{"id":402276,"date":"2025-09-06T20:39:12","date_gmt":"2025-09-06T20:39:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/402276\/"},"modified":"2025-09-06T20:39:12","modified_gmt":"2025-09-06T20:39:12","slug":"serie-unsere-besten-reportagen-leben-auf-zwei-quadratmetern-stuttgarterin-im-kampf-mit-schmerz-und-einsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/402276\/","title":{"rendered":"Serie: \u201eUnsere besten Reportagen\u201c: Leben auf zwei Quadratmetern: Stuttgarterin im Kampf mit Schmerz und Einsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, die nichts verhei\u00dfen, die nur aus z\u00e4her Zeit bestehen. Und es gibt gute Tage, wenn zum Beispiel das Fernsehen am Sonntag einen Heimatfilm mit Rudolf Prack zeigt. Oder wenn Frau Bauer zum Putzen kommt. Heute ist so ein Tag. Renate Burkl stemmt sich hoch, vom Liegen ins Sitzen. Die geschwollenen F\u00fc\u00dfe steckt sie in gro\u00dfe Filzpantoffeln. Den Bauch, der schwer auf den Schenkeln liegt, verstaut sie unter einer Tagesdecke. Hier, auf der Mitte ihres Bettes, zwischen Schrankwand, Fernseher und Fenster, spielt sich seit dem Tod ihres Mannes ihr Leben ab. Mal im Sitzen, mal im Liegen. Seit zw\u00f6lf Jahren.<\/p>\n<p>Um sieben Uhr morgens hilft eine Pflegerin ihr in die Bluse, Gr\u00f6\u00dfe 60, Versandware aus den USA. Sie war schon immer \u201eeine starke Frau\u201c, wie sie sagt. Das sei famili\u00e4r bedingt. Auch ihr Mann war ein Kr\u00e4ftiger. Karl war die Liebe ihres Lebens, die einzige. Sie begegnete ihr sp\u00e4t. Beide waren schon \u00fcber 50, als sie sich bei der Arbeit kennenlernten. Sie f\u00fcllte beim Spar in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>-Vogelsang die Regale auf, er holte die leeren Kartonagen ab. Sie heirateten und unternahmen Reisen in die Vereinigten Staaten, wo niemand ihre gro\u00dfen K\u00f6rper beachtete. Es war die sch\u00f6nste Zeit ihres Lebens.<\/p>\n<p>Abschied vom Ehemann \u2013 und dem Rest der Welt <\/p>\n<p>Sie dauerte nur wenige Jahre. Karl litt an Zucker, er musste beide Beine abnehmen lassen, wurde bettl\u00e4gerig. F\u00fcr ihn ging Renate Burkl jeden Tag vor die T\u00fcr, zum Sanit\u00e4tshaus, zur Apotheke, zum Einkauf, selbst als ihr das Rheuma in die Knochen kroch. Schon damals verlegte sie ihre Schlafst\u00e4tte ins Wohnzimmer, stellte die Betten Eck an Eck und harrte mit ihm aus, tagelang, jahrelang.<\/p>\n<p>In der Nacht auf den 4. April 1996 erlitt Karl einen Schlaganfall. Die \u00c4rzte erschienen eineinhalb Stunden nach ihrem Notruf. Als Renate Burkl von ihrem Mann Abschied nehmen musste, verabschiedete sie sich auch vom Rest der Welt. Nach seiner Beerdigung stieg sie das letzte Mal die Treppenstufen in ihre Wohnung in Stuttgart-Degerloch hinauf. Unten am Eingang, neben dem Klingelknopf und \u00fcber dem Briefkastenschlitz, steht immer noch sein Name.<\/p>\n<p>Alltag auf zwei Quadratmetern <\/p>\n<p>Von den 50 Quadratmetern beansprucht Renate Burkl an gew\u00f6hnlichen Tagen zwei bis drei. Auf dem Rolltisch an ihrem Bett liegen alle Utensilien f\u00fcr den Tag: die Fernbedienung, das Telefon, ein Glas mit Schmerztabletten, eine Flasche Wasser, die Lupe, der Kugelschreiber, das R\u00e4tselheft. \u201eAm liebsten l\u00f6se ich Zahlenr\u00e4tsel und Kreuzgitter\u201c, sagt sie. Mit den Sudoku-R\u00e4tseln wei\u00df sie nichts anzufangen. Kreuzwortr\u00e4tsel strengen sie an, seit sie zum Lesen die Lupe nehmen muss. Mit den ausgef\u00fcllten Heftchen k\u00f6nnte man ein kleines B\u00fccherregal f\u00fcllen. In dieser Parallelwelt aus Zahlen und Buchstaben durchlebt Renate Burkl H\u00f6hen und Tiefen, feiert Erfolge und steckt Niederlagen ein.<\/p>\n<p>Bis um Punkt 10.30 Uhr die Haust\u00fcr aufgeht. \u201eFrau Burkl, das Mittagessen!\u201c, ruft der Mitarbeiter vom mobilen Men\u00fcdienst, der wie alle Besucher von Renate Burkl einen Hausschl\u00fcssel von ihrer Wohnung besitzt. Er legt einen in Plastikfolie eingeschwei\u00dften Styroporteller von der Firma Apetito auf ihren Tisch: \u201eFeine Bratwurst mit Salzkartoffeln und Spinat.\u201c Eine halbe Stunde lang l\u00e4sst Renate Burkl die Vorfreude auf sich wirken. Dann rei\u00dft sie die Folie auf, spannt ein Handtuch zwischen Kinn und Teller und isst. \u201eSpinat mag ich gar nicht\u201c, sagt sie und l\u00e4sst nichts \u00fcbrig.<\/p>\n<p> Das Essen wird ihr zum Verh\u00e4ngnis  <\/p>\n<p>Das Essen ist ihr zum Verh\u00e4ngnis geworden. Sie liebt alles Deftige \u2013 Maultaschen, W\u00fcrste, Braten. Ein Genuss, den sie mit ihrem Mann geteilt hat, und der einzige, der ihr geblieben ist. Sie will darauf nicht verzichten, pocht auf das Menschenrecht, zu essen, was einem schmeckt. Irgendwann haben die \u00c4rzte es aufgegeben, ihr zu leichterer Kost zu raten. Irgendwann war sie so schwer, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Seit vier Jahren steht der Rollator unbewegt im ehemaligen Schlafzimmer, inmitten von Taschen, T\u00fcten und Koffern voll von Erinnerungen \u2013 Kassetten, Postkarten, Stickereien, Kleidern, die nicht mehr passen.<\/p>\n<p>Kaum ver\u00e4ndert hat sich das Panorama, das Renate Burkl von ihrem Bett aus \u00fcberblicken kann. Im Vogelk\u00e4fig zu ihrer Linken sa\u00df zuerst Biggi, dann kam Susi, sp\u00e4ter Hansi und seit vier Jahren der zweite Hansi. Daneben steht der Fernseher, der sie mit Heimatfilmen und Kochsendungen unterh\u00e4lt. Es folgt die braune Schrankwand mit den Urlaubssouvenirs, auf die sich \u00fcber die Jahre eine Schicht Staub gelegt hat. Und schlie\u00dflich die Wand zu ihrer Rechten mit vielen Uhren, die die Stille beleben. Blickt sie aus dem Fenster, sieht sie ein Mehrfamilienhaus und einen pr\u00e4chtigen Baum. Er zeigt ihr die Jahreszeit an.<\/p>\n<p> \u201eBarack Obama\u201c noch nie geh\u00f6rt <\/p>\n<p>Den Namen Barack Obama hat sie noch nie geh\u00f6rt. Sie wei\u00df auch nicht, wer zurzeit der deutsche Bundeskanzler ist. Dass mal zwei Flugzeuge gro\u00dfen Schaden in New York angerichtet haben, hat sie mitgekriegt, wahrscheinlich von der Nachbarin. Die Euroeinf\u00fchrung hat sie wiederum vers\u00e4umt, was sie wurmt: \u201eIch habe noch so viele Pfennige.\u201c<\/p>\n<p>Dass sie seit der Beerdigung von Karl nur in ihrem Bett lebt, stimmt nicht ganz. Zweimal hat sie die Wohnung verlassen, allerdings unfreiwillig. Acht Sanit\u00e4ter mussten sie auf einer Trage die Treppe hinunterschleppen. Beim ersten Auszug hatte sie eine Entz\u00fcndung am Unterleib, beim zweiten einen Tumor an der Brust. Von der Au\u00dfenwelt bekam sie nicht viel zu sehen: den Rettungswagen von innen, Krankenhausflure, Krankenhauszimmer mit alten, schweigsamen Menschen.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen kommt oft jemand vom Pflegedienst und w\u00e4scht sie dort, wo sie nicht mehr hinkommt. Auch die Haus\u00e4rztin schaut manchmal vorbei. Einen Zahnarzt hat Renate Burkl dagegen schon lange nicht mehr gesehen. \u201eDie oberen Z\u00e4hne sind mir ausgefallen. Aber mir reichen die unteren\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Heute kommt die Putzfrau, Frau Bauer. Renate Burkl mag sie gern. Sie sei immer freundlich und bringe ihr oft eine TV-Zeitschrift oder ein R\u00e4tselheft mit. Heute hat es Frau Bauer eilig. Sie saugt schnell um die Pantoffeln herum und ist im Nu wieder verschwunden. Nun beginnt der einsame Teil des Tages. Es ist erst fr\u00fcher Nachmittag.<\/p>\n<p>Angeh\u00f6rige hat sie schon: eine Schw\u00e4gerin in den USA, die ihr zu Weihnachten Vorhangkordeln mit Bommeln und Plastikblumenkr\u00e4nze schickt. Dann noch eine Schwester in G\u00fcnzburg, die es in den Knien hat, und die 95-j\u00e4hrige Schwiegermutter, die sich nicht mehr meldet, seit sie in einem Altenheim lebt.<\/p>\n<p> Prozellanpuppen und Stofftiere als Gespr\u00e4chspartner <\/p>\n<p>Renate Burkl k\u00fcmmert sich selbst um Gesellschaft. Hinter dem Bettrand sitzen ihre Gespr\u00e4chspartner: Porzellanpuppen, Stoffpuppen, Stofftiere. Sie stellt sie vor: \u201eDie h\u00fcbsche Blonde da hei\u00dft Petra. Der Kerl mit den roten B\u00e4ckchen ist Denny, seine Freundin hei\u00dft Hedi. Und da oben auf der Schaukel sitzt Charly, der Clown.\u201c Manche Puppen singen auf Knopfdruck, zum Beispiel Pizzab\u00e4cker Jo. \u201eThat\u2019s Amore\u201c, schmettert er, wenn seine Batterien geladen sind.<\/p>\n<p>Besonders gern tauscht sich Renate Burkl mit Herrn Wanner aus, dem dicken Koch aus Keramik, der ganz oben auf dem Schrank steht. Sie sprechen \u00fcber alte Zeiten. Jahrelang hat sie f\u00fcr Herrn Wanner in der Gastronomie der Filderhalle Kocht\u00f6pfe ausgeputzt.<\/p>\n<p>Geht ihr der Gespr\u00e4chsstoff aus, zieht sie die Puppen um. Die Nachbarin brachte ihr k\u00fcrzlich eine Tasche mit Puppenkleidern, die sie unter ihrem Bett aufbewahrt. \u201eBei der K\u00e4lte da drau\u00dfen sollen es alle warm haben\u201c, sagt die f\u00fcrsorgliche Puppenmutter.<\/p>\n<p> Rauchfleisch und Stollen im Bett <\/p>\n<p>Zum geselligem Beisammensein geh\u00f6rt auch stets etwas zu essen. Aus der Tiefe ihres Bettzeugs fischt Renate Burkl eine T\u00fcte mit den Resten eines Di\u00e4tstollens aus N\u00fcrnberg \u2013 ihr kleines s\u00fc\u00dfes Geheimnis, das die langen Nachmittage in zwei H\u00e4lften teilt. \u201eDavon nasche ich, wenn Kaffeezeit ist\u201c, sagt sie. In einer anderen Ecke ihres Bettes hat sie Rauchfleisch und einige Landj\u00e4ger deponiert. Damit wertet sie ihr Abendessen auf. In der Post findet sie immer h\u00e4ufiger diese verf\u00fchrerischen Werbeprospekte inklusive Bestelllisten. Die Nachbarin hilft ihr, sie auszuf\u00fcllen, und nimmt die \u00dcberweisungstr\u00e4ger mit zur Bank.<\/p>\n<p>Die kleinen S\u00fcnden kann sie sich eigentlich auch finanziell nicht leisten. Sie stottert Schulden ab. Die orthop\u00e4dischen Schuhe und Prothesen von Karl waren kostspielig. Gr\u00f6\u00dfere Anschaffungen muss sie in Raten abbezahlen. Den Trockner beispielsweise, der seit vier Jahren die magere Rente auffrisst. Ihre gr\u00f6\u00dfte Angst: \u201eDass irgendwann der Fernseher kaputt geht.\u201c Das alte Ger\u00e4t von Philips hat seinerzeit noch ihr Karl angeschafft.<\/p>\n<p> Gr\u00f6\u00dfte Angst? \u201eDass irgendwann der Fernseher kaputt geht\u201c <\/p>\n<p>Es beginnt zu d\u00e4mmert, und Vogel Hansi, der Zweite, hat aufgeh\u00f6rt zu zwitschern. In der Wohnung \u00fcber ihr schreien sich die Nachbarn an. Renate Burkl ist mit ihrem Dasein im Reinen. Vor ihr liegen einige aufregende Ereignisse. Ihr Teppich muss dringend mal gereinigt werden. In dieser Zeit soll sie im Nebenzimmer Platz nehmen. Und n\u00e4chstes Jahr steht ihr 70. Geburtstag an. Sie will ein paar Brote schmieren und eine Nachbarin einladen.<\/p>\n<p> Was ist seither geschehen? <\/p>\n<p>Renate Burkl ist nicht mehr am Leben, auch wenn das Online-Telefonverzeichnis etwas anderes suggeriert. Dort steht sie mit ihrer Degerlocher Anschrift und einer Telefonnummer, die ins Leere f\u00fchrt. Offenbar hat niemand daran gedacht, Renate Burkl abzumelden, als sie im November 2012 mit 74 Jahren in ein Pflegeheim umzog. Das berichten Frau H\u00fcbner, die Nachbarin, die direkt gegen\u00fcber wohnt, und Frau Babic, Renate Burkls Nachmieterin. \u201eAls sie noch nebenan wohnte, besuchte ich sie ab und zu\u201c, erz\u00e4hlt Ruth H\u00fcbner. Sie sei immer erstaunt gewesen, wie gut gestimmt Renate Burkl gewesen sei, trotz ihrer Beeintr\u00e4chtigungen. \u201eSie war eine Frohnatur.\u201c<\/p>\n<p>Ruth H\u00fcbner ist selbst schon etwas \u00e4lter. \u201eIch wei\u00df nicht mehr genau, woher ich das wei\u00df\u201c, sagt sie, \u201eaber ich wei\u00df sicher, dass sie bald nach ihrem Umzug ins Pflegeheim gestorben ist.\u201c Renate Burkl erw\u00e4hnte zu Lebzeiten eine Schwester in G\u00fcnzburg. Ob sie noch lebt, ist unbekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt Tage, die nichts verhei\u00dfen, die nur aus z\u00e4her Zeit bestehen. 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