{"id":390218,"date":"2025-09-02T05:11:15","date_gmt":"2025-09-02T05:11:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/390218\/"},"modified":"2025-09-02T05:11:15","modified_gmt":"2025-09-02T05:11:15","slug":"chemnitz-ist-bekannt-fuer-rechtsextreme-und-tristesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/390218\/","title":{"rendered":"Chemnitz ist bekannt f\u00fcr Rechtsextreme und Tristesse"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-object-position=\"50% 50%\" alt=\"Die graue Stadt Chemnitz ist bekannt f\u00fcr Rechtsextreme und Tristesse. Doch dieses Jahr ver\u00e4ndert sie sich\" size=\"fullscreen\" data-object-fit=\"cover\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/22f5f6aa-13e7-4315-8123-97b254bf590c.jpg\" width=\"2142\" height=\"3808\"\/>    <\/p>\n<p>Elena Oberholzer<\/p>\n<p class=\"headline__lead\">Als Europas Kulturhauptstadt 2025 will Chemnitz den schlechten Ruf loswerden. Eine Begegnung mit diesem Ort und den Menschen, die sagen: Hier schlummert etwas.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75q4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Chemnitz liegt im Bundesland Sachsen im Osten von Deutschland. Eine Viertelmillion Menschen leben hier. Mit einem holprigen Regionalzug f\u00e4hrt man von Dresden eine Stunde hin. Chemnitz ist die einzige deutsche Grossstadt, die nicht an den Fernverkehr angeschlossen ist. Eine abgeschnittene Stadt.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. 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In riesigen, gelb leuchtenden Lettern steht dort: \u00abF\u00fcrchtet euch nicht.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75q3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Chemnitz ist europ\u00e4ische Kulturhauptstadt 2025. \u00dcber das Jahr verteilt finden in der Stadt mehr als tausend Veranstaltungen statt, es gibt Ausstellungen, Theater, Konzerte. Chemnitz profitiert von mehr Tourismus, von mehr Leben in der Stadt. Auch der Schriftzug am Hauptbahnhof ist zu diesem Anlass angebracht worden. Er ist Teil eines Projekts von Graffitik\u00fcnstlerinnen und -k\u00fcnstlern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Am Hauptbahnhof in Chemnitz leuchten Buchstaben.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1521\" height=\"1014\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Am Hauptbahnhof in Chemnitz leuchten Buchstaben. <\/p>\n<p>Hallenkunst \/ Red Tower<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75q5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Edeltraud H\u00f6fer hat beinahe ihr ganzes Leben in Chemnitz verbracht. In diesen Wochen f\u00fchrt sie mehrmals t\u00e4glich Touristen durch die Stadt. Auf einer Tour erz\u00e4hlt sie die Geschichte eines Chemnitzer Instruments, der Concertina, einer Vorg\u00e4ngerin des Bandoneons. H\u00f6fer ist 69 Jahre alt und hat eigentlich kaum Zeit. In diesem Jahr l\u00e4uft es sehr gut, die F\u00fchrungen sind den ganzen Sommer \u00fcber ausgebucht. Doch nun sitzt sie in einem Caf\u00e9 am Marktplatz und erz\u00e4hlt in sanftem S\u00e4chsisch von sich und von Chemnitz.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75q6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Edeltraud H\u00f6fers Vater war Bergmann im Erzgebirge. Als sie ein Kind war, zog die Familie nach Chemnitz, das damals in der DDR hiess wie eine Metropole von Weltrang: Karl-Marx-Stadt. Das war 1961. Das Zentrum war nach dem Krieg fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Man baute es wieder auf, als sozialistische Vorzeigestadt. Noch heute ist das sichtbar. Die Strassen, die zu breit wirken, das grosse Kongresszentrum, die sieben Meter hohe B\u00fcste von Karl Marx.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Edeltraud H\u00f6fer hat auf alles, was Chemnitz betrifft, eine Antwort.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"2537\" height=\"3427\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Edeltraud H\u00f6fer hat auf alles, was Chemnitz betrifft, eine Antwort. <\/p>\n<p>PD<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abWobei Karl Marx ja gar nie hier gewesen ist\u00bb, sagt Edeltraud H\u00f6fer. Das sei doch ziemlich lustig. Sie kichert. H\u00f6fer studierte Polnisch und Russisch in Leipzig und Warschau und arbeitete als \u00dcbersetzerin. Dann kam die Wende, ihre F\u00e4higkeiten waren nicht mehr gefragt. Durch die Wiedervereinigung wurden viele Jobs aus der ehemaligen DDR obsolet. Sie sagt: \u00abEs hat uns alle aus der Bahn geworfen.\u00bb H\u00f6fer nahm eine Stelle bei der Landesdirektion des Freistaates Sachsen an. \u00abIch wollte nicht lange bleiben, doch es sind dann 28 Jahre geworden.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Zum 60.\u00a0Geburtstag schenkte sie sich selbst eine Ausbildung zur G\u00e4stef\u00fchrerin. Seither f\u00fchrt sie Besucherinnen und Besucher durch die Museen, durchs Rathaus, durch die breiten Gassen der Chemnitzer Innenstadt. Manchmal dreht sie gar Videos f\u00fcr Youtube. Fragt man sie nach Tipps f\u00fcr Chemnitz, z\u00e4hlt sie auf. Eine Viertelstunde lang.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Vor sieben Jahren, im August 2018, geriet Chemnitz pl\u00f6tzlich in die internationalen Schlagzeilen. Zwei Asylbewerber hatten am Rande des Chemnitzer Stadtfestes einen Mann erstochen. In den Tagen darauf organisierten rechte und rechtsextreme Gruppierungen zahlreiche Demonstrationen, der AfD-Politiker Bj\u00f6rn H\u00f6cke marschierte mit Neonazis aus ganz Deutschland durch die Stadt, es kam zu Sachbesch\u00e4digungen und Gewalttaten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Just damals stand Chemnitz am Beginn des Bewerbungsprozesses f\u00fcr die Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt 2025. Wer sich bewirbt, reicht ein umfangreiches Dossier mit Konzepten zu kulturellen Programmpunkten und Stadtentwicklung ein. Die Kosten tragen Gemeinde, Bundesland und Bund gemeinsam. In dem Dossier thematisierte Chemnitz die Ereignisse vom Sommer 2018. Man wollte die politische Debatte beleben. Im Dossier steht: \u00abW\u00e4hrend extreme politische Meinungen laut werden, schweigt die Mitte.\u00bb Diese Mitte wollte man mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt ermutigen. \u00abF\u00fcrchtet euch nicht.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die G\u00e4stef\u00fchrerin Edeltraud H\u00f6fer bekam nach den Protesten im Sommer 2018 Dutzende Mails von besorgten Touristen. Ob man in Chemnitz \u00fcberhaupt sicher sei. H\u00f6fer war frustriert. Wegen der Proteste und wegen der riesigen medialen Berichterstattung. Nach den Demonstrationen gab es Gegenproteste. F\u00fcr die Veranstaltung \u00abWir sind mehr\u00bb reisten Zehntausende aus ganz Deutschland an, auch Linksextreme. Die Zeitungen berichteten gross. Dann, einige Tage sp\u00e4ter, organisierte der Intendant des Theaters ein Konzert, nur f\u00fcr die Chemnitzerinnen und Chemnitzer. 6000 Menschen kamen. Daf\u00fcr h\u00e4tten sich die Medien nicht mehr interessiert, erinnert sich H\u00f6fer.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j3lnlfh60\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Titel Kulturhauptstadt sei die Chance, sich in ein anderes Licht zu r\u00fccken, sagt H\u00f6fer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Links das Einkaufszentrum, vorne das Rathaus: Das ist die Innenstadt von Chemnitz.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5000\" height=\"3333\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Links das Einkaufszentrum, vorne das Rathaus: Das ist die Innenstadt von Chemnitz. <\/p>\n<p>Iona Dutz \/ Bloomberg \/ Getty<\/p>\n<p> Ostdeutsche Hip-Hop-Hauptstadt<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75r9\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Chemnitz kann eine d\u00fcstere Stadt sein, auch im Sommer. Mitten in der Innenstadt steht ein rundes Einkaufszentrum, das man aus jeder Himmelsrichtung betreten kann. \u00c4ltere Menschen schieben ihre Rollatoren durch die G\u00e4nge, Jugendliche treffen sich bei Coffee Fellows, dem deutschen Abklatsch von Starbucks. Sonst ist es ruhig, ab und zu wirkt es, als w\u00fcrden Menschen verschwinden, so leer ist es an manchen Ecken.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Felix Kummer, der S\u00e4nger der weltber\u00fchmten Chemnitzer Band Kraftklub, hat 2019 ein Soloalbum ver\u00f6ffentlicht. Darin verarbeitete er seine Kindheit in Chemnitz. Er singt: \u00abChemnitz City Swag, alles sieht irgendwie traurig aus\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Es fehle an einem gem\u00fctlichen Treffpunkt, sagen die Chemnitzerinnen und Chemnitzer, einem Ort, wo man verweilen k\u00f6nne. Vor einigen Jahren wollte man den Br\u00fchl-Boulevard beleben, eine Strasse etwas ab vom Zentrum. In der DDR war der Br\u00fchl eine beliebte Flaniermeile gewesen, doch nach der Wende verschwanden die Caf\u00e9s und Gesch\u00e4fte. Vor einigen Jahren sanierte die Stadt die Schule an der Strasse und f\u00f6rderte Projekte aus der Nachbarschaft, das Quartier sollte auch Familien anlocken. Heute gibt es auf dem Br\u00fchl ein Caf\u00e9, ein, zwei Restaurants und Bars. Es ist ein Anfang.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im 19.\u00a0Jahrhundert hatte sich Chemnitz zu einem bedeutenden Industriestandort entwickelt. Es gab Fabriken f\u00fcr Dampflokomotiven, Bohrmaschinen, Schreibmaschinen, es gab eine Textilindustrie. Das Stadtbild war gepr\u00e4gt von rauchenden Schornsteinen, man sprach vom \u00abS\u00e4chsisches Manchester\u00bb. Anfang des 20.\u00a0Jahrhunderts schien es, Chemnitz w\u00fcrde bald zur Millionenstadt. Dann kamen die Weltkriege.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In der DDR betrieb man viele Fabriken weiter. Doch nach der Wende kam die Privatisierung, die Unternehmen suchten andere Standorte. Zwar ist Chemnitz noch heute ein wichtiges Wirtschaftszentrum mit einer Technischen Universit\u00e4t. Doch der Campus liegt ausserhalb der Stadt, und die Studierenden gehen nach dem Studium weg. Chemnitz hat viel Abwanderung erlebt, seit der Wende hat jede f\u00fcnfte Person die Stadt verlassen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Ren\u00e9 K\u00e4stner steht mit der K\u00fcnstlerin Claudia Walde (\u00abMadC\u00bb) vor ihrem Wandbild am Johannisplatz in Chemnitz.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"2395\" height=\"3500\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Ren\u00e9 K\u00e4stner steht mit der K\u00fcnstlerin Claudia Walde (\u00abMadC\u00bb) vor ihrem Wandbild am Johannisplatz in Chemnitz. <\/p>\n<p>PD<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Es gibt aber auch die, die zur\u00fcckkommen. Ren\u00e9 K\u00e4stner ist 48 Jahre alt und K\u00fcnstler, er leitet das Street-Art-Projekt Hallenkunst. In den letzten Jahren ist er viel gereist, hat auch einmal in Hamburg gelebt. Doch jetzt ist er hier und erz\u00e4hlt von Chemnitz, in seinem B\u00fcro im f\u00fcnften Stock eines Hochhauses am Rande der Stadt. Wie viele H\u00e4user erinnert das Haus an die Industriestadt, die Chemnitz war. Vor dem Krieg geh\u00f6rte es einer Weberei eines j\u00fcdischen Gesch\u00e4ftsmannes an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ren\u00e9 K\u00e4stner ist in den 1990er Jahren in Chemnitz aufgewachsen, machte Graffitikunst, war in der Hip-Hop-Szene unterwegs. K\u00e4stner ist streng zu seiner Stadt, sagt S\u00e4tze wie: \u00abProvinz ist halt Provinz. Wenn du hohe Anspr\u00fcche hast, fehlt dir schnell was.\u00bb Aber er sagt auch, dass er an Chemnitz h\u00e4nge: \u00abIch mag das alles hier. Wenn es schlecht l\u00e4uft, tut es mir weh.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s7\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">K\u00e4stner weiss, dass in diesem Ort etwas schlummert, er hat es selbst gesp\u00fcrt. Damals, Ende der 1990er Jahre, war Chemnitz ein Zentrum f\u00fcr Hip-Hop aus Ostdeutschland. Hier wurde das Splash-Festival gegr\u00fcndet, heute eines der gr\u00f6ssten Hip-Hop-Festivals Europas. Sogar Eminem war hier, ehe er bekannt wurde. Die Chemnitzer Band Kraftklub ist \u00fcber Deutschland hinaus bekannt, ebenso der Rapper Trettmann. K\u00e4stner sagt: \u00abExporte hatten wir schon immer.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Der Schornstein des Heizkraftwerks von Chemnitz. Es wurde Ende 2024 stillgelegt.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"6950\" height=\"4633\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Der Schornstein des Heizkraftwerks von Chemnitz. Es wurde Ende 2024 stillgelegt. <\/p>\n<p>Hendrik Schmidt \/ DPA<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s8\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Doch K\u00e4stner kennt, klar, auch die Probleme. Das Splash wechselte Ende der 2010er Jahre die Location, das Gel\u00e4nde am Stausee Oberrabenstein war zu teuer geworden, seither findet das Festival in einem anderen Bundesland statt, auf einer Halbinsel in Sachsen-Anhalt. K\u00e4stner findet, die Stadt h\u00e4tte das Festival halten sollen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s9\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Bei dem Projekt Kulturhauptstadt plante K\u00e4stner von Anfang an mit. Es sei eine gute Sache, aber man m\u00fcsse realistisch sein. K\u00e4stner zeigte mit seinem Team Ende August eine Ausstellung mit Bildern von siebzig K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern, die aus der Street-Art- und Graffiti-Szene kommen. Er hat schon Ausstellungen in Hamburg oder Paris gemacht. Er meint: \u00abIn Chemnitz werden wir so etwas ohne Subventionen wahrscheinlich nicht wieder machen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Und da ist noch ein anderes Thema, das Ren\u00e9 K\u00e4stner bewegt. Es sind die Erinnerungen ans Jahr 2018 und die Frage, wie Chemnitz in Zukunft mit rechtsextremen Gruppierungen umgehen wird. Jetzt scheine die Problematik verschwunden, sagt der K\u00fcnstler. Aber: \u00abWenn es n\u00e4chstes Jahr wieder knallt mit den Nazis, ist das vielleicht alles Schall und Rauch.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s11\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Chemnitz hat eine lange Geschichte mit rechtsextremer Gewalt. In der Zeit nach der Wende zogen rechte Schl\u00e4gertruppen durch die Stadt, sie griffen Ausl\u00e4nder und Linke an, die Zeit ist heute bekannt als \u00abBaseballschl\u00e4gerjahre\u00bb. Bei der Er\u00f6ffnungsfeier zur Kulturhauptstadt im Januar organisierten die Freien Sachsen eine Demonstration. 200 Personen nahmen teil. Die Partei steht rechts der AfD und hat bei den Kommunalwahlen in Chemnitz im vergangenen Jahr fast 5 Prozent der Stimmen geholt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s12\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im Rahmen der Kulturhauptstadt hat Chemnitz ein NSU-Dokumentationszentrum gebaut, es steht mitten in der Stadt. Es besch\u00e4ftigt sich mit den Strukturen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), eines der gr\u00f6ssten Netzwerke rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Im Bundesland Sachsen war der NSU besonders aktiv. Die Ausstellung zeigt die Geschichte der zehn Opfer, die in ganz Deutschland von Mitgliedern des NSU ermordet wurden. Das Zentrum soll Modell f\u00fcr weitere Zentren in Deutschland werden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"In Chemnitz gibt es 30 000 Garagen. Die meisten wurden in der DDR-Zeit gebaut.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"6240\" height=\"4160\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    In Chemnitz gibt es 30\u00a0000 Garagen. Die meisten wurden in der DDR-Zeit gebaut. <\/p>\n<p>Sebastian Willnow \/ DPA<\/p>\n<p> Immerhin sind die Mieten tief<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s14\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Zu Beginn des Bewerbungsprozesses f\u00fcr die Kulturhauptstadt waren viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer skeptisch gewesen. Vielleicht f\u00fcrchtete man sich davor, sich zu pr\u00e4sentieren. So sagt es die G\u00e4stef\u00fchrerin Edeltraud H\u00f6fer. Viele h\u00e4tten gefragt: Warum denn ausgerechnet wir? Doch f\u00fcr den Moment scheint die Angst verschwunden. Wenn sie durch die Stadt laufe, sagt Edeltraud H\u00f6fer, da sehe sie Einheimische, die Besuchern ihre Stadt erkl\u00e4rten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s15\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Viele sind voller Eifer, engagieren sich freiwillig. Zum Beispiel f\u00fcr das gr\u00f6sste Projekt der Kulturhauptstadt: \u00ab3000 Garagen\u00bb. In Chemnitz gibt es 30\u00a0000 Garagen, es ist eine Besonderheit des Ostens. In der DDR bauten die Menschen Garagenh\u00f6fe, sie werden bis heute benutzt. In diesem Jahr haben 3000 Menschen ihre privaten Garagen ge\u00f6ffnet, auf den Arealen gibt es Feste und Ausstellungen. Dar\u00fcber hinaus hat Chemnitz anl\u00e4sslich der Kulturhauptstadt \u00fcber dreissig Pl\u00e4tze in der Stadt und im Umland gebaut, saniert, neu gestaltet. Chemnitz bekommt einen neuen Park und einen Platz, auf dem Quartierfeste und Weihnachtsm\u00e4rkte stattfinden sollen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Chemnitz kann eine etwas graue Stadt sein \u2013 manchmal.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5000\" height=\"3333\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Chemnitz kann eine etwas graue Stadt sein \u2013 manchmal. <\/p>\n<p>Iona Dutz \/ Bloomberg \/ Getty<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s16\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ren\u00e9 K\u00e4stner und seine Leute vom Projekt Hallenkunst haben in den vergangenen Monaten in der Innenstadt leere Fl\u00e4chen bemalt. Zun\u00e4chst nutzten die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler Fl\u00e4chen, die die Stadt zur Verf\u00fcgung stellte. Nach und nach meldeten sich Privatbesitzer. Sie wollten auch ein Kunstwerk an ihrer Fassade.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75s17\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Auch der Schriftzug \u00abF\u00fcrchtet euch nicht\u00bb vom Hauptbahnhof stammt von ihnen. Es ist ein christlicher Satz, er kommt an Dutzenden Stellen in der Bibel vor. Im Jahr 1989, in den letzten Monaten der DDR, wurden Kirchen zum Treffpunkt des Widerstands gegen den Staat. \u00abF\u00fcrchtet euch nicht\u00bb stand damals in Ostdeutschland f\u00fcr den friedlichen Aufstand gegen das Regime.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75t0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">K\u00e4stner hofft, dass all die Projekte junge Menschen nach Chemnitz locken. Wenn sie nichts erwarteten, dann k\u00f6nne die Stadt sie \u00fcberraschen. Vielleicht k\u00e4men sie dann wieder. Immerhin seien die Mieten tief. Immerhin.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75t1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00dcberhaupt hat Chemnitz etwas, das kaum eine deutsche Metropole zu bieten hat: Raum. Nach der Wende standen unz\u00e4hlige Geb\u00e4ude leer, manche noch heute. Das ist manchmal trostlos. Aber auch eine Chance. Ren\u00e9 K\u00e4stner sagt: \u00abJa, in Chemnitz gibt es wenig zu feiern. Ja, die Anbindung ist Scheisse. Aber wir haben Platz.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75t2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Den Namen Europas Kulturhauptstadt tr\u00e4gt Chemnitz noch bis Ende des Jahres. Schon 2026 muss die Stadt sparen, auch im Bereich der Kultur. So fl\u00fcchtig ist dieses grosse Projekt. Im Fr\u00fchjahr protestierten Aktivistinnen gegen die K\u00fcrzungen und besetzten das Schauspielhaus. Eine der grossen Fragen, die man sich in Chemnitz wird stellen m\u00fcssen, ist: Was bleibt von diesem Jahr?<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j2u1v75t3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Doch jetzt, an einem warmen Sommerabend, spielt im Stadthallenpark im Zentrum eine Band jazzige Pop-Musik, Kinder schubsen sich auf der Wiese herum, alte P\u00e4rchen tanzen z\u00f6gerlich. Ein junger Mann mit umgeh\u00e4ngter Sporttasche bleibt stehen, filmt die Szene. Applaus. Der S\u00e4nger ruft ins Mikrofon: \u00abEs regnet nicht, ihr seid da, es ist sch\u00f6n.\u00bb Ein alter Mann l\u00e4uft in Richtung Strassenbahnhaltestelle und sagt zu sich oder vielleicht zur Stadt: \u00abAlso, so schlecht war das heute nicht.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Lichtshow am Kongresszentrum zur Er\u00f6ffnung der Kulturhauptstadt im Januar. 80 000 Menschen kamen.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"6000\" height=\"4000\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Lichtshow am Kongresszentrum zur Er\u00f6ffnung der Kulturhauptstadt im Januar. 80\u00a0000 Menschen kamen. <\/p>\n<p>Sylvio Dittrich \/ Imago<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Elena Oberholzer Als Europas Kulturhauptstadt 2025 will Chemnitz den schlechten Ruf loswerden. 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