{"id":389281,"date":"2025-09-01T20:36:22","date_gmt":"2025-09-01T20:36:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/389281\/"},"modified":"2025-09-01T20:36:22","modified_gmt":"2025-09-01T20:36:22","slug":"kultur-wir-sind-nicht-dekorativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/389281\/","title":{"rendered":"Kultur: \u201eWir sind nicht dekorativ\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Seit der Er\u00f6ffnung der Elbphilharmonie haben die Symphoniker Hamburg sich unter der Leitung ihres Intendanten Daniel K\u00fchnel und ihres Chefdirigenten Sylvain Cambreling als Residenzorchester der Laeiszhalle weiter entwickeln k\u00f6nnen. Das hatten viele in der Musikwelt im Schatten des gro\u00dfen Konzerthauses so nicht erwartet. Und auch dar\u00fcber hinaus bringen K\u00fchnel und sein Team die Klassik und interdisziplin\u00e4re Kulturprojekte in neue R\u00e4ume und zu den Menschen, und das nicht nur in der Hansestadt. Bei einem Treffen spricht der Intendant \u00fcber internationale Konzerte an ungew\u00f6hnlichen Orten, Festivals mit gro\u00dfen Namen und spannende Konzepte f\u00fcr die kommende Saison. Diese beginnt am 21. September in der Laeiszhalle unter Leitung von Cambreling mit der Kombination des Orchesterst\u00fcckes \u201eSchreiben\u201c von Helmut Lachenmann \u2013 einer Reflexion \u00fcber das Komponieren \u2013 \u00a0und der ersten Sinfonie von Gustav Mahler.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDas Konzert-Ereignis muss sich auf das Leben beziehen.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT<\/b>: Sie starten mit dem Goethe-Zitat \u201eUnd jeder Schritt ist Unermesslichkeit\u201c in die kommende Saison, der Schlusszeile des Gedichts \u201eProoemion\u201c, in dem Goethe beschreibt, wie in der Welt das G\u00f6ttliche ewig in immer neuen Formen erscheint. Warum gerade dieses Zitat?<\/p>\n<p><b>Daniel K\u00fchnel: <\/b>Mir gef\u00e4llt daran zun\u00e4chst einmal, dass den Symphonikern Hamburg seit Jahren gelingt, die Saison um einen Gedanken herum zu gestalten, zu gruppieren. Der Ansatz ist wichtig, weil wir in einer Welt leben, in der \u2013 verst\u00e4ndlicherweise \u2013 nicht alle Menschen wissen, was wir als Orchester genau tun. Mir ist es sehr wichtig, dass Orchester und das Publikum gleicherma\u00dfen verstehen, dass wir nicht dekorativ sind. Unsere Konzerte sind nicht belanglose Zugaben zu einem vorbeiflie\u00dfenden Leben. Das Konzert-Ereignis muss sich auf das Leben beziehen, als ein Teil unserer Realit\u00e4t. Das ist die Grundlage des Versuchs, aus Klang Sinn zu machen, der sich im Leben jedes Musikers und jedes Zuh\u00f6rers auswirkt, der es substanziell bereichern kann, wenn wir von einem Gedanken ausgehen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>  Und da bietet sich Goethe an \u2026<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Dass dieser spielerische Gedanke in den vergangenen Jahren immer von Goethe ausging, ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n. In der kommenden Spielzeit wollen wir uns mit Anf\u00e4ngen besch\u00e4ftigen. F\u00fcr mich ist das ein berauschender Gedanke: Wir k\u00f6nnen als Menschen immer ein Anfang sein, einen neuen Anfang machen. In unseren Tagen der Kriege und vielen Disruptionen scheint mir das sehr wichtig.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIm Aufschreiben dessen, was wir erleben, entsteht Sinn.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b> Das macht neugierig: Wie macht man daraus Klang?<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Diese Frage hat viele Menschen inspiriert. Wir fangen im ersten Konzert am 21. September mit dem St\u00fcck \u201eSchreiben\u201c von Helmut Lachenmann an, dem Komponisten der Ger\u00e4usche als Musik. Das ist interessant, weil in \u201eSchreiben\u201c auch der \u201eSchrei\u201c steckt. Da hat man sofort Assoziationen an den \u201eSchrei\u201c von Edvard Munch zum Beispiel. Mit dem Schreiben ist auch menschheitsgeschichtlich ein neuer Anfang gemacht worden. Im Aufschreiben dessen, was wir erleben, entsteht Sinn. Das hat sehr viel mit der ersten Sinfonie von Gustav Mahler zu tun, die wir gleich nach \u201eSchreiben\u201c h\u00f6ren.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:  <\/b>Beide Werke heben sanft an und laden freundlich zum H\u00f6ren ein.<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Mahlers Anfang enth\u00e4lt zwar keine auskomponierten Ger\u00e4usche wie bei Lachenmann, aber auch Mahlers Erste f\u00e4ngt eigentlich mit Ger\u00e4usch an. Das ist Klang und nicht Note, die da gespielt wird. Das untersch\u00e4tzen wir heute, aber die Komposition entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Die Spielanweisung f\u00fcr den ersten Satz lautet: \u201eLangsam. Schleppend. Wie ein Naturlaut \u2013 im Anfang sehr gem\u00e4chlich\u201c. Im ersten Satz tauchen verschiedene Naturlaute in Motivfetzen auf. Mahler macht daraus eine gro\u00dfe Reise. Ich glaube, in der Kombination Lachenmann und Mahler manifestiert sich, und das zieht sich durch viele der Programme der kommenden Saison, ein entschlossener Zugriff. \u00a0<\/p>\n<p>\u201eDasselbe St\u00fcck von Mozart kann relevant oder irrelevant gespielt werden.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>  Der Zugriff erzwingt die Relevanz?<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Lachenmann klingt anders als Mozart, aber es ist eine sehr ernst gemeinte Musik und jeder Mensch kann sich da hineinh\u00f6ren. Davon bin ich \u00fcberzeugt. St\u00fccke, die nicht so sind, spielen wir nicht. Das ist sehr wichtig. \u00dcber den irritierenden Moment kommt der H\u00f6rer ins Staunen, er denkt vielleicht neu \u00fcber die Dinge nach. Das ist nicht zwingend, aber das Konzert soll begeistern und einen Effekt haben.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>  Das sind philosophische Momente im Konzert.<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Jeder, der im Konzert dieses Moment erlebt hat \u2013 wo dann am Ende pl\u00f6tzlich das Publikum wie eins aufsteht \u2013 wei\u00df, dass im Saal eine andere \u00d6ffentlichkeit entsteht als davor. Auf der Stra\u00dfe herrscht eine andere Realit\u00e4t. Das hei\u00dft, wir wissen alle aus unserer eigenen, auch k\u00f6rperlichen Erfahrung, dass im Konzert etwas passiert. Wir m\u00fcssen es nur deutlicher sagen. Dabei wollen wir artikulieren, was uns heute angeht. Und das ist unabh\u00e4ngig vom Stil. Dasselbe St\u00fcck von Mozart kann relevant oder irrelevant gespielt werden.<\/p>\n<p>\u201eEs geht um die Lust am Neuanfang.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie setzt sich der Spannungsbogen in der Saison fort?<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel:<\/b> Wir haben auch die erste Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch im Programm und sehr viele Deb\u00fcts, von jungen Dirigenten zum Beispiel. Unser Chefdirigent Sylvain Cambreling und ich sprechen also sehr bewusst von einer Saison der Anf\u00e4nge. Im Neuanfang manifestiert sich auch die Suche nach einer neuen Haltung, angesichts aller Krisen und Kriege. Frei nach Hannah Arendt: Wir k\u00f6nnen es jetzt ganz anders machen als bisher. Arendt schl\u00e4gt aus dieser \u00dcberlegung den Bogen zum Gedanken von Augustinus, dass der Mensch in die Welt getan worden ist, damit in der Welt ein Anfang sei \u2013 und es geht um die Lust am Neuanfang.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Welche Dirigenten geben in der kommenden Saison ihr Deb\u00fct in der Laeiszhalle?<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Nicholas Ellis z\u00e4hlt zu den gr\u00f6\u00dften Talenten aus Kanada, so wie Adam Hickox zu jenen aus England. Der franz\u00f6sische Violinist Pierre Bleuse dirigiert bei uns. Aus Deutschland kommt der vielseitige Aurel Dawiduk. Jonathan Stockhammer mit 55 Jahren und erst recht Ton Koopmann, eine Autorit\u00e4t der historischen Auff\u00fchrungspraxis, mit 81 Jahren, z\u00e4hlen zwar nicht zu den jungen Dirigenten, aber \u00fcber ihre Deb\u00fcts bei den Symphonikern Hamburg freue ich mich sehr.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDas Martha Argerich Festival ist ein echter Dauerbrenner.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie selbst sind ein Spezialist f\u00fcr Anf\u00e4nge, haben zum Beispiel 2018 das sehr erfolgreiche Martha Argerich Festival mit der weltber\u00fchmten Pianistin gegr\u00fcndet \u2026<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel:<\/b> \u2026 dessen siebte Ausgabe Ende Juni endete. Das Festival ist ein echter Dauerbrenner mit spannenden G\u00e4sten, wie beispielsweise im j\u00fcngsten, ausverkauften Er\u00f6ffnungskonzert Mischa Maisky und Maxim Vengerov, und neuen Formaten. Das Argerich Festival zeigt prototypisch, was die Laeiszhalle noch st\u00e4rker f\u00fcr die Stadt sein k\u00f6nnte. Da gibt es dann jeden Tag Lunchkonzerte mit rund 200 Besuchern und es spielen unbekannte Pianisten, auf Empfehlung von Martha Argerich \u2026 ein tolles Bild.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b> Und dann haben Sie aus Hamburg auch noch ein Festival im Osten Deutschlands gegr\u00fcndet, s\u00fcd\u00f6stlich von Berlin \u2026<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Mein Team und ich haben vor f\u00fcnf Jahren das Lausitz-Festival ins Leben gerufen, das mittlerweile sehr sch\u00f6n gedeiht. Das ist nicht nur Musikfestival, sondern ein Mehrspartenfestival mit einer sehr starken Theatersparte. Der Strukturwandel in der Lausitz wird dadurch von Kunstereignissen begleitet. So lautet der Auftrag, den wir bislang sehr erfolgreich erf\u00fcllen \u2013 eine interessante Erg\u00e4nzung zur T\u00e4tigkeit in Hamburg. In Hamburg arbeiten wir in einer Gro\u00dfstadt mit Schwerpunkt Musik, in der alles, was in der Welt Rang und Namen hat, vorbeikommt, mit dem man sich als Symphoniker messen muss. Die Lausitz ist eine sehr d\u00fcnn besiedelte Region. Dort mit Theater politisch zu intervenieren, oder mit Kunst, nat\u00fcrlich nicht im parteipolitischen Sinne, ist eine sehr spannende Aufgabe.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eReger Zulauf bedeutet in der Lausitz nicht dasselbe wie in New York.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>  Das Lausitz Festival ist nicht nur, aber ma\u00dfgeblich durch Bundesmittel finanziert \u2026<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Das ist vor allem in den ersten f\u00fcnf Jahren so gewesen, das finanzielle Engagement der L\u00e4nder Sachsen und Brandenburg steigt aktuell erheblich, so dass man jetzt von einer Kofinanzierung sprechen kann. Die Bundesmittel von zwei Millionen Euro pro Jahr sind bis 2038 gesichert. Das Festival beginnt Ende August und wir haben 2025 einen wirklich regen Zulauf, wobei reger Zulauf in der Lausitz nicht dasselbe bedeutet wie in New York.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b> Dann gibt es ein weiteres, internationales Projekt, an dem sie ausdauernd arbeiten, aber leider nicht verst\u00e4rkt in Hamburger Institutionen.<\/p>\n<p><b>K\u00fchnel: <\/b>Sie spielen auf die Festivals an, die ich seit 2015 in gro\u00dfen Museen gemacht habe. Das fing mit der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden an, dann ging es nach London ins British Museum und nach Jerusalem auch. In Hamburg kooperieren wir stark mit der Kunsthalle. Die Begegnung zwischen dem materiellen und dem klingenden Erbe der Menschheit ist faszinierend. Da sieht man Leute aus der ganzen Welt kommen, um ber\u00fchmte Tonscherben zu bestaunen. Andere gehen vorbei, sehen da noch so eine Tonscherbe und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Musik kann Aufmerksamkeit wecken. Da geben wir neben einem Exponat in einer kleinen Vitrine ein Konzert \u2013 und pl\u00f6tzlich kommen Leute aus ganz unterschiedlichen Kulturen und h\u00f6ren etwas, f\u00fchlen etwas, was sie sonst nicht bemerkt h\u00e4tten. Damit w\u00e4ren wir wieder beim Konzerterlebnis, das die Wahrnehmung und damit die Besucher ver\u00e4ndert \u2013 und das nicht etwa das Museum dekoriert.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit der Er\u00f6ffnung der Elbphilharmonie haben die Symphoniker Hamburg sich unter der Leitung ihres Intendanten Daniel K\u00fchnel und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":389282,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[15323,67471,18019,29,30,692,67468,104525,33151,67472],"class_list":{"0":"post-389281","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-balken-inbox","9":"tag-cambreling","10":"tag-daniel","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-hamburg","14":"tag-hamburger-symphoniker","15":"tag-kuehnel","16":"tag-laeiszhalle","17":"tag-sylvain"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115130963321438508","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=389281"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/389281\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/389282"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=389281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=389281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=389281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}