{"id":407673,"date":"2025-09-08T23:53:11","date_gmt":"2025-09-08T23:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/407673\/"},"modified":"2025-09-08T23:53:11","modified_gmt":"2025-09-08T23:53:11","slug":"zu-gast-bei-der-kuenstlerin-dana-schutz-in-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/407673\/","title":{"rendered":"Zu Gast bei der K\u00fcnstlerin Dana Schutz in New York"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer sich heute vor ein Bild stellt, in Komposition, Farben und Ausstrahlung vertieft, und dar\u00fcber die Welt um sich herum f\u00fcr eine Weile vergisst, ist nach Lesart j\u00fcngerer Malereitheorien in die \u201emodernistische Falle\u201c getappt. Denn er oder sie ignoriert dann die Begleitumst\u00e4nde, unter denen das Gem\u00e4lde zustande gekommen ist, \u00fcbersieht die soziokulturellen und \u00f6konomischen Kontexte, die \u201eFormation\u201c, innerhalb derer das Bild erst an die Wand eines Museums, einer Galerie, einer privaten Kunstsammlung gelangen konnte. Eine Qualit\u00e4t von Malerei kann aber auch gerade darin bestehen, all die Diskurse um sie herum, jedenfalls f\u00fcr einen Moment lang, vergessen zu machen. Das gelang Dana Schutz schon in ihren fr\u00fchesten Werken, als die Malerin noch studierte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eMalerei stand damals \u00fcberhaupt nicht hoch im Kurs\u201c, der Fokus lag auf ganz anderen Dingen, erz\u00e4hlt sie bei einem Besuch in ihrem Atelier nahe dem Sunset Industrial Park im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn, Anfang der Nullerjahre war wieder einmal der Tod der Gattung angesagt, Anklang fanden eher konzeptuelle Ans\u00e4tze. Oder eine streng geometrische Malerei.<\/p>\n<p>Sie brachte provokante Dinge auf die Leinwand<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Noch als Absolventin des Cleveland Institute of Art, Ohio brachte Schutz allerlei provokative Dinge auf die Leinwand, Obskures, das ihrer Phantasie entsprang. So im Jahr 2000 ein M\u00e4dchen mit einer gequ\u00e4lten Miene, gekleidet in ein T-Shirt mit einem Aufdruck, das sich garantiert nicht verkaufen lassen w\u00fcrde: das Wort \u201eDaughter\u201c unter der Abbildung der gespreizten Schenkel und der entbl\u00f6\u00dften Scham aus dem Skandalbild \u201eL\u2019Origine du monde\u201c von Gustave Courbet von 1866. Sie habe damit auf den Trend damals reagiert, dass alle Eltern ihren Kindern irgendetwas Possierliches aufs Shirt gedruckt h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Verst\u00f6rend wirken Schutz\u2019 \u201eFace-Eater\u201c mit karikaturhaften Gesichtern, die sich selbst aufessen. Der New Yorker Kritiker Barry Schwabsky erkannte darin eine Metapher k\u00fcnstlerischer Autonomie, die sich an sich selbst n\u00e4hrt. Schutz\u2019 Erkl\u00e4rung ist einfach und ganz die einer Malerin: Sie male, was sie sehen wolle. In diesem Bild habe sie sich buchst\u00e4blich ausmalen wollen, wie das wohl ginge und wie es dann aussehe: sein eigenes Gesicht zu essen. Eine schreckliche Vorstellung.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dabei habe sie an Georg Baselitz\u2019 \u201eDie gro\u00dfe Nacht im Eimer\u201c von 1963 gedacht, das Bild aus dem K\u00f6lner Museum Ludwig mit dem gruseligen M\u00e4nnchen und seinem monstr\u00f6sen Phallus, sowie an die \u201edunklen R\u00e4ume eines Rembrandt und Goya\u201c. Aber auch die d\u00fcstere Gegenwart w\u00e4hrend des amerikanischen Irakkriegs, vom Zaun gebrochen von der Regierung unter George W. Bush, h\u00e4tten diese Werke wohl beeinflusst.<\/p>\n<p>Bilder niesender M\u00e4dchen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dann waren da ihre Bilder von M\u00e4dchen, die auf das Heftigste niesen und dabei wenig vorteilhaft aussehen. Die Heranwachsenden in diesen Werken, an denen Schutz schon fr\u00fch ihre ganze Lust an Malerei auslie\u00df, waren eingebildet, ausgedacht, vorgef\u00fchrt in einem allzu menschlichen Moment des Kontrollverlusts. Nicht weiter tragisch, sondern vollkommen allt\u00e4glich. Der gr\u00fcngelbliche Schnodder, der da einer klobigen, geradezu explodierenden Nase in dem Bild \u201eSneeze\u201c entweicht, ist abstrakt-expressionistische Geste pur, malerisch gekonnt hingerotzt wie auch die etwas schmierigen Haarstr\u00e4hnen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das M\u00e4dchen niest Farbe. Wird dar\u00fcber zum Pl\u00e4doyer f\u00fcr Peinture. Der rote Pulli und der blaue Hintergrund komplettieren die Palette der Komplement\u00e4rfarben. Gibt es f\u00fcr diese Werkgruppe ein Vorbild? Es w\u00e4re uns nicht bekannt. Sie liebe jedenfalls Picassos weinende Frauen, bemerkt Schutz. Es mag auch die ihr eigene Bravour gewesen sein, die den Aufruhr um ihr Bild \u201eOpen Casket\u201c vor einigen Jahren befeuerte. Schutz hatte das schwarze Lynchopfer Emmett Till im Sarg mit seinem entstellten Gesicht gemalt, nachdem der vierzehnj\u00e4hrige Junge 1955 in Mississippi von wei\u00dfen M\u00e4nnern grausam ermordet worden war.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein Gem\u00e4lde, das in der Ausstellung der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts 2016 kein gr\u00f6\u00dferes Aufsehen erregt hatte, 2017 bei der New Yorker Whitney-Biennale dann aber auf beispiellose Weise skandalisiert wurde und ungewollt zum Epochenwerk avancierte. Wer darf was in wessen Namen malen? Die Frage wurde hier so unnachgiebig gef\u00fchrt wie an keiner anderen zeitgen\u00f6ssischen Arbeit. Im Gespr\u00e4ch mit einer Gruppe Studierender aus Deutschland in ihrem Studio entzieht sich Schutz dem Thema nicht, verst\u00e4ndlich aber, dass sie der Debatte keine neue Nahrung geben m\u00f6chte, schon gar nicht mit \u00c4u\u00dferungen, die zur Schlagzeile taugen k\u00f6nnten. Keine Schuldzuweisung, auch kein Eingest\u00e4ndnis: Sie sehe die Kontexte heute klarer und sei damals heilfroh gewesen, sich im Orkan der Debatte ins Studio zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen, um weiter zu malen.<\/p>\n<p>Kataloge liegen in Haufen herum<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dort sieht es aus wie in einem Malerinnenparadies. Breite Regale auf Rollen sind mit ausgequetschten Farbtuben \u00fcbers\u00e4t, Kataloge liegen in Haufen herum: Joan Mitchell, Martin Kippenberger und Lee Krasner, Pablo Picasso, Paula Modersohn-Becker, der Ausstellungskatalog \u201eBerlin Art 1961\u20131987\u201c aus dem Museum of Modern Art. Rollbar ist auch der Spiegel, der in Ateliers bisweilen eingesetzt wird.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In der seitenverkehrten Ansicht lassen sich Leerstellen, Schw\u00e4chen, offene Fragen der Komposition leichter erkennen (der britische Maler David Hockney hat ausf\u00fchrlich dar\u00fcber geschrieben). Mit Kohle zeichnet Schutz ihre Figuren in groben Umrissen auf das Packpapier der angelieferten Leinw\u00e4nde, wobei die riesigen Kompositionsskizzen kaum erahnen lassen, was daraus mal entstehen soll. Gro\u00dfe Bilder stehen auf Farbeimern an hohen W\u00e4nden zur Begutachtung bereit, die im kommenden Oktober in einer Londoner Galerie ausgestellt werden sollen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Sie best\u00e4tigen den Hang zu Metapher und Allegorie, der nicht neu ist im \u0152uvre von Schutz. Wenn da, vor der Kulisse einst\u00fcrzender Hochbauten im Hintergrund, eine Menge von Menschen in einem Tohuwabohu ineinander verkeilt ist, kann man das als Kommentar zur amerikanischen Gesellschaft verstehen. So wie Schutz deren Antagonismen schon vor zwanzig Jahren ins Bild gesetzt hat, wenn sie die unterschiedlichsten \u201eFanatiker\u201c aufeinandertreffen lie\u00df \u2013 ein Gem\u00e4lde, das in ihrer fulminanten Ausstellung im Mus\u00e9e d\u2019Art Moderne de Paris im vorigen Jahr als Vorahnung des Sturms auf das Kapitol in Washington, D.C. vom 6. Januar 2021 gedeutet worden ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dann vergeht sich ein riesiger Hummer an einer Frau am Strand. Eine Tischgesellschaft, f\u00fcr die ein Bild von George Grosz aus der Neuen Sachlichkeit als Vorbild gedient haben k\u00f6nnte, nimmt Schutz zum Anlass f\u00fcr ein delikates Stillleben mit Trauben und Fleisch. Selten l\u00e4sst sie in anderen Werken die Gelegenheit aus, ihre Bewunderung f\u00fcr die einfache Monumentalit\u00e4t eines Philip Guston zum Ausdruck zu bringen. Zugleich pocht Schutz auf die Subjektivit\u00e4t ihrer Wahrnehmung und ein eigent\u00fcmliches Storytelling in der eigenen Bildwelt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Modernistische Falle hin oder her: All diese Bilder sind in ihren zupackenden Pinselz\u00fcgen ingeni\u00f6se Statements \u00fcber die Optionen und Qualit\u00e4ten von Malerei: mit saftigem Farbauftrag, satten Kontraste und h\u00e4ufig kraftvollem Rot, mit raumbildendem Chiaroscuro. Schutz\u2019 Malerei ist klassischer, altmeisterlicher, noch \u00fcppiger geworden in den letzten Jahren. Sie lebe in der Farbe, stellt sie als Credo fest: \u201eI am a painter that\u2019s in the paint.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer sich heute vor ein Bild stellt, in Komposition, Farben und Ausstrahlung vertieft, und dar\u00fcber die Welt um&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":407674,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-407673","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115171374382558816","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/407673","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=407673"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/407673\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/407674"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=407673"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=407673"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=407673"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}