{"id":393147,"date":"2025-09-03T08:20:12","date_gmt":"2025-09-03T08:20:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/393147\/"},"modified":"2025-09-03T08:20:12","modified_gmt":"2025-09-03T08:20:12","slug":"die-passantin-von-nina-george","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/393147\/","title":{"rendered":"\u201eDie Passantin&#8220; von Nina George"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"article_excerpt\">Nina George fragt in \u201eDie Passantin\u201c: Muss eine Frau erst f\u00fcr tot erkl\u00e4rt werden, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entkommen und zu sich selbst zu finden?<\/p>\n<p>Barcelona, 2015: Die ber\u00fchmte franz\u00f6sische Schauspielerin Jeanne Patou entscheidet sich im letzten Moment dazu, nicht in die Maschine des Germanwings-Flug 9525 nach D\u00fcsseldorf einzusteigen. Eingecheckt betritt sie nicht das Flugzeug, sondern durch einen ungesicherten Durchgang das Rollfeld, eine Baustelle \u2013 und dann wieder das Terminal. Wieso, das wei\u00df sie auch nicht so genau \u2013 doch daf\u00fcr wei\u00df sie als einzige, dass sie niemals in jenes Flugzeug gestiegen ist, das nur kurze Zeit sp\u00e4ter in den s\u00fcdfranz\u00f6sischen Alpen abst\u00fcrzt. Alle 144 Passagier:innen werden f\u00fcr tot erkl\u00e4rt \u2013 inklusive der Ikone Jeanne Patou.<\/p>\n<p>Nina George: Die Passantin<\/p>\n<p>Kein &amp; Aber, 2025, 320 S., 26 Euro<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Jeanne sieht die Nachricht ihres Todes auf dem Bildschirm einer Bar in Barcelona und ist zun\u00e4chst schockiert, verwirrt \u2013 und alles andere als tot. Doch anstatt das Missverst\u00e4ndnis aufzukl\u00e4ren und der Welt \u2013 allen voran ihren beiden T\u00f6chtern und ihrem Mann Bernard \u2013 ein Lebenszeichen zu geben, beschlie\u00dft Jeanne, tot zu bleiben. Oder ist es gerade ihre von emotionalem und sexuellem Missbrauch gepr\u00e4gte Ehe mit Bernard, die sie dazu bringt, diese Gelegenheit der endg\u00fcltigen Flucht zu ergreifen?<\/p>\n<p>Jeanne f\u00fchlt sich in ihrer Haut fremd \u2013 und nutzt die Gelegenheit, ihrem einengenden Leben zu entfliehen<\/p>\n<p>Die alte Jeanne hat ein fremdbestimmtes Leben gef\u00fchrt: Definiert durch ein Leben in der \u00d6ffentlichkeit, gepr\u00e4gt von sexistischen Anforderungen an sie als Schauspielerin, Promi, Mutter, Frau. Bestimmt durch ihren Mann, der sie immer wieder erniedrigt und sexuell missbraucht hat.<\/p>\n<p>\u201eEr ist der Sendemast. Ich die Satellitenantenne, die in Zeit und Raum hineinlauschte. Immer bereit, etwas zu tun oder zu lassen, damit es ihm gut ging.\u201c<\/p>\n<p>Jeanne sehnt sich verzweifelt nach Anerkennung und Zuneigung \u2013 doch sp\u00e4testens als sie erf\u00e4hrt, dass ihr Mann Bernard den ehelichen Sex \u00fcber Jahre hinweg gefilmt und gegen Geld verkauft hat, gibt sie diesen Wunsch auf. Mittlerweile hat sie sich jedoch so weit von sich selbst entfernt und (zum Selbstschutz?) eine Art resignierte Gleichg\u00fcltigkeit entwickelt, dass ihr diese Frau auf den Videos fremd vorkommt.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es mir angew\u00f6hnt, \u00fcber ich als ,Jeanne\u2018 zu denken. Ich ist eine andere. Es ist, als beobachtete ich Jeanne von jenseits der Haut, die wir uns teilen. (\u2026) wir reden nicht miteinander, schon lange nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>In der Unsichtbarkeit erfindet sich Jeanne neu und lebt in einem Haus voller Frauen, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten \u2013 lediglich die tiefe Abneigung gegen M\u00e4nner, die sie missbraucht, misshandelt und wegen ihres Geschlechts erniedrigt haben, ist ihnen gemein. Jeanne, die es als (t\u00e4gliche) Schauspielerin gewohnt ist, ihrem K\u00f6rper zu entschl\u00fcpfen, nimmt immer wieder neue Identit\u00e4ten an, um nicht erkannt zu werden \u2013 und ist dennoch stets auf der Suche nach ihrer wahren Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Jeanne stirbt, w\u00e4hrend Alva wieder erwacht \u2013 und aus freiem Willen wieder in die Realit\u00e4t zur\u00fcckkehrt<\/p>\n<p>Nach vier toten Jahren trifft Jeanne dann pl\u00f6tzlich auf ihren Mann, an seiner Seite eine Frau, die Jeanne beinahe erschreckend \u00e4hnlich sieht. Er erkennt Jeanne und bittet sie zur\u00fcckzukommen. Doch Jeanne ist nicht mehr Jeanne, sondern Alva \u2013 ihr geb\u00fcrtiger Vorname steht hier symbolisch f\u00fcr die Person, die sie war, bevor Bernhard und die Gesellschaft sie zu Jeanne gemacht haben. Denn Alva hat genug davon, sich den sexuellen Neigungen ihres Mannes zu beugen. Genug davon, st\u00e4ndig nach dem europ\u00e4ischen weiblichen Sch\u00f6nheitsideal zu streben. Genug davon, als Frau nicht ernst genommen zu werden. Aber eben auch genug davon, auf der Flucht zu sein. Genug vom Totsein. Also kehrt sie in die Realit\u00e4t zur\u00fcck \u00ad \u2013 jedoch ist es dieses Mal ihre freie Entscheidung und nicht jene von Jeanne oder gar Bernard.<\/p>\n<p>\u201eDie Passantin\u201c \u2013 Ein Weckruf der Autorin <a href=\"https:\/\/kulturnews.de\/kuenstler\/nina-george\/\" title=\"Nina George\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nina George<\/a>?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturnews.de\/kuenstler\/nina-george\/\" title=\"Nina George\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nina George<\/a> hat ein absolutes Meisterwerk geschaffen und sich dabei eines Gedankenspiels bedient, das viele Menschen, wahrscheinlich insbesondere Frauen schon durchspielt haben. Was w\u00e4re, wenn \u2026 niemand dir mehr vorschreiben w\u00fcrde, was du tragen solltest? \u2026 niemand mehr irgendetwas von dir einfordern w\u00fcrde? \u2026 niemand mehr seine Bed\u00fcrfnisse \u00fcber deine stellen w\u00fcrde? \u2026 du ein Leben h\u00e4ttest, in welchem patriarchale Strukturen, Misogynie und Machtgef\u00e4lle schlichtweg nicht existieren \u2013 sei es, weil du selbst nicht existierst?<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Was-w\u00e4re-Wenn findet <a href=\"https:\/\/kulturnews.de\/kuenstler\/nina-george\/\" title=\"Nina George\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nina George<\/a> unglaublich starke und klare Worte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nina George fragt in \u201eDie Passantin\u201c: Muss eine Frau erst f\u00fcr tot erkl\u00e4rt werden, um gesellschaftlichen Erwartungen zu&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":393148,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-393147","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115139393912303514","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=393147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393147\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/393148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=393147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=393147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=393147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}