{"id":387973,"date":"2025-09-01T07:18:24","date_gmt":"2025-09-01T07:18:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/387973\/"},"modified":"2025-09-01T07:18:24","modified_gmt":"2025-09-01T07:18:24","slug":"berlin-was-heisst-woke-eine-debatte-ueber-kaese-und-gesellschaft-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/387973\/","title":{"rendered":"Berlin | Was hei\u00dft \u00abwoke\u00bb? Eine Debatte \u00fcber K\u00e4se und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; \u00abDie Debatte ist in ihrer Absurdit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten.\u00bb Das teilt ein Unternehmen mit, das in den vergangenen Tagen mit massivem Gegenwind und Bedrohungen umgehen musste &#8211; nicht etwa wegen fehlerhafter Produkte, sondern allein wegen des Designs einer limitierten Verpackung, die in einigen Wochen schon wieder geplant aus dem Handel verschwunden sein wird.<\/p>\n<p>Der K\u00e4sehersteller Milram mit Sitz in Bremen hatte eine Sonderedition gestalten lassen und statt einer \u00fcblichen Kuh-und-Weide-Optik Comics dreier Kunstschaffender gew\u00e4hlt, die Menschen verschiedener Hautfarben darstellen. Ganz so, wie es in weiten Teilen Deutschlands aussieht.<\/p>\n<p>Von Rechtsau\u00dfen ging es schnell zur Sache. Der Vorwurf: Die Bildchen seien \u00abwoke\u00bb, sie zeigten nicht die Gesellschaft hierzulande. Jedenfalls nicht die, die sie sich w\u00fcnschten. \u00abEs war das, was man klassischerweise als Shitstorm bezeichnet\u00bb, analysiert Josef Holnburger, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Centers f\u00fcr Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), das Radikalisierungstendenzen und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen im Netz untersucht.<\/p>\n<p>Woher \u00abwoke\u00bb eigentlich stammt<\/p>\n<p>Und dabei spielt auch wieder ein W\u00f6rtchen eine Rolle, mit dem man offenbar gro\u00dfe Aufregung generieren kann: \u00abwoke\u00bb. Das sei inzwischen \u00abschon zu einer Art Kampfbegriff geworden\u00bb, so Holnburger.<\/p>\n<p>Bis in die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts l\u00e4sst sich der Begriff (auch als Substantiv \u00abWokeness\u00bb) zur\u00fcckverfolgen &#8211; damals noch mit einer klar positiven Bedeutung. In der Kultur der schwarzen US-Amerikaner und sp\u00e4ter in der B\u00fcrgerrechtsbewegung der 1960er Jahre hie\u00df woke sein: wachsam sein gegen\u00fcber Rassismus. Im Kontext der \u00abBlack Lives Matter\u00bb-Bewegung ab den 2010er Jahren wurde der Begriff einmal mehr relevant.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurde \u00abwoke\u00bb Anfang der 2020er Jahre von den Rechten in den USA und sp\u00e4ter auch in anderen L\u00e4ndern sehr stark verallgemeinert. \u00abWoke wurde quasi zu einem allgemeinen Code f\u00fcr alles, von dem diese Rechten meinen, das falsch l\u00e4uft in der Gesellschaft\u00bb, sagt der Politikwissenschaftler Floris Biskamp. Er leitet an der Universit\u00e4t in T\u00fcbingen ein Projekt \u00fcber die Grenzen des Sagbaren in politischen Diskursen.<\/p>\n<p>Was \u00abwoke\u00bb heute hei\u00dft<\/p>\n<p>\u00abFast alle, die den Begriff verwenden, sind sich dar\u00fcber einig, dass er etwas Schlechtes beschreibt\u00bb, so Biskamp. Wokeness werde einerseits als Chiffre f\u00fcr \u00dcbertreibungen bei Antirassismus, Sprach\u00fcberlegungen und Identit\u00e4tspolitik genutzt, andererseits aber auch bei relativ harmlosen Dingen wie etwa aktuell der K\u00e4severpackung. \u00abDas Label &#8222;woke&#8220; findet Anwendung bei gem\u00e4\u00dfigter linker oder linksliberaler Politik im Mainstream genauso wie bei irgendwelchen randst\u00e4ndigen Verr\u00fccktheiten.\u00bb<\/p>\n<p>Der Vorwurf von zu viel Diversit\u00e4t ist nicht neu. Schon \u00f6fter wollten Unternehmen mit bunter Werbung und Menschen verschiedener Hautfarben ein Signal daf\u00fcr setzen, ihre Marke modern und jung erscheinen zu lassen.<\/p>\n<p>Als etwa die Deutsche Bahn 2019 in einer Werbekampagne Reisende mit Migrationshintergrund abbildete, sorgte der T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeister und damalige Gr\u00fcne Boris Palmer mit der Frage \u00abWelche Gesellschaft soll das abbilden?\u00bb f\u00fcr Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlicher Aufreger sollte vergangenes Jahr mit dem Trikot der deutschen Nationalmannschaft in Pink-Lila hergestellt werden. Einigen missfiel die Farbwahl f\u00fcr den m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Sport. Das Design verwische die Geschlechtergrenzen und sei \u00abwoke\u00bb. Doch das verfing offenbar nicht: F\u00fcr Ausr\u00fcster Adidas wurde der Dress zum Verkaufsschlager.<\/p>\n<p>Was hinter dem Wokeness-Vorwurf steckt<\/p>\n<p>In der Regel entspinnt sich solch eine Debatte von ganz Rechtsau\u00dfen. Eines der strategischen Ziele dabei: Aufregung generieren, um vermeintlich relevant zu bleiben. Protagonisten, die fr\u00fch den Milram-Packungen zum Beispiel \u00abanti-wei\u00dfe Propaganda\u00bb vorwarfen, leben davon, viel Aufmerksamkeit zu erhalten. \u00abDas ist ihr politisches und \u00f6konomisches Lebenselixier\u00bb, sagt Politikwissenschaftler Biskamp.<\/p>\n<p>Milram verortet den Shitstorm \u00abfast ausschlie\u00dflich auf der Plattform X\u00bb. Dieser werde \u00abdurch Fake-Accounts und Bots verst\u00e4rkt und klar aus dem rechten Spektrum gespeist \u2013 inklusive AfD-Unterst\u00fctzung\u00bb, hei\u00dft es von dem K\u00e4sehersteller.<\/p>\n<p>Politikwissenschaftler Holnburger spricht von einer rechten Szene auf X, \u00abdie das Thema ganz stark bespielt hat\u00bb. Ihm zufolge wollen die extrem Rechten alles, \u00abwas irgendwie nicht dem entspricht, was sie als Normalbild definieren\u00bb, unsichtbar machen. \u00abEs geht darum, neben Heterosexualit\u00e4t und Wei\u00dfsein alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungsformen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen\u00bb, also etwa queere oder nicht wei\u00dfe Menschen.<\/p>\n<p>Wie mit solchen Vorw\u00fcrfen umgegangen werden sollte<\/p>\n<p>Wenn ein Shitstorm dieser Art aufbraust, \u00abkann und muss ein Unternehmen das aushalten, weil hier eine besonders aktive und laute Gruppe im Netz Stimmung gegen Minderheiten macht\u00bb, so Holnburger. Die Firmen sollten weiterhin das tun, was den Tatsachen entspreche: die Gesellschaft in ihrer Vielfalt abbilden.<\/p>\n<p>So liest sich auch das Statement des Milram-Sprechers: \u00abWas in bestimmten Kreisen als &#8222;woke&#8220; diffamiert wird, ist schlicht ein Spiegel unserer Gesellschaft.\u00bb<\/p>\n<p>Das Entscheidende, ob solche Debatten Fu\u00df fassen, sehen die Wissenschaftler Biskamp und Holnburger im Verhalten der demokratischen Parteien. Machen sich etwa Konservative und Liberale die Emp\u00f6rung von Rechtsau\u00dfen \u00fcber eine angebliche Wokeness zu eigen &#8211; und wenn ja, wie? Oder sagen sie einfach: \u00abNein, zu diesem K\u00e4se habe ich jetzt mal keine Meinung.\u00bb<\/p>\n<p>Am Ende bleibt ohnehin die Frage: Wie viele Leute regen sich tats\u00e4chlich auf, wenn sie nur zuf\u00e4llig dieser Packung im Supermarkt begegnen? Milram jedenfalls sieht auch zwei Wochen nach Einf\u00fchrung der Sonderauflage eine stabile Nachfrage: \u00abErste R\u00fcckmeldungen aus dem Handel best\u00e4tigen: Die Edition l\u00e4uft unbeeindruckt vom digitalen L\u00e4rm.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; \u00abDie Debatte ist in ihrer Absurdit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten.\u00bb Das teilt ein Unternehmen mit, das&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":387974,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,1724,198,1940,1938,1300,173],"class_list":{"0":"post-387973","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-gesellschaft","15":"tag-internet","16":"tag-nachrichten-aus-berlin","17":"tag-news-aus-berlin","18":"tag-sprache","19":"tag-unternehmen"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=387973"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/387973\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/387974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=387973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=387973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=387973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}