{"id":388070,"date":"2025-09-01T08:49:15","date_gmt":"2025-09-01T08:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/388070\/"},"modified":"2025-09-01T08:49:15","modified_gmt":"2025-09-01T08:49:15","slug":"50-jahre-nach-der-katastrophe-quaelende-erinnerungen-eines-esslingers-an-einen-flugzeugabsturz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/388070\/","title":{"rendered":"50 Jahre nach der Katastrophe: Qu\u00e4lende Erinnerungen eines Esslingers an einen Flugzeugabsturz"},"content":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren hat das Schicksal dem Esslinger Udo Klinner ein zweites Leben geschenkt. Die Erinnerung an einen Flugzeugabsturz von 1975 l\u00e4sst ihn nicht los.<\/p>\n<p>Wenn Udo Klinner auf sein bisheriges Leben zur\u00fcckblickt, ist da viel Positives: Er hat eine wunderbare Familie, war erfolgreich im Beruf, er hat den Esslinger Jazzkeller mit gegr\u00fcndet, und er hat sich als Musikkritiker einen Namen gemacht. Doch da ist auch jener vermaledeite 1. September 1975, der den heute 85-J\u00e4hrigen fast das Leben gekostet h\u00e4tte. Die schrecklichen Ereignisse lassen Klinner bis heute nicht los. Damals war eine Chartermaschine der DDR-Gesellschaft Interflug kurz vor der Landung in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Leipzig\" title=\"Leipzig\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leipzig<\/a>-Schkeuditz im dichten Nebel gegen einen Antennenmast geprallt und abgest\u00fcrzt. 27 Menschen fanden den Tod, sieben \u00fcberlebten wie durch ein Wunder. Einer von ihnen war Udo Klinner. Wenn er am 50. Jahrestag an die Flugzeugkatastrophe denkt, kann er es noch immer kaum fassen, dass er damals dem Tod entronnen ist. <\/p>\n<p>Es f\u00e4llt ihm immer noch schwer, an die damaligen Ereignisse zur\u00fcckzudenken. Und es w\u00e4re ihm am liebsten, die Erinnerung an den <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Flugzeugabsturz\" title=\"Flugzeugabsturz\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Flugzeugabsturz<\/a> von Schkeuditz, der zu den gro\u00dfen Katastrophen der DDR-Geschichte geh\u00f6rt, einfach hinter sich lassen und einen Schlussstrich ziehen zu k\u00f6nnen. Doch daf\u00fcr ist das, was an jenem 1. September 1975 geschehen ist, viel zu pr\u00e4gend f\u00fcr Klinners Leben und f\u00fcr das seiner Familie. <\/p>\n<p>Kurz vor 7 Uhr war die Maschine vom Typ Tupolew 134 damals in Stuttgart gestartet. An Bord waren sechs Besatzungsmitglieder und 28 Passagiere \u2013 Kaufleute aus ganz S\u00fcddeutschland auf dem Weg zur Leipziger Messe. Unter ihnen waren der Daimler-Mitarbeiter Udo Klinner und einer seiner Kollegen, die es zu sch\u00e4tzen wussten, bequem per Charterflug \u00fcber den eisernen Vorhang hinweg in die Messestadt reisen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>An die erste Zeit an Bord konnte sich Udo Klinner noch Jahre sp\u00e4ter sehr genau erinnern. \u201eDen Geruch in der Kabine habe ich immer noch in der Nase\u201c, hat er vor Jahren erz\u00e4hlt, um mit dem ihm eigenen augenzwinkernden Humor zu bemerken: \u201eSo hat man sich den viel zitierten sozialistischen Mief vorgestellt.\u201c <\/p>\n<p>Der Esslinger wei\u00df auch noch ganz genau, dass sich das ostdeutsche Bordpersonal freundlichst um die westdeutschen Flugg\u00e4ste bem\u00fcht hat. Der Absturz selbst blieb jedoch nicht in seinem Ged\u00e4chtnis haften: \u201eVieles, was ich in meinem Beruf erlebt habe, ist mir noch immer sehr pr\u00e4sent \u2013 vom Absturz selbst wei\u00df ich gar nichts mehr.\u201c <\/p>\n<p>Ein Traktorist rettet den Esslinger  <\/p>\n<p>Erst viel sp\u00e4ter, nachdem er drei Wochen lang mit eingedr\u00fccktem Brustkorb und Milzriss im Koma gelegen hatte, ehe er sich m\u00fchselig ins Leben zur\u00fcckk\u00e4mpfen musste, hat der Esslinger erfahren, was damals geschehen war. Klinner war beim Aufprall aus dem brennenden Flugzeugwrack geschleudert worden und hatte als einer der wenigen Insassen schwerstverletzt \u00fcberlebt. Und er hatte Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Mitarbeiter eines benachbarten landwirtschaftlichen Betriebs hatten die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Katastrophe\" title=\"Katastrophe\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katastrophe<\/a> bemerkt \u2013 der Traktorist Paul Leskowitz war einer der ersten am Unfallort, fasste sich ein Herz und brachte den Esslinger in Sicherheit. \u201eOhne Paul h\u00e4tte ich das Ungl\u00fcck nicht \u00fcberlebt\u201c, wei\u00df Klinner. Der Kontakt zu seinem damaligen Lebensretter ist geblieben. <\/p>\n<p>\u201eWas geschehen ist, ist geschehen\u201c  <\/p>\n<p>Im Leipziger Klinikum St. Georg wurde Klinner zur\u00fcck ins Leben geholt. \u201eMeine Frau Theresia war neun Wochen lang bei mir am Krankenbett, meine Kinder lebten zuhause in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Esslingen\" title=\"Esslingen\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Esslingen<\/a> zwischen Hoffen und Bangen\u201c, erinnert er sich. \u201eAm schlimmsten ist es f\u00fcr mich bis heute, zu wissen, was meine Familie damals alles durchgemacht hat.\u201c Ein Jahr dauerte die Reha, erst nach 15 qualvollen Monaten war an Arbeit wieder zu denken. Doch Udo Klinners Leben war nie mehr dasselbe: \u201eWas geschehen ist, ist geschehen\u201c, hat er seither mehr als einmal gesagt. \u201eIch und viele andere m\u00fcssen damit leben.\u201c Und er ist froh, dass er nicht mehr st\u00e4ndig an die damaligen Ereignisse denken muss. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/media.media.ad3c3d7d-14a0-4eb5-80a4-4d9211b56097.original1024.media.jpeg\"\/>     Den Rettungskr\u00e4ften bot sich damals ein Bild des Schreckens.    Foto: privat    <\/p>\n<p>Weil solche Ungl\u00fccksf\u00e4lle nicht ins blank geputzte Bild einer Arbeiter- und Bauern-Republik passten, wurden viele Hintergr\u00fcnde der Katastrophe von der Staatsmacht der DDR unter Verschluss gehalten. Erst nach der Wende wurden die Akten \u00f6ffentlich. Udo Klinner wird alle zehn Jahre von Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendern angefragt, die ihn als Zeitzeugen zu einer der schlimmsten Katastrophen der DDR-Geschichte interviewen wollen. Diesmal hat der Esslinger alle Anfragen abgelehnt \u2013 bis auf die seiner Heimatzeitung, der er seit vielen Jahren verbunden ist. \u201eAuch wenn ich \u00fcberlebt habe, bin ich jedes Mal froh, wenn ein Jahrestag des Ungl\u00fccks vor\u00fcber ist\u201c, hat er schon vor Jahren verraten. \u201eAber ich kann verstehen, dass die damaligen Ereignisse viele Menschen bis heute besch\u00e4ftigen.\u201c <\/p>\n<p> Das Schicksal schenkt ein zweites Leben <\/p>\n<p>Udo Klinner wird am 1. September zum Telefonh\u00f6rer greifen und Roberto Valdemarca in Italien anrufen, der damals mit ihm in der Ungl\u00fccksmaschine sa\u00df, im Klinikum St. Georg ebenfalls ums \u00dcberleben k\u00e4mpfte und der inzwischen zu einem Freund f\u00fcrs Leben geworden ist. \u201eEr kann nachf\u00fchlen, was dieser Tag f\u00fcr mich bedeutet, und er wird mir wie immer den guten Rat geben, dass ich die Dinge lieber ruhen lassen soll. Und dann wird er elegant das Thema wechseln und \u00fcber den VfB Stuttgart oder irgendein anderes belangloseres Thema sprechen\u201c, ahnt Klinner. Aber insgeheim werden beide dann doch ihrem Schicksal danken, das sie auf wunderbare Weise \u00fcberleben lie\u00df. Denn an diesem vermaledeiten Tag hat ihnen das Schicksal ein zweites Leben geschenkt. <\/p>\n<p> Die Katastrophe von Schkeuditz <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Das Ungl\u00fcck<\/strong><br \/>\u00a0Nebel hatte am 1. September 1975 die Sicht am Flughafen Leipzig-Schkeuditz massiv behindert, die technischen M\u00f6glichkeiten der Flugsicherung waren begrenzt. Beim Landeanflug streifte die Tupolew 134 der Gesellschaft Interflug einen Antennenmast. Einige hundert Meter von der Landebahn entfernt hat sich die Maschine \u00fcberschlagen, ist in drei Teile zerbrochen und kam auf einer M\u00fclldeponie zu liegen. Rumpf und Cockpit fingen sofort Feuer. <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Die Retter<\/strong><br \/>Die Flughafenfeuerwehr kam erst versp\u00e4tet am Ungl\u00fccksort an, weil man im dichten Nebel das Flugzeug nicht finden konnte. \u201eSchuld am versp\u00e4teten Eintreffen trug unter anderem der diensthabende Fluglotse im Tower, der sich nicht an das vereinbarte Codewort erinnern konnte, um einen Einsatz der Feuerwehr auszul\u00f6sen\u201c, hie\u00df es sp\u00e4ter in einer Dokumentation. \u201eDie alarmierten L\u00f6schfahrzeuge kamen zun\u00e4chst am Flughafenzaun nicht weiter, denn die Tore waren verschlossen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor 50 Jahren hat das Schicksal dem Esslinger Udo Klinner ein zweites Leben geschenkt. 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