{"id":388855,"date":"2025-09-01T16:49:17","date_gmt":"2025-09-01T16:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/388855\/"},"modified":"2025-09-01T16:49:17","modified_gmt":"2025-09-01T16:49:17","slug":"kritik-zu-the-testament-of-ann-lee-wahnsinn%c2%b2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/388855\/","title":{"rendered":"Kritik zu The Testament of Ann Lee: Wahnsinn\u00b2"},"content":{"rendered":"<p class=\"bo-p\">Der 215 Minuten lange \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/269838.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Der Brutalist<\/a>\u201c, inzwischen ausgezeichnet mit drei Oscars f\u00fcr Kamera, Filmmusik und Hauptdarsteller <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/22426.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Adrien Brody<\/a>, sollte zun\u00e4chst 28 Millionen Dollar kosten. Ein ausgemachtes Schn\u00e4ppchen f\u00fcr ein auf 70mm-Analogmaterial gedrehtes Historien-Epos von derart gewaltigen Ausma\u00dfen. Mit <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/852.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Martin Scorsese<\/a> als Regisseur w\u00e4re man bei einem \u00e4hnlichen Projekt sicherlich schnell jenseits der 200-Millionen-Marke gelandet. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Aber dann fiel die Finanzierung \u2013 unter anderem wegen der Covid-Pandemie \u2013 kurz vor Drehbeginn in sich zusammen. Nach einem erneuten Anlauf wurde der Film deshalb f\u00fcr nur knapp unter zehn Millionen Dollar gedreht. Das ist nicht weniger als absoluter Wahnsinn und muss f\u00fcr den Regisseur Brady Corbet und seine am Drehbuch beteiligte Ehefrau <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/665786.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mona Fastvold<\/a> eine jahrelange, entbehrungsreiche Kraftanstrengung bedeutet haben. <\/p>\n<p>Weil\u2018s so sch\u00f6n war, gleich nochmal<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Also jetzt erst mal durchatmen? Pustekuchen! Exakt ein Jahr nach \u201eDer Brutalist\u201c feiert bereits das n\u00e4chste Projekt des Ehepaars, diesmal mit Mona Fastvold (\u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/225940.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Sleepwalker<\/a>\u201c) als Regisseurin und mit Brady Corbet als Co-Autor, seine Weltpremiere: erneut eine epische, historische, Kontinente \u00fcberspannende Geschichte; erneut auf analogen 70mm gefilmt; erneut f\u00fcr weniger als zehn Millionen Dollar an l\u00e4cherlich wenigen Tagen (34) gedreht. Zwar ist \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c, ein Biopic \u00fcber die titelgebende Gr\u00fcnderin der Shaker-Bewegung, nur 130 statt 215 Minuten lang \u2026<\/p>\n<p class=\"bo-p\">\u2026 aber daf\u00fcr gibt es ekstatische Musical-Nummern und spektakul\u00e4re Sequenzen auf einem Segelschiff auf st\u00fcrmischer See. Kein Wunder also, dass Hauptdarstellerin <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/101918.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Amanda Seyfried<\/a> gleich zu Beginn von ihrer Regisseurin gewarnt wurde, dass ihr ein \u201esehr unbequemes Erlebnis\u201c bevorstehe. Aber wie bei \u201eDer Brutalist\u201c sp\u00fcrt man auch bei \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c im besten Sinne den ganzen aufopfernden Wahnsinn, der in seine Sch\u00f6pfung hineingeflossen sein muss \u2013 selbst wenn das Ergebnis diesmal noch deutlich sperriger ausf\u00e4llt. <\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" mia=\"\" amanda=\"\" seyfried=\"\" hat=\"\" zwar=\"\" musical-erfahrung=\"\" aber=\"\" so=\"\" etwas=\"\" wie=\"\" testament=\"\" of=\"\" ann=\"\" lee=\"\" ist=\"\" auch=\"\" f=\"\" sie=\"\" eine=\"\" v=\"\" neue=\"\" erfahrung=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/3353e1f4610f795d5bd7fa19b6470c22.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"\u201eMamma Mia!\u201c-Star Amanda Seyfried hat zwar Musical-Erfahrung \u2013 aber so etwas wie \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c ist auch f\u00fcr sie eine v\u00f6llig neue Erfahrung!\"\/><\/p>\n<p>                                    Proton Cinema<\/p>\n<p>                    \u201eMamma Mia!\u201c-Star Amanda Seyfried hat zwar Musical-Erfahrung \u2013 aber so etwas wie \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c ist auch f\u00fcr sie eine v\u00f6llig neue Erfahrung!<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Bei den Recherchen f\u00fcr ihren vorherigen Film, das feministische Historien-Drama \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/285494.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The World To Come<\/a>\u201c, stie\u00df Mona Fastvold auf einen Shaker-Hymnus. Die Lieder der christlich-utopischen Shaker-Gemeinschaft sind bewusst einfach gehalten, damit jeder in der Gemeinde teilnehmen kann. Zugleich eignen sich die Melodien aber perfekt, um sich bei st\u00e4ndiger Wiederholung, unterst\u00fctzt von oft an Zuckungen erinnernden Tanzbewegungen (deshalb \u201eShaker\u201c), in eine religi\u00f6se Ekstase hineinzusteigern. Das wirkt mitunter fast schon orgiastisch, was vor allem deshalb ironisch ist, weil die Shaker ansonsten eine streng z\u00f6libat\u00e4re Gemeinschaft sind.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Gegr\u00fcndet wurden die Shaker 1736 in Manchester. Nachdem ihre vier Kinder alle noch vor ihrem ersten Geburtstag verstorben sind, kommen Ann Lee (Amanda Seyfried) bei einer Haftstrafe wegen Ruhest\u00f6rung (im Rahmen eines Gottesdienstes der \u201eShaking Qu\u00e4ker\u201c) g\u00f6ttliche Visionen. Sie strebt nach einer Gemeinschaft, in der die Fleischeslust keine Rolle mehr spielt, Mann und Frau gleichberechtigt sind, jeder durch harte, nach Perfektion strebende Arbeit Gott n\u00e4herkommt. Allerdings scheint daf\u00fcr in Gro\u00dfbritannien kein Platz zu sein. Also tritt Ann Lee gemeinsam mit einem Dutzend Anh\u00e4nger*innen die strapazi\u00f6se Reise nach New York an\u2026<\/p>\n<p>Vor allem eine k\u00f6rperliche Erfahrung<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Selbst wenn die Deutung naheliegt, dass Ann Lee auch deshalb auf das Z\u00f6libat bestand, weil ihr Schmied-Ehemann (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/540394.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christopher Abbott<\/a>) auf SM-Sex stand und sie sich nach vier schmerzvollen Kindstoden keine weitere Schwangerschaft mehr antun wollte, verzichtet Mona Fastvold auf jede platte Psychologisierung. Stattdessen erz\u00e4hlt sie den Gr\u00fcndungsmythos der Sklaverei und Gewalt ablehnenden Shaker-Sekte (zur Hochzeit: 6.000 Mitglieder, von denen im Jahr 2025 nur noch zwei \u00fcbriggeblieben sind) relativ geradlinig und in einem durchaus bewundernden Gestus durch.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Aber begonnen hat ja wie gesagt alles mit einem Shaker-Hymnus \u2013 und so steht in \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c auch nie die historische Erz\u00e4hlung, sondern stets die viszerale Erfahrung des Lobpreisens im Zentrum (weshalb der Film von vielen Zuschauer*innen auch als einigerma\u00dfen sperrig bis regelrecht undurchdringlich empfunden werden d\u00fcrfte): In kerzenlichtgetr\u00e4nkten 70mm-Aufnahmen, von denen man die meisten direkt im n\u00e4chsten Museum aufh\u00e4ngen k\u00f6nnte, erleben wir die Shaker beim rhythmischen Tanzen, Zucken, St\u00f6hnen und Kreischen.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" erst=\"\" im=\"\" shaker-glauben=\"\" findet=\"\" ann=\"\" lee=\"\" schlie=\"\" so=\"\" etwas=\"\" wie=\"\" inneren=\"\" frieden.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/953546d8bbdfc79950a7165d53614d34.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Erst im Shaker-Glauben findet Ann Lee schlie\u00dflich so etwas wie inneren Frieden.\"\/><\/p>\n<p>                                    Proton Cinema<\/p>\n<p>                    Erst im Shaker-Glauben findet Ann Lee schlie\u00dflich so etwas wie inneren Frieden.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Diese exzessive Ekstase (eure Kinobetreiber*innen unbedingt bitten, den Ton entsprechend aufzudrehen) springt auch auf das Publikum \u00fcber. Das f\u00fchlt sich so intensiv an, als w\u00fcrde man direkt vor einer Gruppe M\u0101ori sitzen, die nur wenige Zentimeter entfernt ihren Haka auff\u00fchren. Oder wie ein Bad in der Kurve der isl\u00e4ndischen Fu\u00dfball-Nationalmannschaft, wo die Fans ihren Viking Thunder Clap anstimmen. So nah, zumindest rein k\u00f6rperlich, ist man der religi\u00f6sen Erf\u00fcllung im Kino bislang selten gekommen.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Amanda Seyfried hat als Star von unter anderem zwei \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/125562.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mamma Mia!<\/a>\u201c-Blockbustern bereits einige Musical-Erfahrungen gesammelt. Aber das hat nichts damit zu tun, was sie hier abliefert. Es ist eine r\u00fcckhaltlose Tour-de-Force-Performance, die ohne doppelten Boden auskommt. Denn nicht nur bei den Gottesdiensten, auch bei der immer wieder erfahrenen Gewalt \u2013 vom Herausrei\u00dfen blut\u00fcberstr\u00f6mter toter Babys aus ihrem Unterleib bis zu einem besonders brutalen \u00dcberfall auf die erste Shaker-Kolonie Niskayuna \u2013 steigert sich \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c immer wieder zu einem viszeralen Crescendo aus Leid und Erl\u00f6sung, das einen nach gut zwei Stunden doch einigerma\u00dfen ersch\u00f6pft wieder ausspuckt.<\/p>\n<p class=\"bo-p\"><b>Fazit: Selbst wenn \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c noch eine Ecke sperriger ist als \u201eDer Brutalist\u201c, etablieren sich die kooperierenden Eheleute Mona Fastvold und Brady Corbet zunehmend als die neben <\/b><a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/30367.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Christopher Nolan<\/b><\/a><b> radikalsten Analog-Filmemacher*innen unserer Zeit.<\/b><\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wir haben \u201eThe Testament Of Ann Lee\u201c bei Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er mit einer analogen 70mm-Kopie als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der 215 Minuten lange \u201eDer Brutalist\u201c, inzwischen ausgezeichnet mit drei Oscars f\u00fcr Kamera, Filmmusik und Hauptdarsteller Adrien Brody,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":388856,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-388855","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115130070957327481","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/388855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=388855"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/388855\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/388856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=388855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=388855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=388855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}