{"id":399639,"date":"2025-09-05T20:17:12","date_gmt":"2025-09-05T20:17:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/399639\/"},"modified":"2025-09-05T20:17:12","modified_gmt":"2025-09-05T20:17:12","slug":"merkels-aussage-und-die-folgen-die-nacht-als-die-busse-kamen-auch-in-stuttgart-galt-wir-schaffen-es","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/399639\/","title":{"rendered":"Merkels Aussage und die Folgen: Die Nacht, als die Busse kamen \u2013 auch in Stuttgart galt: \u201eWir schaffen es\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Nacht vom 5. auf den 6. September 2015 war historisch. Im ehemaligen Pflegeheim Haus Martinus hatten sie nur ein paar Stunden Zeit, sich auf 126 Fl\u00fcchtlinge vorzubereiten.<\/p>\n<p>Der Anruf des Regierungspr\u00e4sidiums <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> kam bei der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Caritas\" title=\"Caritas\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Caritas<\/a> Stuttgart am Samstag, 5. September. Gerade hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel entschieden, die Grenze nicht zu schlie\u00dfen und die Fl\u00fcchtlinge von \u00d6sterreich nach Deutschland einreisen zu lassen. Doch nun brauchte es Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die Menschen. Innerhalb weniger Stunden wurde im eigentlich stillgelegten Pflegeheim Haus Martinus eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft eingerichtet. Viele der Mitarbeiter machten \u00dcberstunden oder fuhren Doppelschichten. Einer, der die Menschen damals in Empfang nahm, ist der Sozialwissenschaftler Arasch Hafezi (53). <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Herr Hafezi, war die Nacht vom 5. auf den 6. September 2015 eine besondere Nacht?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Hafezi: Ja, es war f\u00fcr mich ein besonderer Abend. F\u00fcr mich war aber das ganze Jahr 2015 besonders. Ich habe nicht nur in dieser Nacht im Haus Martinus Fl\u00fcchtlinge aufgenommen. Ich habe zusammen mit Kolleginnen auch einige der jesidischen Frauen aufgenommen, die im September 2015 nach Baden-W\u00fcrttemberg gekommen sind. Aber klar, die Nacht war eine besondere.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/media.media.8f93793d-a730-44b7-b4f6-8d77c610d69d.original1024.media.jpeg\"\/>     Arasch Hafezi war in der Nacht im Dienst.    Foto: Hugh Hinderlider    <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Hatten Sie damals schon das Gef\u00fchl, dass es auch eine historische Nacht ist?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Ja. Das wusste ich. Ich bin hier seit 23 Jahren und habe erlebt, wie die Fl\u00fcchtlinge aus Bosnien kamen. Aber 2015 war anders. Auch weil so viele Menschen geholfen haben. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Hatten Sie denn \u00fcberhaupt Dienst? Es war ja ein Wochenende.<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Wir waren schon einen Tag vorher im Haus Martinus in Bereitschaft. Als die Gefl\u00fcchteten dann kamen, war es noch dunkel. Ich glaube, das war irgendwann zwischen f\u00fcnf und sechs Uhr morgens. Da sind die Busse angekommen. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Eigentlich war das Haus Martinus f\u00fcr so eine Aktion gar nicht vorgesehen. Im August waren die letzten Bewohner aus dem Altenheim ausgezogen. Es stand leer. Erinnern Sie sich, wie lange Sie Zeit hatten, sich vorzubereiten?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Ein paar Tage vorher hat der Caritasverband zusammen mit der Feuerwehr und dem DRK die Aufnahme vorbereitet. Sie haben Betten und Schlafs\u00e4cke gebracht und die Zimmer eingerichtet. Mit den technischen Vorbereitungen hatte ich nichts zu tun. Wir waren nur f\u00fcr die Aufnahme zust\u00e4ndig. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Ihr Einsatz begann in dem Moment, als die Busse kamen.<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Wir wussten aber gar nicht, wann sie kommen w\u00fcrden. Wir wussten auch nicht, wie viele Menschen und wie viele Busse es sein w\u00fcrden. Wir mussten einfach wach bleiben und warten. Manchmal sind wir auf die Stra\u00dfe gegangen, um nicht einzuschlafen. Das war eine Herausforderung f\u00fcr uns alle. F\u00fcr die ganze Gesellschaft. Zum Gl\u00fcck haben so viel Ehrenamtliche geholfen.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Aber nicht in dieser Nacht?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Nein. Da waren nur die Hauptamtlichen im Einsatz.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Sie haben ganz selbstverst\u00e4ndlich \u00dcberstunden gemacht, weil es anders nicht ging.<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Das war so ein schwieriges Jahr in der ganzen Welt. Es waren so viele Menschen auf der Flucht, es gab so viel Gewalt. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.baden-wuerttemberg-asylzahlen-im-suedwesten-mehr-als-halbiert.9a2f0148-3b4d-4748-a755-6473c5dc3b4c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In Syrien war B\u00fcrgerkrieg<\/a>, der IS hat die L\u00e4nder erobert. Auch Teile des Irak. Ich habe diese Nacht als Herausforderung empfunden. Aber ich bin gerne zu meiner Arbeit gegangen. Und ich freue mich, dass so viele Menschen geholfen haben, dass die Gefl\u00fcchteten einen Ort finden konnten, wo sie in Frieden leben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">War diese Nacht f\u00fcr sie dann auch eine Chance, ganz konkret etwas tun zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Nat\u00fcrlich. Es war eine Ehre f\u00fcr mich, dass wir helfen konnten. Das war nicht nur unsere Aufgabe im Job, Ich habe das auch als moralische Verpflichtung empfunden.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/media.media.2e4ee60e-5766-454a-b37c-22daa0a3b0c2.original1024.media.jpeg\"\/>     Am 6. September 2015 begr\u00fc\u00dften der damalige Regierungspr\u00e4sident Johannes Schmalzl und die Sozialb\u00fcrgermeisterin Isabel Fezer die Gefl\u00fcchteten.    Foto: Foto: Lichtgut\/Achim Zweygarth    <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Es kamen in dieser Nacht drei Busse mit 126 Menschen. Was ist geschehen, als die Bust\u00fcren aufgingen?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Sie kamen ja direkt zu uns. Wir mussten die Erstaufnahme machen. Wir haben aufgeschrieben, wie sie hei\u00dfen, ob sie allein oder als Familie gekommen sind. Wir haben geschaut, wer behindert oder besonders schutzbed\u00fcrftig ist. Wir haben die Leute beruhigt, ihnen erkl\u00e4rt, dass sie am Ziel angekommen sind. Dass sie in Sicherheit sind. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Ich bin mit meinen Eltern aus dem Iran w\u00e4hrend des Irak-Iran-Kriegs gefl\u00fcchtet \u2013 per Schiff und mit mit dem Bus. Diese Geschichte hatte ich im Kopf. Ich habe erlebt, wie Menschen uns geholfen haben. Wir hatten keine Kleidung und haben in einer Kleiderkammer wieder Kleidung bekommen. Diese Erfahrung hat mich gepr\u00e4gt. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Haben die Menschen von ihrer Flucht erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Ich erinnere mich, dass ich mit ein paar Menschen aus Afghanistan gesprochen habe. Ich spreche Farsi. Ich habe ihnen gesagt, dass sie keine Angst haben m\u00fcssen. Dass Stuttgart eine gro\u00dfe Stadt ist. Dass aber alles noch ein bisschen Zeit braucht. Da waren haupts\u00e4chlich syrische, irakische und afghanische Fl\u00fcchtlinge. Da waren auch Kinder dabei. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.flucht-im-sommer-2015-nach-stuttgart-wir-schaffen-das-wie-alfares-das-als-fluechtling-erlebte.b24c5c1b-b154-4b31-b129-af7056d97bdd.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ich habe mich, nachdem ich die Fernsehbilder von den Menschen in \u00d6sterreich gesehen habe, gefreut, dass die Kinder in Europa oder in Deutschland eine gute Zukunft vor sich haben. <\/a> <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\">Wann war der Einsatz f\u00fcr Sie zu Ende?<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Ich glaube ich habe bis Sonntagnachmittag gearbeitet. Aber ich habe das gerne gemacht, so wie ich gerne zur Arbeit gehe, weil es einen Sinn hat. Das habe ich bei den jesidischen Frauen immer so empfunden. Wenn ich einzelne von ihnen wiedersehe und sie jetzt einen F\u00fchrerschein haben, dann freue ich mich dar\u00fcber.<\/p>\n<p> Zur Person <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Arbeit<\/strong><br \/>Arasch Hafezi ist im Iran geboren. Er hat Sozialwissenschaften studiert. Er arbeitet seit 2014 der Fl\u00fcchtlingshilfe des Caritasverbandes Stuttgart. Aktuell betreut er gefl\u00fcchtete Menschen im Projekt OMID \u2013 Fr\u00fche Hilfen f\u00fcr traumatisierte gefl\u00fcchtete Menschen. Zudem engagiert er sich im Arbeitskreis Asyl in Stuttgart<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Auszeichung<\/strong><br \/>Hafezi wurde 2022 f\u00fcr sein gro\u00dfes soziales Engagement mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Nacht vom 5. auf den 6. September 2015 war historisch. 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