{"id":397115,"date":"2025-09-04T20:58:22","date_gmt":"2025-09-04T20:58:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/397115\/"},"modified":"2025-09-04T20:58:22","modified_gmt":"2025-09-04T20:58:22","slug":"vulkanwein-lava-im-glas-sz-magazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/397115\/","title":{"rendered":"Vulkanwein: Lava im Glas &#8211; SZ Magazin"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph text__normal paragraph--dropcap\">Seit ich trinken kann, ist mein zweiter Vorname \u00bbWei\u00dfwein\u00ab, das hat vermutlich mit obskuren famili\u00e4ren Wurzeln zu tun, einem Gro\u00dfvater aus dem Rheingau, einem Vater aus Franken, einer Mutter aus der Hamburger Boh\u00e8me, aber nur weil ich zu Beginn meiner Adoleszenz noch alles trank, was sich aus wei\u00df und Wein zusammensetzte, hei\u00dft das nicht, dass ich nicht inzwischen w\u00fcsste, was ein richtig guter Wei\u00dfwein ist. <\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Bis in meine fr\u00fchen Drei\u00dfiger hinein hatte der Wei\u00dfwein meiner Wahl aus Frankreich zu kommen, irgendwas mit Loire oder Cha\u00adblis, aber dann hielt ich mich mit drei Freundinnen in Kampanien auf, und der stramme, italienische Kellner, der uns gerade noch jung genug fand, um mit einer nach der anderen heftig zu flirten, servierte zu den Spaghetti allo Scoglio einen \u00bbGreco di Tuffo\u00ab. Den ersten Schluck werde ich nie vergessen, es war, als m\u00fcsste ich den Wein kauen. Wir fachsimpelten uns durch das Abendessen und ein bisschen auch durch den Keller, am Ende hatten wir vor allem dank unseres kristallklaren Verstandes herausgefunden, woher die Kraft dieses Weines kam \u2013 wom\u00f6glich daher, dass er auf dem Tuffstein der Umgebung gewachsen war, und die Umgebung hie\u00df \u00bbVesuv\u00ab. Seitdem bestehe ich auf dem Qualit\u00e4tsmerkmal \u00bbmineralisch\u00ab bei Wei\u00dfwein, was in meinem Kopf so viel hei\u00dft wie \u00bbauf steinigem, dunklen Boden gewachsen\u00ab, oder auch: Schenk mir das Gef\u00fchl ein, uralte Vulkane durch den Kern meiner Existenz flie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Ich bin mit diesem Gef\u00fchl offenbar nicht allein. Vor ein paar Wochen begab es sich, dass ich am Samstag auf dem Aschaffenburger Wochenmarkt war. Aschaffenburg, am Fu\u00dfe des Spessarts und am Main gelegen, ist die ehemalige Sommerresidenz der Mainzer Kurf\u00fcrsten, im Herzen also tiefstes Rheingau, und auf dem Wochenmarkt wird selbstverst\u00e4ndlich Riesling ausgeschenkt. Mein Begleiter und ich beschlossen, uns trotz der fr\u00fchen Tageszeit zwei Gl\u00e4schen zu genehmigen. Mit jenen Gl\u00e4schen in der Hand spazierten wir an zwei jungen Damen vorbei, die ebenfalls zwei Gl\u00e4ser in der Hand hatten, jedoch mit bonbonfarbenem Ros\u00e9, und die eine zur anderen: \u00bbIsch merk de Woi gar nett.\u00ab<\/p>\n<p>Meistgelesen diese Woche:<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Was f\u00fcr eine Anklage, nicht nur an den Wein, sondern ans ganze Leben \u2013 ist es denn schon so sp\u00e4t am Tag, hab ich zu viel gefr\u00fchst\u00fcckt, wo sind hier die Wirkungstreffer, ich hab doch etwas ganz anderes erwartet, wer bin ich eigentlich? Ich musste mir auf die Zunge bei\u00dfen, um mich nicht einzumischen und zu sagen: Wenn ihr den Wein wirklich merken wollt, solltet ihr in unseren Gefilden einfach beim Riesling bleiben, ihr Ros\u00e9-Opfer.<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Der beste Riesling w\u00e4chst nat\u00fcrlich an der Mosel, und was w\u00e4re ich f\u00fcr eine Getr\u00e4nkekolumnistin, w\u00fcrde ich nach so einem zuf\u00e4llig aufgeschnappten Satz nicht direkt dorthin fahren. Recherche-Barbie also live an der Mosel, am Ufer und in der untergehenden Sonne, in der Strau\u00dfwirtschaft eines x-beliebigen Mosel-Weinguts, Schw\u00e4ne anbei. Das Glas Riesling in meiner Hand kommt aus einer Steillage, ein schn\u00f6rkelloser Geselle, aber mit Bumms, da klammern sich die Reben teilweise seit Jahrzehnten in den hohen, steilen Schiefer\u00adboden, der f\u00fcr eine Geologie-Idiotin wie mich auch irgendwie als vulkanisch durchgeht, der die W\u00e4rme speichert und die komplette Geschichte einer der Natur abgetrotzten Kulturlandschaft. Das ist ein Wei\u00dfwein, der Eier hat. Um diese Trauben zu ernten, muss man sich anstrengen am Berg. Der Riesling ist nicht mal einer der besten, meine Lieblinge gibt es ein St\u00fcck die Stra\u00dfe hoch bei Kallfelz und ein paar Kilometer die Mosel runter bei den Amlingers, aber auch der hier kracht im Mund, er ist so spritzig, dass ich gar nicht anders kann, als die Lippen zu sch\u00fcrzen und alles zu merken und zu f\u00fchlen, was um mich herum lebt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit ich trinken kann, ist mein zweiter Vorname \u00bbWei\u00dfwein\u00ab, das hat vermutlich mit obskuren famili\u00e4ren Wurzeln zu tun,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":397116,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[3364,29,3688,4974,30,99627,1209],"class_list":{"0":"post-397115","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-essen","11":"tag-essen-und-trinken","12":"tag-germany","13":"tag-getraenkekolumne","14":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115148036991384401","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/397115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=397115"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/397115\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/397116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=397115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=397115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=397115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}