{"id":407148,"date":"2025-09-08T18:47:34","date_gmt":"2025-09-08T18:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/407148\/"},"modified":"2025-09-08T18:47:34","modified_gmt":"2025-09-08T18:47:34","slug":"reisners-blick-auf-die-front-das-ist-teil-der-wahrheit-ueber-die-niemand-gern-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/407148\/","title":{"rendered":"Reisners Blick auf die Front: &#8222;Das ist Teil der Wahrheit, \u00fcber die niemand gern spricht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>810 Drohnen in einer Nacht &#8211; der massive Luftangriff der Russen traf am Sonntag auch ein Regierungsgeb\u00e4ude. Absicht? Versehen? Oder ein Missgeschick der Ukrainer? Oberst Markus Reisner erkl\u00e4rt, wie die Ukraine sich wehrt gegen die Drohnenwellen &#8211; und wo die T\u00fccken liegen. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Reisner, am Sonntag erlebte die Ukraine den gr\u00f6\u00dften russischen Luftangriff seit Anfang der Vollinvasion. Er t\u00f6tete vier Menschen und traf erstmals ein Geb\u00e4ude im Regierungsviertel. Absicht oder Versehen?<\/b><\/p>\n<p>Markus Reisner: Es ist noch unklar, ob die Russen absichtlich auf das Regierungsviertel gezielt haben, oder ob es sich um einen Fehltreffer handelte. Der Einschlag erfolgte im oberen Bereich des Regierungsgeb\u00e4udes und die Sch\u00e4den deuten eher auf die Explosion eines kleineren Flugk\u00f6rpers hin, also zum Beispiel einer russischen Geran-2 -Drohne, aber nicht auf einen Marschflugk\u00f6rper oder eine ballistische Rakete. Das ist ein heikles Thema, denn es k\u00f6nnte auch sein, dass eine von den Ukrainern mit elektronischen Mitteln gest\u00f6rte russische Drohne in das Geb\u00e4ude gest\u00fcrzt ist. Dies ist aber im Moment noch Spekulation. <\/p>\n<p><b>Dann h\u00e4tten die Ukrainer durch das Ablenken der Drohne ungewollt ihr eigenes Regierungsgeb\u00e4ude beschossen?<\/b><\/p>\n<p>Das w\u00e4re m\u00f6glich. Man muss nun abwarten, welche Tr\u00fcmmer des Flugk\u00f6rpers gefunden wurden. Aber die Ukraine w\u00fcrde einer solchen Erkl\u00e4rung nat\u00fcrlich widersprechen und behaupten, es sei ein gezielter russischer Angriff auf das Regierungsviertel gewesen. Und das kann theoretisch auch sein.<\/p>\n<p><b>Das w\u00e4re aber auch eine schlechte Nachricht, oder?<\/b><\/p>\n<p>Das Regierungsviertel in Kiew galt bislang immer als besonders gut gesch\u00fctzt gegen Luftangriffe. Aufgrund des Schutzschirms unter anderem durch Patriot-Systeme, die im Raum Kiew stationiert sind, sei es f\u00fcr die Russen gar nicht m\u00f6glich, bis dorthin vorzudringen &#8211; so wurde behauptet. Wir sehen aber hier: Der \u00dcbers\u00e4ttigungseffekt durch die Masse an angreifenden Drohnen macht es m\u00f6glich, dass sehr wohl Flugk\u00f6rper durchdringen k\u00f6nnen. War es eine relativ langsam fliegende Geran-2, so ist das kein gutes Zeichen. Es war insgesamt ein neuerlicher verheerender Angriff durch Russland. An 33 Orten wurden Treffer registriert. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Wie gro\u00df ist denn das Risiko, dass die Ukraine durch Abwehrma\u00dfnahmen unbeabsichtigt Sch\u00e4den anrichtet? Passiert das viel \u00f6fter, als wir denken?<\/b><\/p>\n<p>Wenn Geran-2-Drohnen, ballistische Raketen oder Marschflugk\u00f6rper auf dem Weg zu ihrem Ziel sind, hat die Ukraine mehrere Abwehrmethoden. Die schnell fliegenden Iskander-Raketen oder Marschflugk\u00f6rper versucht man mit Fliegerabwehrraketen abzuschie\u00dfen. Das hat absolute Priorit\u00e4t, weil die Iskander sehr pr\u00e4zise und mit hoher Sprengstofflast einschl\u00e4gt. Marschflugk\u00f6rper sind auch Priorit\u00e4tsziele, zum Beispiel f\u00fcr Fliegerabwehrbatterien des Typs NASAMS, IRIS-T oder Patriot.<\/p>\n<p><b>Wie aber bek\u00e4mpft man 810 billige Geran-2-Drohnen?<\/b><\/p>\n<p>Die werden vor allem mit St\u00f6rern im elektromagnetischen Feld abgewehrt, also von ihrer Route abgebracht und vom Himmel geholt. Die Ukrainer gaben an, von 810 russischen Drohnen insgesamt 747 gest\u00f6rt, also vom Flugweg abgebracht, oder abgeschossen zu haben. Das Problem: Wenn die Drohnen in ihrer Flugbahn gest\u00f6rt werden, kommen sie irgendwo runter.<\/p>\n<p><b>Auch im Wohngebiet?<\/b><\/p>\n<p>Im schlimmsten Fall ja. Abgewehrte Drohnen sind auf jeden Fall eine der Ursachen f\u00fcr Treffer auf zivile Ziele. Wohlgemerkt: eine der Ursachen. Nachweislich greifen die Russen schon seit Kriegsbeginn immer wieder zivile Ziele an. Eindeutig ein V\u00f6lkerrechtsbruch und ein Akt des Terrors. Und das Risiko, mit einer abgelenkten Drohne ein ziviles Ziel zu treffen, gilt \u00fcbrigens f\u00fcr beide Kriegsparteien. Immer wieder kursieren auch Videos, in denen ukrainische Drohnen in russische H\u00e4userblocks einschlagen, etwa weil sie zuvor von einer russischen Flugabwehrrakete getroffen wurden. Das ist ein Teil der Wahrheit, \u00fcber den niemand gern spricht. <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: privat)<\/p>\n<p><b>Wie nah muss man die Drohne denn eigentlich erstmal herankommen lassen, bevor der St\u00f6rer sie ablenken kann?<\/b><\/p>\n<p>Die Ukraine hat ein recht ausgekl\u00fcgeltes Flugmeldesystem, nach dem Muster der Schalen einer Zwiebel. Das Abwehrsystem beginnt an der Grenze zu Russland und verdichtet sich immer mehr bis zum Kern in St\u00e4dten wie Kiew zum Beispiel. Zun\u00e4chst mal erkennt man Drohnen optisch &#8211; Personen sehen den Flugk\u00f6rper am Himmel und melden das fernm\u00fcndlich weiter. Akustik-Sensoren nehmen das Ger\u00e4usch der Drohne oder des Marschflugk\u00f6rpers auf und melden es elektronisch weiter. Wenn schlie\u00dflich die Radarsysteme der &#8211; durch die fr\u00fche Erkennung alarmierten &#8211; Fliegerabwehr anschlagen und die Drohne erfassen, kann sie erstmals bek\u00e4mpft werden. Diese Wirkmittel, um die Drohne zu bek\u00e4mpfen, sind um die gro\u00dfen St\u00e4dte herum stationiert. <\/p>\n<p><b>Und man k\u00f6nnte die Drohnen nicht schon fr\u00fcher bek\u00e4mpfen?<\/b><\/p>\n<p>Die Ukrainer haben wenige Fliegerabwehrsysteme gro\u00dfer Reichweite im Osten des Landes installiert, weil sie immer wieder, wenn dorthin verlegt wurde, schwere Verluste erlitten haben. Die Russen sind in der Lage, bis zu 200 Kilometer hinter der Front ohne gro\u00dfe Zeitverz\u00f6gerung f\u00fcr die Zielbek\u00e4mpfung aufzukl\u00e4ren. Sie erkennen, wenn sich dort ein Patriot-System zu nahe an die Front bewegt. Zwei Patriot-Werfer hat die ukrainische Armee auf diese Art bereits nachweislich verloren. Darum das Zwiebelschalen-Muster: Fr\u00fch detektieren, dann st\u00f6ren, schlussendlich abschie\u00dfen. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Womit abschie\u00dfen, wenn Patriot-Munition zu teuer ist?<\/b><\/p>\n<p>Der deutsche Flakpanzer Gepard leistet da gute und billige Arbeit, weil die Munition nicht viel kostet. Die Ukrainer setzen auch Flugzeuge ein. Weil die Drohnen relativ langsam fliegen, lassen sie sich mit zum Teil sehr alten Propellerflugzeugen vom Himmel holen. Die schnellen F-16 werden ebenso eingesetzt, man hat dabei aber auch schon zwei F-16-Maschinen verloren. Der neue Renner sind billige Abfangdrohnen. Die sind seit einigen Monaten im Einsatz und deutlich kleiner als die Geran-2, auf die sie zielen. Sie suchen sich nach dem Start selbst ihr Ziel und schie\u00dfen es ab, indem sie sich hineinst\u00fcrzen. Die Ukraine hofft, dass sie mit Massenproduktion dieser Waffe eine weitere Antwort gegen den massiven Drohnenbeschuss der Russen bekommt. <\/p>\n<p><b>Sie haben allerdings schon oft auf das Katz-und-Maus-Spiel im Krieg hingewiesen: Eine neue Entwicklung bringt nur so lange Vorteil, bis der Gegner einen Weg gefunden hat, diese auszuschalten oder zu umgehen.<\/b><\/p>\n<p>Das gilt auch hier, es ist ein Wettlauf mit der Zeit. W\u00e4hrend die Ukraine eine Abwehrmethode nach der anderen entwickelt, erh\u00f6ht Russland zum einen die Quantit\u00e4t der angreifenden Drohnen, aber auch die Qualit\u00e4t. Gegen die ukrainischen St\u00f6rer hat man zum Beispiel das Modul &#8222;Kometa-M&#8220; entwickelt. Wenn es zu einer St\u00f6rung kommt, kann die Drohne mit &#8222;Kometa-M&#8220; schnell von GPS auf ein anderes Satelliten-Navigationssystem springen &#8211; Glonass etwa oder das chinesische System Beidou. Damit greift die St\u00f6rung nicht mehr, und das bereitet den Milit\u00e4rs Kopfzerbrechen. Auch auf die Abfangdrohnen gibt es schon eine russische Antwort. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Was ist es?<\/b><\/p>\n<p>Man hat vor Kurzem entdeckt, dass die ukrainischen Abfangdrohnen auf unterschiedlichen Frequenzb\u00e4ndern fliegen. Nun bekommt die russische Drohne ein Modul eingebaut, mit dem sie diese speziellen Frequenzb\u00e4nder scannt und eine Drohne somit im Anflug erkennen kann. Tut sie das, dann fliegt die Geran-2 ein Ausweichman\u00f6ver, bleibt aber auf ihrem alten Kurs und l\u00e4sst sich nicht ablenken. Sie macht es nur der Abfangdrohne schwer, sie zu treffen. Es ist also st\u00e4ndige Entwicklung notwendig, und daf\u00fcr braucht die Ukraine westliche Ressourcen &#8211; Bauteile, Komponenten und vor allem Geld. Ein erstes wirkliches Erfolgsmodell der Zusammenarbeit sehen wir bei den ukrainischen Offensiv-Drohnen. Da unterst\u00fctzen die Briten und die Deutschen ukrainische Entwicklungen, mit denen die Armee \u00d6l-Raffinerien auf russischem Territorium beschie\u00dft. Mit messbaren Ergebnissen.<\/p>\n<p><b>Moment, Herr Reisner, das sagen Sie wirklich selten. Oft gibt es Erfolgsmeldungen der Ukrainer, und Sie sagen: Ja, schon, aber das ist ein Nadelstich. Das bringt kein messbares Ergebnis. Jetzt sehen Sie eines?<\/b><\/p>\n<p>Ja. Wir sehen mittlerweile, wie die Menschen in Russland f\u00fcr Treibstoff Schlange stehen. Zwar bekommt das russische Milit\u00e4r nach wie vor, was es braucht, darum ist die Situation noch nicht kritisch. Aber die Zivilbev\u00f6lkerung sp\u00fcrt etwas, das schmerzt bereits. Die Ukrainer greifen auch Z\u00fcge an, die Treibstoff transportieren. Ziel ist es, den Russen quasi die Lebensader abzuschneiden. Die Ukraine versucht nun auf strategischer Ebene in die Initiative zu gehen. Mit ihrer eigenen strategischen Luftkampagne.<\/p>\n<p>Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"810 Drohnen in einer Nacht &#8211; der massive Luftangriff der Russen traf am Sonntag auch ein Regierungsgeb\u00e4ude. 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