{"id":389455,"date":"2025-09-01T22:11:10","date_gmt":"2025-09-01T22:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/389455\/"},"modified":"2025-09-01T22:11:10","modified_gmt":"2025-09-01T22:11:10","slug":"wenn-der-giftpilz-im-familienessen-vielleicht-doch-kein-zufall-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/389455\/","title":{"rendered":"Wenn der Giftpilz im Familienessen vielleicht doch kein Zufall war"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Familie wird in Film, Literatur und \u00fcberhaupt in der Kunst meist als Problem dargestellt. Es sind Geschichten \u00fcber Missbrauch, emotionale Manipulation, d\u00fcstere Vergangenheiten und Vernachl\u00e4ssigung. Eher bedr\u00fcckende Verh\u00e4ltnisse muss man erst recht erwarten, wenn der Film ein franz\u00f6sischer ist und einem die Tristesse schon von Weitem entgegenweht. <\/p>\n<p>Ganz so simpel ist es bei dem neuesten Film von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/francois-ozon\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/francois-ozon\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fran\u00e7ois Ozon<\/a> (\u201eJeune et Jolie\u201c, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article158463786\/Trailer-Kritik-Frantz-der-neue-Film-von-Francois-Ozon.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article158463786\/Trailer-Kritik-Frantz-der-neue-Film-von-Francois-Ozon.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eFrantz\u201c<\/a>) dann aber nicht. Zwar ist die Familie auch hier eine Brutst\u00e4tte des Unheils, beh\u00e4lt jedoch gleichzeitig als Sehnsuchtsort ihre Berechtigung. Mit \u201eWenn der Herbst naht\u201c ist Ozon ein klug gestrickter Familienkrimi gelungen, der den Zuschauer best\u00e4ndig im Ungewissen l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Schon der Ort des Geschehens ist ein fragiles Idyll: Die Gro\u00dfmutter Michelle verbringt in einem beschaulichen Dorf am Waldrand ihren Ruhestand. Sie kocht Suppe aus dem Gem\u00fcse in ihrem Garten, trinkt Kaffee mit ihrer besten Freundin Marie-Claude (Josiane Balasko) und geht mit ihr Pilze suchen im Wald. Ihr gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck ist ihr Enkel Lucas (Garlan Erlos), der in den Sommerferien mit seiner Mutter, Michelles Tochter Val\u00e9rie, zu ihr kommen soll.<\/p>\n<p>Doch gleich am ersten Tag der Ferien geschieht das Ungl\u00fcck, wenn es denn eins ist: Unter den Pilzen, die Michelle im Wald gesammelt und f\u00fcr ihre Familie gebraten hat, waren einige giftige dabei. Gegessen davon hat jedoch nur Val\u00e9rie (Ludivine Sagnier), da der Enkel keine Pilze mag und die Gro\u00dfmutter, wie sie sagt, nicht viel Hunger hatte. Gerade noch rechtzeitig ruft Val\u00e9rie beim Notruf an und f\u00e4hrt nach dem Aufenthalt im Krankenhaus mit Lucas auf direktem Weg zur\u00fcck nach Paris. Auf die Anrufe ihrer Mutter reagiert sie danach nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Depression, die sich daraufhin \u00fcber Michelle legt, erz\u00e4hlt von Einsamkeit und Sinnlosigkeit im Alter, wenn die Gr\u00fcnde f\u00fcr das morgendliche Aufstehen best\u00e4ndig weniger werden, bis man irgendwann nur noch sich selbst ausreichen muss. Trotz dieser Tragik l\u00e4sst Ozon den Zuschauer mit keiner seiner Figuren ungest\u00f6rt mitf\u00fchlen, sondern s\u00e4t einen Keim des Misstrauens in jedes Urteil. Daran k\u00f6nnen auch die adrette Frisur und das nette Gro\u00dfmuttergesicht der Hauptdarstellerin H\u00e9l\u00e8ne Vincent nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ob die Pilze tats\u00e4chlich unabsichtlich in der Pfanne landeten, wird n\u00e4mlich mit jeder Filmminute fraglicher. War es ein Versehen, war es das nachlassende Ged\u00e4chtnis, war es unterbewusst gewollt, oder gar bewusst? Dar\u00fcber, wie \u00fcber viele andere Familiengeheimnisse, l\u00e4sst Ozon den Zuschauer im Dunkeln. F\u00fcr welche angeblich schreckliche Tat der Sohn Marie-Claires, der besten Freundin von Michelle, im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, erfahren wir nicht. Auch, warum die Mutter so w\u00fctend auf die Gro\u00dfmutter ist, bleibt lange unklar. Ozon stellt im Film die ewige Frage, wie sehr wir uns auf unsere Erinnerungen verlassen k\u00f6nnen oder ob wir unsere Urteile \u00fcber unsere Eltern und Kindheit neu betrachten sollten.<\/p>\n<p>Ozon zwingt den Zuschauer dazu, eigene Theorien zu stricken, legt F\u00e4hrten, verwirft sie wieder und l\u00f6st sie nie g\u00e4nzlich auf. Dieser best\u00e4ndige Schwebezustand im Ungewissen kreiert allein auf der Erz\u00e4hlebene eine bedrohliche Atmosph\u00e4re. Gerade das zeichnet den Regisseur als eleganten Stilisten aus, der Stimmung allein durch das Imagin\u00e4re und mit dezenten Mitteln wie Farben und Aufnahmen von Wind in B\u00e4umen schafft. Die Momente n\u00e4mlich, in denen es wirklich bedrohlich wird \u2013 etwa, wenn die Mutter nach der Vergiftung um ihr Leben ringt \u2013 werden nicht gezeigt. <\/p>\n<p>Biblische Motive<\/p>\n<p>Diese gewisse D\u00fcsternis transportiert der Film auch \u00fcber seine biblischen Motive. Bereits die erste Szene er\u00f6ffnet mit Michelle, die in der Kirche der Geschichte Maria Magdalenas lauscht. Erst sehr viel sp\u00e4ter erfahren wir, dass die Protagonistin selbst in ihren Jahren in Paris als Prostituierte gearbeitet hat. Ozon scheinen die Facetten von Prostitution zu interessieren, wie er schon 2013 im Film \u201eJeune et Jolie\u201c bewies. Darin steigt eine sch\u00f6ne 16-j\u00e4hrige Pariserin aus wohlhabendem Haus scheinbar ohne Not in die Welt der Edel-Escorts ein.<\/p>\n<p>\u201eWenn der Herbst naht\u201c erz\u00e4hlt von entt\u00e4uschten Erwartungen an das Leben und an den Sex und auch davon, was Prostitution mit der Familie macht. F\u00fcr Michelles Tochter ist es der Grund f\u00fcr das Zerw\u00fcrfnis mit der Mutter \u2013 und ein Fluch, der die Familie \u00fcber Generationen, bis ins Alter, bis aufs Land verfolgt. Die Vergangenheit kann nicht abgestreift werden, sondern kehrt hartn\u00e4ckig in anderer Form zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch allem Misstrauen, allem Egoismus und allem Schmerz zum Trotz bleiben die Verbindungen der Menschen zueinander am Ende liebevoll. Und die Familie so ambivalent wie am Anfang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Familie wird in Film, Literatur und \u00fcberhaupt in der Kunst meist als Problem dargestellt. 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