{"id":399824,"date":"2025-09-05T21:57:12","date_gmt":"2025-09-05T21:57:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/399824\/"},"modified":"2025-09-05T21:57:12","modified_gmt":"2025-09-05T21:57:12","slug":"kritik-zu-silent-friend-der-baum-des-lebens-steht-in-marburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/399824\/","title":{"rendered":"Kritik zu Silent Friend: Der Baum des Lebens steht in Marburg"},"content":{"rendered":"<p class=\"bo-p\"><a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/12154.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ildik\u00f3 Enyedi<\/a> ist eine der bekannten Regisseurinnen Ungarns und hat 2017 mit der Romanze \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/252479.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">K\u00f6rper und Seele<\/a>\u201c den Goldenen B\u00e4ren der Berlinale gewonnen. Mil\u00e1n F\u00fcsts historischer Roman \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/262675.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Geschichte meiner Frau<\/a>\u201c geriet in ihren H\u00e4nden 2021 allerdings zu einem recht z\u00e4hen und leeren St\u00fcck Prestige-Ausstattungskino \u2013 und so konnte einen erst einmal wenig vorbereiten auf \u201e<b>Silent Friend<\/b>\u201c, der beim Filmfestival von Venedig in der Programmfolge des offiziellen Wettbewerbs das Schlusslicht bildete. Doch nicht erst am Ende dieser enorm reichhaltigen 145 Minuten d\u00fcrfte den meisten im Saal Anwesenden klar gewesen sein, dass sie gerade den ganz gro\u00dfen Wurf der immerhin schon seit 36 Jahren aktiven Filmemacherin gesehen haben.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Es gibt wohl wenig, das verbindender ist als B\u00e4ume. Fast \u00fcberall auf der Welt wachsen sie, und in nahezu jeder Kultur spielen sie eine symbolische Rolle, stehen f\u00fcr den Kreislauf des Lebens an sich, f\u00fcr das Streben nach Erkenntnis, f\u00fcr Best\u00e4ndigkeit ebenso wie Erneuerung. Kein Wunder, dass auch das Kino die M\u00f6glichkeit eines Sinns der menschlichen Existenz regelm\u00e4\u00dfig in den Kronen und Wurzeln der Holzgew\u00e4chse sucht, von Elia Kazans \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/54108.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ein Baum w\u00e4chst in Brooklyn<\/a>\u201c \u00fcber Darren Aronofskys \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/46113.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Fountain<\/a>\u201c bis hin zu Terrence Malicks Opus \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/132244.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Tree Of Life<\/a>\u201c. Und so ist auch mit dem \u201estillen Freund\u201c im Titel des siebten Spielfilms von Enyedi ein alter Ginkgobaum gemeint, der schon seit langer Zeit im Zentrum des alten botanischen Gartens der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg steht \u2026<\/p>\n<p>Ein Jahrhundert, drei Geschichten<\/p>\n<p class=\"bo-p\">\u2026 und um den herum sich drei Geschichten entspinnen, zwischen denen jeweils mehrere Dekaden und insgesamt 112 Jahre liegen. Die filmische Gegenwart bildet das nahe Vergangenheitsjahr 2020: Den Neurowissenschaftler Tony Wong (die aus \u201eIn The Mood For Love\u201c bekannte chinesische Schauspiel-Legende <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/4545.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tony Leung<\/a> in ihrem ersten europ\u00e4ischen Film) zieht es von Hongkong nach Marburg, um dort an der Universit\u00e4t zu unterrichten und sein Forschungsprojekt \u00fcber die Gehirnfunktion von Babys voranzubringen. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Doch dann kommt die Corona-Pandemie, alle Studierenden m\u00fcssen nach Hause, und Tony bleibt mit dem seine wissenschaftlichen Aktivit\u00e4ten skeptisch be\u00e4ugenden, weder Englisch und erst recht kein Kantonesisch sprechenden Hausmeister Anton (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/30227.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sylvester Groth<\/a>) in dem altehrw\u00fcrdigen, efeuumrankten Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude zur\u00fcck. Da Kleinkinder pandemiebedingt als Forschungsobjekte nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehen, konzentriert sich sein Interesse schon bald auf den geduldig \u00fcber dem Geschehen thronenden Gingko Biloba.<\/p>\n<p>Was f\u00fchlen Geranien?<\/p>\n<p class=\"bo-p\">An dessen Fu\u00df haben sich im Jahr 1972 auch die Biologiestudentin Gundula (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/867283.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marlene Burow<\/a>) und ihr Kommilitone Hannes (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/998319.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Enzo Brumm<\/a>) kennengelernt. Aus ihrer gegenseitigen Anziehung k\u00f6nnte Liebe werden, doch Hannes&#8216; Unbeholfenheit verhindert, dass aus ihrer Beziehung mehr wird, bevor sie zu einer Exkursion ins Ausland aufbricht. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">W\u00e4hrend ihrer Abwesenheit soll sich Hannes um ihre Geranie k\u00fcmmern, die im Fokus eines ambitionierten wissenschaftlichen Vorhabens steht: Gundula will mithilfe einer selbst gebauten technischen Konstruktion beweisen, dass auch Pflanzen eine Form von Wahrnehmung besitzen, womit sie letztlich eine Grundlage f\u00fcr die Arbeit von Alice (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/149205.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">L\u00e9a Seydoux<\/a>) bilden wird, die Tony in Zoomgespr\u00e4chen beratend zur Seite steht.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" tony=\"\" wong=\"\" leung=\"\" bleibt=\"\" w=\"\" der=\"\" corona-pandemie=\"\" allein=\"\" in=\"\" philipps-universit=\"\" marburg=\"\" zur=\"\" und=\"\" entdeckt=\"\" sein=\"\" interesse=\"\" f=\"\" einen=\"\" alten=\"\" gingko-baum.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/1e7527140c598e67e602104d8073361d.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Tony Wong (Tony Leung) bleibt w\u00e4hrend der Corona-Pandemie allein in der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg zur\u00fcck \u2013 und entdeckt sein Interesse f\u00fcr einen alten Gingko-Baum.\"\/><\/p>\n<p>                                    Pandora Filmverleih<\/p>\n<p>                    Tony Wong (Tony Leung) bleibt w\u00e4hrend der Corona-Pandemie allein in der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg zur\u00fcck \u2013 und entdeckt sein Interesse f\u00fcr einen alten Gingko-Baum.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Und dann ist da noch Grete (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/819856.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Luna Wedler<\/a>), die im Jahr 1908 als erste weibliche Studentin \u00fcberhaupt an der Universit\u00e4t Marburg angenommen wird. Zun\u00e4chst vom m\u00e4nnlichen Lehrpersonal klein gehalten, wird auch sie Pionierarbeit leisten, als sie im Rahmen einer Assistenzstelle entdeckt, wie sich in Pflanzen verborgene Muster mithilfe des Mediums Fotografie dokumentieren lassen.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Die drei miteinander verschlungenen Episoden grenzt Enyedi voneinander ab, indem sie jeder davon ihre ganz eigene, zeitspezifische Visualit\u00e4t und Haptik verleiht: Die Jetztzeit ist digital, w\u00e4hrend die 1970er-Jahre in extrem k\u00f6rnigen, taktilen 16mm-Bildern eingefangen sind \u2013  und der am Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelte historische Teil in kontrastreichem, auf 35mm-Film gedrehtem Schwarz-Wei\u00df erstrahlt. Manchmal wird die monochrome Vergangenheit noch im selben Bild in Farbe getaucht, dann wieder scheinen Figuren f\u00f6rmlich durch die Zeit zu schauen, wenn der Film mit einem einzigen Gegenschnitt ein ganzes Jahrhundert \u00fcberspringt.<\/p>\n<p>Eine sinnliche Utopie<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Auf dem Papier klingt \u201eSilent Friend\u201c nach \u00fcberkonzipiertem, esoterischem Kitsch, schreckt Enyedi doch auch vor einer metaphysischen Ebene nicht zur\u00fcck \u2013 an einer Stelle gehen Mensch und Pflanze wortw\u00f6rtlich eine Verbindung ein, die Grenzen zwischen Zeit und Raum werden zur Aufl\u00f6sung gebracht. Umso bemerkenswerter ist letztlich das Ergebnis. Auch wenn Enyedi zwischendurch die Ouvert\u00fcre zur Wagner-Oper \u201eLohengrin\u201c anspielt \u2013 das St\u00fcck aber abbricht, bevor sie Gefahr l\u00e4uft, sich an der eigenen Erhabenheit zu berauschen \u2013, ist \u201eSilent Friend\u201c entgegen seinen epischen Dimensionen ein erstaunlich z\u00e4rtlicher, leichter, eigensinniger Film, ja, sogar im besten Sinne wholesome \u2013 ein regelrechtes Gegengift zur politisch, gesellschaftlich und kulturell polarisierten Gegenwart.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Enyedi l\u00e4sst Menschen (und Pflanzen) \u00fcber s\u00e4mtliche kommunikative und sogar zeitliche Barrieren hinweg eine Form der Verst\u00e4ndigung finden, womit \u201eSilent Friend\u201c auch eine Utopie ist \u2013 doch nie setzt die Regisseurin dabei zur gro\u00dfen Botschaft an, sondern vertraut ihren Figuren und ihrem Publikum. Zugleich entwirft sie eine kleine Chronik wissenschaftlicher Evolution und damit des menschlichen Entdeckungsdrangs, der uns letztlich zu dem macht, was wir zumindest im besten Falle sind. Dass in allen Episoden vor allem Frauen als Wegbereiterinnen auftreten, l\u00e4sst zudem eine feministische Lesart zu, die Enyedi aber ebenfalls nicht ausbuchstabiert.<\/p>\n<p>Bangen um eine Geranie<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Schlie\u00dflich funktioniert \u201eSilent Friend\u201c auch als sinnliche Erfahrung. Immer wieder nimmt er sogar die Perspektive des Baumes ein, versteckt sich hinter seinem Stamm, gleitet an den \u00c4sten entlang oder taucht sogar ins Wurzelwerk hinab, das wohl nicht von ungef\u00e4hr menschlichen und tierischen Nervensystemen \u00e4hnelt. Mit einer plumpen Humanisierung sollte man das aber nicht verwechseln \u2013 Enyedi ist nicht daran gelegen, der Natur ihr Geheimnis auszutreiben. Stattdessen erkundet die Kamera neugierig die Farben und Strukturen der Pflanzen, ebenso wie sie die Gesichter der Darsteller*innen liebt oder die winterlich verschneiten Gassen der mittelalterlichen Universit\u00e4tsstadt in warmes Licht taucht.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Zu den zahlreichen Wundern von \u201eSilent Friend\u201c geh\u00f6rt aber vor allem, dass wir in der in den 1970ern spielenden Episode um das Schicksal einer auf der Fensterbank platzierten Geranie bangen, die sich von Hannes erschrecken l\u00e4sst und buchst\u00e4blich T\u00fcren \u00f6ffnet. Wenn es einem Film schon gelingt, Empathie f\u00fcr eine Blume zu erzeugen \u2013 dann ist in ihm wohl wirklich alles m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"bo-p\"><b>Fazit: \u201eSilent Friend\u201c ist ein Film von monumentaler Dimension, trotzdem f\u00fchlt er sich leicht und selbstverst\u00e4ndlich an. Ein Meisterwerk, das wie kaum ein anderer Film in letzter Zeit zum Kern des Menschseins vordringt.<\/b><\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wir haben \u201eSilent Friend\u201c beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ildik\u00f3 Enyedi ist eine der bekannten Regisseurinnen Ungarns und hat 2017 mit der Romanze \u201eK\u00f6rper und Seele\u201c den&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":399825,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-399824","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115153931230031283","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=399824"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399824\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/399825"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=399824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=399824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=399824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}