{"id":405841,"date":"2025-09-08T06:39:13","date_gmt":"2025-09-08T06:39:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/405841\/"},"modified":"2025-09-08T06:39:13","modified_gmt":"2025-09-08T06:39:13","slug":"cover-up-eine-gegengeschichte-der-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/405841\/","title":{"rendered":"&#8222;Cover-Up&#8220;: Eine Gegengeschichte der USA"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/master_suchi_top-4815f753430ebebd.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\">Kinoposter &#8222;Cover-up&#8220;<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Seymour Hersh und seine Kunst des Zweifelns: Laura Poitras portr\u00e4tiert den legend\u00e4ren Enth\u00fcller als streitbaren Chronisten einer pluralen Wahrheit.<\/p>\n<blockquote class=\"rte__textbox-blockquote\">\n<p>The son of a bitch is a son of a bitch. But he\u2019s usually right, isn\u2019t he?. Der Hurensohn ist ein Hurensohn. Aber er hat meistens recht, nicht wahr?<\/p>\n<p>Richard Nixon \u00fcber Seymour Hersh\n   <\/p><\/blockquote>\n<p>Irgendwann in diesem Film erz\u00e4hlt Seymour Hersh, Protagonist von &#8222;Cover-Up&#8220;, von seiner Begegnung mit Henry Kissinger, damals Sicherheitsberater der Richard-Nixon-Administration. Kissinger bittet den Journalisten, zu berichten, was er \u00fcber Vietnam wei\u00df, was er auf seiner exklusiven Reise gesehen hat (nur eine Handvoll seiner Kollegen hatte ein Visum erhalten).<\/p>\n<p>Am Ende seines langen Berichts, in dem Hersh recht positiv \u00fcber die Kampfmoral des Vietkong referiert hatte, nimmt Kissinger den Telefonh\u00f6rer ab und sagt laut zu einem Gespr\u00e4chspartner, dieser Mann wisse \u00fcber Vietnam <strong>mehr als die CIA<\/strong>.<\/p>\n<p>&#8222;Ich war verbl\u00fcfft! Ich konnte nicht glauben, dass Kissinger dachte, ich k\u00f6nnte so einen riesigen Schwachsinn glauben&#8220;, sagt Hersh in die Kamera von Laura Poitras und ihrem Co-Regisseur Mark Obenhaus.<\/p>\n<p>Der Journalist lie\u00df sich nicht t\u00e4uschen \u2013 genauso wenig wie er sich von den Vertuschungsversuchen des Massakers von My Lai, der Korruption der gro\u00dfen US-Konzerne, der Folter im Gef\u00e4ngnis Abu Ghraib im Irak oder von den ukrainischen Schuldzuschreibungen in Bezug auf die Sprengung von &#8222;North Stream 2&#8220; blenden lie\u00df.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Immer noch bereit, in den Kampf zu ziehen<\/p>\n<p>Mit &#8222;Cover-Up&#8220;, der au\u00dfer Konkurrenz bei den 82. Filmfestspielen von Venedig pr\u00e4sentiert wurde, kehrte Laura Poitras nach ihrem Goldenen L\u00f6wen von 2022 an den Lido zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anhand der Karriere (und teilweise auch des Lebens) eines der gr\u00f6\u00dften investigativen Journalisten der USA, Seymour Hersh, rekonstruiert durch die exklusive Einsicht in dessen pers\u00f6nliches Archiv, setzt &#8222;Cover-Up&#8220; Poitras&#8216; Arbeit an einer Gegengeschichte der Vereinigten Staaten \u2013 und dar\u00fcber hinaus \u2013 fort.<\/p>\n<p>Im st\u00e4ndigen Wechselspiel von Vertuschung und Aufdeckung, von geforderter Transparenz und beanspruchter Undurchsichtigkeit, wird die<strong> j\u00fcngere Vergangenheit der USA<\/strong> erz\u00e4hlt, die zugleich den Keim der Gegenwart birgt.<\/p>\n<p>Denn wir sehen, wie jene <strong>globale \u00dcberwachung<\/strong> entsteht, die, oft im Namen der Sicherheit, jeden Raum der \u00f6ffentlichen wie der privaten Sph\u00e4re durchdringt.<\/p>\n<p>Ein Konflikt, der heute zentral geworden ist, w\u00e4hrend Seymour Hersh immer noch bereit ist, in den Kampf zu ziehen \u2013 wenn auch auf einem anderen Schlachtfeld, das inzwischen vom Printmedium \u00fcber Magazine bis hin zu <a href=\"https:\/\/seymourhersh.substack.com\/p\/trading-with-the-enemy\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">Substack<\/a> reicht.<\/p>\n<p>Wahrheit und Schlagseite<\/p>\n<p>Der Hersh, der hier erscheint, ist integer, lustig, und oft allzu selbstbewusst. Dieser Film ist grunds\u00e4tzlich sehr gut. Denn er zeigt uns den Menschen neben der Ber\u00fchmtheit und er erz\u00e4hlt vieles Wichtige.<\/p>\n<p>Zugleich aber ist er auch <strong>nicht kritisch genug<\/strong>; denn er stellt den Moralismus des Mannes nicht infrage, und er stellt auch seine Selbstgerechtigkeit nicht infrage.<\/p>\n<p>Der Film ist kritisch, wenn es um Laura Poitras reichlich \u00fcbertriebene Vorstellungen von &#8222;sauberem Journalismus&#8220; geht; also etwa an dem Punkt, wo Hersh manchmal nur eine einzige Quelle f\u00fcr seine Aussagen hat, und nicht acht \u2013 worauf Hersh ein bisschen sp\u00f6ttisch auf die Interviewfragen antwortet und sinngem\u00e4\u00df sagt: &#8222;So ist das eben und manchmal ist ein einziger, mit dem man 20 Jahre zusammenarbeitet, zuverl\u00e4ssiger als neun Leute, die man nicht kennt.&#8220;<\/p>\n<p>Weniger zum Thema gemacht wird die Tatsache, dass die Wahrheit vielleicht nicht immer das einzige ist, um das es geht. Und dass es oft <strong>mehrere Wahrheiten einer Sache<\/strong> gibt. Der Film macht auch nicht zum Thema, dass man die eine Wahrheit mit der anderen Wahrheit in eine Relation setzen muss.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird etwas nicht unwahrer dadurch, dass es aus dem Zusammenhang gerissen wird, und dadurch, dass \u00fcber Ursachen und Wirkungen einer Handlung oder Unterlassung nicht nachgedacht wird.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich ist etwas, das der \u00d6ffentlichkeit ohne solche Zusammenh\u00e4nge dargestellt wird, auch nicht &#8222;die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit&#8220;. Sondern es hat eine Schlagseite. Es ginge also um die Einsicht, dass alles eine Schlagseite hat, und dass es die wirklich volle Wahrheit eben nicht gibt.<\/p>\n<p>Das Handwerk der Journalisten<\/p>\n<p>Ein zweiter Aspekt ist auch noch der: Die Journalisten in Venedig sehen einen Film \u00fcber einen Journalisten. Sie feiern den Film und vor allem den Journalisten. Sie sind aber selbst alle Journalisten. Fair enough.<\/p>\n<p>Aber wie spiegelt sich das Handwerk, das gefeiert wird, in der eigenen Arbeit der Berichterstatter? Sind sie so kompromisslos wie Hersh? Sind sie so moralisierend?<\/p>\n<p>Verteidigung der Pluralit\u00e4t<\/p>\n<p>&#8222;Cover-Up&#8220; stilisiert Seymour Hersh nicht zum Heiligen, auch wenn die Regisseure ihn mit sichtbarer Bewunderung betrachten.<\/p>\n<p>Seine Irrt\u00fcmer, seine Fehltritte bleiben nicht ausgespart. So etwa, als er \u00fcberzeugt war, die Liebesbriefe zwischen JFK und Marilyn Monroe in den H\u00e4nden zu halten \u2013 die sich sp\u00e4ter als F\u00e4lschungen herausstellten.<\/p>\n<p>Die Figur des Protagonisten streift in manchen Momenten sogar die Ambivalenz. An einer Stelle fragt Poitras Hersh: &#8222;Was bedeutet es, wenn sich ein Hinweis einer Quelle von ihm als falsch herausstellt?&#8220; Antwort: &#8222;Dass ich zwanzig Jahre lang mit einer Person gearbeitet habe, der ich nicht trauen konnte&#8220;, antwortet der Journalist.<\/p>\n<p>Ein solcher Satz offenbart, dass es sowohl im Dokumentarfilm als auch im investigativen Journalismus von Hersh <strong>nicht um die absolute Wahrheit<\/strong> geht, sondern um die M\u00f6glichkeit, sie gemeinsam zu konstruieren.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr Hersh k\u00e4mpft \u2013 und wof\u00fcr Poitras und Obenhaus k\u00e4mpfen \u2013 ist nicht die Wahrheit allein; es ist die <strong>Pluralit\u00e4t der Erz\u00e4hlungen und Sichtweisen<\/strong>.<\/p>\n<p>Zum Feind wird somit der Versuch, ein Monopol der Erz\u00e4hlung zu errichten, und zum gr\u00f6\u00dften Verbrechen, das Erz\u00e4hlen zu verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kinoposter &#8222;Cover-up&#8220; Seymour Hersh und seine Kunst des Zweifelns: Laura Poitras portr\u00e4tiert den legend\u00e4ren Enth\u00fcller als streitbaren Chronisten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":405842,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3977],"tags":[331,332,92,13,107583,95,14,15,50242,12,107584,45129,4017,4018,4016,64,4019,4020],"class_list":{"0":"post-405841","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-usa","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-film","11":"tag-headlines","12":"tag-investigativjournalismus","13":"tag-kino","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-nord-stream-2","17":"tag-schlagzeilen","18":"tag-seymour-hersh","19":"tag-ueberwachung","20":"tag-united-states","21":"tag-united-states-of-america","22":"tag-us","23":"tag-usa","24":"tag-vereinigte-staaten","25":"tag-vereinigte-staaten-von-amerika"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115167308299136902","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/405841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=405841"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/405841\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/405842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=405841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=405841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=405841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}