{"id":400402,"date":"2025-09-06T03:21:18","date_gmt":"2025-09-06T03:21:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/400402\/"},"modified":"2025-09-06T03:21:18","modified_gmt":"2025-09-06T03:21:18","slug":"kritik-zu-funeral-casino-blues-die-geister-von-bangkok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/400402\/","title":{"rendered":"Kritik zu Funeral Casino Blues: Die Geister von Bangkok"},"content":{"rendered":"<p class=\"bo-p\">Mehr als zehn Millionen Menschen leben in Bangkok \u2013 dazu kommen noch j\u00e4hrlich 32,4 Millionen Tourist*innen, womit die thail\u00e4ndische Metropole derzeit die meistbesuchte Stadt der Welt ist. Der starke Zustrom von Reisenden aus aller Welt ist der wahrscheinlich wichtigste wirtschaftliche Faktor des Landes. Wechselt man aber von der Makro- auf die Mikroebene, vom gro\u00dfen Ganzen aufs Individuum, entsteht ein anderes Bild: Zwar zieht es noch immer zahlreiche Menschen aus den \u00e4rmeren l\u00e4ndlichen Regionen in die Hauptstadt, weil es dort \u00fcberhaupt Verdienstchancen gibt \u2013 doch der Kapitalismus meint es selten gut mit denen, die im unteren Segment der Dienstleistungsbranche arbeiten.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Das erfahren auch Jen (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/998524.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jutamat Lamoon<\/a>) und Wason (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/1000053145.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wason Dokkathum<\/a>), die tragischen Protagonist*innen aus \u201eFuneral Casino Blues\u201c, die sich zum Teil mit mehreren Jobs \u00fcber Wasser halten \u2013 und doch kaum das N\u00f6tigste daf\u00fcr erwarten k\u00f6nnen. Er steht unter anderem in einer Bar hinterm Tresen, wird aber immer noch von den Handlangern eines Kredithais belagert, bei dem er hohe Schulden hat. Sie muss nicht nur sich, sondern auch ihre auf dem Land zur\u00fcckgebliebene Familie versorgen. Daf\u00fcr verkauft sie ihre Zeit und ihren K\u00f6rper an wohlhabende M\u00e4nner aus dem Ausland.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" jen=\"\" lamoon=\"\" wei=\"\" immer=\"\" genau=\"\" wie=\"\" viele=\"\" patronen=\"\" sich=\"\" noch=\"\" im=\"\" lauf=\"\" des=\"\" revolvers=\"\" befinden.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cf902bdb39ef1b23eeff7fdb909198b5.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Jen (Jutamat Lamoon) wei\u00df immer genau, wie viele Patronen sich noch im Lauf des Revolvers befinden. \"\/><\/p>\n<p>                                    ONE TWO Films \/ Komplizen Film<\/p>\n<p>                    Jen (Jutamat Lamoon) wei\u00df immer genau, wie viele Patronen sich noch im Lauf des Revolvers befinden. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Als sich Jen und Wason erstmals begegnen und sie ihm eine Packung Streichh\u00f6lzer reicht, friert f\u00fcr einen kurzen Moment die Zeit ein \u2013 eine beil\u00e4ufige Ber\u00fchrung, nach der nichts mehr so sein wird wie es vorher war. Ihre Ann\u00e4herung vollzieht sich im Anschluss beinahe wortlos, auf eine z\u00e4rtliche Art und Weise selbstverst\u00e4ndlich. Beide sind pl\u00f6tzlich einfach im Leben des anderen pr\u00e4sent, wobei der in Berlin lebende Regisseur Roderick Warich die genaue Natur ihrer Beziehung lange im Ungef\u00e4hren l\u00e4sst. Sind sie jetzt ein Paar? Oder ist Wason, der bald zu einer Art Besch\u00fctzer f\u00fcr Jen wird und sie sogar zu den Treffen mit ihren Kunden f\u00e4hrt, einseitig in sie verliebt? Zum einen hat dieses Aufeinandertreffen inmitten der von \u201eFuneral Casino Blues\u201c skizzierten, durch und durch prek\u00e4ren Realit\u00e4t etwas Utopisches, schon deshalb, weil es sich jeder Handelslogik zu entziehen scheint. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Zum anderen kann echte Intimit\u00e4t in einer von \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen bestimmten und auf Ungleichheit basierenden Welt gar nicht erst entstehen. Jen und Wason teilen sich nur selten einen Frame, und wenn doch, werden sie innerhalb des Bildes voneinander getrennt, etwa durch die Streben eines Fensters, die Wason einmal regelrecht zerteilen. In Momente der Unbeschwertheit wiederum schleichen sich schnell St\u00f6rger\u00e4usche ein, meistens in Form des digitalen Pl\u00e4tscherns der Handy-Benachrichtungst\u00f6ne, wenn Jen von einem ihrer Freier kontaktiert wird.  Bald erhaschen wir einen ersten Blick auf den Revolver in Wasons Hosenbund \u2013 und wenige Szenen sp\u00e4ter z\u00e4hlt Jen, wie viele Kugeln sich in der Trommel befinden: Sechs St\u00fcck sind es. \u201eDas hei\u00dft, ich kann sechs Leute umlegen\u201c, schlussfolgert sie. Sp\u00e4testens hier wird klar, dass wir uns nicht zuletzt auch in einem Genrefilm befinden \u2013 und dass die Eskalation nur eine Frage der Zeit ist&#8230;<\/p>\n<p>Ein Geisterfilm in Neonfarben<\/p>\n<p class=\"bo-p\"><a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/679260.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Roderick Warich<\/a>, der nach seinem Regiedeb\u00fct \u201e2557\u201c bereits zum zweiten Mal in Thailand gedreht hat und als Drehbuchautor an Filmen wie \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/267708.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Trouble With Being Born<\/a>\u201c und \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/289226.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Theorie von Allem<\/a>\u201c beteiligt war, legt durchaus gewaltige Ambitionen an den Tag. So unerbittlich seine Bestandsaufnahme sozialer Disparit\u00e4ten ist, so cinephil und artifiziell ist sein \u00e4sthetischer Zugriff auf die s\u00fcdostasiatische Megacity \u2013 in den zahlreichen Aufnahmen von au\u00dfen nach innen spiegelt sich auch die Au\u00dfenperspektive des Regisseurs, der sichtlich fasziniert, aber nie exotisierend auf den neonfarbenen Schmelztiegel schaut.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">\u201e<b>Funeral Casino Blues<\/b>\u201c ist dabei ein Nachtfilm durch und durch, nach dessen 152 Minuten man sich Bangkok gar nicht mehr bei Tage vorstellen kann \u2013 ein umherdriftendes Moodboard der Stadt, getragen von wabernd-sph\u00e4rischen Ambient-Teppichen und einem zuweilen an Hongkong-Film-Soundtracks erinnernden, sanft ins Melodramatische gleitenden Klavier-Score. Man denkt an so unterschiedliche Filme wie \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/34873.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Millennium Mambo<\/a>\u201c, \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/14388.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fallen Angels<\/a>\u201c, \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/237879.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Personal Shopper<\/a>\u201c, \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/53811.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leben nach dem Tod in Bangkok<\/a>\u201c. Und nat\u00fcrlich mitunter auch an <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/34603.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Apichatpong Weerasethakul<\/a>, den gro\u00dfen thail\u00e4ndischen Geisterfilmer, dessen Filme allerdings nicht in urbanen Ballungszentrenten, sondern eher auf dem Land oder an den Stadtr\u00e4ndern angesiedelt sind.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" selbst=\"\" wenn=\"\" jen=\"\" und=\"\" wason=\"\" dokkathum=\"\" doch=\"\" einmal=\"\" gemeinsam=\"\" in=\"\" einem=\"\" frame=\"\" zu=\"\" sehen=\"\" sind=\"\" scheinen=\"\" sie=\"\" immer=\"\" durch=\"\" irgendetwas=\"\" voneinander=\"\" getrennt=\"\" sein=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2cca47ab89df9b59b5252f7b938b6043.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Selbst wenn Jen und Wason (Wason Dokkathum) doch einmal gemeinsam in einem Frame zu sehen sind, scheinen sie doch immer durch irgendetwas voneinander getrennt zu sein\u2026\"\/><\/p>\n<p>                                    ONE TWO Films \/ Komplizen Film<\/p>\n<p>                    Selbst wenn Jen und Wason (Wason Dokkathum) doch einmal gemeinsam in einem Frame zu sehen sind, scheinen sie doch immer durch irgendetwas voneinander getrennt zu sein\u2026<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Anders als bei Weerasethakuls Goldene-Palme-Gewinner \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/180417.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Uncle Boonmee erinnert sich an seine fr\u00fcheren Leben<\/a>\u201c ist das Gespenstische hier aber kein Resultat von Mystik oder Spiritualit\u00e4t, und es f\u00fchrt auch nicht in einen Zustand der Transzendenz. Die Geister von \u201eFuneral Casino Blues\u201c sind eine Ausgeburt der Wirklichkeit, in der der Film angesiedelt ist: Sie erscheinen zuerst als anonyme Messenger-Nachrichten, dann auf \u00dcberwachungskamerabildern, die jeden Menschen zur entstimmlichten, sich ruckartig durch den Raum teleportierenden Geisterpr\u00e4senz vereinheitlichen.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Auch die Kunden von Jen erscheinen als bedrohliche Entit\u00e4ten, denen der Film aus guten Gr\u00fcnden kein Gesicht gibt: Wir sehen sie nur von hinten oder im Halbdunkel. Am Ende wird \u201eFuneral Casino Blues\u201c (der so stimmungsvolle wie r\u00e4tselhaft anmutende Titel bezieht sich \u00fcbrigens auf ein Beerdigungsritual in den l\u00e4ndlichen Regionen des Isaan) dann konsequenterweise wirklich zum Geisterfilm, nachdem er im Verlauf seiner drei Kapitel eine Atmosph\u00e4re des konstanten Ausgeliefertseins aufgebaut hat. St\u00e4ndig k\u00f6nnte etwas oder jemand in der Dunkelheit lauern. Ein gewaltt\u00e4tiger Freier, ein Schuldeneintreiber, eine Spukgestalt \u2013 irgendwann macht das keinen Unterschied mehr.<\/p>\n<p class=\"bo-p\"><b>Fazit: \u201eFuneral Casino Blues\u201c \u00fcbersetzt die sozialen Verwerfungen in der thail\u00e4ndischen Metropole Bangkok in einen atmosph\u00e4risch driftenden Nacht- und Geisterfilm, der im Verlauf seiner drei Kapitel zunehmend ins Unheimliche gleitet.<\/b><\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wir haben \u201eFuneral Casino Blues\u201c beim Filmfest Venedig gesehen, wo er im Wettbewerb der Reihe Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mehr als zehn Millionen Menschen leben in Bangkok \u2013 dazu kommen noch j\u00e4hrlich 32,4 Millionen Tourist*innen, womit die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":400403,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-400402","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115155205895596425","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/400402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=400402"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/400402\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/400403"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=400402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=400402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=400402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}