{"id":391911,"date":"2025-09-02T20:26:09","date_gmt":"2025-09-02T20:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/391911\/"},"modified":"2025-09-02T20:26:09","modified_gmt":"2025-09-02T20:26:09","slug":"frankreich-mit-wehenden-trikoloren-in-den-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/391911\/","title":{"rendered":"Frankreich: Mit wehenden Trikoloren in den Abgrund"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Paris taz | Die Wetterprognose f\u00fcr Frankreichs Herbst ist schlecht. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Regierungserklaerung-in-Frankreich\/!6062517\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wenn der bisherige Premierminister Fran\u00e7ois Bayrou die von ihm selber gew\u00fcnschte Vertrauensabstimmung am 8. September verliert \u2013 wie dies allgemein erwartet wird \u2013, muss er mitsamt seinen Ministern zur\u00fccktreten<\/a>. Frankreich schlittert mit wehenden Trikoloren in eine weitere Regierungskrise.<\/p>\n<p class=\"Initial paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Parallel dazu w\u00e4chst der Volkszorn, der sich Mitte des Monats in Streiks und Stra\u00dfenblockaden entladen kann. Auf den Netzwerken findet sich eine Bewegung zusammen, die bereits an die Proteste der Gelbwesten vor vier Jahren erinnert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Heisser-Herbst-in-Frankreich\/!6106439\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Niemand wei\u00df, was am 10. September in Frankreich wirklich geschehen wird<\/a>. \u201eDie Mainstreammedien verstehen eh nichts. Aber ich hoffe, dass etwas abgeht\u201c, sagt Maxime Nicolle alias \u201eFly Rider\u201c in den Netzwerken. Er war einer der Wortf\u00fchrer der Gelbwesten-Bewegung von 2018\/19.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Heute will er jedoch lieber keine pers\u00f6nliche Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen, wenn es jetzt zu einer Wutbewegung aus der Provinz kommt. Wer Mitte Juli hinter dem Aufruf \u201eBloquons tout le 10 septembre!\u201c (\u201eBlockieren wir alles am 10. September!\u201c), steht, ist weiterhin unklar. Die Spuren f\u00fchren zu einer nationalistischen Gruppe in Nordfrankreich.<\/p>\n<p>      Angestauter Unmut<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Der Ursprung hat letztlich wenig Bedeutung. Denn der Aufruf zur Revolte hat in den Sommerwochen in ganz unterschiedlichen Kreisen rasch ein wachsendes Echo gefunden. Deren einziger gemeinsamer Nenner ist die Unzufriedenheit oder Wut von Menschen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Sie f\u00fchlen sich \u201evon denen da oben\u201c, den Amtstr\u00e4gern und anderen Repr\u00e4sentanten, verachtet und durch den \u00f6ffentlichen Dienst vernachl\u00e4ssigt. In Frankreich, wo der soziale Dialog noch nie richtig funktioniert hat, braucht es oft nur wenig, um wegen des angestauten Unmuts einen gro\u00dfen Konflikt heraufzubeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Ausl\u00f6ser der Mobilisierung von unten ist dies Mal der Regierungsentwurf f\u00fcr einen Sparhaushalt f\u00fcr 2026. Premierminister Fran\u00e7ois Bayrou sagte seinen Landsleuten unverbl\u00fcmt, da helfe eben nichts. Sie m\u00fcssten den G\u00fcrtel enger schnallen, um eine gravierende Schuldenkrise, wie in Griechenland, zu vermeiden. Wer ohnehin schon finanzielle Engp\u00e4sse hat und den sozialen Abstieg f\u00fcrchten muss, empfindet solche \u00c4u\u00dferungen als provokative Zumutung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">F\u00fcr die Franzosen ist es schlicht grotesk, wenn Bayrou in den Medien seinen voraussehbaren Abgang wie ein pers\u00f6nliches Opfer inszenieren will. In Paris wird nicht diskutiert, ob der Premier verliert oder noch gewinnen kann, sondern nur noch \u00fcber die Kandidaten f\u00fcr seine Nachfolge.<\/p>\n<p>      Keine parlamentarische Mehrheit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"11\">Die meisten Franzosen erwarten indes nichts von einem neuen Regierungschef. Denn dieser wird, wie Bayrou seit Ende 2024 und vor ihm Michel Barnier, keine parlamentarische Mehrheit haben und dem Druck der Oppositionsfraktionen ausgesetzt sein. Rund zwei Drittel der Leute bef\u00fcrworten laut Umfrage des Instituts Toluna-Harris den Aufruf zur Blockade am 10. September, obwohl deren Ziele noch konfus bleiben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"12\">Die \u201eGilets jaunes\u201c hatten einen ganzen Forderungskatalog, als sie Ende 2018 \u00fcberall im Land mit ihren gelben Warnwesten gegen eine sinkende Kaufkraft, h\u00f6here Steuern, die Reduzierung \u00f6ffentlicher Dienstleistungen sowie f\u00fcr unz\u00e4hlige oft lokale Anliegen demonstrierten und Blockaden errichteten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Gebracht hatten die zum Teil gewaltsamen Proteste, die bis 2020 weitergingen, au\u00dfer einer von Emmanuel Macron angeregten landesweiten Alibidebatte und leeren Versprechen jedoch nichts. Zudem hatte die in ihrer Selbstsicherheit ersch\u00fctterte Zentralmacht in Paris zuvor nicht gez\u00f6gert, mit repressiver Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden vorzugehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Geblieben davon ist in den meist au\u00dferhalb der st\u00e4dtischen Zentren lebenden Bev\u00f6lkerungskreisen, die damals den Aufstand probten, Verbitterung und manchmal auch ein Wunsch nach Revanche. Der Aufruf f\u00fcr den 10. September h\u00f6rt sich f\u00fcr sie wie eine Einladung zu einem zweiten Anlauf an.<\/p>\n<p>      Ein Auge verloren<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">\u201eDas ist nicht die Geburt einer Wutbewegung, sondern eine Wiedergeburt\u201c, meint eine andere historische Figur der Gelbwesten, J\u00e9r\u00f4me Rodrigues. Er hat bei einer Kundgebung durch eine Polizeigranate ein Auge verloren und deswegen selber noch eine Rechnung mit der Staatsmacht offen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Andere ehemalige Gelbwesten sagen, ein zweites Mal w\u00fcrden sie sich nicht auf einen Kampf mit pers\u00f6nlichen Opfern einlassen, der dann doch nichts bringe. Zudem kommt unter den Ex-Gelbwesten die Bef\u00fcrchtung auf, dass die Parteien und Gewerkschaften, die sie das letzte Mal im Stich gelassen hatten, gleich von Beginn an die Kon\u00adtrolle \u00fcber die Bewegung \u00fcbernehmen und die Proteste f\u00fcr ihre eigenen Interessen instrumentalisieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Kaum hatte der Blockadeappell in den Netzwerken ein Echo gefunden, sprangen zuerst Linksparteien und dann auch Gewerkschaftsverb\u00e4nde auf den Zug auf, um den Volkszorn zu organisieren und eventuell zu kanalisieren. Vom Linkspopulisten Jean-Luc M\u00e9lenchon bis zu den gem\u00e4\u00dfigteren Sozialisten wollen alle vorab verhindern, dass die Unzufriedenheit den Rechtspopulisten von Marine Le Pen n\u00fctzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">M\u00f6glich also, dass es am 10. September bei einem Strohfeuer bleibt. Oder bricht sich eine grenzenlose Wut Bahn, die erhitzten Gem\u00fctern als Ventil dient, um Druck abzulassen? Ersteres scheint die Hoffnung des Noch-Regierungschefs zu sein, dessen Popularit\u00e4tswerte einen Tiefpunkt erreicht haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"20\">Bayrou dramatisiert die Lage, er setzt darauf, dass eine drohende Regierungskrise seinen Gegnern Angst macht. In den Medien zirkuliert das Ger\u00fccht, prorussische Influencer w\u00fcrden mit dem 10. September-Aufruf gezielt gegen die franz\u00f6sische Staatsf\u00fchrung agitieren. Bayrou selber spielt die Karte \u201eIch oder das Chaos\u201c aus.<\/p>\n<p>      Paris mit schlechtem Image<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">Die Perspektive, dass Frankreich in diesen ohnehin schon bewegten und gef\u00e4hrlichen Zeiten m\u00f6glicherweise w\u00e4hrend Wochen ohne Regierung und ohne Staatshaushalt dasteht, ist ungem\u00fctlich. Wirtschaftskreise werden nerv\u00f6s. Ohnehin verschlechtert sich das Image von Paris auf den Finanzm\u00e4rkten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"23\">Inzwischen bezahlt Frankreich f\u00fcr neue Anleihen mehr an Zinsen als Spanien und Italien. Der Schuldendienst wird zum wichtigsten Ausgabenposten im Staatshaushalt, vor Erziehung und Verteidigung. Die Schuldenspirale, von der Bayrou bei seiner letzten Moralpredigt an die Nation zur Verteidigung seines Sparhaushalts gesprochen hatte, dreht sich bereits.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"24\">Die Menschen, die in unterschiedlicher Weise am 10. September und vermutlich in den Tagen danach gegen Bayrou und Macron demonstrieren, wollen nicht akzeptieren, dass immer sie es sein sollen, die Opfer bringen m\u00fcssen, w\u00e4hrend wirklich Privilegierte weiter geschont werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"25\">Das scheint die gemeinsame Botschaft zu sein. Und da Bayrou an seinen Sparpl\u00e4ne nichts Wesentliches \u00e4ndern will, fordern die \u201eSansculotten\u201c des Jahres 2025 seinen Kopf, respektive seine Absetzung. Dem kommt die Vertrauensabstimmung am 8. September wie ein politisches Fallbeil nur zuvor. Geregelt ist damit jedoch noch \u00fcberhaupt nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Paris taz | Die Wetterprognose f\u00fcr Frankreichs Herbst ist schlecht. 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