{"id":400689,"date":"2025-09-06T06:00:26","date_gmt":"2025-09-06T06:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/400689\/"},"modified":"2025-09-06T06:00:26","modified_gmt":"2025-09-06T06:00:26","slug":"fallada-und-johnson-charly-huebner-ueber-die-literaturschaetze-seiner-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/400689\/","title":{"rendered":"Fallada und Johnson: Charly H\u00fcbner \u00fcber die Literatursch\u00e4tze seiner Heimat"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/huebner-110.webp\" alt=\"Ein Mann blickt mit leicht offenem Mund in die Kamera\" title=\"Ein Mann blickt mit leicht offenem Mund in die Kamera | picture alliance\/dpa | Jens Kalaene\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>\n            Stand: 06.09.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Schauspieler Charly H\u00fcbner spricht \u00fcber seine tiefe Verbundenheit zu Mecklenburg, die literarischen Giganten Hans Fallada und Uwe Johnson sowie die einzigartige mecklenburgische Sprache und Kultur.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Herr H\u00fcbner, Sie sind gerade in Mecklenburg &#8211; ist das f\u00fcr Sie Zuhause, Heimat oder gar nichts von beiden?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Charly H\u00fcbner:<\/strong> Mecklenburg ist Mecklenburg. Das ist meine alte Heimat, von der ich nicht lassen kann.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Sie sind in der Seenplatte aufgewachsen, in Carwitz. Haben Sie da schon in fr\u00fcherer Kindheit oder zu Schulzeiten erste Begegnungen mit Literatur aus der Gegend gehabt?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Ja, wenn man aus der Ecke kommt, dann kommt man an Hans Fallada nicht vorbei. Die Schule hie\u00df auch Hans-Fallada-Oberschule und wir sind mit Hans Fallada gro\u00df geworden. &#8222;Geschichten aus der Murkelei&#8220; und die &#8222;Geschichte vom verkehrten Tag&#8220;, die grandios ist f\u00fcr Kinder und Jugendliche, die wurden wir nicht los. Wir hatten dadurch gar nichts anderes. Astrid Lindgren habe ich erst mit Mitte 30 kennengelernt.<\/p>\n<p>    <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/Y3JpZDovL25kci5kZS8xNDkzXzIwMjItMTItMDMtMjEtNDU\" class=\"mediatheksteaser\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/sendungsbild125362.webp\" alt=\"Charly H\u00fcbner bei der Premiere des Kinofilms 'Sophia, der Tod und ich'.\" title=\"Charly H\u00fcbner bei der Premiere des Kinofilms 'Sophia, der Tod und ich'. | picture alliance \/ Geisler-Fotopress | Ronny Heine\/Geisler-Fotopress\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>    <\/a><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Ich nehme an, das Hans-Fallada-Haus in Feldberg geh\u00f6rte zum Pflichtprogramm in der Schule.<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Es gibt ja das Hans-Fallada-Archiv in Feldberg und das Hans-Fallada-Haus in Carwitz &#8211; da waren wir oft. Wir kannten auch noch seine erste Frau, Anna Ditzen, die wohnte bei uns um die Ecke. Fallada war quasi fast wie ein Nachbar. Ich habe erst viel sp\u00e4ter begriffen, was f\u00fcr ein Gigant das ist, weil der immer da war. Dass er vor zehn Jahren noch mal in Amerika so durchstartete mit &#8222;Jeder stirbt f\u00fcr sich allein&#8220; &#8211; das war uns nicht klar. Wir dachten, die haben so ein Spleen, die Erwachsenen, aber war nicht so. Ist ja auch einer aus dem Norden.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Es gibt noch einen Schriftsteller, der eng mit Mecklenburg-Vorpommern verbunden ist, mit dem sie sich auch viel besch\u00e4ftigt haben: Uwe Johnson, &#8222;Das dritte Buch \u00fcber Achim&#8220; und &#8222;Jahrestage&#8220; haben Sie als H\u00f6rbuch eingelesen, und letztes Jahr gab es auch ein Buch von Ihnen: &#8222;Wenn du w\u00fcsstest, was ich wei\u00df &#8230; Der Autor meines Lebens&#8220;. Warum ist Uwe Johnson der Autor Ihres Lebens?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Er ist es geworden. Damals, als ich nach dem Abitur am Theater in Neustrelitz anfing, las ich viel, und irgendwann landete auch Uwe Johnson auf meinem K\u00fcchentisch. Ich habe den genauso angefangen wegzufressen wie alles andere, was ich zwischen die H\u00e4nde und Augen bekam. Der ist mir haften geblieben aufgrund der Form, aufgrund dieser Tagebuchstruktur in &#8222;Jahrestagen&#8220;. Und dann merkte ich \u00fcber die Jahrzehnte, dass der geblieben ist. Viele sind gegangen, Klaus Mann war so eine tempor\u00e4re Begleiterscheinung, Dostojewski war ganz wichtig im Studium, Tolstoi kam erst &#8211; aber Johnson ist immer geblieben.<\/p>\n<p class=\"\">\nDann gab es im Mitten Verlag die \u00dcberlegung, wie man das Buch im Untertitel nennt. Ich habe mich erst dagegen gewehrt, merkte im dr\u00fcber Nachdenken aber, dass er eigentlich der Autor meines Lebens ist, weil er das unterbewusste Mitdenken &#8211; wenn wir beide reden, laufen ja Bilder und Worte in unseren K\u00f6pfen ab &#8211; f\u00fcr mich so rausgeholt hat wie kaum einer in der deutschen Literatur. Und das finde ich grandios, weil mich das wirklich interessiert. Deswegen ist er mein Autor geworden.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/coverhuebner100.webp\" alt=\"Cover: Charly H\u00fcbner, &quot; Wenn du w\u00fcsstest, was ich wei\u00df...&quot;\" title=\"Cover: Charly H\u00fcbner, &quot; Wenn du w\u00fcsstest, was ich wei\u00df...&quot; | Suhrkamp\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Uwe Johnson wird zu den wichtigsten deutschen Erz\u00e4hlern des 20. Jahrhunderts gez\u00e4hlt. H\u00fcbner schreibt in seinem Buch, wie er das Werk Johnsons entdeckt hat.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Inwiefern schreiben diese Beiden f\u00fcr Sie anders als alle anderen Autorinnen und Autoren? Weil sie aus der gleichen Gegend kommen wie Sie selbst?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Es gibt schon einen Unterschied. Fallada ist der impressarische Erz\u00e4hler, also der Erz\u00e4hler, der uns eine Story vertellt, mit knackigen Worten, am Anfang sehr dem Expressionismus verpflichtet. &#8222;Kleiner Mann, was nun?&#8220; oder &#8222;Wolf unter W\u00f6lfen&#8220; &#8211; das geht ja alles sehr knackig nach vorn. Es ist diese direkte norddeutsche Schnoddrigkeit, und er arbeitet immer mit pommerschen oder mecklenburgischen Wortbildungen und Wortsatzbau. Und bei Johnson geht es noch viel weiter; das ist wirklich mecklenburgisch. Auch dieses vertrackte Um-die-Ecke-Denken, langsam denken, lang denken, viele Nebens\u00e4tze einbauen &#8211; das macht Johnson so wie kein anderer. Das findest du bei Grass nicht und bei Martin Walser nicht &#8211; die sind ja auch andere Kulturr\u00e4ume. Das ist sehr mecklenburgisch. Das ist auch nicht hamburgisch, das ist eine andere Sprache. Das ist einfacher zu lesen. Johnson geht wirklich ins Denken und ins Sprechen rein, und das finde ich sensationell.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Was kann Uwe Johnson heutigen Leserinnen und Lesern erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Bei Johnson ist es ganz klar, dass du aus der Zeitgeschichte nicht rauskommst. Es gibt Auf und Abs, es gibt Leute, bei denen l\u00e4uft es besser, und bei anderen nicht so gut, aber im Gro\u00dfen und Ganzen, im Verh\u00e4ltnis zu vielen anderen L\u00e4ndern in Europa, ging es den Deutschen bis zur Pandemie 2020 super, und man hatte fast das Gef\u00fchl, dass das, was da drau\u00dfen politisch passiert, mit uns nichts zu tun hat. Aber sp\u00e4testens ab 2015 wissen wir, dass wir aus der Zeitgeschichte nicht raus k\u00f6nnen. Und das macht er sehr deutlich &#8211; vor allem in &#8222;Jahrestage&#8220;, aber auch in allen anderen B\u00fcchern: Du kannst dein Leben leben, aber die Weltpolitik findet nicht ohne dich statt. Du wirst immer Teil dessen sein. Sie wird dich entweder \u00fcberrollen, oder du mischst dich mit ein. Das macht er in allen B\u00fcchern klar.<\/p>\n<p class=\"\">\nBei Fallada ist es letztlich auch so, dass du nicht unbeschadet aus diesen Zeiten rauskommst, aber er vermittelt auch immer Rezepte, vor allem wenn die politischen Zeiten hart sind, wie man sich da entweder behauptet, wie man \u00fcberlebt oder sogar dagegenstellt. Das machen beide, da sind beide in einer gewissen Weise stille Renegaten gewesen. Und das ist nat\u00fcrlich auch gut so.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Nun haben Sie und ich eine Sache gemeinsam, auch wenn ich aus Ostfriesland komme und Sie aus Mecklenburg: Man kommt nicht so richtig an plattdeutscher Literatur vorbei. Inwiefern hat plattdeutsche Literatur f\u00fcr Sie eine Rolle gespielt?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Gar nicht. Der Vater war Sachse, aber der hat immer darauf hingewiesen: &#8222;Befasst euch mit Fritz Reuter!&#8220; Der hat ja so was wie eine mecklenburgische Chronik verfasst, gerade was diesen Herzog D\u00f6rchl\u00e4uchting angeht. Vater selber hat sich da auch richtig reingekniet, hat das sogar &#8211; er war Karnevalist in einer Saison &#8211; richtig zum Thema gemacht. Dadurch wissen wir von Fritz Reuter. Ich hatte aber bisher nicht die Ruhe, mich dem zu widmen. Mein Bruder hat es ein bisschen gemacht, und ich habe das tats\u00e4chlich noch vor, weil ich glaube, dass da richtig was schlummert, da ist noch richtig was zu heben f\u00fcr meine anderen Berufe, Schauspiel und Regie. In der mecklenburgischen Kulturgeschichte findet man bei Fritz Reuter im Plattd\u00fctschen ganz viel, womit man noch was anfangen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Gibt es eigentlich auch gegenw\u00e4rtige Literatur von Autorinnen und Autoren aus Mecklenburg-Vorpommern, die Sie gern lesen oder die Sie weiter verschenken w\u00fcrden, weil Sie sie so gut finden?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Auf Anhieb f\u00e4llt mir da niemand ein. Da ist nat\u00fcrlich Caroline Wahl, weil sie in Rostock gelebt hat, aber die ist jetzt schon eine bundesdeutsche Erfolgsautorin. Ansonsten habe ich selber nicht sofort jemanden auf dem Kieker. Da bin ich auch ganz offen f\u00fcr Vorschl\u00e4ge oder Hinweise.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>In Niedersachsen gibt es sehr erfolgreiche K\u00fcstenkrimis, auch in Friesland &#8211; steht Mecklenburg-Vorpommern manchmal ein bisschen zu sehr im Schatten der anderen K\u00fcstenl\u00e4nder?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>H\u00fcbner:<\/strong> Ich wei\u00df, dass es einige K\u00fcsten-Krimis auch von der mecklenburgischen Ostseek\u00fcste gibt. Ich wei\u00df auch, dass es einige Autorinnen und Autoren gibt, die in kleineren Verlagen verlegen. Aber letztlich w\u00fcrde ich sagen: Ja, und das zu Unrecht! Da kann man ruhig nochmal die Keule rausholen, weil Mecklenburg ja eine andere Kulturgeschichte hat als Schleswig-Holstein zum Beispiel oder Niedersachsen. Und Mecklenburg auch nochmal anders als das sogenannte Vorpommern, also der westliche Teil vom ehemaligen Pommern. Deswegen ist da auf jeden Fall Nachholbedarf, w\u00fcrde ich sagen.<\/p>\n<p class=\"\">Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Keno Bergholz.<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 06.09.2025 06:00 Uhr Schauspieler Charly H\u00fcbner spricht \u00fcber seine tiefe Verbundenheit zu Mecklenburg, die literarischen Giganten Hans&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":400690,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,41268,29,214,30,2699,106821,2134,1800,215,106820],"class_list":{"0":"post-400689","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-charly-huebner","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-gespraech","15":"tag-hans-fallada","16":"tag-interview","17":"tag-romane","18":"tag-unterhaltung","19":"tag-uwe-johnson"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115155830633465957","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/400689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=400689"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/400689\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/400690"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=400689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=400689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=400689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}