00fcber Massenmedien und das gesamte Erziehungswesen.<\/p>\n<p>Irgendjemand muss den Leuten ja erkl\u00e4ren, dass unbegrenzter Reichtum in beliebig wenigen H\u00e4nden mit politischer Gleichheit vollkommen vereinbar ist, dass \u201edas Volk\u201c zu dumm und schlecht ist, seine eigenen Belange zu regeln und deshalb Vormundschaft ben\u00f6tigt und \u2013 ganz wichtig \u2013 dass die Welt sooooo komplex ist, dass nur regierungserw\u00e4hlte Experten sie f\u00fcr uns durchschauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Aus \u201eHybris und Nemesis\u201c kann mancher selbsternannte \u201eDemokrat\u201c des \u201eWertewestens\u201c erfahren, dass er tats\u00e4chlich nichts weniger ist als das. Das Arrangement, in dem wir Menschen vielerorts leben, wird Mausfeld zufolge erst seit dem \u201egr\u00f6\u00dften Wortbetrug der Geschichte\u201c als \u201eDemokratie\u201c bezeichnet. Diesen Befund m\u00f6gen deutsche Intellektuelle offenbar nicht gern diskutieren.<\/p>\n<p>Michael Andrick ist Philosoph und Bestseller-Autor. Sein letztes Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/ich-bin-nicht-dabei.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eIch bin nicht dabei \u2013 Denk-Zettel f\u00fcr einen freien Geist\u201c<\/a> erschien im Mai. Rainer Mausfelds Werk <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/hybris-und-nemesis.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eHybris und Nemesis\u201c<\/a> ist 2023 im Westend Verlag erh\u00e4ltlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Streit \u00fcber die politischen Themen des Tages fragt fast niemand, was f\u00fcr eine Art von Geschehen Politik&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":387524,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-387523","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115126579071620015","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=387523"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387523\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/387524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=387523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=387523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=387523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}