{"id":402016,"date":"2025-09-06T18:12:23","date_gmt":"2025-09-06T18:12:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/402016\/"},"modified":"2025-09-06T18:12:23","modified_gmt":"2025-09-06T18:12:23","slug":"neuer-roman-von-leif-randt-im-zweifel-highly-relatable","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/402016\/","title":{"rendered":"Neuer Roman von Leif Randt: Im Zweifel highly relatable"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Um Gef\u00fchle geht es nicht, im neuen Roman von Leif Randt. \u201eLet\u2019s talk about feelings\u201c hei\u00dft der zwar, doch schon im Umweg \u00fcber das Englische spiegelt sich die ironische Distanz, die der gro\u00dfe Apathiker Randt Emotionen und Affekten gegen\u00fcber einnimmt. Dabei passiert eigentlich so einiges im Roman, was gro\u00dfe Gef\u00fchle hervorrufen sollte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Die Ex-Freundin bekommt ein Baby, Freundschaften ver\u00e4ndern sich, angeblich verliebt sich der 41-j\u00e4hrige Marian sogar. Gleich zu Anfang des Romans betrauert er zudem seine Mutter, die \u2013 einst erfolgreiches Model \u2013 nun aschef\u00f6rmig ihre letzte Ruhest\u00e4tte im Berliner Wannsee findet. Marian versagt die Stimme, als er seine Trauerrede vom eigens daf\u00fcr gekauften Tablet abliest, eigentlich denkt er jedoch auch w\u00e4hrend der Seebestattung vor allem \u00fcber Fischerh\u00fcte und in Stoffservietten geschlagene Salzbrezeln nach.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Er kann vielleicht schlicht nicht anders, denn schon von Berufs wegen ist Marian der Oberfl\u00e4che zugetan. Als Eigent\u00fcmer des Boutique-Gesch\u00e4fts \u201eKenting Beach\u201c verkauft er Vintage- und Designermode. Finanziell gibt es Schwierigkeiten, nichts Dramatisches, Marian lebt ein angenehmes Leben, in dem Emotionen wie Freude oder Trauer keine gro\u00dfe Rolle spielen und er stattdessen den Parametern zufrieden oder unzufrieden zuneigt.<\/p>\n<p>      Kapitalistische Gegenwart<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Es sind Consumer-Kategorien, die hier zur Anwendung kommen, in einer Welt, die nur aus Waren besteht. Marian nutzt kein Smartphone, sondern ein iPhone 13 mini, er sitzt nicht im Sessel, sondern auf einer Androsabini-Chair-Replik. Es ist alles Design bei Leif Randt. Alles Design, Kunst ist tot.<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Leif Randt:<\/strong> \u201eLet&#8217;s talk about feelings\u201c. Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2025, 320 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Es ist wahrscheinlich gar nicht so leicht, sich derart exzessiv mit dem Frontend der kapitalistischen Gegenwart zu befassen, ohne sich einen einzigen klugen Gedanken zu erlauben, der als Zeitgeistanalyse durchgehen k\u00f6nnte. Ja, jeder Telegram-User hat sich wohl schon mal Gedanken um die Handhabe des Gegen\u00fcbers mit Doppel- und Einfachh\u00e4kchen gemacht. Und nein, niemand liebt es, Pakete bei Nachbarn abzuholen \u201eund mit notd\u00fcrftig recycelten P\u00e4ckchen zur Post zu laufen\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Randt bringt Gedankeng\u00e4nge zu Papier, die sich schon im Kopf nur selten ausformulieren, zu nichtig sind sie f\u00fcr ein Geh\u00e4use aus Satz und Wort.<\/p>\n<p>      Marian ist massenkompatibel<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Die Marke Marian ist massenkompatibel, die fleisch- und literaturgewordene Variante eines Point-of-View-Posts; im Zweifel highly relatable. Die W\u00e4hrung ist nicht Inhalt, sondern Dopamin. Mit der Welt ist man so gleich um zwei Prozent vers\u00f6hnter. Alles kann bleiben, wie es ist: Die einzige Haltung, die das Spektakel fordert, ist die der passiven Hinnahme.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Statt echter Gef\u00fchle sind Trigger ausreichend. K\u00fcrzlich bekannte Leif Randt in der Zeit, \u201eschon auch Schrott\u201c zu kaufen. \u201eNeulich habe ich ein Foto von dem Fu\u00dfballer Hugo Ekitik\u00e9 gesehen in einer blau-wei\u00dfen Sportjacke mit hohem Kragen, Hornbrille und einer Louis-Vuitton-Tasche <a href=\"https:\/\/taz.de\/Warum-Labubus-der-perfekte-Ragebait-sind\/!6102923\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mit Labubus dran.<\/a> Dazu hatte er zwei Handys in der Hand, die farblich perfekt passten \u2013 da war ich schon ein bisschen stolz auf ihn\u201c, so Randt. \u201eWenn etwas so dr\u00fcber und voller Liebe f\u00fcrs Detail ist, kann ich es auf jeden Fall umarmen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Auf Randt scheinen sich seit jeher alle einigen zu k\u00f6nnen. Seine \u201ekonsequent durchgehaltene Verweigerung jeglicher Substanzialit\u00e4t\u201c (SZ) l\u00e4sst seit seinem ersten Roman \u201eSchimmernder Dunst \u00fcber CobyCounty\u201c Kritikerherzen h\u00f6her schlagen. Sein Faible f\u00fcr Trivialit\u00e4ten ist bekannt. Auch <a href=\"https:\/\/taz.de\/Leif-Randts-Roman-Allegro-Pastell\/!5667929\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">in \u201eAllegro Pastell\u201c, seinem erfolgreichsten letzten Roman,<\/a> gibt es kaum echte Emotionen, die Figuren verharren im Hyperreflexiven.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Den postmodernen Kapitalismus zeichnet genau diese ironisch-distanzierte Haltung ihm gegen\u00fcber aus<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">\u201eLet\u2019s talk about feelings\u201c ist jedoch stellenweise so banal, dass Randt sich offenbar gen\u00f6tigt sah, die T\u00fcr zur Satire anzulehnen. \u201eIn der Mitte hohl\u201c, ist eine Kritik zu einem Film \u00fcberschrieben, der Marian gut gef\u00e4llt und mit dessen Protagonisten er sich \u201eproblemlos identifizieren\u201c kann. Wen die offensive Oberfl\u00e4chlichkeit abst\u00f6\u00dft, dem pr\u00e4sentiert sich also zumindest an dieser Stelle die Option auf Flucht in die Metaebene.<\/p>\n<p>      Keine Lust auf Kommunismus<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Man kann Randts Erz\u00e4hlhaltung sicherlich als \u201eKritik an der Kritik\u201c abstempeln, so deutete das etwa Moritz Ba\u00dfler. Doch wer doppelt verneint, affirmiert nicht nicht. Den postmodernen Kapitalismus zeichnet genau diese ironisch-distanzierte Haltung ihm gegen\u00fcber aus; eine andere Welt ist eben auch unm\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Oder in Marians Worten: \u201eAls ich etwa f\u00fcnfzehn Jahre alt war, habe ich mal zu meiner Mutter gesagt, dass ich keine Lust auf Kommunismus h\u00e4tte, weil es da bestimmt nur eine eingeschr\u00e4nkte Auswahl an Klamotten geben w\u00fcrde\u201c. Politisches Bewusstsein fehlt ihm jedenfalls g\u00e4nzlich. Einmal denkt Marian \u00fcber seinen besten Freund Piet nach, der gewiss \u201eseine Kritik an der Gegenwartskultur sch\u00e4rfen (w\u00fcrde), entweder ziemlich konservativ oder sehr viel linker werden, und er w\u00fcrde in beiden F\u00e4llen ein mitrei\u00dfender Charakter bleiben\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">Damit Politik in \u201eLet\u2019s talk about feelings\u201c keine Rolle zu spielen braucht, bedient sich Randt eines Tricks. In seinem Deutschland sind einige Weichen anders gestellt: Zwar h\u00f6rt das Jahr auf den Namen 2025 und Robert Habeck ist Vizekanzler, allerdings koaliert seine Partei mit den linksliberalen \u201eProgress16\u201c. Die Rechten stehen bei 10 Prozent, bei der n\u00e4chsten Wahl werden sie wohl in den Bundestag einziehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"17\">Wenn Marian bedauert, dass es immer weniger Menschen gibt, die sich als apolitisch identifizieren, mag das in einer Welt, in der Bernie Sanders zwei Amtszeiten absolvieren konnte, irgendwo mehrheitsf\u00e4hig sein. \u201eUnpolitisch\u201c zu sein oder sich exzessiv mit Markenkleidung zu besch\u00e4ftigen, das wird in Berlin 2025 jedoch moralisch st\u00e4rker geahndet als auf Sylt 1995. Die Rechten kommen realiter auf \u00fcber 20 Prozent, die Konservativen schielen in Richtung Zusammenarbeit. In einer pastellfarbeneren Gegenwart l\u00e4sst es sich guten Gewissens dem Sch\u00f6nen und Teuren zuwenden, so scheint sich Randt abgesichert zu haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"18\">Das ist politisch ein bisschen feige und inhaltlich einigerma\u00dfen fad: Wer provokant Trivialit\u00e4ten aufs Tapet bringt, der k\u00f6nnte sich auch trauen, den Tisch in der echten Gegenwart aufzustellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Um Gef\u00fchle geht es nicht, im neuen Roman von Leif Randt. \u201eLet\u2019s talk about feelings\u201c hei\u00dft der zwar,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":402017,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-402016","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115158708884205004","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/402016","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=402016"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/402016\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/402017"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=402016"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=402016"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=402016"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}