{"id":396784,"date":"2025-09-04T17:51:16","date_gmt":"2025-09-04T17:51:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/396784\/"},"modified":"2025-09-04T17:51:16","modified_gmt":"2025-09-04T17:51:16","slug":"frankreichs-spiel-mit-dem-feuer-dw-04-09-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/396784\/","title":{"rendered":"Frankreichs Spiel mit dem Feuer \u2013 DW \u2013 04.09.2025"},"content":{"rendered":"<p>Kaum jemand zweifelt daran, dass Premierminister Fran\u00e7ois Bayrou die Vertrauensabstimmung am Montag (8. September) im franz\u00f6sischen Parlament verlieren wird. Denn f\u00fcr seine <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/frankreich-premier-fran\u00e7ois-bayrou-vertrauensfrage-streit-um-haushalt-m\u00f6gliche-neuwahlen-macron\/a-73772414\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pl\u00e4ne, mit Budgetk\u00fcrzungen die franz\u00f6sischen Staatsschulden in den Griff zu bekommen<\/a>, fehlt ihm die Mehrheit.<\/p>\n<p>Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Ob es zu Neuwahlen kommt, wie von der rechten Partei Rassemblement National gefordert oder Pr\u00e4sident Emmanuel Macron eine neue Minderheitsregierung installieren kann, ist die politische Dimension der Krise. Bei den wirtschaftlichen Folgen geht es ums Geld und um <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/frankreich\/t-17518447\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankreichs<\/a> gigantischen Schuldenberg. Kein EU-Staat ist nach absoluten Zahlen so hoch verschuldet wie das von Pr\u00e4sident <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/emmanuel-macron\/t-38664576\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Emmanuel Macron<\/a>\u00a0gef\u00fchrte Land. Die Staatsverschuldung ist mittlerweile auf \u00fcber 3,35 Billionen Euro angewachsen, was etwa 114\u00a0Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Und die Schuldenquote steigt weiter an: Experten haben hochgerechnet, dass sie bis 2030 auf mehr als 125 Prozent des BIP klettern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Schuldenk\u00f6nig der EU<\/p>\n<p>Frankreich ist so hoch verschuldet, dass es in der EU nur noch von Griechenland und Italien \u00fcbertroffen wird. Mit einem Wert von 5,4 bis 5,8 Prozent des BIP ist die Regierung in <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/paris\/t-18879374\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Paris<\/a>\u00a0auch f\u00fcr das h\u00f6chste Haushaltsdefizit in der EU verantwortlich.<\/p>\n<p>Um auf das EU-konforme Defizit-Ziel von drei Prozent zu kommen, muss also kr\u00e4ftig gespart werden. Und weil das politisch nicht durchgesetzt werden kann, reagieren die Finanzm\u00e4rkte mit Risikoaufschl\u00e4gen auf franz\u00f6sische Staatsanleihen. Zum Teil musste gegen\u00fcber den als besonders sicher angesehenen deutschen Staatsanleihen ein so hoher Aufschlag (der so genannte Spread) gezahlt werden wie zuletzt vor mehr als 16 Jahren. Das hei\u00dft, f\u00fcr deutsche Staatsanleihen mit zehnj\u00e4hriger Laufzeit sind nur etwa 2,7 Prozent Zinsen f\u00e4llig, f\u00fcr franz\u00f6sische sind es um die 3,5 Prozent.<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir uns also Sorgen um den <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/euro-krise\/t-17997229\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Euro<\/a> machen, wenn die Finanzen der zweitgr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der EU aus dem Ruder laufen? &#8222;Ja, wir sollten uns Sorgen machen. Die Eurozone ist an dieser Stelle nicht stabil&#8220;, sagt Friedrich Heinemann im Interview mit der DW.<\/p>\n<p>&#8222;Ich mache mir jetzt keine Sorgen vor einer kurzfristigen neuen Schuldenkrise in den kommenden Monaten. Aber man muss nat\u00fcrlich fragen, wo das hinf\u00fchrt, wenn ein gro\u00dfes Land wie Frankreich, das schon in den letzten Jahren eine st\u00e4ndig steigende Schuldenquote hatte, sich jetzt politisch weiter destabilisiert&#8220;, unterstreicht der \u00d6konom vom Mannheimer ZEW, dem Leibniz-Zentrum f\u00fcr europ\u00e4ische Wirtschaftsforschung.\u00a0<\/p>\n<p>Auch viele andere L\u00e4nder machen historisch hohe Schulden und m\u00fcssen sich \u00fcber die Kapitalm\u00e4rkte Milliardensummen beschaffen. Im Herbst werfen andere gro\u00dfe Wirtschaftsnationen wie <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/deutschland\/t-18507022\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a>, <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/japan\/t-17412625\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Japan<\/a> und die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/vereinigte-staaten-von-amerika-usa\/t-17286012\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">USA<\/a> Anleihen auf den Markt und auch das ist ein Grund, warum die Anleihem\u00e4rkte \u00e4u\u00dferst angespannt sind.\u00a0<\/p>\n<p>&#8222;Dass die Anleihem\u00e4rkte nicht noch nerv\u00f6ser sind, also die Zinsaufschl\u00e4ge f\u00fcr Frankreich nicht noch weiter steigen, liegt vor allem an der Hoffnung, die Europ\u00e4ische Zentralbank werde dann zweifelsfrei franz\u00f6sische Staatsanleihen zur Stabilisierung aufkaufen&#8220;, erkl\u00e4rt Heinemann. &#8222;Aber diese Hoffnung k\u00f6nnte tr\u00fcgen, denn die EZB muss aufpassen, dass sie ihre Glaubw\u00fcrdigkeit an der Stelle nicht besch\u00e4digt.&#8220;<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"70790063\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/70790063_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Euro-Skulptur vor dem EZB-Geb\u00e4ude in Frankfurt\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Frankreichs Schuldenkrise: Wann greift die EZB ein? Bild: Daniel Kalker\/picture alliance <\/p>\n<p>Es ist ein altbekanntes Problem: Immer wenn gespart werden soll oder Reformen anstehen, schreien linke wie rechte Parteien in Frankreich Zeter und Mordio und mobilisieren ihre Anh\u00e4nger. Schon f\u00fcr den 10. September, zwei Tage nach dem Misstrauensvotum im Parlament, haben die Gewerkschaften zum Generalstreik aufgerufen. Erinnerungen an die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/gelbwesten\/t-46573256\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gelbwesten<\/a> werden lebendig, die im Herbst 2018 Frankreich lahm gelegt hatten. Ausl\u00f6ser damals: Die Erh\u00f6hung der Steuern auf Diesel und Benzin, mit der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/macrons-gelbwesten-beruhigung-kostet-milliarden\/a-46675662\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pr\u00e4sident Macron die gr\u00fcne Transformation voranbringen wollte<\/a>.<\/p>\n<p>EU-Kommission und EZB in der Zwickm\u00fchle<\/p>\n<p>&#8222;Die Europ\u00e4ische Kommission hat das Problem mit verschuldet. Sie hat bei Frankreich immer wieder ein Auge zugedr\u00fcckt, auch beide Augen zugedr\u00fcckt. Das waren politische Kompromisse aus Sorge, dass man sonst den Populisten Auftrieb gibt&#8220;, bringt es \u00d6konom Heinemann auf den Punkt.<\/p>\n<p>Schon jetzt muss Frankreich 67 Milliarden Euro im Jahr nur f\u00fcr seine Zinsen aufbringen &#8211; Geld, das an anderer Stelle fehlt. Und das Land ist unter Zugzwang, weil es sich gegen\u00fcber der EU zur schrittweisen Reduzierung seines hohen Defizits verpflichtet hat. Die Absprache mit der EU hat aber einen Haken: Sie wurde mit Fran\u00e7ois Bayrou vereinbart, dem bislang amtierenden Regierungschef ohne Mehrheit.<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt haben wir das Problem: Frankreich hat einen gro\u00dfen Teil seines fiskalischen Spielraums schon aufgebraucht. Da ist Deutschland in einer viel besseren Situation und hat noch viel Spielraum. Frankreich dagegen nicht&#8220;, sagt Heinemann.<\/p>\n<p>Riesiger Reformstau<\/p>\n<p>Frankreich brauche genau wie Deutschland umfassende Sozialstaatsreformen und m\u00fcsse die Staatsausgaben zur\u00fcckfahren. Die Alternative w\u00e4ren Steuererh\u00f6hungen &#8211; in einem Land, das seinen B\u00fcrgern und Unternehmen schon jetzt sehr hohe Steuern abverlangt, so Heinemann.<\/p>\n<p>Er ist beim Blick auf die Politik in Frankreich skeptisch, dass es zu einem parteien\u00fcbergreifenden Konsens beim Abbau von Schulden und Staatsausgaben kommt: &#8222;Weil jetzt die Populisten links und rechts des Spektrums gewinnen, sehe ich das nicht. Ich sehe da keinen Lerneffekt, die Mitte schwindet dagegen dahin. Daher bin ich im Falle Frankreichs pessimistisch und sehe auch keine L\u00f6sung.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr Andrew Kenningham, Chefvolkswirt f\u00fcr Europa beim Londoner Analysehaus Capital Economics, sind die Gefahren f\u00fcr die Finanzm\u00e4rkte (noch) \u00fcberschaubar. &#8222;Vorl\u00e4ufig scheinen sich die Probleme weitgehend auf Frankreich selbst zu beschr\u00e4nken, zumindest unter der Voraussetzung, dass das Ausma\u00df des franz\u00f6sischen Problems nicht zu gro\u00df wird.&#8220;<\/p>\n<p>Allerdings gebe es plausible Szenarien, in denen es in Frankreich zu einer viel gr\u00f6\u00dferen Krise kommt und damit steige das Risiko, dass sich die Krise ausweitet. &#8222;Schlie\u00dflich ist Frankreich die zweitgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft in der Eurozone mit bedeutenden Handels- und Finanzbeziehungen zu seinen Nachbarn und ist politisch eine f\u00fchrende EU-Macht&#8220;, betont Kenningham. Eine Krise in Frankreich k\u00f6nnte damit die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/droht-die-r\u00fcckkehr-der-euro-krise\/a-69485692\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Lebensf\u00e4higkeit des gesamten &#8222;europ\u00e4ischen Projekts&#8220; in Frage<\/a> stellen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"70837533\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/70837533_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Bauern demonstrieren gegen das EU-Mercosur-Abkommen in der Stadt Limoges\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Enormes Protestpotential: &#8222;Wenn Mercosur verabschiedet wird, gibt es \u00c4rger&#8220;, lautet diese Drohung franz\u00f6sischer Bauern Bild: Stephane Mahe\/REUTERS<\/p>\n<p>&#8222;Wir glauben nicht, dass eine Krise dieses Ausma\u00dfes in den n\u00e4chsten ein bis zwei Jahren zu erwarten ist. Aber wenn es dazu k\u00e4me, k\u00f6nnte die Ansteckung zu einem viel gr\u00f6\u00dferen Risiko werden &#8211; und zwar eines, dem sich die EZB stellen m\u00fcsste&#8220;.<\/p>\n<p>Kein gutes Omen f\u00fcr Handelsstreit mit den USA<\/p>\n<p>Die Krise in Frankreich kommt zur Unzeit, denn die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/digitale-steuern-erschweren-handelsgespr\u00e4che-zwischen-usa-und-eu\/a-73846055\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Handelsgespr\u00e4che der EU mit den USA sind noch immer nicht ganz abgeschlossen<\/a>. Etwa, wenn es um die Besteuerung von US-Tech-Konzernen durch einzelne L\u00e4nder wie Frankreich geht. Es ist ziemlich schlechtes Timing, dass sich die EU ausgerechnet jetzt durch ihre zweitgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft schw\u00e4cht, die praktisch unregierbar geworden ist.<\/p>\n<p>&#8222;Frankreich hat ja ohnehin protektionistische Tendenzen, sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite des Spektrums. Da sind viele im Grunde in der Handelspolitik vollkommen mit Trump d&#8217;accord&#8220;, unterstreicht Heinemann. Da denken viele: Wir brauchen mehr Protektion, h\u00f6here Z\u00f6lle, wir sollten den europ\u00e4ischen Markt und am besten Frankreich noch viel st\u00e4rker abschotten.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr Heinemann sind viele Akteure in Frankreich regelrechte Trumpisten, besonders bei der politischen Linken und der politischen Rechten. &#8222;Die k\u00f6nnten den Druck auf die EU-Kommission erh\u00f6hen und auf Trumps Z\u00f6lle jetzt mit europ\u00e4ischen Z\u00f6llen reagieren&#8220;, gibt der Mannheimer \u00d6konom zu bedenken. &#8222;Dann w\u00e4chst die Gefahr eines echten Handelskrieges.&#8220;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kaum jemand zweifelt daran, dass Premierminister Fran\u00e7ois Bayrou die Vertrauensabstimmung am Montag (8. September) im franz\u00f6sischen Parlament verlieren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":396785,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,663,158,3934,3935,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-396784","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europaeische-union","13":"tag-europe","14":"tag-european-union","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115147301867239190","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/396784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=396784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/396784\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/396785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=396784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=396784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=396784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}