{"id":397892,"date":"2025-09-05T04:31:11","date_gmt":"2025-09-05T04:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/397892\/"},"modified":"2025-09-05T04:31:11","modified_gmt":"2025-09-05T04:31:11","slug":"es-ist-kompliziert-israeli-zu-sein-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/397892\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist kompliziert, Israeli zu sein\u201c \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Sarah Levy schreibt \u00fcber ihr Leben in Israel als neu Eingewanderte. In ihrem Buch \u201eKein anderes Land\u201c reflektiert sie \u00fcber eine Gesellschaft, die vor lauter Traumata immer radikaler wird \u2013 und es liberalen Stimmen zunehmend schwer macht<\/p>\n<p>        \u201eMeine gr\u00f6\u00dfte Angst ist, dass das Radikale hier gewinnt.\u201c Israelis blicken von einer Plattform aus Richtung Gaza, Juli 2025<\/p>\n<p>Foto: Lucien Lung\/Riva Press\/laif<\/p>\n<p>Vor sechs Jahren machte Sarah Levy \u201eAliyah\u201c: Sie wanderte als J\u00fcdin nach <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/israel\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Israel<\/a> aus. Ihre Erfahrungen als Neueinwanderin verarbeitete sie im Buch <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/sarah-levy-fuenf-woerter-fuer-sehnsucht-9783499006371\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">F\u00fcnf W\u00f6rter f\u00fcr Sehnsucht<\/a> (Rowohlt 2022). Im Sommer 2023 fing sie wieder an zu schreiben: \u00fcber ihr Land, das gerade dabei war, im <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/in-eigener-sache-esther-hayut-muss-eine-historische-entscheidung-treffen\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Konflikt \u00fcber eine Justizreform<\/a> zu zerrei\u00dfen. Dann kam der \u00dcberfall der Hamas auf Israel vom <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/7-oktober\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">7. Oktober<\/a> \u2013 und der seither andauernde <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/nahostkonflikt\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Krieg<\/a>. Ihre Erlebnisse der vergangenen zwei Jahre hat Sarah Levy wieder in einem Buch verarbeitet: <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/sarah-levy-kein-anderes-land-9783498007782\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Kein anderes Land<\/a> (Rowohlt 2025, 336 S., 24 \u20ac).<\/p>\n<p class=\"interview-question\">der Freitag: Frau Levy, es gibt einen Satz in Ihrem Buch, der sich mir eingepr\u00e4gt hat: \u201eDieselbe Armee, die mich, mein Kind, meinen Partner sch\u00fctzt, ist die Armee, die innerhalb k\u00fcrzester Zeit Zehntausende Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet hat.\u201c Wie h\u00e4lt man diese Gleichzeitigkeit aus?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\"><strong>Sarah Levy:<\/strong> Das ist tats\u00e4chlich etwas, was ich in Israel gelernt habe. Als ich 2019 <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/glossar\/alija\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Aliyah<\/a> machte, verschwendete ich ehrlicherweise wenig Gedanken an die Besatzung. Ich hatte zuvor zwei politische Reisen durch das Westjordanland gemacht, aber was <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/maxi-leinkauf\/deutsch-palaestinenserin-ich-moechte-einen-anderen-blick\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">die Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser im Alltag<\/a> bedeutet, verstand ich erst, als mein Hebr\u00e4isch besser wurde und ich die israelischen Nachrichten verstand \u2013 auch die, die nicht im Fernsehen gezeigt werden. Und ich begann zu verstehen, was f\u00fcr eine extreme Gehirnakrobatik es ist, als Israeli damit zu leben.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">In Ihrem Buch suchen Sie genau dar\u00fcber oft das Gespr\u00e4ch mit Ihren Freunden und Verwandten.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Es gibt ein Gespr\u00e4ch mit meiner israelischen Schwiegermutter, wo sie sagt, es geschieht ihnen recht, was in Gaza passiert. Ich finde das menschenverachtend, und daf\u00fcr kann ich sie verurteilen. Aber ich kann sie nicht daf\u00fcr verurteilen, die Hoffnung verloren zu haben. Das ist der Konflikt hier: Man hat die Erfahrungen der Menschen der vergangenen Jahrzehnte und gleichzeitig das, was die Armee anderen Menschen antut. Es ist eine Gleichzeitigkeit, die man oft nur mit blinden Flecken aushalten kann.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Was bedeutet das f\u00fcr das Land?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Die israelische Gesellschaft hat sich nie entschieden, <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/izpb\/israel-336\/268906\/juedisch-und-demokratisch-religion-und-staat-in-israel\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">sind wir ein demokratischer Staat oder ein j\u00fcdischer?<\/a> Diese Widerspr\u00fcche finde ich in den Identit\u00e4ten j\u00fcdischer Israelis, die mich umgeben. Viele haben das Gef\u00fchl, sie m\u00fcssten sich entscheiden, wie j\u00fcdisch bin ich, wie sehr bin ich Israeli? Wie wichtig ist es mir, mit meinen arabischen Nachbarn zusammenzuleben? Diese zwei Identit\u00e4ten widersprechen sich oft. Es ist kompliziert, Israeli zu sein. Und mit einer <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lfb\/israelische-autorin-lee-yaron-je-laenger-der-krieg-desto-besser-fuer-netanjahu\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Regierung wie der Netanjahus<\/a>, die nicht f\u00fcr Dialog ist, ist es noch viel schwieriger.<\/p>\n<blockquote class=\"bo-quote\">\n<p>Ich kann als neu Eingewanderte viele Traumata nicht nachempfinden, die meine Schwiegermutter zum Beispiel hat.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview-question\">Sie sagen, Sie haben in Israel gelernt, diese Komplexit\u00e4t auszuhalten. Aber vielen Israelis scheint das schwerzufallen. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Die meisten meiner Freunde waren in der Armee, ich nicht. Vielleicht war der erste Kontakt, den sie mit Arabern hatten, an einem Checkpoint. Als 19-j\u00e4hriger Mensch. Dieses Machtgef\u00e4lle pr\u00e4gt. Und das f\u00fchrt wom\u00f6glich dazu, Dinge zu akzeptieren, die nicht in Ordnung sind. Ich will das nicht entschuldigen, aber so ist die Gesellschaft hier gebaut. Manche Freunde sagen, die Armee sei die pr\u00e4gendste Zeit ihres Lebens gewesen. Kritik an der Armee ist unheimlich schwer \u2013 nat\u00fcrlich auch, weil jeder jemanden hat, der gerade sein Leben riskiert, um andere zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Also macht man einfach dicht?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Viele schauen keine Nachrichten mehr, oder nur jene, die diese Dissonanz nicht st\u00f6ren. Der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/israel-siedler-gaza-geschichte-100.html\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Terror von Siedlern<\/a>, Bilder <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/dorian-baganz\/corinne-fleischer-uno-unsere-nahrungsmittel-fallen-nicht-in-haende-der-hamas\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">hungernder Kinder in Gaza<\/a>, das schauen sie sich nicht an oder akzeptieren es als unab\u00e4nderlich. Manche sagen, ich mache mir genug Sorgen um meinen Mann, der in Gaza k\u00e4mpft, ich kann nicht noch das gro\u00dfe Ganze sehen. Mit dieser \u00dcberforderung spielen auch Politiker. Dass die Menschen irgendwann emotional abschalten, nur noch auf ihren eigenen Mikrokosmos gucken: Geht es mir gut, dann nehme ich eine Mauer in Kauf, die mich von den Arabern trennt. Und die Mauer kann im Kopf sein, oder eine richtige Grenzmauer.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Die Menschen in Ihrem Buch entgegnen dann: Wir haben so viel durchgemacht, wir haben den Pal\u00e4stinensern so viel angeboten, und <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lfb\/nahostkonflikt-gestern-und-heute-woher-die-gewalt-kommt\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">die Antwort war immer nur Terror<\/a>. Sie haben aufgegeben.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Absolut. Ich kann als neu Eingewanderte viele Traumata nicht nachempfinden, die meine Schwiegermutter zum Beispiel hat. Ich hatte nie Angst, dass meine Eltern nicht mehr heil nach Hause kommen. Ich musste nie mit drei Kindern allein zu Hause die Ritzen an den Fenstern mit Klebstoff oder Kaugummi zukleben, weil ich Angst vor einem Gasangriff hatte, <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/wissen\/archivradio\/irak-bombiert-israel-israel-verzichtet-auf-gegenschlag-100.html\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">wie im Zweiten Golfkrieg<\/a>. Das hei\u00dft, ich habe einen anderen Blick, der es mir erlaubt, an Punkten kritisch zu sein, die f\u00fcr andere Israelis emotional gar nicht m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Sie schreiben \u00fcber die Menschen in Ihrem direkten Umfeld. Wie sind die damit umgegangen, dass sie immer damit rechnen mussten, alles, was sie sagen, k\u00f6nnte im Buch landen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Teilweise haben wir Situationen in der Familie so verarbeitet. Als mein Schwager mich in der Familien-Whatsapp-Gruppe eine Verr\u00e4terin genannt hat, hat seine Frau mich angerufen und sich f\u00fcr ihn entschuldigt. Sie sagte, der 7. Oktober habe ihn ver\u00e4ndert. Sie sagte: Versuch, das irgendwie f\u00fcr dich zu verarbeiten, nimm es in dein Buch auf, schreib einen Artikel dr\u00fcber, mach etwas daraus. Und bei dem Kapitel \u00fcber meine Schwiegermutter sa\u00df ich am Computer und sagte ihr, ich schreibe das jetzt mit.<\/p>\n<blockquote class=\"bo-quote\">\n<p>Heute ist eine der wenigen lauten Stimmen f\u00fcr eine friedliche Zukunft mit den Pal\u00e4stinensern die der linken Organisation Standing Together.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview-question\">Der 7. Oktober hat viel ver\u00e4ndert. In Ihrem Umfeld gibt es viele, die liberale Positionen aufgegeben haben. Hat Netanjahu recht, wenn er sagt, die Linken waren einfach naiv?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Der 7. Oktober war ein extremer Einschnitt f\u00fcr die j\u00fcdische Seele, nicht nur in Israel. Das Gef\u00fchl, angegriffen zu sein, sich verteidigen zu m\u00fcssen, das mag gar nicht mehr stimmen, aber solange wir Geiseln in Gaza haben, glaube ich nicht, dass wir das Gef\u00fchl \u00fcberwinden werden. Schon am Morgen des 7. Oktober haben Freunde und Familienmitglieder entmenschlichende Sachen \u00fcber Pal\u00e4stinenser gesagt. Ich habe mich oft gefragt: Wie viel davon war vorher schon da und wurde nur nicht abgefragt, weil die Situation sich nie so existenziell anf\u00fchlte? Heute ist eine der wenigen lauten Stimmen f\u00fcr eine friedliche Zukunft mit den Pal\u00e4stinensern die der linken Organisation <a href=\"https:\/\/www.standing-together.org\/en\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Standing Together<\/a>. Interessanterweise gibt es aber Geiselfamilien, ehemalige Geiseln oder Angeh\u00f6rige von Menschen, die in den Kibbuzim am 7. Oktober get\u00f6tet wurden, die sich f\u00fcr Frieden engagieren. Ich wei\u00df also nicht, ob die Verh\u00e4rtung von der Naivit\u00e4t der Linken herr\u00fchrt. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, wie empf\u00e4nglich man f\u00fcr radikale Botschaften ist.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Wenn man sich im \u00dcberlebenskampf w\u00e4hnt oder tats\u00e4chlich befindet, scheint alles erlaubt.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Genau, das ist auch ein Narrativ, was seit Jahrzehnten von Netanjahu gepflegt wird: Die Welt ist gegen uns, wir haben nur uns. Alles andere ist Antisemitismus. Und er hat ja auch in manchen Punkten recht. Wir wurden nach dem 7. Oktober aus allen Himmelsrichtungen von f\u00fcnf Feinden angegriffen. Aber wir m\u00fcssen auch sehen, dass wir die meisten dieser Angriffe abgewehrt und sogar noch einen <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lfb\/krieg-zwischen-israel-und-iran-wie-drei-junge-israelis-die-angriffe-erleben\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Krieg gegen das islamische Regime im Iran<\/a> begonnen haben. Man kann dar\u00fcber streiten, ob das erfolgreich war, aber zumindest hatten wir im Iran die Lufthoheit. Mir f\u00e4llt es schwer, diesem Verteidigungs-Narrativ noch Glauben zu schenken. Wir sind nicht mehr an diesem Punkt, vor allem nicht in <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/gaza\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Gaza<\/a>. Ich glaube, langsam kommt das auch bei denen an, die bisher dieser Regierung vorbehaltlos den R\u00fccken st\u00e4rkten.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Das klingt ja fast ein bisschen hoffnungsvoll.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Ich habe keine gro\u00dfe Hoffnung. Aber je mehr Menschen verstehen, dass unsere Regierung nicht das Beste f\u00fcr dieses Volk im Sinn hat \u2013 das eben nicht nur aus W\u00e4hlern des Likud, der Partei Netanjahus, besteht oder aus radikalen Siedlern \u2013, desto schneller ist es vielleicht vorbei. Aber ich wei\u00df auch nicht, ob es besser wird, wenn Netanjahu weg ist.<\/p>\n<blockquote class=\"bo-quote\">\n<p>Die Idee f\u00fcr das Buch war die Sorge um dieses Land als Zukunft meines Sohnes.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview-question\">Zurzeit gehen Hunderttausende f\u00fcr ein Ende des Krieges auf die Stra\u00dfe, <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/2025-09-03\/ty-article\/.premium\/most-israelis-including-on-the-right-back-hostage-deal-that-ends-gaza-war-poll-shows\/00000199-0f70-d487-a3d9-af7f7db20000\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">selbst rechte W\u00e4hler wollen ein Ende des Krieges<\/a> und die Wahlen im Oktober 2026 k\u00f6nnte die Opposition gewinnen. Ein gutes Zeichen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Aber wie nachhaltig ist so etwas? Wir sehen jetzt schon, dass Teile der Armee und der Polizei unterwandert sind von radikalen religi\u00f6sen Zionisten. Von jenen, die Fakten schaffen. Im Westjordanland passiert das schon jeden Tag. Und die Armee dr\u00fcckt die Augen zu, Richter schicken M\u00f6rder von Pal\u00e4stinensern in Hausarrest. Soldaten schie\u00dfen in Gaza auf ein Krankenhaus, ohne das mit Vorgesetzten abgesprochen zu haben. Meine gr\u00f6\u00dfte Angst ist, dass das Radikale hier gewinnt und Netanjahu \u00fcberdauert. Vielleicht kommt n\u00e4chstes Jahr kein Ben-Gvir an die Macht, aber wie sieht das bei der \u00fcbern\u00e4chsten Wahl aus?<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Was glauben Sie, wie Israel sich entwickeln wird?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Es f\u00e4llt mir schwer, das zu beantworten, weil ich in Israel gelernt habe, dass man hier alles Schritt f\u00fcr Schritt nehmen muss. Ich denke, die n\u00e4chste Wahl wird viel entscheiden. Ich selbst habe mir mit meinem Freund vorgenommen, wir w\u00e4hlen noch mal, dann schauen wir: Ver\u00e4ndert die n\u00e4chste Regierung das Land zu einem demokratischeren? Bleiben wir stehen? Oder radikalisiert sich die Gesellschaft weiter?<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Ihr kleiner Sohn Oz spielt eine gro\u00dfe Rolle im Buch. Warum?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Die Idee f\u00fcr das Buch war die Sorge um dieses Land als Zukunft meines Sohnes. Als Mutter pr\u00e4gen meine Entscheidungen den Menschen, der er wird. Er versteht Arabisch, weil er fast zwei Jahre von einer arabischen Tagesmutter betreut wurde. Jetzt wohnen wir in einer \u00fcberwiegend ultraorthodoxen Gegend mit nur einem s\u00e4kularen Kindergarten. Es war mir wichtig, dass er da reinkommt, damit er die Vielfalt der israelischen Gesellschaft erlebt. Aber werde ich das immer aufrechterhalten k\u00f6nnen? Was wird er f\u00fcr ein Mensch, wenn er hier aufw\u00e4chst?<\/p>\n<p class=\"interview-question\">\u00dcberlegen Sie, wieder zu gehen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Ich habe eine famili\u00e4re Verbindung zu Israel und eine emotionale \u00fcber meine Identit\u00e4t. Aber ich wei\u00df, ich k\u00f6nnte diese Identit\u00e4t auch anderswo leben. Viele Juden k\u00f6nnen das nicht, sie haben keinen anderen Ort, wo sie so leben k\u00f6nnten, wie sie es hier tun. Die Frage ist, was sind sie bereit, daf\u00fcr zu opfern? Ich bin nicht bereit, meinen Sohn f\u00fcr einen Krieg wie diesen zu opfern. Und ich glaube, das wird am Ende die Zukunft Israels entscheiden: Wie viele Menschen sind noch bereit, alles zu geben f\u00fcr dieses Land?<\/p>\n<p>Placeholder image-1<\/p>\n<p><strong>Sarah Levy<\/strong> wurde 1985 geboren und wuchs in Deutschland in einer teils j\u00fcdischen, teils nicht-j\u00fcdischen Familie auf. Sie besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und arbeitet als freie Journalistin. 2019 zog sie nach Israel, wo sie mit ihrem Partner und Sohn Oz in einem Vorort von Tel Aviv lebt. Ihr Buch <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/sarah-levy-kein-anderes-land-9783498007782\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Kein anderes Land ist bei Rowohlt erschienen (336 S., 24 \u20ac)<\/a><\/p>\n<p>\n    de Krieg. Ihre Erlebnisse der vergangenen zwei Jahre hat Sarah Levy wieder in einem Buch verarbeitet: Kein anderes Land (Rowohlt 2025, 336 S., 24 \u20ac).der Freitag: Frau Levy, es gibt einen Satz in Ihrem Buch, der sich mir eingepr\u00e4gt hat: \u201eDieselbe Armee, die mich, mein Kind, meinen Partner sch\u00fctzt, ist die Armee, die innerhalb k\u00fcrzester Zeit Zehntausende Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet hat.\u201c Wie h\u00e4lt man diese Gleichzeitigkeit aus?Sarah Levy: Das ist tats\u00e4chlich etwas, was ich in Israel gelernt habe. Als ich 2019 Aliyah machte, verschwendete ich ehrlicherweise wenig Gedanken an die Besatzung. Ich hatte zuvor zwei politische Reisen durch das Westjordanland gemacht, aber was die Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser im Alltag bedeutet, verstand ich erst, als mein Hebr\u00e4isch besser wurde und ich die israelischen Nachrichten verstand \u2013 auch die, die nicht im Fernsehen gezeigt werden. Und ich begann zu verstehen, was f\u00fcr eine extreme Gehirnakrobatik es ist, als Israeli damit zu leben.In Ihrem Buch suchen Sie genau dar\u00fcber oft das Gespr\u00e4ch mit Ihren Freunden und Verwandten.Es gibt ein Gespr\u00e4ch mit meiner israelischen Schwiegermutter, wo sie sagt, es geschieht ihnen recht, was in Gaza passiert. Ich finde das menschenverachtend, und daf\u00fcr kann ich sie verurteilen. Aber ich kann sie nicht daf\u00fcr verurteilen, die Hoffnung verloren zu haben. Das ist der Konflikt hier: Man hat die Erfahrungen der Menschen der vergangenen Jahrzehnte und gleichzeitig das, was die Armee anderen Menschen antut. Es ist eine Gleichzeitigkeit, die man oft nur mit blinden Flecken aushalten kann.Was bedeutet das f\u00fcr das Land?Die israelische Gesellschaft hat sich nie entschieden, sind wir ein demokratischer Staat oder ein j\u00fcdischer? Diese Widerspr\u00fcche finde ich in den Identit\u00e4ten j\u00fcdischer Israelis, die mich umgeben. Viele haben das Gef\u00fchl, sie m\u00fcssten sich entscheiden, wie j\u00fcdisch bin ich, wie sehr bin ich Israeli? Wie wichtig ist es mir, mit meinen arabischen Nachbarn zusammenzuleben? Diese zwei Identit\u00e4ten widersprechen sich oft. Es ist kompliziert, Israeli zu sein. Und mit einer Regierung wie der Netanjahus, die nicht f\u00fcr Dialog ist, ist es noch viel schwieriger.Ich kann als neu Eingewanderte viele Traumata nicht nachempfinden, die meine Schwiegermutter zum Beispiel hat.Sie sagen, Sie haben in Israel gelernt, diese Komplexit\u00e4t auszuhalten. Aber vielen Israelis scheint das schwerzufallen. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?Die meisten meiner Freunde waren in der Armee, ich nicht. Vielleicht war der erste Kontakt, den sie mit Arabern hatten, an einem Checkpoint. Als 19-j\u00e4hriger Mensch. Dieses Machtgef\u00e4lle pr\u00e4gt. Und das f\u00fchrt wom\u00f6glich dazu, Dinge zu akzeptieren, die nicht in Ordnung sind. Ich will das nicht entschuldigen, aber so ist die Gesellschaft hier gebaut. Manche Freunde sagen, die Armee sei die pr\u00e4gendste Zeit ihres Lebens gewesen. Kritik an der Armee ist unheimlich schwer \u2013 nat\u00fcrlich auch, weil jeder jemanden hat, der gerade sein Leben riskiert, um andere zu sch\u00fctzen.Also macht man einfach dicht?Viele schauen keine Nachrichten mehr, oder nur jene, die diese Dissonanz nicht st\u00f6ren. Der Terror von Siedlern, Bilder hungernder Kinder in Gaza, das schauen sie sich nicht an oder akzeptieren es als unab\u00e4nderlich. Manche sagen, ich mache mir genug Sorgen um meinen Mann, der in Gaza k\u00e4mpft, ich kann nicht noch das gro\u00dfe Ganze sehen. Mit dieser \u00dcberforderung spielen auch Politiker. Dass die Menschen irgendwann emotional abschalten, nur noch auf ihren eigenen Mikrokosmos gucken: Geht es mir gut, dann nehme ich eine Mauer in Kauf, die mich von den Arabern trennt. Und die Mauer kann im Kopf sein, oder eine richtige Grenzmauer.Die Menschen in Ihrem Buch entgegnen dann: Wir haben so viel durchgemacht, wir haben den Pal\u00e4stinensern so viel angeboten, und die Antwort war immer nur Terror. Sie haben aufgegeben.Absolut. Ich kann als neu Eingewanderte viele Traumata nicht nachempfinden, die meine Schwiegermutter zum Beispiel hat. Ich hatte nie Angst, dass meine Eltern nicht mehr heil nach Hause kommen. Ich musste nie mit drei Kindern allein zu Hause die Ritzen an den Fenstern mit Klebstoff oder Kaugummi zukleben, weil ich Angst vor einem Gasangriff hatte, wie im Zweiten Golfkrieg. Das hei\u00dft, ich habe einen anderen Blick, der es mir erlaubt, an Punkten kritisch zu sein, die f\u00fcr andere Israelis emotional gar nicht m\u00f6glich sind.Sie schreiben \u00fcber die Menschen in Ihrem direkten Umfeld. Wie sind die damit umgegangen, dass sie immer damit rechnen mussten, alles, was sie sagen, k\u00f6nnte im Buch landen?Teilweise haben wir Situationen in der Familie so verarbeitet. Als mein Schwager mich in der Familien-Whatsapp-Gruppe eine Verr\u00e4terin genannt hat, hat seine Frau mich angerufen und sich f\u00fcr ihn entschuldigt. Sie sagte, der 7. Oktober habe ihn ver\u00e4ndert. Sie sagte: Versuch, das irgendwie f\u00fcr dich zu verarbeiten, nimm es in dein Buch auf, schreib einen Artikel dr\u00fcber, mach etwas daraus. Und bei dem Kapitel \u00fcber meine Schwiegermutter sa\u00df ich am Computer und sagte ihr, ich schreibe das jetzt mit.Heute ist eine der wenigen lauten Stimmen f\u00fcr eine friedliche Zukunft mit den Pal\u00e4stinensern die der linken Organisation Standing Together.Der 7. Oktober hat viel ver\u00e4ndert. In Ihrem Umfeld gibt es viele, die liberale Positionen aufgegeben haben. Hat Netanjahu recht, wenn er sagt, die Linken waren einfach naiv?Der 7. Oktober war ein extremer Einschnitt f\u00fcr die j\u00fcdische Seele, nicht nur in Israel. Das Gef\u00fchl, angegriffen zu sein, sich verteidigen zu m\u00fcssen, das mag gar nicht mehr stimmen, aber solange wir Geiseln in Gaza haben, glaube ich nicht, dass wir das Gef\u00fchl \u00fcberwinden werden. Schon am Morgen des 7. Oktober haben Freunde und Familienmitglieder entmenschlichende Sachen \u00fcber Pal\u00e4stinenser gesagt. Ich habe mich oft gefragt: Wie viel davon war vorher schon da und wurde nur nicht abgefragt, weil die Situation sich nie so existenziell anf\u00fchlte? Heute ist eine der wenigen lauten Stimmen f\u00fcr eine friedliche Zukunft mit den Pal\u00e4stinensern die der linken Organisation Standing Together. Interessanterweise gibt es aber Geiselfamilien, ehemalige Geiseln oder Angeh\u00f6rige von Menschen, die in den Kibbuzim am 7. Oktober get\u00f6tet wurden, die sich f\u00fcr Frieden engagieren. Ich wei\u00df also nicht, ob die Verh\u00e4rtung von der Naivit\u00e4t der Linken herr\u00fchrt. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, wie empf\u00e4nglich man f\u00fcr radikale Botschaften ist.Wenn man sich im \u00dcberlebenskampf w\u00e4hnt oder tats\u00e4chlich befindet, scheint alles erlaubt.Genau, das ist auch ein Narrativ, was seit Jahrzehnten von Netanjahu gepflegt wird: Die Welt ist gegen uns, wir haben nur uns. Alles andere ist Antisemitismus. Und er hat ja auch in manchen Punkten recht. Wir wurden nach dem 7. Oktober aus allen Himmelsrichtungen von f\u00fcnf Feinden angegriffen. Aber wir m\u00fcssen auch sehen, dass wir die meisten dieser Angriffe abgewehrt und sogar noch einen Krieg gegen das islamische Regime im Iran begonnen haben. Man kann dar\u00fcber streiten, ob das erfolgreich war, aber zumindest hatten wir im Iran die Lufthoheit. Mir f\u00e4llt es schwer, diesem Verteidigungs-Narrativ noch Glauben zu schenken. Wir sind nicht mehr an diesem Punkt, vor allem nicht in Gaza. Ich glaube, langsam kommt das auch bei denen an, die bisher dieser Regierung vorbehaltlos den R\u00fccken st\u00e4rkten.Das klingt ja fast ein bisschen hoffnungsvoll.Ich habe keine gro\u00dfe Hoffnung. Aber je mehr Menschen verstehen, dass unsere Regierung nicht das Beste f\u00fcr dieses Volk im Sinn hat \u2013 das eben nicht nur aus W\u00e4hlern des Likud, der Partei Netanjahus, besteht oder aus radikalen Siedlern \u2013, desto schneller ist es vielleicht vorbei. Aber ich wei\u00df auch nicht, ob es besser wird, wenn Netanjahu weg ist.Die Idee f\u00fcr das Buch war die Sorge um dieses Land als Zukunft meines Sohnes.Zurzeit gehen Hunderttausende f\u00fcr ein Ende des Krieges auf die Stra\u00dfe, selbst rechte W\u00e4hler wollen ein Ende des Krieges und die Wahlen im Oktober 2026 k\u00f6nnte die Opposition gewinnen. Ein gutes Zeichen?Aber wie nachhaltig ist so etwas? Wir sehen jetzt schon, dass Teile der Armee und der Polizei unterwandert sind von radikalen religi\u00f6sen Zionisten. Von jenen, die Fakten schaffen. Im Westjordanland passiert das schon jeden Tag. Und die Armee dr\u00fcckt die Augen zu, Richter schicken M\u00f6rder von Pal\u00e4stinensern in Hausarrest. Soldaten schie\u00dfen in Gaza auf ein Krankenhaus, ohne das mit Vorgesetzten abgesprochen zu haben. Meine gr\u00f6\u00dfte Angst ist, dass das Radikale hier gewinnt und Netanjahu \u00fcberdauert. Vielleicht kommt n\u00e4chstes Jahr kein Ben-Gvir an die Macht, aber wie sieht das bei der \u00fcbern\u00e4chsten Wahl aus?Was glauben Sie, wie Israel sich entwickeln wird?Es f\u00e4llt mir schwer, das zu beantworten, weil ich in Israel gelernt habe, dass man hier alles Schritt f\u00fcr Schritt nehmen muss. Ich denke, die n\u00e4chste Wahl wird viel entscheiden. Ich selbst habe mir mit meinem Freund vorgenommen, wir w\u00e4hlen noch mal, dann schauen wir: Ver\u00e4ndert die n\u00e4chste Regierung das Land zu einem demokratischeren? Bleiben wir stehen? Oder radikalisiert sich die Gesellschaft weiter?Ihr kleiner Sohn Oz spielt eine gro\u00dfe Rolle im Buch. Warum?Die Idee f\u00fcr das Buch war die Sorge um dieses Land als Zukunft meines Sohnes. Als Mutter pr\u00e4gen meine Entscheidungen den Menschen, der er wird. Er versteht Arabisch, weil er fast zwei Jahre von einer arabischen Tagesmutter betreut wurde. Jetzt wohnen wir in einer \u00fcberwiegend ultraorthodoxen Gegend mit nur einem s\u00e4kularen Kindergarten. Es war mir wichtig, dass er da reinkommt, damit er die Vielfalt der israelischen Gesellschaft erlebt. Aber werde ich das immer aufrechterhalten k\u00f6nnen? Was wird er f\u00fcr ein Mensch, wenn er hier aufw\u00e4chst?\u00dcberlegen Sie, wieder zu gehen?Ich habe eine famili\u00e4re Verbindung zu Israel und eine emotionale \u00fcber meine Identit\u00e4t. Aber ich wei\u00df, ich k\u00f6nnte diese Identit\u00e4t auch anderswo leben. Viele Juden k\u00f6nnen das nicht, sie haben keinen anderen Ort, wo sie so leben k\u00f6nnten, wie sie es hier tun. Die Frage ist, was sind sie bereit, daf\u00fcr zu opfern? Ich bin nicht bereit, meinen Sohn f\u00fcr einen Krieg wie diesen zu opfern. Und ich glaube, das wird am Ende die Zukunft Israels entscheiden: Wie viele Menschen sind noch bereit, alles zu geben f\u00fcr dieses Land?\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sarah Levy schreibt \u00fcber ihr Leben in Israel als neu Eingewanderte. 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